Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 07.01.2020 - Tablet

Jacob Siegel porträtiert die New Yorkerin Devorah Halberstam, die 1994 bei einem frühen islamistischen Terroranschlag in New York ihren 16 Jahre alten Sohn verlor. Halberstam kanalisierte ihre Trauer und verbiss sich in den sich damals schon abzeichnenden islamistischen Terror und dessen zentrale antisemitische Komponente - auch aus Trotz, weil sie die Erklärung der Behörden, der Attentäter sei lediglich ein durchgeknallter Massenmörder gewesen, nicht gelten lassen wollte. Binnen kurzer Zeit mauserte sie sich zur Expertin und Warnerin. "Wenige nahmen Halberstam ernst - bis zum 11. September 2001. Nach all den Jahren, die sie damit zugebracht hatte, das System kennenzulernen, während sie gegenüber Regierungsbeamten Lobbyarbeit leistete, mit ihnen plauderte, sie in die moralische Pflicht nahm und beriet, zementierte der Anschlag auf die Twin Towers ihre Reputation. Sie wurde New Yorks exzentrische, einheimische Expertin für die Schnittstelle zwischen Strafjustiz und Terrorismusbekämpfung. Die städtische und Staatspolizei engagierten sie für Seminare, das FBI lud sie zu Vorträgen ein und Bürgermeister Rudy Giuliani, die New Yorker Senatoren Daniel Patrick Moynihan und Al D'Amato, sowie Governeur George Pataki unterstützten ihre Anliegen. Nach den jüngsten Anschlägen in Jersey City war es Devorah Halberstam, die der New Yorker Bürgermeister Bill de Blasio bei einer Pressekonferenz an seine Seite rief, vielleicht auch um seine nachlassende Glaubwürdigkeit zu stärken."

Magazinrundschau vom 24.09.2019 - Tablet

Es ist eine dieser geopolitischen Geschichten, die man mit Vorsicht liest, weil man als Laie nicht weiß, welcher Geheimdienst hier mit welchem spricht. Aber faszinierend ist sie. Armin Rosen porträtiert den Journalisten und Geheimdiplomaten Nir Rosen (offenbar ein Allerweltsname), einen Amerikaner jüdischer Herkunft mit dezidiert antiisraelischen und antiamerikanischen Ansichten, der zunächst für Magazine wie den New Yorker aus dem Irak berichtete und dann enge Beziehungen zum syrischen Schlachter Baschar al-Assad und seinen Hintermännern entwickelte und zugleich die amerikanische Politik beriet: Einer seiner wichtigsten Kontakte war Robert Malley, der wichtigste Berater Barack Obamas für den Syrien-Krieg. Reporter Armin Rosen bleibt in seinem Urteil am Ende erstaunlich ausgewogen. Manche meinten, Nir Rosen hätte letztlich amerikanischen Interessen gedient, denn die syrische Opposition wäre zu schwach gewesen, Assad zu beseitigen. Und Obamas ersehntes Vermächtnis in der Region war die Versöhnung mit dem Iran, für die er die syrische Opposition fallen ließ: "Die Obama-Regierung konnte schlecht konsequent gegen Assad vorgehen, wenn sie sich nicht vollends vom iranischen Regime entfremden wollte, dem der syrische Diktator sein weiteres Überleben verdankte. Obama selbst stellte einen ausdrücklichen Zusammenhang zwischen einem zukünftigen Ergebnis in Syrien und der regionalen Bedeutung des Iran her und sagte auf einer Pressekonferenz Ende 2015, dass jeder Frieden in Syrien die iranischen 'Aktien' im Land respektieren müsse." Seltsamer Weise, so Rosen, setzt Trump Obamas Politik des mehr oder weniger deutlichen Gewährenlassens fort, obwohl er zum Iran bekanntlich eine andere Position hat.

