Magazinrundschau - Archiv

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64 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 7

Magazinrundschau vom 11.08.2020 - Slate.fr

Jean-Jacques Dessalines bei der haitianischen Revolution 1804. Wandbild in Port-au-Prince, Maler unbekannt. Quelle: Wikipedia.
Bei dem jüngsten Streit um Denkmäler und die verschüttete Geschichte der Sklaverei und des Kolonialismus "handelt es sich nicht darum, Geschichte neu zu schreiben, sondern sie überhaupt erst kennenzulernen", schreibt Julien Suaudeau in einem Artikel über die Frage, warum wir eine Figur wie Toussaint Louverture, der mit anderen Haiti befreite, immer nur als "schwarzen Spartakus" sehen können, also als eine Figur, die ein aus unserer eigenen Geschichte bekanntes Muster wiederholt. Dabei war er viel mehr und hat den Lauf der französischen Geschichte zusammen mit Jean-Jacques Dessalines, der dem General Rochambeau die entscheidende Niederlage von Vertières beibrachte, entscheidend beeinflusst: "'Verfluchter Zucker, verfluchter Kaffee, verfluchte Kolonien', soll Napoleon gestöhnt haben. Eingebunden in den Kampf gegen Großbritannien, besorgt, die 'Vereinigten Staaten in die Arme ihrer alten Mutter zu werfen', gab Frankreich nach dem militärischen Fiasko von Vertières seine Ansprüche auf die 'Neue Welt' auf. Einen Monat nach der Kapitulation Rochambeaus, der Dessalines noch seine 'Komplimente an einen General, der sich gerade mit Ruhm bedeckt hat', schickte, ging die Souveränität von Louisiana an die Vereinigten Staaten über. Toussaint Louverture hat in diesem Prozess keine Nebenrolle gespielt."

Magazinrundschau vom 03.03.2020 - Slate.fr

Laura-Maï Gaveriaux analysiert in einem kleinen Essay die ultrareaktionäre Wende im Iran nach den Wahlen in der letzten Woche und hat für seinen Artikel unter anderem mit dem Iran-Experten Jonathan Piron gesprochen. "Die heutige Jugend hat keinen inneren Bezug mehr zum glorifizierten Jahrzehnt des Krieges gegen den Irak Saddam Husseins. Die Religion hat in der Propaganda heute eine neue Funktion und dient vor allem der Erhaltung einer offen in Frage gestellten Machtstruktur. 'Seit 2010 haben die Revolutionswächter einen Diskurs entwickelt, der auf die belagerte Nation und die iranische Ausnahmestellung zentriert ist', sagt Piron. 'Die Märtyrer sind die Verteidiger der Nation vor allem gegen den Terrorismus von Daech und gegen den Westen, der nicht Wort hält und nicht glaubwürdig ist. Der Getötete und als Held verehrte General Soleimani verkörpert diese Synthese zwischen dem Heiligen und dem Miltärischen par excellence.'"
Stichwörter: Iran, Piron, Jonathan, Irak

Magazinrundschau vom 25.02.2020 - Slate.fr

Exil-Uiguren, die zum Teil seit Jahren nicht mit ihren Verwandten sprechen konnten, machen sich große Sorgen, weil Xinjiang durch die Lager und die schlechten Lebensverhältnisse der Uiguren zu einer idealen Brutstätte für den Coronavirus werden könnte, schreibt Sophie Lamberts, die mit vielen Exil-Uiguren gesprochen hat. "Ehemalige Häftlinge haben beschrieben, wie überbelegt und unhygienisch die Lager sind. Wenn sich das Virus dort ansiedelt, könnte es sich sehr schnell von einer Person auf die nächste ausbreiten. 'Das Coronovirus fügt der Krise, in der wir stecken, noch eine Dimension hinzu', erklärt Munawwar Abdulla (die in den USA eine Seite für Exil-Uiguren betreibt, d.Red.). Überbevölkerte und schmutzige Zellen, Fehlernährung, körperlicher, psychologischer und sexueller Missbrauch, Blutabnahmen und Entfernung von Organen, Zwangsarbeit und weitere Menschenrechtsverletzungen… Man muss kein Virologe sein, um zu wissen, dass sich Covid-19 in dieser Umgebung sehr leicht ausbreiten könnte und dass die Todesrate hoch wäre angesichts des geschwächten Immunsystems der Insassen. Es besteht dringender Handlungsbedarf.' Und  Munawwar Abdulla setzt nach: 'noch dringender als bisher.'"
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Magazinrundschau vom 03.09.2019 - Slate.fr

