Bei einem Ausflug mit seinem älteren Bruder geht der zehnjährige Saroo Munshi Khan in einem indischen Zug verloren. Saroo, der weder den Namen seines Heimatdorfes noch seinen eigenen Nachnamen weiß, landet in einem Kinderheim in Kalkutta und wird schließlich von einem Ehepaar aus Tasmanien adoptiert. David Kushner erzählt die bewegende Geschichte, wie sich Saroo zwanzig Jahre später mit Hilfe von Google Earth daran macht, seine Familie wiederzufinden: "Ihm wurde klar, dass er seine Suche systematisieren musste. Wenn er am frühen Abend im Zug eingeschlafen und am nächsten Morgen in Kalkutta angekommen war, müssen wohl etwa 12 Stunden vergangen sein. Wenn er wüsste, wie schnell der Zug gefahren ist, könnte er die ungefähre Strecke ausrechnen. Aus dem auf diese Weise entstandenen Ring ließen sich wiederum Gegenden ausschließen, in denen nicht Hindi gesprochen wurde, oder in denen kaltes Klima herrschte."
Außerdem: Joshua Hammer berichtet ausführlich über die Kunstfälscher Wolfgang und Helene Beltracchi. Ebenfalls online ist ein Auszug aus Mark Bowdens Buch über das Attentat auf Osama bin Laden.
Ein halbes Jahr durfte sich Michel Lewis im Weißen Haus aufhalten, mit Barack Obama Basketball spielen und in der Air Force One fliegen. Doch auch wenn er dem Präsidenten nie richtig nahe gekommen zu sein scheint, erweckt er doch den Eindruck, als würde sich Obama in Washington nicht wirklich wohl fühlen: "Wir bogen nach rechts, in einen ovalen, gelb gestrichenen Raum, offensichtlich der Yellow Room. Obama marschierte zu den französischen Fenstern am hinteren Ende. Dort öffnete er einige Riegel und trat nach draußen: 'Das ist der beste Ort des Weißen Hauses', sagte er. Ich folgte ihm raus auf den Truman Balkon und zu diesem unverfälschten Blick auf den Südgarten. Das Washington Monument stand wie ein Soldat vor dem Jefferson Memorial. Christsterne in Blumentöpfe umgaben diesen Ort, der eine Art nach außen verlagertes Wohnzimmer ergab. 'Der beste Platz im Weißen Haus', sagte er noch einmal. 'Michelle und ich kommen oft abends her, nur um dazusitzen. Näher kommt man dem Gefühl nicht, draußen zu sein. Außerhalb der großen Blase."
Kurt Eichenwald erzählt in einer langen Reportage die Geschichte eines traurigen Niedergangs. Und er spart nicht mit klaren Worten. Es geht um das einstmals wertvollste Unternehmen der Welt, dessen Aktie seit zehn Jahren stagniert, während sich die Apple-Aktie verzwanzigfacht hat: "Die Geschichte des verlorenen Jahrzehnts von Microsoft könnte Business-Schulen als Modellfall für die Tücken des Erfolgs dienen. Was als eine schlanke Wettbewerbsmaschine entstand, angeführt von jungen Visionären von unvergleichlichem Talent, hat sich in etwas Aufgeblähtes und Bürokratisches verwandelt, mit einer Unternehmenskultur, die unfreiwillig genau jene Manager belohnt, die alle innovativen Ideen verhindern."
Ein ellenlanges Porträt widmet David Margolick dem israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu, den er trotz aller kriegerischen Rhetorik als in seinen Handlungen recht zögerlich schildert. ("Ein israelischer Fehlschlag gegen Teheran wäre die größte Gefahr für seine politische Zukunft."). Margolick erzählt mit der für Vanity Fair üblichen Mischung aus intelligentem Klatsch und kluger Analyse von Netanjahus anstrengender Frau Sara, seinen amerikanischen Milliardärsfreunden Sheldon Adelson und Ronald Lauder und dem Geheimnis seines Erfolgs: "Netanjahu hat bedeutend mehr Energie darauf verwandt - und mehr Erfolg dabei gehabt -, die israelische Medienlandschaft umzugestalten als Frieden mit den Palästinensern auszuhandeln. Wie ein Beobachter es fasst: Er ist weniger Israels Premierminister als sein Chefredakteur. 'Netanjahus Lektion aus seiner ersten Amtszeit war: Wenn Du sie nicht schlagen kannst, dann kontrolliere sie', sagt Lior Averbach von Globes, dem israelischen Wirtschaftsmagazin. Durch Ernennungen, Einschüchterung und Einflussnahme sind seine Tentakel in jeden Winkel von Israels kleinem, fragilen journalistischen Ökosystem vorgedrungen."
