9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

2693 Presseschau-Absätze - Seite 13 von 270

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.08.2025 - Gesellschaft

"Es ist kein naturalistischer Fehlschluss zu meinen, es sei oberste Aufgabe der Verfassung, das unbedingte Lebensrecht jedes Menschen vom frühestmöglichen Zeitpunkt der Individuation bis zum spätestmöglichen medizinischen Ende zu garantieren. Es ist vielmehr modernes Naturrecht als Personrecht", erklärt der Moraltheologe Peter Schallenberg in einer Replik auf Friedrich Wilhelm Graf (unser Resümee), der in der FAZ die Angriffe auf die Positionen Frauke Brosius-Gersdorf in Abtreibungsfragen zurückgewiesen hatte. "In einem explizit sozialen Rechtsstaat kommt noch etwas hinzu. Es ist, ausgehend wiederum von Artikel 1 des Grundgesetzes, die Idee des christlich und säkular begründeten Sozialstaates, als institutionalisierter Samariter dem gefährdeten Menschen im Straßengraben und am Rand der menschlichen Gesellschaft nicht einfach die Freiheit zu lassen, dort im Graben zu verrecken, und ihm allenfalls auf Anfrage zu helfen. ... Von Natur aus ist der Mensch unbedingt erwünscht. Es wäre ein törichter Fehlschluss, sich dieser Zumutung und Ermutigung zu entziehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.08.2025 - Gesellschaft

"Religionskritik in Deutschland endet dort, wo es um den Islam geht", konstatiert die Journalistin und Integrationsbeauftragte von Neukölln Güner Yasemin Balci, die vor Kurzem das Buch "Heimatland" veröffentlicht hat, im Welt-Interview mit Marc Reichwein. Man habe zu lange religiöse Verbände wie Ditib als seriöse Gesprächspartner angesehen. Jetzt müsse man die eigenen liberalen Werte verteidigen. "Wir werden gewisse Menschen nicht davon überzeugen, unsere Werte zu leben. (...) Und alle, die das nicht wollen, haben ein Recht, hier zu leben in bestimmten Grenzen, die wir sehr klar setzen und vielleicht noch enger ziehen müssen. Ich plädiere für Zero Tolerance gegen die Feinde unserer freien Gesellschaft. Ich nenne sie 'Feinde', weil ich nicht der Meinung bin, dass ich einen Neonazi, Salafisten oder Trotzkisten davon überzeuge, die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu feiern. Falls er durch Selbsterkenntnis auf diesen Pfad kommt, freue ich mich trotzdem."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.08.2025 - Gesellschaft

Der bekannte evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf wendet sich in einem etwas abstrakten Artikel für die FAZ gegen eine Intervention der CDU-Bundestagsabgeordneten Elisabeth Winkelmeier-Becker (unser Resümee), die die Positionen Frauke Brosius-Gersdorf mit Bezug auf katholisch-naturrechtliche Auffassungen zurückgewiesen hat. Aber "Naturrecht gibt es nicht" beharrt Graf. "Zurecht hat das Bundesverfassungsgericht schon 1959 auf die heterogene 'Vielfalt der Naturrechtslehren' hingewiesen und daraus abgeleitet, dass naturrechtliche Begründungsversuche im säkularen Staat kaum taugen. Gerade in deutschen Debatten war 'Naturrecht' immer ein konfessionell heftig umstrittener Begriff. Für katholische Moraltheologen spielte er seit dem Neothomismus des späten neunzehnten Jahrhunderts eine zentrale Rolle, wohingegen ihn prominente protestantische Theologen vehement ablehnten." Der Politikerin empfiehlt Graf "Demut angesichts der Eigenlogik der Wissenschaft".

"Vom Verfall des Staates und seinen räumlichen Bedingungen profitieren vor allem Rechtspopulisten. Zunehmend aber auch die immer linkeren Linken", hält Gerhard Matzig in der SZ fest und meint "Verfall" ganz wörtlich. Nach einer neuen Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung gibt es einen deutlichen Zusammenhang zwischen schlechter Infrastruktur und populistischen Wahlerfolgen: "'Je schlechter die Daseinsvorsorge in diesen Bereichen, desto höher die Zweitstimmenanteile der AfD und desto niedriger die Wahlbeteiligung.' Das hätte man schon länger vermuten können. In München-Schwabing bekommen die Grünen bei der letzten Landtagswahl 34,3 Prozent. In Niederbayern auf dem Land sind es beispielsweise 4,5 Prozent. Das politische Stadt-Land-Gefälle ist ein Gefälle auch der materiellen und funktionalen Lebensbedingungen. Die Neigung zu verschiedenen Parteien ist eine Folge, nicht die Ursache davon."