Es gab nicht nur Watergate. Es gab auch ein "Hollywoodgate", eine riesige Affäre mit gefälschten Schecks und Einnahmen, die Schauspielern und Mitarbeitern zugeschrieben wurden, die diese aber nie gemacht hatten, ein regelrechtes System der Korruption, das der amerikanischen Steuerfahndung vor ziemlich genau vierzig Jahren auffiel, das aber erst Wind machte, nachdem der bekannte Schauspieler Cliff Robertson das System, für das der Columbia-Studiobioss David Begelman verantwortlich war, in der Washington Post ausführlich anprangerte. Robertson fiel danach in Ungnade - erst im Jahr 2002 hatte er in "Spider Man" wieder eine Hauptrolle. Michael Atlan erzählt die Geschichte bei slate.fr: "In dieser Stadt gewinnen die Helden nur im Film. Dies ist sicher auch der Grund, warum diese Geschichte trotz zahlreicher Versuche seit dreißig Jahren nie für das Kino adaptiert wurde. Dieser Film wäre 'Der Pate' der Kinoindustrie gewesen, als den ihn der Produzent Edward Pressman ('Conan le Barbare', 'Wall Street', 'The Crow'), der die Idee hatte, beschrieb. Cliff Robertson hatte gesprochen. Er hatte die Korruption benannt. Und seine Karriere war beendet."

Hier spricht Robertson über die Affäre:

Magazinrundschau vom 30.04.2019 - Slate.fr

Claire Levenson denkt in einem Essay über Glenn Greenwald nach, der zugleich dezidiertest linker Kritiker etwa der Trumpschen Migrationspolitik ist und dennoch permanent in Sendern wie Fox auftritt, weil er sich mit Trump über das Versagen der "Mainstream"-Presse einig ist und etwa den Mueller-Bericht als einen Super-Gau der etablierten Medien ansieht, obwohl der Bericht vieles bestätigt, was Medien zuvor recherchiert hatten. Greenwald weiß sich hier einig mit Figuren wie Noam Chomsky oder dem Trump-Unterstützer Julian Assange, deren eigentliche Hassfiguren Hillary Clinton und die Demokratische Partei sind: "In Frankreich wird diese radikale Medienkritik von Le Monde Diplomatique aufgenommen, die von einem 'Tschernobyl der Medien' und einer 'spektakulären Ohrfeige für praktisch alle großen amerikanischen Medien' gesprochen hat. (...) Für Journalisten wie Greenwald, die sich als Alternative zu den 'Mainstream-Medien' sehen, ist es essenziell, die anderen Medien zu diskreditieren, zu sagen, dass ein alt-right-Medium wie Breitbart auch nicht so anders sei als die Washington Post (...) Dieser diskreditierende Diskurs von Medien, die sonst Trump scharf ablehnen, wird von Trump und seinen Weggenossen regelmäßig genutzt, um ihre eigenen Lügen zu verteidigen."

Magazinrundschau vom 27.11.2018 - Slate.fr

In einem sehr interessanten Hintergrundartikel stellt Léa Polverini die inzwischen häufig beschriebene chinesische Politik der sozialen Hygiene, die mit ihren Überwachungstechnologien am liebsten in die Hirne der Bürger kriechen würde, in einen säkularisiert spirituellen Kontext. An die Stelle religiöser Kulte, die als Konkurrenz zur Staatsideologie betrachtet werden, soll ein neuer und kompatibler Kult der Partei und ein steriler Führerkult um Xi Jinping treten. Der Sinologe Vincent Goossaert erklärt im Gespräch mit der Autorin, wie traditionelle religiöse Praktiken Chinas unter dem Siegel der "Kultur" wieder zugelassen werden. Xi Jinping lässt sich dabei zugleich als "nahbarer Führer" verehren, der anders als die Kaiser für das Volk sichtbar ist und Harmonie mit seiner Bevölkerung aufbaut: "Hinter dem monumentalen Projekt der elektronischen Erfassung der Bevölkerung, das gute Taten und schlechte Taten durch ein Punktesystem und einen 'sozialen Kredit' abwägen will, steht auch die Idee, dass man 'die menschliche Qualität der Chinesen und Chinesinnen verbessern kann', betont Goossaert: 'In dieser Logik er moralischen Bewertung aller Taten nimmt der Staat den Platz der Gottheiten ein, die einst Buch führten. Das ist zugleich utopisch und zutiefst religiös. Es ist eine formalisierte Gewissensprüfung mit der Idee, dass der Staat nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Menschen, ihre Leben und ihre Seelen transformiert.'"

Sehr lesenswert auch Aude Lorriaux' Reportage über die verzweifelte Lage von Polinnen, die eine Abtreibung suchen - die Gesetze sollen mal wieder verschärft werden.

