Frauke Brosius-Gersdorf äußert sich erstmals selbst zu ihrem Fall: Das
ZDF meldet zuerst, dass sich die Kandidatin fürs Verfassungsgericht mit einem Statement an die Medien gewandt hat. Darin kritisiert sie, dass der Umgang mit ihrer Person in den Medien "
unzutreffend und unvollständig, unsachlich und intransparent" gewesen sei. "Vorwürfe macht Brosius-Gersdorf auch einigen - namentlich nicht genannten - Politikern, die sich an der Kritik an ihrer Person beteiligt hätten. Anonym an 'medialer Kritik bis hin zu Schmähungen anderer mitzuwirken und gleichzeitig für sich
selbst Schmähungsschutz zu fordern', stehe im Widerspruch, schreibt Brosius-Gersdorf."
Hier das ganze Statement.
Brosius-Gersdorf hat zwar öffentlich erklärt, dass es ihrer Ansicht nach gute Gründe dafür gibt, die volle
Garantie der Menschenwürde erst ab der Geburt zu gewähren, das bedeutet aber keinesfalls, dass sie Abtreibung bis zu diesem Moment gutheißen würde. In ihrem Statement heißt es dazu: "Richtig ist, dass ich auf das verfassungsrechtliche Dilemma hingewiesen habe, das besteht, wenn man dem
ungeborenen Leben ab Nidation die Menschenwürdegarantie zuerkennt wie dem Mensch nach Geburt. Unter der herrschenden rechtsdogmatischen Prämisse der Nichtabwägungsfähigkeit der Menschenwürde mit
Grundrechten Dritter wie der Schwangeren wäre ein Schwangerschaftsabbruch unter keinen Umständen zulässig. Auch ein Abbruch wegen medizinischer Indikation bei Gefährdung des Lebens oder der Gesundheit der Frau schiede dann aus." Eine
straffreie Abtreibung befürwortet Brosius-Gersdorf in den
ersten drei Monaten - und weiß sich damit einig mit dem größten Teil der deutschen Bevölkerung.
Patricia Hecht
erzählt in der
taz, wie
Abtreibungsgegner-Organisationen wie "Aktion SOS Leben, Aktion", "Lebensrecht für alle (ALfA)" oder "1000plus" seit Anfang Juli massiv gegen die Professorin agitierten: "Die Stimmung, die die Vereine und Organisationen aus der Anti-Choice-Szene gegen Brosius-Gersdorf gemacht haben, zeigte bekanntermaßen Wirkung - flankiert noch durch Hetze etwa der AfD-Bundestagsabgeordneten Beatrix von Storch... Auf
Nius, dem rechten Portal des ehemaligen
Bild-Chefredakteurs Julian Reichelt, sind seit Anfang Juli mehr als zwanzig Texte erschienen, die gegen die 'Richterin des Grauens' mobil machten. Bei Redaktionsschluss stand die Petition auf CitizenGo bei 146.000 Unterschriften. 37.000 E-Mails, so die Organisation '1000plus', seien an Unionsabgeordnete versandt worden." Die Gruppe "CitizenGo" ist in Spanien gegründet worden und kommt aus dem Umfeld des
katholischen Fundamentalismus.
Ebenfalls in der
taz malt der Journalist Martin Teigeler schon ein drohendes
schwarz-blaues Bündnis an die Wand: "Die Linke Heidi Reichinnek hat beim Recycling ihres 'Auf die Barrikaden'-Auftritts im Bundestag vielleicht übertrieben, als sie eine nahende schwarz-blaue Koalition an die Wand malte. Aber es gibt sicher Menschen in der Union, die genau das wollen."
Es ist in Hechts Artikel nur eine flüchtige Andeutung - aber mit
Jens Spahn sollte ein CDU-Fraktionsvorsitzender Brosius-Gersdorf bei seiner Fraktion durchsetzen, der selbst zu Abtreibung ein
ausgesprochen konservatives Weltbild vertritt - dies gilt auch für andere gesellschaftliche Streitthemen wie
Sterbehilfe (aber nicht Schwulenehe), wie eine
Nachfrage bei Perplexity bestätigt: "Jens Spahn bekennt sich öffentlich zu seinem katholischen Glauben und beschreibt ihn als '
Kompass und Fundament' in seinem Leben... Spahn setzt sich konsequent für den
Schutz ungeborenen Lebens ein. Er argumentiert, dass beim Thema Abtreibung 'ein mühsamer gesellschaftlicher Kompromiss' gefunden worden sei, der 'nicht leichtfertig gefährdet' werden dürfe. Er lehnt eine
Lockerung oder Abschaffung des Werbeverbotes für Schwangerschaftsabbrüche (§219a StGB) strikt ab, unterstützt den bestehenden rechtlichen Rahmen und fordert, das ungeborene menschliche Leben immer mitzudenken."