Noch ein talentierter Schulabbrecher! Der 1904 geborene Moss Hart begann mit 15 Jahren an der Kasse eines Theaters zu arbeiten und lernte das Showbusiness von der Pike auf. 1930 hatte er seinen ersten Broadwayhit mit "Once in a Lifetime", ein Stück, dass er zusammen mit George S. Kaufmann schrieb. Es folgten brillante Filmdrehbücher wie "You Can't Take It With You" (1936) und "The Man Who Came to Dinner" (1939). Jetzt wurde Harts Tagebuch veröffentlicht, das er in den 50er Jahren schrieb, um seine Depression und Schreibblockade zu bekämpfen. Meryl Gordon hat sich über den giftigen Klatsch bestens amüsiert: "Bei einer Cocktailparty im Plaza Hotel fand er Dorothy Parker 'absolut schrecklich aussehend ... bitter und ätzend'. Von einer Party für George Cukor berichtet er, Greta Garbo habe 'alt und verhärmt' ausgesehen, ihre Kleidung beschreibt er als 'unverzeihlich'. Nachdem er den Schauspieler Mel Ferrer bei den Proben für ein Fernsehspiel gesehen hatte, erklärte Hart, der Schauspieler sei 'ein absoluter Reinfall' und verglich ihn mit einem 'eher jämmerlich dreinblickenden Cocker Spaniel'." Hm, man würde das lieber von Monty Woolley hören, der Harts Gemeinheiten perfekt an den Mann bringen konnte. Oder an die Frau:
William Langewiesche erzählt die Geschichte des Camorra-Bosses Paolo di Lauro, der 2006 zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Langewiesche scheint das eher zu bedauern: Unter di Lauro sei es relativ friedlich zugegangen in Neapel, seine Nachfolger hätten sich dagegen sofort in Verteilungskämpfe gestürzt. "Die Camorra dient der Gesellschaft am besten, wenn sie stark ist. Alle Richter, mit denen ich gesprochen habe, haben das als Wahrheit bestätigt und doch haben eben diese Leute di Lauro verurteilt. Ich fragte sie, ob sie an die Überlegenheit des italienischen Staates glauben und mit einer Ausnahme haben alle mit Nein geantwortet. Der eine Richter, der die Ausnahme war, sagte, zusammengefasst: 'Wir haben keine Wahl. Die Camorra hat einen Anti-Staat erschaffen, dessen Existenz die Legitimität des italienischen Staates bedroht. Wenn die Gerichte darauf nicht reagieren würden, wären sie nicht mehr real. Wenn die Gerichte nicht real sind, wird Italien nicht überleben ...' Ich erwähnte das gegenüber einer Strafverteidigerin der Camorra. Sie kannte den Richter und sagte: 'Der Anti-Staat ist der Staat selbst. Es ist der Staat, nicht die Camorra, der Italien erwürgt.'"
James Kaplan bereitet den roten Teppich für den grandiosen Autor Aaron Sorkin, der schon die Drehbücher von "West Wing" oder "The Social Network" verfasst hat, und nächsten Monat seine neue Serie "The Newsroom" bei HBO rausbringt: "'Ich bin beim Schreiben ziemlich wortlastig', sagt Sorkin, was milde ausgedrückt ist. In einer Zeit, in der die Bilder zum großen Teil die Wörter verdrängt haben, und viel Film- und Fernsehdialoge kaum mehr als eine Abfolge von Ein- oder Halbzeilern sind, lehnen sich Sorkins Drehbücher an die leidenschaftlichen, idealistischen und wortreichen Skripte an, die Robert Riskins einst für Frank Capra schrieb... 'Der Witz bei Aaron ist, dass man jede Woche ein ganzes Broadway-Stücklernen muss, sagt [Hauptdarsteller] Jeff Daniels. 'Wir kommen nicht mit einer Waffe um die Ecke und rufen vielleicht mal 'Vorsicht'. Wir kommen um die Ecke und geben Sorkin. Und zwar Sorkin mit 90 Meilen die Stunde, mit der ganzen Musikalität und dem Rhythmus. Dialoge müssen zack zack aus dem Mund kommen - das ist was anderes, als beim Schauspielern schnell zu sprechen. Die Charaktere sind alle sehr schlaue Leute, sie denken schnell, sie reden schnell - und die Zuschauer müssen mithalten."
