Magazinrundschau - Archiv

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36 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 4

Magazinrundschau vom 09.02.2021 - Tablet

Das Jahr 2020 hat einen massiven Anstieg an antisemitischen Hassverbrechen in den USA gebracht, schreibt die Sicherheitsexpertin Hannah Elka Meyers, die fürchtet, dass sich das 2021 noch  steigern wird. Am beunruhigendsten findet sie dabei, wie stark rechte und linke Extreme dabei zusammenspielen. "Am Sturm auf das Kapitol nahmen zahlreiche, offen antijüdische Propagandisten teil, darunter ein Mann, der ein 'Camp Auschwitz'-Sweatshirt trug, und einem anderen, dessen Pro-Holocaust-Shirt '6MWE' erklärte, Kurzschrift für '6 Million Wasn't Enough'. Genauso alarmierend ist, dass die Verschwörergruppe QAnon, die auf klassischen antisemitischen Tropen aufgebaut ist und die viele der Randalierer inspiriert hat, zunehmend Apologeten in der Hauptströmung der Republikanischen Partei und Unterstützer an deren Rand gefunden hat. ... Georgias republikanische Abgeordnete Marjorie Taylor Greene, eine QAnon-Anhängerin, hat Videos auf Facebook verbreitet, die behaupten, dass 'zionistische Suprematisten' sich vorschworen hätten, Europa mit muslimischen Einwanderern zu überwältigen, um weiße Menschen zu 'ersetzen'." Gleichzeitig wurde bei der Linken der Vorwurf des "weißen Privilegs" benutzt, antisemitische Ressentiments zu schüren, so Meyers. "Der Hashtag #JewishPrivilege, der sich vom White-Privilege-Diskurs ableitet, tauchte Mitte Juni in den sozialen Medien auf und versuchte, Juden als die mächtigsten und unterdrückerischsten aller Völker darzustellen. Der Hashtag mag von rechtsextremen Gruppen stammen, aber er hat sich schnell in der extremen Linken eingenistet, was auf eine ideologieübergreifende Besessenheit mit Juden als allmächtige Agenten der Ungerechtigkeit und schattenhafte Manipulatoren globaler Angelegenheiten hinweist."
Stichwörter: Antisemitismus

Magazinrundschau vom 02.02.2021 - Tablet

Wir leben in einer Kultur der Flachheit, die sich seit den siebziger Jahren ausbreitet, fürchtet Alana Newhouse: Libertäre Republikaner und neoliberale Demokraten hätten daran ebenso mitgewirkt wie die Tech-Industrie. Sie haben die Institutionen geschleift und eine Horde von Jasagern geschaffen, die - auch oder sogar gerade in der akademischen Welt - jedes Anecken, jede kontroverse Position vermeidet, so Newhouse: "Ich will die Uhr nicht zurückdrehen in eine Zeit, bevor wir alle E-Mails und Handys hatten. Was ich will, ist, mich von der letzten Generation inspirieren zu lassen, die eine neue Lebenswelt geschaffen hat - den amerikanischen Malern des abstrakten Expressionismus der Nachkriegszeit, Jazzmusikern, Schriftstellern und Dichtern, die einen alternativen amerikanischen Modernismus schufen, der die aufstrebende kommunistische Moderne direkt herausforderte: eine Mischung aus Formen und Techniken, bei der die Betonung nicht auf der Gesichtslosigkeit der Massenproduktion lag, sondern auf individueller Kreativität und Können."

Amerika hat ein neues Klassensystem, behauptet Michael Lind von der University of Texas at Austin. Und zum ersten Mal wird es nicht bestimmt von Lokalfürsten. "Erst in der letzten Generation sind diese regionalen Patrizier in einer einzigen, zunehmend homogenen nationalen Oligarchie aufgegangen, mit demselben Akzent, denselben Umgangsformen, denselben Werten und demselben Bildungshintergrund von Boston über Austin und San Francisco bis nach New York und Atlanta. Dies ist eine wahrhaft epochale Entwicklung. ... Immer mehr Amerikaner finden heraus, dass 'Wokeness' in der neuen, zentralisierten amerikanischen Elite als Mittel zum Ausschluss von Amerikanern der Arbeiterklasse aller Rassen funktioniert, zusammen mit den rückständigen Überbleibseln der alten regionalen Eliten. Tatsächlich ändert die neue nationale Oligarchie die Codes und Passwörter etwa alle sechs Monate und informiert ihre Mitglieder über die Universitäten und die Prestigemedien und Twitter. Amerikas Arbeiterklasse-Mehrheit aller Rassen schenkt den Medien weit weniger Aufmerksamkeit als die Elite und es ist höchst unwahrscheinlich, dass sie ein Kind in Harvard oder Yale hat, das sie aufklärt. Und nicht akademisch gebildete Amerikaner verbringen sehr wenig Zeit auf Facebook und Twitter... Das ständige Ersetzen alter Begriffe durch neue Begriffe, die nur den Oligarchen bekannt sind, ist eine brillante Strategie der sozialen Ausgrenzung."