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Klaus Walter unterzieht in der FR Klaus Theweleits Buch "Das Lachen der Täter", das vor zehn Jahren erschien, einer Relektüre und findet vieles, was sich auf das Heute übertragen lässt: "Im Sommer häufen sich Angriffe auf Pride- und CSD-Paraden, bevorzugt in der Provinz, in Ostdeutschland, wo gerade ein Revival der Baseballschlägerjahre steigt, inklusive Reenactment der Baseballschlägerjahre. Kaum hatten sich (links)liberale Medien daran gewöhnt, dass Neonazis nicht mehr nur in Bomberjacke und Springerstiefel rumlaufen, da tun neue Jungmännerhorden genau das: Haare ab, Springerstiefel, ganz in Schwarz, wo geht's hier zum CSD? (...) Nein, die Jungs von 'Combat 18', der 'Elblandrevolte' oder den 'Jungen Nationalisten' sind - noch - keine Killer, aber zum Kill-Schauspiel gehört das Publikum, gehört das Lachen des Publikums, wenn da einer zittert. Oder erschossen wird. Dieses Lachen ist nicht mehr tabuisiert, die Freude am Schaden der Anderen, die Lust an Beleidigung, Demütigung, Erniedrigung der Anderen wird nicht mehr camoufliert, sie wird zur Schau getragen - das Lachen der Täter verstetigt sich zur politischen Attitüde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.08.2025 - Gesellschaft

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Güner Yasemin Balci hat bekanntlich einen erstaunlichen Lebenslauf. Aufgewachsen in einem Berlin-Neukölln, als es noch multikulti war, wurde sie zu einer bekannten Journalistin. Und nun ist sie seit einiger Zeit Integrationsbeauftrage in ihrem Bezirk. Dort wollte sie von der üblichen Förderung der Zivilgesellschaft per Gießkanne wegkommen und Initiativen fördern, die sich tatsächlich für Demokratie einsetzen, sagt sie bei einer Begegnung mit Johanna Adorjan (SZ): "So wurden, sagt Balci, sehr stark auch extremistische Strukturen unterstützt. Sie habe geguckt, wer sich innerhalb der Communitys diesen extremistischen Strukturen entgegenstelle. Da sei zum Beispiel die deutsch-arabische Schule, die explizit säkular ist und sich sehr klar gegen Extremismus und Islamismus positioniert. Die brachte sie mit einer jüdischen NGO zusammen, und gemeinsam überlegten diese nun, was man gegen den Antisemitismus in Neukölln tun könne. 'Die haben bestimmt wertvollere Ideen als ein Kulturverein mit klarer Nähe zum Ditib, zur türkischen AKP', sagt Balci." Über ihr Leben und ihre Ideen schreibt sie in ihrem neuen Buch "Heimatland". In der Berliner Zeitung wird sie von Susanne Lenz interviewt.

Es lässt sich nicht leugnen: Die Kriminalität ist bei Ausländern höher als bei Deutschen, sagt der forensische Psychiater Frank Urbaniok im Gespräch mit Karin Truscheit von der FAZ. Die höhere Gewaltneigung von Tätern aus Ländern wie Algerien oder Afghanistan sieht er dabei als kulturell geprägt, sie sei nicht durch soziale Benachteiligung zu erklären: "Es gibt Untersuchungen, die die Korrelation von Sozialstatus und Delinquenz anhand bestimmter Nationalitäten aufschlüsseln. Da fällt auf, dass zum Beispiel bei einer Gruppe, bestehend aus Algeriern, Libyern, Tunesiern und Ägyptern, rund 19 Prozent als sozial schwach gelten. Die Kriminalitätsrate dieser Gruppe beträgt jedoch rund 23 Prozent. Bei Vietnamesen gibt es einen ähnlich hohen Anteil von sozial Schwachen - doch ihre Kriminalitätsrate beträgt nur rund drei Prozent. Die These von den sozialen Faktoren und dem jugendlichen Alter als Erklärung für die Unterschiede wird so klar entkräftet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.07.2025 - Gesellschaft