Die Kräfte der Ordnung (Regierungen) und des Chaos (Hacker) kämpfen um das Internet. Das derzeitige große Schlachtfeld in diesem "World War 3.0", schreibt Michael Joseph Gross, ist Dubai, wo fast ein Jahr lang 193 Staaten das UNO-Abkommen über das Internet neu verhandelten. Was Regierungen möchten, ist klar: Kontrolle. Aber was möchten die Kräfte des Chaos möchten, ist auch klar: absolute Freiheit. Aber was ist mit der dritten Kraft, die Gross "organisiertes Chaos" nennt? Zu dieser Kraft gehört beispielsweise der Sicherheitsexperte Dan Kaminsky: "Er ist ein seriöser Unternehmer, dessen derzeitige Mission es ist, Passwörter mit anderen Wegen für Internetuser zu verbinden, ihre Identität nachzuweisen. 'Das einzige, worin alle übereinstimmen', sagt Kaminsky, 'ist, dass das Internet zur Zeit jedem Geld einbringt und weiterlaufen muss.' Während sie neue und sicherere Systeme zur Authentifizierung ausarbeiten, arbeiten Kaminsky und andere gleichzeitig daran sicherzustellen, dass diese Authentifizierungssysteme die Qualität der Privatheit und Anonymität behalten - obwohl Anonymität zu praktisch jedem Problem beigetragen, oder es sogar geschaffen hat, um das es beim Krieg ums Internet geht. Ihre Aufgabe ist eine Art Quadratur des Kreises: ein Weg, Anonymität und Authentifizierung zu vereinen - und damit fruchtbares Chaos ebenso wie Kontrollmöglichkeiten - ohne das eins von beidem überwiegt. Es ist ein sauberer philosophischer Trick: Sun Tzu trifft John Locke trifft Adam Smith trifft Michel Foucault."
Jahrelang galt die Washington Post, die einst den Watergate Skandal aufdeckte, als die Krone des investigativen Journalismus, erinnert sich Sarah Ellison. Seit Geschäftsführer Don Graham, Herausgeberin Katherine Weymouth und Chefredakteur Marcus Brauchli das Blatt leiten, hat es jedoch viel von seinem Glanz eingebüßt: "Was mich im Laufe der Reportage erstaunt hat, ist, dass die Post zu jedem Zeitpunkt mit Bedacht vorgegangen ist und vernünftige Entscheidungen getroffen hat. Das Unternehmen agiert extrem vorsichtig. Es hat keine Schulden. Es befindet sich als selbständiges Unternehmen in einer relativ guten finanziellen Lage... Graham interessiert sich für die neuen Medien und ist bereit, zu experimentieren. Aber das Unternehmen hat in der Vergangenheit nur langsam strategische Entscheidungen für die Zukunft getroffen. Graham wollte bei Facebook einsteigen, wurde aber überboten. Er hat sich schon früh an einer digitalen Ausgabe der Zeitung versucht, ließ sie aber fallen. [...] Graham ist stolz darauf, dass er Ideen Zeit gibt, um sich zu setzen, seine Entscheidungen scheinen aber oft durch praktisch-finanzielle Belange begrenzt zu sein. Vorsicht kann eine Tugend sein, aber in revolutionären Zeiten könnte sie sich als etwas vollkommen anderes herausstellen."
S. L. Price beschreibt in einem langen, liebevollen Essay den Einfluss von Barry Levinsons 1982 gedrehter Komödie "Diner" um sechs junge Männer (Tim Daly, Mickey Rourke, Daniel Stern, Kevin Bacon, Steve Guttenberg, and Paul Reiser), die sich gerade eben noch vor dem Erwachsensein drücken können. Der Film war einflussreicher als "Bladerunner", "Sex, Lies and Video Tapes", "Raging Bull" oder "Blue Velvet", meint Price: "'Diner's' bahnbrechende Beschwörung männlicher Freundschaft veränderte die Art, wie Männer miteinander umgingen - nicht nur in Buddie-Filmen, sondern auch in Mafia-, Polizei- und Feuerwehrfilmen, in der Werbung und im Radio. 2009 meinte die Fernsehkritikerin des New Yorker, Nancy Franklin, als sie über die Fernsehserie 'Men of a Certain Age' sprach, dass 'Levinson jedesmal ein Honorar bekommen sollte, wenn zwei oder mehr Männer in einem Café abhängen. Sie lag halb richtig. Die Männer müssen auch reden."
Hier eine wunderbare Szene, in der Mickey Rourke mit seinen Freunden wettet, dass die kühle Carol Heathrow beim ersten Date seinen Schwanz anfassen wird, und sich dann aus der Geschichte wieder, ähm, herauswindet:
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