Außerdem: Dana Kessler liest ein Buch über israelische Lapid Keramiken (mehr dazu auch hier).

Magazinrundschau vom 22.12.2020 - Tablet

Tony Badran, selbst mit seinen Eltern aus dem Libanon in die USA eingewandert, erinnert sich noch gut an die Zustände in seinem von Konfessionskriegen zerrissenen Herkunftsland, vor denen die Familie geflohen ist. Umso schärfer seine Reaktion auf die "Klasse der amerikanischen Orientalisten" (abgekürzt AOC) - womit er nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Politiker, Auslandskorrespondenten und Berater von Think Tanks meint -, die es lieben, Trumps Amerika mit den blutigen Diktaturen des Nahen Ostens auf eine Stufe zu stellen: "Nehmen Sie zum Beispiel die nivellierende Sprache in diesem Tweet eines Think-Tankers, der über Syrien und al-Qaida arbeitet, als Reaktion auf die Teilnahme seines syrischen Freundes an den Protesten in Washington, D.C. Sie wird zu einem 'Kampf für unsere Rechte in #Amerika - nur ein paar Jahre, nachdem er gezwungen war, aus #Syrien zu fliehen, während er dasselbe forderte'. Gibt es einen besseren Weg, um die Bitterkeit und Depression zu überwinden, die sich aus der hilflosen Identifikation mit den Gesellschaften der Dritten Welt ergeben, in denen sie gelebt und gearbeitet haben und in denen praktisch alle Massenproteste im Scheitern endeten? Jetzt kann es sich in Amerika abspielen, und dieses Mal wird es erfolgreich sein, gegen unseren eigenen Trump-Assad! Die Identifikation Obamas und der AOCs mit hässlichen Dritte-Welt-Regimen wie dem Iran und den gescheiterten Gesellschaften der Region weist auf einen größeren Nivellierungsprozess hin, der derzeit in Amerika am Werk ist. Dieser Prozess macht mich besorgt über die Zukunft des großen Landes, in das ich eingewandert bin - in der Hoffnung, die Krankheiten meiner früheren Gesellschaft hinter mir zu lassen."
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Stichwörter: Libanon

Magazinrundschau vom 03.11.2020 - Tablet

Jacob Siegel beobachtet, wie die New York Times - etwa beim Mordanschlag auf Samuel Paty - entweder ganz auf Berichterstattung verzichtet, oder sie von vornherein in die eigenen Muster politischer Korrektheit einordnet. Ihre erste Schlagzeile zu Paty lautete: "French Police Shoot and Kill Man After a Fatal Knife Attack on the Street". Diese postmoderne Wende erklärt Siegel unter anderem durch einen ganz schlichten Faktor. Es sei "zu beobachten, dass Zeitungen im ganzen Land ihre Reporterschaft mehr als halbiert haben, wobei meist Angestellte mitten in ihrer Laufbahn betroffen waren, im Alter von 35 bis 54 Jahren. Mit anderen Worten, es waren die erfahreneren Journalisten, die sich weniger auf den Konformismus der sozialen Netze und das Einsickern des ideologischen Aktivismus einließen, die am ehesten gefeuert wurden. Im Bemühen, mit den wirtschaftlichen und kulturellen Imperativen der digitalen Medien Schritt zu halten, ist die Times dazu übergangen, Nachrichten zu machen, statt über sie zu berichten. Es ist der Übergang von Berichterstattung zu einer narrativen Konstruktion, von News zu Content. Im früheren Modell musste man rausgehen und Nachrichten suchen. Nun macht man Content aus dem Internet für Internetnutzer, oft durch Recycling tatsächlicher News im Dienst präexistenter und emotional ansprechender Narrative."

