9punkt - Die Debattenrundschau

Ein Bündel von Faktoren

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.10.2020. Islamistische Messermörder sind in der Regel Einzeltäter, und man muss die Umstände berücksichtigen, meint der Islamwissenschaftler Michael Kiefer in der taz. So sieht es auch die SZ und plädiert für einen sozialpädagogischen Ansatz. Netzpolitik blickt mit Skepsis auf die amerikanische Kartellklage gegen Google. In der NZZ versucht der indische Psychologe Sudhir Kakar zu erklären, warum die Inder Narendra Modi mögen.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.10.2020 finden Sie hier

Europa

Muslime und Nicht-Muslime müssen gemeinsam gegen den Islamismus vorgehen, fordert die Filmemacherin und Publizistin Düzen Tekkal in einem Welt-Essay, in dem sie vor allem auf die Gemeinsamkeiten zwischen Islamismus und Rechtsextremismus eingeht: Neben dem Antisemitismus ist es auch die Verachtung von Rede- und Meinungsfreiheit: "Denn ihre Ideologien verlangen einen Typus Mensch, der in blindem Gehorsam 'seine Pflicht' tut, statt mündiger Bürger, die über den gegenseitigen Austausch zur besten Lösung für Probleme kommen - und diese Freiheit ist auch hierzulande von Extremisten bedroht. Vor etwas mehr als einem Jahr wurde der CDU-Politiker Walter Lübcke ermordet. Er wurde wegen seiner Haltung zu Flüchtlingen zur Zielscheibe. Walter Lübcke wollte Versöhnung, so wie die jüdische Gemeinde in Halle, die Jom Kippur feierte, das Fest der Versöhnung, als ein rechtsextremer Fanatiker in der Synagoge ein Blutbad anrichten wollte."

Es hat auch in Deutschland in diesem Jahr mehrere islamistische Messerattacken, meist auf zufällige Passanten, gegeben, die von den Medien kaum zur Kenntnis genommen wurden. Es handle sich aber um Einzeltäter, und man müsse die Umstände berücksichtigen, sagt Islamwissenschaftler Michael Kiefer im Gespräch mit Stefan Reinecke in der taz: "Bei Radikalisierungen von Jugendlichen spielen fast immer kritische Lebensereignisse wie der Tod von Angehörigen oder schulisches Scheitern eine Rolle. Der Weg in den Islamismus ist oft eine Flucht aus einem als frustrierend empfundenen Alltag. Wie weit die Radikalisierung geht, hängt oft davon ab, ob die Jugendlichen zu ihrem familiären Umfeld noch intensive Kontakte haben. Wenn nicht, ist die Radikalisierung wahrscheinlicher. Es gibt ein Bündel von Faktoren."

taz
-Autor Ambros Waibel möchte Kritik an der Linken, die sich zum Islamismus nicht äußere (unser Resümee), nicht so einfach gelten lassen. "Wie soll eigentlich ausgerechnet sie, die schon den Kampf gegen Nazis und Klimakatastrophe, gegen Sexismus, Rassismus, Antisemitismus und last, not least den gegen den Klassenkampf von oben auf ihren schmalen Schultern hat, nun sich hauptamtlich auch noch mit dem Islamfaschismus beschäftigen?" Am Ende plädiert er für ein Gespräch mit den islamischen Communities in Europa.

Detlef Esslinger überlegt in der SZ, wie man überhaupt gegen Islamismus vorgehen könne. Abschieben nach Syrien gehe bei syrischen Tätern nicht - und Haft bringe auch nicht viel: "In Gefängnissen, auch im Jugendvollzug, dominieren Subkulturen, in denen Radikale oft noch radikaler werden. Wer die Gefahr bannen will, der vermeidet um alles in der Welt, dass Verurteilte lediglich ihre Zeit absitzen, bis zum letzten Tag - und dann als derart gefährlich eingestuft werden müssen, dass man sie behelfsweise unter Führungsaufsicht stellt, wie den mutmaßlichen Täter von Dresden. Es gibt etliche Fachleute und Konzepte, um während des Strafvollzugs 'Bindungen für das Leben danach' zu organisieren, wie Bernd Maelicke, der Nestor auf dem Fachgebiet Resozialisierung, dies nennt. Spektakulär ist diese Arbeit nicht. Mit Forderungen danach sind keine 4000 Twitter-Likes zu gewinnen. Aber geht es nicht allen darum, ein Problem zu lösen?"
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Politik