In der FAZ greift Anna-May Lohfeld die Geschichte um ein mit öffentlichen Fördergeldern saniertes Haus in der Berliner Oranienstraße auf: Die Eigentümer, die sich "Selbsthelfer" nennen, hatten 85 Prozent der Sanierungskosten (3,4 Millionen D-Mark) vom Senat bekommen, mussten dafür aber gedeckelte Mieten versprechen und die Bevorzugung sozial Benachteiligter als Mieter. Daran haben sie sich jedoch nie gehalten, wie jetzt rauskam: "Zu den 'Selbsthelfern' zählen Journalisten, die für die taz, die Zeit, Berliner Zeitung, Süddeutsche Zeitung und den Spiegel schrieben. Der mutmaßliche Fördergeldbetrug erscheint auch deshalb als Sittenbild, weil einige der Journalisten sich in Artikeln vehement gegen die Ausbeutung von Mietern auf dem Wohnungsmarkt gewendet hatten. Jetzt sind sie es selbst, die erst ihr Haus mit öffentlichen Geldern sanierten, um es dann gewinnbringend an einen Investor zu verkaufen." Eine Anzeige wegen Betrugs ist nicht mehr möglich, weil der Berliner Senat die Verjährungsfrist verpennt hat. Immerhin klagt er jetzt auf Rückzahlung der Fördersumme.

Der Links- und später Rechtsextreme Horst Mahler ist gestorben (unsere Resümees). Im Zeit Online - Interview gibt der Historiker Wolfgang Kraushaar Einblick in Mahlers Überzeugungen. Trotz der scheinbar extremen politischen Kehrtwende, gab es immer Konstanten in seinem Denken: "Als im Jahr 1972 die Spitze der ersten RAF-Generation bereits inhaftiert war, hatte der sogenannte Schwarze September während der Olympischen Sommerspiele in München israelische Athleten als Geiseln genommen und gleich zu Beginn zwei von ihnen ermordet. Horst Mahler bezeichnete nun ausgerechnet diese Aktion in einer Presseerklärung als vorbildlich. Damit hatte er sich eigentlich schon auf Israelfeindlichkeit, Antizionismus und auf mehr als nur verdeckten Antisemitismus eingelassen. Der linke Mahler war insofern kaum weniger judenfeindlich als der neonazistisch eingestellte Mahler. Nur mit dem Unterschied, dass er das auch explizit so formulierte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.07.2025 - Gesellschaft

In der taz berichtet Uta Schleiermacher von Berliner Demonstrationen für die Drusen im syrischen Suweida, die dort zu Hunderten von islamischen Milizen massakriert wurden. Auch hierzulande werden Drusen bedroht: "Einer der Redner bei der Auftakt-Kundgebung ist Tareq Alaows, flüchtlingspolitischer Sprecher von Pro Asyl, der selbst Familie in Suweida hat. Zwei seiner Onkel und ein Cousin seien dort ermordet worden, sagt er. Am Ende seiner Rede zieht er einen Rasierapparat aus der Tasche. 'Auch wenn sie uns ihre Mörder schicken, auch wenn sie uns hier in Deutschland bedrohen: Sie können uns unsere Würde nicht nehmen, sie können uns unsere Existenz nicht nehmen', ruft er und beginnt, sich Teile seines Barts abzurasieren. Mit dieser Geste spielt er an auf Berichte und Videos, nach denen die Angreifer älteren Drusen die Bärte gewaltsam abgeschnitten haben sollen, um sie zu demütigen. Die Demoteilnehmer antworten ihm mit zustimmenden Rufen, Sprechchören und Tanz, viele filmen die Szene. Die Schere als Symbol taucht inzwischen viel in Social Media und auch auf Demos in Deutschland auf. Bei Kundgebungen in der vergangenen Woche in Düsseldorf und am Samstag vor einer Woche in Berlin vor dem Roten Rathaus sollen Demonstranten mit den Händen das Scherenzeichen gezeigt haben, um Drusen zu verhöhnen und zu bedrohen."