Magazinrundschau vom 27.10.2020 - Tablet

Ausriss aus der New York times vom 31. März 1933
Diese Geschichte ist bekannt, aber sie kann nicht oft genug erzählt werden. Sie zeigt, wie im Namen dessen, was später "Antifaschismus" genannt werden würde, ein komplettes Verbrechen gegen die Menschlichkeit unter den Tisch gekehrt und dem Vergessen anheimgegeben wurde. Es geht um die Journalisten Gareth Jones und Malcolm Muggeridge, die so gut wie die einzigen Journalisten waren, die überhaupt über den Hungermord an zumeist ukrainischen Bauern in westlichen Medien berichteten. Izabella Tabarovsky greift die Geschichte für Tablet auf. Jones und Muggeridge hatten sich sowjetischen Reisebestimmungen widersetzt und hatten Tod und Hunger in der Ukraine mit eigenen Augen gesehen und mit Hunderten Hungernden gesprochen. Was sie offenlegten, war seinerzeit keineswegs so unbekannt, wie man heute denkt, sondern ein offenes Geheimnis, so Tabarovsky. Willkommen waren ihre Berichte nicht. George Bernard Shaw und zwanzig weitere Unterzeichner protestierten in einem offenen Brief an den Guardian gegen die "rechte" Verleumdung der Sowjetunion. Der Doppelschlag ihrer Berichte war dann auch "zuviel für das sowjetische Pressebüro. Es übte Druck auf westliche Reporter aus um zu erwidern. Und ob nun eine direkte Absprache stattfand oder nicht, wie ein Reporter später behauptete - bald erschien eine öffentlichkeitswirksame Gegenversion aus der Feder keines Geringeren als Walter Durantys, des gefeierten Pulitzer-Preisträgers der New York Times, der zu jener Zeit Moskau-Korrespondent und der weltweit führende Experte für alles Bolschewistische war. Am 31. März 1933 brachte die Times Durantys heute berüchtigte Story unter dem Titel 'Die Russen haben Hunger, aber sie verhungern nicht', in der er die Fakten über die Hungersnot bestritt. Fakten, deren Wahrheit er selbst kannte und über die er in privaten Gesprächen oft diskutiert hatte. Um es auf den Punkt zu bringen, griff Duranty auf einen Spruch zurück, der heute als sein Markenzeichen gilt: 'Man kann kein Omelett machen, ohne Eier zu zerschlagen' - ein Satz, den er wahrscheinlich von seinem russischen Äquivalent, 'Wenn Holz gefällt wird, fallen Späne', übernommen hat."

(Hinweis: Darüber, ob man Trumps Regierung faschistisch nennen kann, ist ein kleiner Streit ausgebrochen. In Atlantic hält Shadi Hadid den Vorwurf mit Blick auf Länder wie China für total vermessen: "Wenn die Amerikaner nur für einen Moment über Trump hinausblicken könnten, würde ihnen vielleicht auffallen, dass eine andere Welt - eine, in der Faschismus ein lebendes atmendes Ding ist - auf sie wartet." Die britische Aktivistin Natasha Lennard sieht das im Interview, das James Miller mit ihr für Eurozine geführt hat, ganz anders: "Warum, mögen Sie fragen, sollen wir etwas faschistisch nennen, wenn wir genauso gut rassistisch-nationalistisch dazu sagen könnten. Für mich ist der Begriff 'faschistisch' Redekunst, d.h. er zielt darauf ab, eine bestimmte Wirkung bei den Zuhörer zu erzielen. Ich weise den Leser/Hörer darauf hin, dass ich glaube, dass das, was ich als 'faschistisch' bezeichne, eine militante, antifaschistische Antwort verdient."