Magazinrundschau vom 03.09.2019 - Tablet

In Frankreich kann es hipp sein, der extremen Rechten anzugehören. Einige der Vordenker des Rechtsextremismus kommen aus Frankreich und haben sich häufig das theoretische Instrumentarium der hippen Linken angeeignet. Bruno Chaouat porträtiert den "Gay French Poet Behind the Alt-Right's Favorite Catch Phrase", Renaud Camus, der einst ein Freund Roland Barthes' war. Camus hat mit dem Begriff des "Bevölkerungsaustauschs" in seinem Buch "Le Grand Remplacement" eine zentrale Denkfigur des modernen Rechtsextremismus ersonnen, die auch in Parteien wie der AfD oder der FPÖ großen Einfluss hat. Chaouat, der seine einstige Faszination für Camus bekennt, insistiert, dass es wichtig sei, die Diskurse der Rechten nachzuvollziehen: "Das jüngste Argument, das Camus und seine Anhänger erfunden haben, um den Begriff des Bevölkerungsaustauschs akzeptabler zu machen, baut clever auf Argumenten der linken und großteils jüdischen Frankfurter Schule und ihre Kritik an der 'instrumentellen Vernunft' auf. So argumentiert ein Pamphlet mit dem Titel 'L'homme remplaçable', das den Begriff des 'grand remplacement' in eine allgemeine Kritik der Moderne einbettet. Alles wird in der Konsumkultur Kitsch und Trash und verfügbar, nichts hat Wert. Also werden auch Menschen als Verfügungsmasse begriffen. Und darum organisieren die Sozialingenieure in Brüssel eine Dystopie, indem sie Menschen aus der ganzen Welt herankarren, ohne die kulturellen Differenzen zu beachten. Denn alles, was zählt, ist Material, Quantität und Wachstum." Camus male Unruhen an die Wand, ja einen "europäischen Genozid".
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Magazinrundschau vom 11.06.2019 - Tablet

Zach Goldberg belegt mit Hilfe einiger erstaunlicher Zahlen, wie weit nach links in den letzten Jahren ein Teil der weißen amerikanischen Liberalen gerückt ist. So weit, dass sie sich in einem noch wenig thematisierten moralischen Dilemma befinden. Zunächst die Zahlen: Nach einer jüngsten Umfrage sind weiße Liberale die einzige demografische Gruppe, die andere ethnische Communities gegenüber der eigenen bevorzugen. Von 2000 bis heute ist die Zahl der Befürworter von mehr Einwanderung von 10 Prozent auf 50 Prozent gestiegen und die Zahl derjenigen, die die Bevorzugung Schwarzer bei der Jobvergabe (affirmative action) befürworten, von 20 auf 40 Prozent. Von 1978 bis 2014 sympathisierten weiße Liberale mehr mit Israel als mit den Palästinensern, das hat sich seitdem umgedreht. Sind weiße Liberale also besonders fortschrittlich? "In gewisser Weise wird niemand durch die Politik der weißen Liberalen in eine angespanntere und problematischere Position gebracht als die weißen Liberalen selbst. Die wache (woke) Elite verhält sich wie der weiße Retter, der den Rest des Landes, einschließlich der rassischen Minderheiten, deren Interessen er zu vertreten vorgibt, zu einer Vision von Gerechtigkeit führen muss, die die weniger aufgeklärten Gruppen nicht selbst wählen würden. Schwarze und asiatische Demokraten und Liberale würden zum Beispiel eine restriktive Einwanderungspolitik deutlich stärker unterstützen und die ethnische Vielfalt weniger positiv bewerten als ihre weißen Kollegen. Schwarze und hispanische Demokraten und Liberale sympathisieren mehr mit Israel als mit den Palästinensern (wahrscheinlich zum Teil aufgrund der Tatsache, dass sie eher religiös sind). Sie sind auch eher geneigt, sich bei aktuellen sozialen und geschlechtsspezifischen Fragen abzugrenzen, das betrifft auch die Ansichten der #MeToo-Bewegung. Insgesamt sind die Einstellungen und politischen Präferenzen der wachen weißen Linken nicht repräsentativ für die 'marginalisierten Gemeinschaften', deren Verbündete sie angeblich sind, auch wenn sie in einigen Fragen übereinstimmen. Und da weiße Liberale eine führende Rolle in der Parteipolitik spielen, scheinen die Demokraten, die sich zunehmend durch ihre positive Einstellung zu Vielfalt und Gerechtigkeit gegenüber marginalisierten Gruppen definieren, sich zumindest teilweise in Richtung einer kleinen weißen Elite zu entwickeln."