Empört liest sich
ein Aufruf von 300 "Vertreterinnen und Vertreter der universitären - insbesondere rechtswissenschaftlichen - Forschung und Lehre sowie der Justiz", der auf den Seiten der Uni Bochum (hier als pdf-
Dokument) veröffentlicht wurde -
besonders die CDU wird darin kritisiert: "Im Richterwahlausschuss eine Kandidatin
zunächst zu bestätigen, um dann gegenüber ideologisierten Lobbygruppen und mit
Unwahrheiten und Diffamierungen gespickten Kampagnen zurückzurudern, zeugt zumindest von fehlendem politischem Rückgrat und mangelnder interner Vorbereitung. Dass dann
ausgesprochen unglaubhafte Plagiatsvorwürfe als Vorwand für eine Vertagung herhalten müssen und dadurch eine weitere Beschädigung der Kandidatin in Kauf genommen wird, ist ein Angriff auf das Ansehen der Wissenschaft und ihrer Vertreterinnen und Vertreter."
Bei der jetzigen Debatte wünschen sich viele Parteipolitiker Kandidaten für das
Verfassungsrichteramt im geheimen auszuhandeln und erst in letzter Minute vorzustellen - das wären aber die falschen Lehren aus der Brosius-Gersdorf-Debatte, schreibt Ronen Steinke in der
SZ. "Der Rest der Welt soll erst am Abend vor der Wahl im Bundestag erfahren, wer überhaupt auf dem Zettel steht, um auf diese Weise die Personen vor 'beschädigendem' Streit zu schützen. Das allerdings wäre auch
kein akzeptabler Weg, will man gewählte Volksvertreter nicht effektiv entmündigen. Die Unabhängigkeit der Justiz setzt nicht voraus, dass Parteipolitiker ihre Augen verschließen. Sie setzt nur voraus, dass sie ihren Kontrolldrang zügeln. Das heißt, dass sie nicht den Eindruck erwecken, sie würden von Richterkandidatinnen entwürdigende Bücklinge erwarten - sondern dass sie im Gegenteil signalisieren, wie sehr sie den
Wert eines selbstbewussten Gerichts zu schätzen wissen."
Leider wird neben Brosius-Gersdorfs Position zu Abtreibung überhaupt nicht ihr
Eintreten fürs Recht auf Kopftuch im öffentlichen Dienst und sogar bei Rechtsreferndarinnen und Richterinnen diskutiert,
merkt A
lice Schwarzer in
Emma an. Die private Ebene sein eines, "etwas ganz anderes ist die Frau im öffentlichen Dienst, als die Vertreterin eines demokratischen Staates. Sie hat neutral zu sein und darf nicht gegen die
im Grundgesetz verankerte Gleichberechtigung von Männern und Frauen verstoßen. Das tut sie aber, wissentlich oder unwissentlich, mit dem hochsymbolischen Kopftuch, für dessen Absetzung Frauen heute in
Iran oder Afghanistan mindestens ihre Freiheit, ja so manches Mal sogar ihr Leben riskieren. Auch sie lassen wir mit dieser falschen 'Toleranz' im Stich."
Der Anstieg
antisemitischer Ausschreitungen in Deutschland seit dem 7. Oktober ist unbestreitbar, sagt
Remko Leemhuis, Direktor des "American Jewish Committee Berlin", im Gespräch mit Majd El-Safadi von der
FAZ. Aber dieses Problem könne man nicht rein juristisch betrachten: "Ich erwarte von
Menschen in Führungspositionen, wie Universitätspräsidenten und Leitern von Kulturinstitutionen, eine klare Haltung - und die haben wir nicht erst seit dem 7. Oktober, aber insbesondere nach dem 7. Oktober oft vermisst. Was viel wichtiger ist: Die Mehrheitsgesellschaft muss aus ihrer
indifferenten Haltung herauskommen. Die Bekämpfung des Antisemitismus ist vornehmlich eine Aufgabe der
nichtjüdischen Bevölkerung. Was mir mehr Sorgen bereitet, ist der immer größer werdende Graben zwischen politisch Verantwortlichen und der Mehrheitsgesellschaft, dass wir bestimmte Teile der Bevölkerung gar nicht mehr erreichen."