Magazinrundschau vom 20.10.2020 - Tablet

David Bezmozgis erzählt in einem fast buchlangen Artikel die wilde, düstere und heldenhafte Geschichte des Alexander Aronowitsch Petscherski, eines russischen Offiziers, der zuerst Kriegsgefangener war und dann, als die Nazis seine jüdische Herkunft entdeckten, in das Vernichtungslager Sobibor gesteckt wurde, wo er als einer der wenigen nicht sofort vergast wurde, sondern Zwangsarbeit verrichtete. Hier führte er einen ungeheuer kühnen und erfolgreichen Aufstand der Gefangenen gegen die SS an, um sich dann zunächst den Partisanen und schließlich wieder der Roten Armee anzuschließen. Nach dem Krieg haben die Sowjets seine Leistung nie anerkannt, im Gegenteil, er wurde schikaniert. Erst in den zehner Jahren, über zwanzig Jahre nach dem Tod Petscherskis, regte sich Interesse. Der Autor Ilja Wassiljew schrieb ein Buch und drehte später einen Film über Petschersky, der nun zu einem erbaulichen Helden der neostalinistischen Geschichtspolitik Wladimir Putins wurde. Wassiljew habe erkannt, "dass Petscherskis Geschichte perfekt mit dem sowjetisch-russischen Narrativ des Zweiten Weltkriegs übereinstimmte, wonach schwache, hilflose westeuropäische Länder, die sich Hitler ergeben hatten, von der Roten Armee gerettet wurden. Dasselbe geschah in Sobibor, wo wehrlose, handlungsunfähige Bürger westeuropäischer Länder Sowjetbürger brauchten, die schnell die Initiative ergriffen und triumphierten. (Wenn man eine Handvoll Spitzfindigkeiten ignoriert, ist diese Darstellung im Grunde richtig)."

Die Publizistin Bari Weiss, die neulich die New York Times verließ und darüber einen deftigen Blog-Artikel verfasste (unser Resümee) warnt die Juden Amerikas vor einer Ideologie, die sie als tendenziell bis manifest antisemitisch ansieht, nämlich die auch hierzulande weitverbreiteten Ideen der akademischen Linken, die seit neuestem unter dem Begriff der "Social Justice Studies" zusammengefasst werden - dazu gehört die Critical Race Theory, deren Protagonisten wie Ibram X. Kendi (Coverboy bei GQ) Weiss besonders suspekt sind. Diese Ideologie, so Weiss, beherrsche nicht mehr nur die amerikanischen Unis, sondern auch Kulturinstitutionen, Modemagazine (die Vogue widmet der Farrakhan-Anhängerin Tamika Mallory eine Modestrecke) und sei sogar in Unternehmensleitungen angekommen. Am schwersten, so Weiss, haben es junge Juden, die es sich nicht nehmen lassen, Israel zu verteidigen: "Es spielt keine Rolle, wie fortschrittlich Sie sind, wie vegan oder schwul, wie sehr Sie für universelle Gesundheitsversorgung und Vorschulen sind und ein Ende des Drogenkrieges fordern. An die Existenzberechtigung des jüdischen Staates zu glauben, überhaupt an eine jüdische Besonderheit zu glauben, bedeutet, sich zum Feind dieser Bewegung zu machen. 'Es ist schwer zu übertreiben, wie erstickend diese Weltanschauung besonders für jüdische College-Studenten ist', schrieb mir kürzlich Blake Flayton, ein linker jüdischer Student an der George Washington University. 'Wir passen nicht in die Kategorien 'Unterdrücker' oder 'Unterdrückte'. Wir sind sowohl privilegiert als auch an den Rand gedrängt, werden von der Politik geschützt und dennoch von denselben rassistischen Verrückten ins Visier genommen wie People of Color. Der Hass, den wir auf dem Campus erleben, hat nichts mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt zu tun. Er kommt daher, dass Juden der antirassistischen Ideologie durch ihre bloße Existenz widersprechen."