Indiens Wirtschaftsleistung ist katastrophal, auch die Coronakrise hat Narendra Modi nicht im Griff - und doch halten mehr als 80 Prozent der Inder zu ihrem Premierminister, schreibt der indische Psychologe Sudhir Kakar in der NZZ. Solange ein Führer Visionen hat und auf materiellen Komfort und ein Sexualleben verzichtet, vertrauen ihm die Inder, erklärt Kakar: Die Entsagung des idealen Herrschers, "tyaga" genannt, genießt "großen Respekt in einer Kultur, in der man sich daran gewöhnt hat, dass die Mächtigen in der Regel zuallererst die Interessen ihrer Familie bedienen; in einem Kontext, in dem das Wort 'Nepotismus' als westliche Abstraktion gilt und man, wenn auch vielleicht mit Kopfschütteln, durchaus Verständnis dafür hat, dass ein Politiker fassungslos reagiert, wenn sein Entscheid, den eigenen Sohn auf einen hohen Parteiposten zu befördern, von einem Journalisten infrage gestellt wird: 'Aber wen soll ich denn sonst ernennen? Ihren Sohn vielleicht?' Modi jedoch kann sich mit dem Attribut der 'tyaga' schmücken. Er ist kinderlos und hat sich kurz nach der Eheschließung vor fünfzig Jahren von seiner Frau getrennt; er hält einzig sporadischen Kontakt mit seiner betagten Mutter, die in bescheidenen Umständen fern von Delhi lebt."
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Internet

Mit Skepsis blickt Tomas Rudl in Netzpolitik auf die amerikanische Kartellklage gegen Google. Parallele Initiativen der EU hätten bisher die Marktmacht des Konzerns nicht ankratzen können. Auch die Datenökonomin Aline Blankertz, die Rudl befragt, äußert Zweifel: "Oft diskutiert wird eine Zerschlagung des Konzerns, also die Aufteilung der unterschiedlichen Geschäftsbereiche in eigene Unternehmen. Blankertz hält dies für 'unrealistisch'." Blankertz erinnert an die einstigen Kämpfe gegen Microsoft: "Obwohl der Fall gemeinhin als Erfolg gilt, konnte er die Vormachtstellung von Microsoft in vielen Märkten, etwa dem für Bürosoftware, allerdings nicht durchbrechen." Rudl macht auch auf Verflechtungen aufmerksam: Allein Apple verdient durch die Google-Suche Zwischen acht und zwölf Milliarden US-Dollar, was rund 15 bis 20 Prozent des weltweiten Jahresgewinns entspreche - nur durch die Voreinstellung der Google-Suche im Safari-Browser.
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Kulturpolitik

Der Bau des Berliner Schlosses wird vermutlich nochmal 33 Millionen Euro teurer, entnimmt Ulrich Paul in der Berliner Zeitung einem Bericht des Bundesministeriums des Inneren, für Bau und Heimat: "Als Grund für die Kostensteigerung werden in dem Bericht die Auswirkungen der Corona-Krise genannt. Die Pandemie habe zu gestörten Bauabläufen 'insbesondere in den technischen Gewerken und im Ausstellungsbau' geführt, wodurch sich die Ausführungsdauer der Arbeiten verlängert habe. Außerdem habe es 'erhöhte Aufwendungen für Hygienemaßnahmen' gegeben. Auf der Baustelle seien bis zu 30 Prozent weniger Arbeitskräfte tätig gewesen, was auf Quarantäne, Kurzarbeit und Beschränkungen im Reiseverkehr zurückzuführen sei. Auch Schäden aus einem Brand auf der Baustelle 'beeinträchtigen den Baufortschritt', heißt es."

Überwachung

Auf Zeit Online nimmt Lisa Hegemann den am Mittwoch beschlossenen Entwurf eines Gesetzes zur Anpassung des Verfassungsschutzrechts auseinander, der Nachrichtendiensten erlauben soll, Handys von Verdächtigen mit Schadsoftware auszuspionieren. Absurderweise sollen ausgerechnet die Telekommunikationsfirmen dabei helfen, auf verschlüsselte Nachrichten zuzugreifen: "Staatstrojaner nutzen gewöhnlich Sicherheitslücken aus, über die die Schadsoftware erst auf ein Gerät eingespielt werden kann. Diese Schwachstellen kann aber nicht nur der Staat verwenden, sondern auch jeder andere Akteur, ob Kriminelle oder ausländische Nachrichtendienste. Sprich: Man sorgt nicht dafür, Sicherheitslücken, die einem selbst bekannt sind, im Dienste der Bürgerinnen und Bürger zu schließen. Sondern um eine verdächtige Person zu fassen, wird die Sicherheit aller Geräte gefährdet."
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Religion