Magazinrundschau vom 09.04.2019 - Tablet

Einen besseren Text über Alain Finkielkraut, zugleich über das gegenwärtige Klima in Frankreich, wird man so bald nicht finden. Und dabei ist Paul Bermans Essay ein Essay über einen Essayisten und zugleich eine Hommage, die auch zu einer berührend schlichten Aussage fähig ist: "Ich frage mich, ob es irgendwo in der Welt einen besseren Essayisten gibt." Indirekt ist Bermans Text auch eine Hommage auf Finkielkrauts große intellektuelle Liebe, den katholischen Dichter Charles Péguy, der zu den wenigen Dreyfus-Verteidigern aus seinem Milieu zählte. Was Finkielkraut an Péguy so liebt, erklärt Berman, ist, dass er es nicht bei der trockenen Vernunft des dreyfusianischen Arguments beließ, sondern das Vernunftargument mit der Liebe zur französischen Republik koppelte. Eine Rolle spielte natürlich, dass diese Liebe die französischen Juden einschloss: "Jemand sollte mal eine umfassende Anthologie aller warmherzig projüdischen Schriften von nicht jüdischen Autoren zusammenstellen", schlägt Berman vor: "Es würde kein dicker Band. Péguys verstreute Seiten über die Juden in 'Notre jeunesse', seinen Erinnerungen an die Dreyfus-Affäre von 1910, würden das halbe Buch füllen. Dass der junge Alain Finkielkraut von Péguy hingerissen war, ist leicht zu verstehen. Er startete ein Péguy-Revival, das zu einem lebenslangen Projekt wurde. Und er erneuerte einige von Péguys Gedanken für eigene Zwecke und verband sie in fruchtbarer und innovativer Kombination mit Ideen, die seine eigene Originalität ausmachen, die ich als patriotisch französisch, empört jüdisch, instinktiv rebellisch und (wie Péguy sagen würde) prophetisch beschreiben würde."

Außerdem im Tablet Magazine: ein Essay des Judaisten Jon D. Levenson über fortbestehende Muster christlichen Antisemitismus in weit moderneren christlichen und säkularen Diskursen.

Magazinrundschau vom 22.01.2019 - Tablet

In diesem Jahr hat die Revolution im Iran vierzigsten Jahrestag. Tablet widmet dem Ereignis und seinen Folgen gleich ein ganzes Dossier. In einem der Artikel stellt Asher Shasho Levy die jüdisch-persische Musikerin Maureen Nehedar vor, die 1979 im Alter von zwei Jahren mit ihren Eltern nach Israel emigrierte. Die Liebe zur persischen Musik aber blieb, zumal diese schon lange stark von Juden geprägt war: "Die Ära der Ṣafavid-Herrschaft (1501-1736), die den schiitischen Islam als offizielle Religion des neu vereinten Iran etablierte, brachte einen dramatischen Wandel im sozialen Status der Musik mit sich. Während dieser Zeit galt die gesamte nicht-liturgische Musik als haram (religiös verboten); die einzige erlaubte Musik war die von Geistlichen für religiöse Veranstaltungen genehmigte. Dieses Verbot bedrohte die Entwicklung und das Überleben der reichen Traditionen der persischen Musik. Doch die persische Musik gedieh und entwickelte sich in den Händen derer, die nicht an diese Einschränkungen gebunden waren: Dhimmi wie Zoroastrier, Armenier und vor allem Juden."

Hier singt Nehedar ein altes Liebeslied: "Juni Juni"


Magazinrundschau vom 19.06.2018 - Tablet

Auch Claire Lehmann will von Identitätspolitik, wie sie heute praktiziert wird, nichts wissen. Zum Teil ist es einfach eine Karrierestrategie, auf seinen angeblich verletzten Gefühlen rumzureiten, meint sie. Zum anderen ist Identitätspolitik genau das Gegenteil von Multikulturalismus: "Menschen haben eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Zusammenarbeit und Solidarität - auch mit denen, mit denen sie nicht verwandt sind -, wenn sie das Gefühl haben, dass ihr Nachbar in ihrem Team ist. Ein gemeinsames Ziel und gemeinsame Bindungen helfen den Menschen, kulturelle, ethnische oder religiöse Unterschiede zu überwinden. Wenn AktivistInnen die Unterschiede zwischen den Kulturen betonen und versuchen, Grenzen zu ziehen und diejenigen zu bestrafen, die aus der Reihe tanzen, dann schafft dies die Voraussetzungen für eine Eskalation von Intoleranz und Spaltung. Wir dürfen nicht zulassen, dass sie Erfolg haben."