Bari Weiss' Artikel steht im Kontext einer höchst beunruhigten Stimmung im Tabletmag, dessen Redaktion leider nur im Newsletter der Zeitschrift eine bittere Abrechnung mit der allgegenwärtigen Farrakhan-Idolatrie liefert. Louis Farrakhan, bekanntlich Chef der "Nation of Islam", ist durch zahllose antisemitische Äußerungen hervorgetreten und macht die Juden für die Sklaverei verantwortlich. Aber er hat immer noch viele Anhänger und auch Anhängerinnen (siehe oben), etwa den Rapper Ice Cube, der von Donald Trump hofiert wird. Aber "auch von den Redakteuren der New York Times wird diese vergiftete Fiktion verbreitet, die an diesem Wochenende einen zuckersüßen Kommentar über die Frauen hinter Farrakhans  'Million Man March' brachte, ohne dass seine offenen und abscheulichen Hassreden, die den verstorbenen John Lewis zum Boykott der Veranstaltung veranlassten, auch nur mit einem Hinweis bedacht wurden. Als jüdische Leser ihre Verärgerung über diese Schönfärberei zum Ausdruck brachten, forderte die Autorin des Artikels sie auf Twitter auf, sich nicht immer als Mittelpunkt zu betrachten. Können Sie sich vorstellen, dass ein Mitarbeiter der Times dies zu irgendeiner anderen Minderheitengruppe sagen würde, die Ziel von Gewalt ist? Und dies in dem selben Jahr, in dem es ein Attentat gegen Juden gab, dessen Täter von den Ideen Farrakhans inspiriert waren?"

Magazinrundschau vom 18.08.2020 - Tablet

Paul Berman, der zu den Unterzeichnern des Harper's-Appells ("A Letter on Justice and Open Debate", unsere Resümees) gehört, erzählt die Urgeschichte der "Cancel Culture", die seiner Meinung nach ein ganz und gar amerikanisches Phänomen ist, obwohl man die Konstellationen, die er beschreibt, auch bestens aus Europa kennt. Er sieht sie als eine Spaltung der gemäßigten Linken (die "Liberalen" - wir würden sie in Europa als "Linksliberale" bezeichnen) und der radikalen Linken. Die Liberalen kämpfen zwar für dieselben Ziele - etwa gegen rassistische Diskriminierung - aber sie haben eine völlig andere Analyse der Probleme, so Berman. 1939 kam es für ihn zum ersten Eklat zwischen den beiden Schulen, als eine Gruppe um John Dewey und Sidney Hook in The Nation einen offenen Brief veröffentlichte, der sich gegen sämtliche totalitäre Regimes der Zeit wandte, Deutschland, Italien, Spanien - aber auch die Sowjetunion. Diesem Statement antwortete ein "Committee of 400": "Das 'Statement of Principles' von Dewey und Hook wagte die Idee, dass Unrecht aus vielen Richtungen kommt - von der extremen Rechten, aber auch von der extremen Linken. Das 'Committee of 400' ließ eine solche Möglichkeit nicht zu. Unrecht kam aus Sicht der 400 ausschließlich von rechts. Und wenn man insistierte, dass es auch von links kommen kann, dann war man ein 'Faschist oder Faschistenfreund'. Und das heißt, bei passender Gelegenheit würde man der 'cancel culture' zum Opfer fallen."

Magazinrundschau vom 07.07.2020 - Tablet

In der NYT äußert Jay Caspian Kang ein Unbehagen daran, dass einige BLM-Demos inzwischen von Weißen dominiert werden, die die Abschaffung von Polizeigewalt gegen Schwarze nur als einen Schritt auf dem Weg hin zu einer polizeifreien, antikapitalistischen Gesellschaft sehen. Die neue "riot ideology" vertreibt nicht nur die Mittelklasse, die die meisten Jobs schafft, aus den Innenstädten, meint auch der Stadtplaner Joel Kotkin in Tablet. Sie schadet vor allem schwarzen Ladenbesitzern und Unternehmern. "Die schlimmsten Auswirkungen der Pandemie hatten bereits Eigentümer und Kleinunternehmer von Minderheiten zu verkraften. Schon vor den Protesten und Ausschreitungen trafen die Corona-Sperren die Unternehmen in schwarzem Besitz weitaus härter als jede andere große ethnische Gruppe. Die California Restaurant Association geht davon aus, dass 20 oder 30 Prozent der Restaurants in Kalifornien nie wieder öffnen werden. Nach Angaben der Organisation sind etwa 60 Prozent der Restaurants im Besitz von Farbigen. Der gegenwärtige Triumph der Woke-Ideologie auf dem Campus, in den Mainstream-Medien, in Hollywood und in den Suiten der Unternehmen mag für Linke wie ein süßer Erfolg riechen. Aber auf längere Sicht wird die linke politische Agenda - drakonische Klimaschutzgesetze, strikte Mietpreisbindung, Reduzierung der öffentlichen Sicherheit, Verbot von Einfamilienhausgebieten und Ähnliches - wahrscheinlich den städtischen Feudalismus beschleunigen, indem sie Familien und Unternehmen der Mittelschicht aus den Großstädten und an der Küste ins Landesinnere und an die Peripherie vertreibt und in den Städten nur die Fürsten und Bauern zurücklässt."