Viel Beifall bekommt Papst Franziskus derzeit dafür, dass er sich in einer Doku für eingetragene Lebenspartnerschaften von Homosexuellen ausgesprochen hat. In der Kirche heiraten sollen sie natürlich weiterhin nicht dürfen, erinnert Annette Zoch in der SZ: "Wollen heute schwule oder lesbische Paare ihre Verbindung gesegnet wissen, finden sie Priester, die geschickt durch die engen Maschen katholischer Lehre schlüpfen: Wer als Mensch um Segen bittet, erhält ihn. Wenn nun zufällig zwei Männer oder zwei Frauen nebeneinander vor dem Priester stehen - dann werden eben beide gesegnet. Und wenn sie zufällig Ringe dabeihaben, diese auch. Nur eben ihre Beziehung nicht. Klingt amüsant, ist aber in Wahrheit beschämend. Jetzt, wo sogar der Papst gleichgeschlechtliche Gemeinschaften als solche anerkennt - sollte auch die Kirche ihren Segen dazu geben."
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Gesellschaft

Das Coronavirus ändert nichts daran, dass der übliche und schon vielfach gestellte Verdächtige weiter schuldig ist, sagt der Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge im Gespräch mit Pascal Beucker von der taz: "Das eigentliche Ungleichheitsvirus ist der Neoliberalismus. Corona wirkt da nur als Katalysator. In der Pandemie hat sich die Ungleichheit aufgrund der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse und einer Politik verschärft, die den 'Wirtschaftsstandort' vergöttert, Interessen der Finanzinvestoren bedient und daher sozial polarisierend statt egalisierend wirkt. Das Kardinalproblem unserer Gesellschaft ist die bestehende Verteilungsschieflage." Für Carolina Schwarz, die ebenfalls in der taz schreibt, sind dabei vor allem die Frauen die Opfer der Krise.

Genderisierung der Sprache, die etwa Bundesjustizministerin Christine Lambrecht neulich in einem Gesetzentwurf mit ausschließlich weiblichen Formen durchsetzen wollte, ist im Grunde ein Missverständnis, schreibt der emeritierte Deutschprofessor Peter Eisenberg in der FAZ, denn maskuline oder feminine Generika hätten nichts mit dem Geschlecht zu tun: "Unter einem Generikum versteht man ein Wort, das ganz oder in bestimmten Verwendungen keinen Bezug auf das natürliche Geschlecht des Bezeichneten aufweist. Maskuline Generika sind beispielsweise Mensch, Fan, Säugling, Leichnam, Prüfling, feminine Generika sind beispielsweise Person, Koryphäe, Leiche, Waise, Geisel. Dass ein solches Generikum Frauen oder Männer, die mit einem Wort des jeweils anderen Genus bezeichnet sind, nur 'mitmeine', ist eine begriffliche Irreführung. Die wesentliche Eigenschaft von Generika besteht ja gerade darin, dass überhaupt kein Bezug auf irgendein Geschlecht besteht."
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Geschichte

In Berlin, unmittelbar an der Ruine des Anhalter Bahnhofs wird demnächst ein Exilmuseum entstehen, das auch an das "Exil der kleinen Leute" erinnern soll und unter anderem von Wolfgang Benz angestoßen wurde, erzählt Uwe Rada in der taz. Andere kamen hinzu: "Vielleicht bedurfte es erst einer Frau wie Herta Müller, die selbst die Erfahrung des Exils gemacht hatte - die Schriftstellerin musste 1987 ihre Heimat Rumänien verlassen. Vor neun Jahren schrieb die spätere Literaturnobelpreisträgerin an Kanzlerin Angela Merkel und brachte die Idee eines 'Museums des Exils' ins Spiel. Vier Jahre danach veröffentlichte der Fotograf Stefan Moses den Fotoband 'Deutschlands Emigranten', zu dem Christoph Stölzl die Texte beisteuerte. 'Zweitausend dieser Bücher hat dann der Gründer des Auktionshauses Villa Grisebach, Bernd Schultz, als Sonderdruck verschickt und eine riesige Resonanz bekommen', sagt Stölzl, der ehemalige Berliner Kultursenator und Direktor des Deutschen Historischen Museums in Berlin, der nun auch Gründungsdirektor des Exilmuseums ist."

Weiteres: Als "eine der besten zeithistorischen Ausstellungen der letzten Jahre" empfiehlt Jens Bisky in der SZ die Ausstellung "Der kalte Blick" in der Topographie des Terrors in Berlin, die ihm zeigt, wie die beiden Wiener Anthropologinnen Elfriede Fliethmann und Dora Maria Kahlich im Jahr 1942 jüdische Familien im Ghetto von Tarnow "erforschten".
Archiv: Geschichte
Stichwörter: Exilmuseum Berlin