Bibliotheken geraten immer mehr ins Fadenkreuz der Rechten - auch in Deutschland, konstatiert Björn Hayer in der FR. So werden in den Parlamenten Anfragen gestellt, in denen herausgefunden werden soll, wie viel Budget für LGBTQ-Bücher genutzt wird. "Dass derartige Manöver auch das Denken und Handeln der Menschen beeinflussen, konnte man bereits an mehreren Orten beobachten. Anfang des Jahres haben Extremisten Bücher mit LGBTQ-Bezügen in der Stadtbibliothek Villingen-Schwenningen zerstört. Gleiches ereignete sich wenige Wochen zuvor in einer Bibliothek in Bochum. Die Ziele liegen dabei auf der Hand. Es geht um die Rückabwicklung eines Vermächtnisses der Frühen Neuzeit." Dabei störten sich die Rechten vor allem an dem Grundsatz, den Bibliotheken seit ihrer Nutzbarmachung für den Großteil der Bevölkerung verkörpern. "Büchereien fußen nunmehr auf dem Prinzip der Gleichheit aller, die sie nutzen. Antidemokraten begehren exakt dagegen auf."

Horst Mahler scheint nicht nur angeblich (wie die FR gestern schrieb), sondern tatsächlich gestorben zu sein. Jedenfalls schreibt Stefan Reinecke in der taz einen Nachruf. Mahler startete weit rechts (in einer rechtsextremen Studentenvereinigung, ganz zu schweigen von seinem Vater, der ein überzeugter Nazi war), zog dann nach scharf links (er war Mitbegründer der RAF) und dann wieder nach ganz rechts außen (als Holocaustleugner). Als Beleg für die Hufeisentheorie taugt Mahler aber nicht, meint Reinecke, dafür sei er zu eitel gewesen: "Aber es ist gleichsam zu naheliegend, dieses extreme, deformierte Leben als Beweis für 'links gleich rechts' zu benutzen. Mahler ist eher eine Art Echokammer der deutschen Katastrophengeschichte im 20. Jahrhundert. Die plane Hufeisenthese verfehlt das Individuelle, das Rätselhafte, Schräge, den Sinn für die dramatische Selbstüberhöhung. Denn im Zentrum des Links- und Rechtsextremisten, des Maoisten und Neonazis Horst Mahler stand immer - er selbst."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.07.2025 - Gesellschaft

Der Bundestag hat eine Kommission mit der Untersuchung der Corona-Pandemie beauftragt: Das wurde auch Zeit, finden der Philosoph Julian Nida-Rümelin und der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit in der SZ. "Teils eklatante Fehler" wären begangen worden, die nun aufgearbeitet werden müssen, zum Beispiel, was die Gewaltenteilung anging. Es stellt sich "die Frage nach der föderalen Ordnung und der Trennung von Exekutive und Legislative in einer Pandemie. Während der akuten Phase etablierte sich die vom Bundeskanzleramt geleitete Ministerpräsidentenkonferenz als Ort für die wesentlichen Entscheidungen zur Pandemiebekämpfung. Dieses Gremium ist in der Verfassung jedoch gar nicht vorgesehen und besitzt daher keinerlei legislativen Status. Besonders problematisch ist deshalb auch der Mangel an Protokollen und Mitschriften dieser entscheidenden Sitzungen (...) Auch die gerichtliche Kontrolle pandemischer Maßnahmen stieß wiederholt an ihre Grenzen. Verwaltungs- und Verfassungsgerichte stützten sich fast ausschließlich auf die Expertise des Robert Koch-Instituts und des Paul-Ehrlich-Instituts. Beides sind Bundesbehörden, die dem Bundesgesundheitsministerium unterstellt sind. Eine unabhängige wissenschaftliche Prüfung, etwa durch externe Sachverständige oder Expertengremien, fand nur in Ausnahmefällen statt."

Wer Rechtsextremismus (und vielleicht auch Islamismus?) verstehen will, braucht Männerforschung, meint der Journalist Thomas Gesterkamp in einem Meinungsartikel der taz - institutionell ist ein solcher Zweig der Genderforschung allerdings so gut wie gar nicht vorhanden: "Unterstützt vom Rückenwind der feministischen Bewegung konnte sich die Frauenforschung institutionalisieren. Männerforschung hingegen ist ein kaum etabliertes Themenfeld - erst recht, wenn sich auch noch männliche Wissenschaftler damit beschäftigen wollen. Ihre relevanten Positionen an Hochschulen lassen sich an einer Hand abzählen. Mit einem Genderschwerpunkt kommen Männer im akademischen Vergabekarussell meist gar nicht zum Zuge."