Magazinrundschau vom 07.01.2020 - Tablet

Jacob Siegel porträtiert die New Yorkerin Devorah Halberstam, die 1994 bei einem frühen islamistischen Terroranschlag in New York ihren 16 Jahre alten Sohn verlor. Halberstam kanalisierte ihre Trauer und verbiss sich in den sich damals schon abzeichnenden islamistischen Terror und dessen zentrale antisemitische Komponente - auch aus Trotz, weil sie die Erklärung der Behörden, der Attentäter sei lediglich ein durchgeknallter Massenmörder gewesen, nicht gelten lassen wollte. Binnen kurzer Zeit mauserte sie sich zur Expertin und Warnerin. "Wenige nahmen Halberstam ernst - bis zum 11. September 2001. Nach all den Jahren, die sie damit zugebracht hatte, das System kennenzulernen, während sie gegenüber Regierungsbeamten Lobbyarbeit leistete, mit ihnen plauderte, sie in die moralische Pflicht nahm und beriet, zementierte der Anschlag auf die Twin Towers ihre Reputation. Sie wurde New Yorks exzentrische, einheimische Expertin für die Schnittstelle zwischen Strafjustiz und Terrorismusbekämpfung. Die städtische und Staatspolizei engagierten sie für Seminare, das FBI lud sie zu Vorträgen ein und Bürgermeister Rudy Giuliani, die New Yorker Senatoren Daniel Patrick Moynihan und Al D'Amato, sowie Governeur George Pataki unterstützten ihre Anliegen. Nach den jüngsten Anschlägen in Jersey City war es Devorah Halberstam, die der New Yorker Bürgermeister Bill de Blasio bei einer Pressekonferenz an seine Seite rief, vielleicht auch um seine nachlassende Glaubwürdigkeit zu stärken."

Magazinrundschau vom 24.09.2019 - Tablet

Es ist eine dieser geopolitischen Geschichten, die man mit Vorsicht liest, weil man als Laie nicht weiß, welcher Geheimdienst hier mit welchem spricht. Aber faszinierend ist sie. Armin Rosen porträtiert den Journalisten und Geheimdiplomaten Nir Rosen (offenbar ein Allerweltsname), einen Amerikaner jüdischer Herkunft mit dezidiert antiisraelischen und antiamerikanischen Ansichten, der zunächst für Magazine wie den New Yorker aus dem Irak berichtete und dann enge Beziehungen zum syrischen Schlachter Baschar al-Assad und seinen Hintermännern entwickelte und zugleich die amerikanische Politik beriet: Einer seiner wichtigsten Kontakte war Robert Malley, der wichtigste Berater Barack Obamas für den Syrien-Krieg. Reporter Armin Rosen bleibt in seinem Urteil am Ende erstaunlich ausgewogen. Manche meinten, Nir Rosen hätte letztlich amerikanischen Interessen gedient, denn die syrische Opposition wäre zu schwach gewesen, Assad zu beseitigen. Und Obamas ersehntes Vermächtnis in der Region war die Versöhnung mit dem Iran, für die er die syrische Opposition fallen ließ: "Die Obama-Regierung konnte schlecht konsequent gegen Assad vorgehen, wenn sie sich nicht vollends vom iranischen Regime entfremden wollte, dem der syrische Diktator sein weiteres Überleben verdankte. Obama selbst stellte einen ausdrücklichen Zusammenhang zwischen einem zukünftigen Ergebnis in Syrien und der regionalen Bedeutung des Iran her und sagte auf einer Pressekonferenz Ende 2015, dass jeder Frieden in Syrien die iranischen 'Aktien' im Land respektieren müsse." Seltsamer Weise, so Rosen, setzt Trump Obamas Politik des mehr oder weniger deutlichen Gewährenlassens fort, obwohl er zum Iran bekanntlich eine andere Position hat.