Magazinrundschau vom 06.02.2018 - Tablet

Adam Kirsch bespricht den von Marie-Luise Knott herausgegebenen Briefwechsel zwischen Gerschom Scholem und Hannah Arendt, der nun auch auf Englisch vorliegt (auf Deutsch hatten wir den Band seinerzeit vorgeblättert). Besonders beeindruckt ihn der Streit der beiden über den Zionismus - gegen den Arendt ab 1948 eine prononciert kritische Position einnimmt: "Liest man ihr 'Zionism Reconsidered' heute noch einmal, ist es bemerkenswert, wie viele von Arendts Warnungen sich als prophetisch herausstellten. Nicht klar wird aus der Lektüre aber, ob die vergangenen siebzig Jahre ohne die Existenz Israels als jüdischem Staat besser gewesen wären. Arendts Art, die Politik am Ideal zu messen, statt sie als Kunst des Möglichen zu sehen, trägt zu ihrer Bedeutung als politische Philosophin bei, aber es führt auch dazu, dass sie bei der Analyse der aktuellen Tagespolitik versagt."

Magazinrundschau vom 09.01.2018 - Tablet

In einem letzten Gespräch mit David Samuels, etwa ein Jahr vor seinem Tod, spricht Aharon Appelfeld über seine Familie, seine Ankunft in Israel und darüber, wie sich dort seine neue Sprache, das Hebräische, formte: "Ich hatte nie einen Lehrer, ich habe es mir selbst beigebracht. Als ich nach Israel kam, hatte ich mein bisschen Hebräisch verlernt. Ich verlor mein Deutsch. Ich verlor mein ukrainisches Russisch. Ich verlor die Brocken Rumänisch, die ich konnte. Alle Sprachen meiner Jugend hatte ich verloren." Das Yiddische half ihm: "Es gab damals Yiddisch-Vorträge in Tel Aviv. Das ging gegen den Ethos des Zionismus. Aber als junger Mann, mit 14, 15, 16 17 Jahren ging ich in jeden Yiddisch-Vortrag. Es gab Momente, in denen das Hebräische und das Yiddische vermischt wurden."

Magazinrundschau vom 05.12.2017 - Tablet

In der Kosmologie der Criticial Whiteness, ist nicht der Rassismus das Problem, sondern das Weißsein. In den USA hat vor allem der Autor Ta-Nehisi Coates diesen Diskurs aus akademischen Nebendisziplinen in die öffentliche Debatte gebracht, als er in Atlanic proklamierte, dass Donald Trump das Weißsein zu einer "existenziellen Gefahr für das Land und die Welt" gemacht habe. In Tablet dröhnen Wesley Yang die Ohren, nicht nur weil das Denken in Identitäten immer Voraussetzung für rassistische Unterdrückung war, sondern auch weil diese Dogmatik voller Halbwahrheiten sich gegen jede Kritik abschotten kann: "Die Prämisse, die ihr zugrunde liegt ist einfach: Es gibt kein Weißsein ohne Herrschaft über Nicht-Weiße und keine Mannsein ohne Herrschaft über Frauen. Weder das eine noch das andere kann auf neutrale Art diese charakteristischen, niemals zufälligen Eigenschaften eines Menschen beschreiben. Es sind vielmehr Identitäten, die in Genozid, Kolonialismus und Sklaverei ihren Ursprung haben und die sich eben dann immer wieder gewaltsam manifestieren, wenn sie auf neutrale Art diese charakteristischen, niemals zufälligen Eigenschaften eines Menschen beschreiben wollen. Sie erlauben dem weißen Mann nicht nur, wie Aaron Bady sagt, sie zwingen ihn dazu, seine eigene privilegierte Erfahrung als normal zu betrachten und alle anderen als mindere Kopien seiner eigenen Existenz."