Die Columbia Universität ist im Streit mit Donald Trump eingeknickt und schließt eine Vereinbarung mit der Regierung ab, um Subventionen zu behalten. "Vordergründig geht es um den Kampf gegen Antisemitismus, den die Hochschule nicht entschieden genug geführt habe. In Zukunft soll aber auch eine unabhängige Ombudsperson über Zulassungen und Personalentscheidungen wachen. Keinerlei Berücksichtigung von Benachteiligungen etwa durch Rassismus soll bei der Zulassung von Studenten mehr geduldet werden. In der Vereinbarung heißt es, Columbia dürfe in Zukunft 'keine persönlichen Stellungnahmen, Diversitäts-Narrative oder irgendeine Erwähnung von 'racial identity'' bei der Zulassungsentscheidung berücksichtigen - gemeint sind die persönlichen Essays, die Studienbewerber einreichen."

Der Linksextremist, Rechtsextremist und Terrorist Horst Mahler ist "angeblich gestorben", meldet unter anderem die FR. Die Meldung ist bisher noch im Konditional gehalten, weil sie ursprünglich aus einer rechtsextremen Quelle stammt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.07.2025 - Gesellschaft

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CSDs werden attackiert, Gewalt im Alltag gegen queere Menschen steigt wieder an, aber CDU-Bundestagspräsidentin Julia Klöckner verbietet die Regenbogenfahne auf dem Reichstagsgebäude. Dabei demonstrieren Menschen auf den CSDs nicht nur für Minderheiten, sondern für die Menschenrechte aller, erinnert in der taz die Philosophin Jule Govrin, Autorin des Buches "Universalismus von unten", auch "liberale Feuilletons", die Universalismus gegen "woke" Identitätspolitik in Gegensatz bringen: "Es ist wichtig und richtig, in Zeiten, in denen autoritäre Akteure die Menschenrechte abräumen wollen, am Gedanken des Universalismus festzuhalten. Doch wir können Universalismus nicht ohne Differenz denken, denn gelebte Gleichheit braucht demokratische Vielfalt. Queere Bewegungen haben sich stets für mehr Gleichheit eingesetzt. Deshalb sind sie egalitär und universalistisch. Sie kämpfen für die eigenen Rechte ebenso wie für die Gleichheit, Freiheit und Selbstbestimmung aller. Wenn Linke Universalismus als Gegenprogramm zu Wokeness bestimmen, um so gegen autoritäre Kräfte anzutreten, dann werden CSDs als identitätspolitischer Nebenschauplatz abgetan. Das verkennt vollends die Manöver von AfD, Orbán, Trump und anderen Antidemokraten."

Weiteres: Im taz-Gespräch warnt Ferda Ataman, Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes derweil, dass die Union den Kampf gegen Diskriminierung untergräbt und Ressentiments und Racial Profiling zunehmen. Sie fordert eine Verschärfung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes.

Die Amerikaner bleiben völlig gleichgültig, während die USA unter Trump zur "Demokratur" verkommt, glaubt in der FAS der französische Schriftsteller Olivier Guez, der gerade ein halbes Jahr in Princeton lehrte: "'Ihr Europäer versteht die amerikanische Mittelschicht nicht', sagte einmal meine französisch-amerikanische Kollegin Carole Trévise zu mir, als ich sie nach ihrer Meinung zu der grassierenden Passivität fragte. Hier tritt man nicht mal einfach so in den Streik: Wer einen Nachmittag lang fehlt, um auf eine Demo zu gehen, wird gefeuert. Die Leute sind ausgelaugt, sie leben in einer permanenten Unsicherheit. Sie haben gar keinen mentalen Raum, um über die amerikanische Demokratie nachzudenken, deren Ausnahmestatus ihnen von Geburt an eingetrichtert wird. Die derzeitigen Ereignisse sind so noch nicht da gewesen. Die Leute wissen nicht, wie sie Stellung beziehen sollen. Und die meisten Amerikaner haben keine Ahnung von Geschichte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.07.2025 - Gesellschaft