Magazinrundschau vom 20.11.2018 - Slate.fr

Mehrere Medien haben in den letzten Tagen über die bedrückende Lage der Uiguren in China berichtet, besonders der Sinologe Timothy Grose im Guardian (unser Resümee). Der Sinologe Darren Byler liefert in einem sehr langen Hintergrundstück weitere Informationen vor allem darüber, wie die Zentralregierung Han-Chinesen einsetzt, um als "große Brüder und Schwestern" die Uiguren in ihren Dörfern zu "besuchen" und mit ihnen "Freundschaft zu schließen". "In drei voneinander abgesetzten Wellen sind die 'Verwandten' in den Dienst geschickt worden. Die erste Kampagne begann 2014 und setzte 200.000 Parteimitglieder ein, darunter auch Parteimitglieder aus Minderheiten, um 'dem Volk Besuch abzustatten, es profitieren zu lassen und die Herzen des Volkes zu vereinigen' (fang minqing, hui minsheng, ju minxin). Das Mittel waren lange Aufenthalte in den uigurischen Dörfern. Im Jahr 2016 wurde eine zweite Welle von 110.000 Beamten im Rahmen der Kampagne 'Vereint wie eine Familie' (jie dui renqin) geschickt, die sich darauf konzentrierte 'Verwandte' für eine längere Dauer in uigurische Haushalten zu platzieren, wo Familienmitglieder inhaftiert oder von der Polizei getötet worden waren. Im Jahr 2017 startete ein dritte Welle von Besuchen, um die Kampagne von 2016 auszuweiten. Diese dritte Phase bestand in der Verschickung von einer Million Zivilpersonen in ländliche uigurische Familien, wo sie sich jeweils eine Woche aufhielten und sich auf die Familienmitglieder all jener Uiguren konzentrierten, die im Rahmen des großen Umerziehungsprogramms inhaftiert worden waren."
Stichwörter: Uiguren, China

Magazinrundschau vom 13.11.2018 - Slate.fr

In vielen Ländern spielen evangelikale Bewegungen eine sehr wichtige Rolle für den Sieg des Rechtspopulismus - die USA und Brasilien sind die bekanntesten Fälle. Und die Evangelikalen befinden sich überall in starkem Aufschwung, schreibt Henri Tincq. Auch in Frankreich, wo die Evangelikalen inzwischen die größte Fraktion in der Minderheit der Protestanten bilden: "Die Evangelikalen in Frankreich sind den großen Migrationsströmen aus Afrika oder Asien gefolgt. Unter den Protestanten chinesischer Herkunft stellen die Evangelikalen die größte Fraktion vor den Lutheranern oder Calvinisten. Die evangelikalen Kirchen karibischer oder afrikanischer Herkunft sind zahlenmäßig noch stärker, aber das heißt nicht, dass man jene aus Laos, Vietnam, Korea, Sri Lanka oder Brasilien vergessen sollte. In diesen Gemeinden sind Missionare und 'Heiler' die charismatischen Figuren. Man singt Hymnen und Lobpreisungen, man betet und tanzt."

Magazinrundschau vom 06.11.2018 - Slate.fr

Frédéric Martel porträtiert ausführlich den in New York lebenden, britisch-ghanaischen Philosophen Kwame Anthony Appiah, der nebenbei schwul ist und sich in seinem neuesten Buch "The lies that bind - Rethinking identity" als einer der wenigen amerikanischen Kritiker linker Identitätsrhetorik entpuppt: "Das wichtigste Argument des Buchs ist, dass eine festgeschriebene Identität, in der sich eine Person erschöpfen soll, irrig ist. Schwarz, muslimisch, lesbisch sind Etiketten, die eine Person nie ganz definieren können - Etiketten allerdings, mit denen man sich gern identifiziert, die einem am Ende unbewusst anhängen. 'Wer glaubt', schreibt Appiah, 'dass es im Kern jeder Identität starke Wesensverwandtschaften gibt, die die Mitglieder einer Gruppe binden, der irrt sich. Es stimmt nicht! Es stimmt nicht. Es stimmt nicht', wiederholt er. Für ihn ist eine festgeschriebene Identität eine Quelle der Gefahr; sie schwächt menschliche Solidarität. Im schlimmsten Fall führt sie zu Konflikten, manchmal zu Kriegen."

Magazinrundschau vom 31.07.2018 - Slate.fr

Jan Banning - Red Utopia. Büro einer Kommunistischen Partei. Foto aus dem vorgestellten Band 

Fanny Arlandis stellt in einem Fotoessay einige höchst melancholische Fotos des Fotografen Jan Banning vor, der Büros kommunistischer Parteien, wo immer sie noch existieren - fotografierte. Aber nicht in Ländern, wo sie an der Macht sind! Zitat Banning: "Einige visuelle Besonderheiten sind mir aufgefallen. In Russland regierte die Kommunistische Partei das Land bis 1990. Das Lustige ist, dass heute die großen Plakate, die riesigen Fotos, die für große Büros bestimmt waren, in winzigen Räumen in kleinen Städten stehen. Ich denke, das unterstreicht den Verfall der Partei umso mehr." Mehr Bilder (und Bestellmöglichkeit) bei Nazraeli Press und auf der Website des Fotografen.
Stichwörter: Banning, Jan