Der Notar Christoph Moes mag in der FAZ die Entrüstung von 300 Juristen nicht teilen, die Frauke Brosius-Gersdorf gegen eine Kampagne in Schutz nahmen: "Unter politischen Gesichtspunkten hat Frau Brosius-Gersdorf jedenfalls genügend Positionen öffentlich vertreten - einige auch in einer dezidiert nichtwissenschaftlichen Form -, die die Ablehnung ihrer Person als Verfassungsrichterin (nicht: als Wissenschaftlerin) immerhin plausibel machen. Man muss diese Ablehnung nicht teilen. Dass einzelne dieser Positionen zugespitzt und 'in Unkenntnis der rechtswissenschaftlichen Diskussion' als 'radikal' eingeordnet wurden, dürfte aber keineswegs der demokratische Diskurssündenfallsein, den der Protestbrief herbeizureden versucht."
Stichwörter: Brosius-Gersdorf, Frauke

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.07.2025 - Gesellschaft

Klar darf man Israel kritisieren, schreibt Fania Oz-Salzberger im Jewish Chronicle in einem Artikel über Israelkritik versus Antisemitismus. Anders ist es schon, wenn es um die Existenzberechtigung Israels geht. Und ein Satz wie "I don't hate Jews, only Zionists" sei eindeutig antisemitisch. "Zu diesen Positionen gehören ganz gewiss auch die neuen Melodien, die auf dem Glastonbury Festival gespielt wurden. 'Tod den IDF' ist absolut gleichbedeutend mit 'Tod Israel'. Als Israelin, die wie meine Eltern, mein Mann und meine beiden Söhne in den IDF gedient hat, bin ich vielleicht wütend darüber, wie unsere Regierung den Krieg zwischen der Hamas und Israel geführt hat, wie sie die enorme internationale Sympathie nach dem Massaker der Hamas verspielt hat und wie sie die Verfehlungen einiger Militärkommandanten und Soldaten weitgehend ungestraft gelassen hat. Aber die Helden von Glastonbury müssen wissen, dass die IDF die einzige Armee sind, die ich habe, und die einzige Macht, die jeden jüdischen Israeli - und wahrscheinlich auch viele arabische Israelis - davor bewahrt hat, massakriert zu werden."

Ahmad Mansour kann in der Welt nur den Kopf schütteln: Kaum ein Wort der Empörung hörte man in Deutschland über die grausamen Angriffe von Djihadisten auf syrische Drusen (unsere Resümees). Erst nachdem Israel eingriff, wurde es wieder laut: "Die vergangenen Tage waren wieder ein Lehrstück in Doppelmoral. Während Flammen aus Häusern schlugen, Frauen und Kinder flüchteten, Männer ermordet und Greise drangsaliert wurden, regte sich kein Hauch Protest gegen Taten und Täter. Bis Israel eingriff, und - wie schon im syrischen Bürgerkrieg - den verfolgten Drusen militärisch zur Seite sprang. Dann aber! Dann war sie plötzlich da, die Empörung: Wie Israel dazu komme, sich 'als Schutzmacht zu inszenieren'! Al-Dscholani verbat sich Einmischung, westliche Medien schilderten Israels Solidarität als 'völkerrechtswidriges' Problem. Dabei tat Israels Armee, was der Westen längst selbst hätte tun müssen."

Außerdem: Bei den Ruhrbaronen fragt Stefan Laurin fassungslos, was die Bewegung Queers for Palestine motiviert, angesichts des notorischen Schwulenhasses der Hamas.

Von Satire keine Spur mehr, darüber ist jeder Bahn-Kunde längst hinaus, selbst in der vornehmen FAZ: "Es ist zum Kotzen mit der Bahn", ruft dort ein wütender Edo Reents angesichts bis zu dreimal längeren Fahrzeiten auf einigen Strecken: "Fasst man die beiden Hauptbaustellen ins Auge - die bald beginnende Streckensanierung Hamburg-Berlin und, trostloser Dauerbrenner, Stuttgart 21 -, so bekommt das Bild, das sich aus einer Mischung von hilf- und haltlosem Großsprechertum und dem sich aus dem immerhin keimenden Bewusstsein des Versäumten ('kaputtgespart') speisenden Aktivismus ergibt, der seit dem kleinlauten Einkassieren auch der letzten halbwegs langfristigen Perspektive immer kurzatmiger wird, neuerlich Kontur: eine einzige, sich immer weiter in die Breite und in die Tiefe hineinfressende Verhedderung, von der es bis zum vollständigen Stillstand vielleicht gar nicht mehr weit ist. Panik breitet sich allmählich aus, die nur zu begreiflich ist."