9punkt - Die Debattenrundschau

Europa, Welt - hört her!

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.01.2026. In der FAS bestärkt die grönländisch-dänische Schriftstellerin Nauja Lynge Dänen und Grönländer, Einigkeit gegenüber Trump zu demonstrieren. In der FR glaubt der Soziologe Wolfgang Streeck hingegen, Dänemark werde den Amerikanern so etwas wie eine "De-facto-Souveränität" über Grönland zugestehen. Zeit Online befürchtet im Iran ein Zeitalter der "absoluten digitalen Isolation". Seit den 1880er-Jahren wurde der Antisemitismus zu einem dominierenden Faktor an den Universitäten, erinnert der Historiker Matthias Stickler in der Welt.  
Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.01.2026 finden Sie hier

Politik

In der FAS plädiert die grönländisch-dänische Schriftstellerin Nauja Lynge nicht nur für einen Wiedereintritt Grönlands in die EU, sie ruft vor allem Dänen und Grönländer zur Einigkeit auf - auch wenn durch Trump die Erinnerung an die Kolonialgeschichte wiederauflebt: "Denn es gibt noch immer Rassismus, Inobhutnahme grönländischer Kinder durch das Jugendamt und einen Unwillen, Grönländer in Dänemark in eigener Sache zu Wort kommen zu lassen. Selbst nachdem Inatsisartut, das grönländische Parlament, den Beschluss gefasst hatte, Grönländer in Dänemark zu befragen, ob sie als nationale Minderheit anerkannt werden wollen, ist von dänischer Seite nichts passiert. Vielleicht weil es so heikel ist, sich der Geschichte zu stellen." Und dennoch: "Wenn wir nicht zusammenhalten, ist unsere Zerrissenheit bloß ein Geschenk für Trump", so Lynge. 

Die Amerikaner sind längst tief in Grönland drin, sagt indes der Soziologe Wolfgang Streeck im FR-Gespräch mit Michael Hesse: "Seit dem Zweiten Weltkrieg und dann dauerhaft seit dem Kalten Krieg. Wenn Sie vor 1990 an einem sonnigen Tag über Nordgrönland geflogen wären, so wie es mir vergönnt war, hätten Sie am Boden eine US-Militärbasis nach der anderen gesehen. Wenn Sie eine Vorhersage wollen: Angesichts der dänischen Russophobie gehe ich davon aus, dass Dänemark, unterstützt von einer erleichterten Rest-NATO, den Amerikanern so etwas wie eine De-facto-Souveränität über Grönland zugestehen wird, mit kleinen optischen Korrekturen zur Gesichtswahrung."

Ein Jahr nach Trumps Ankündigung sind die USA nun aus der WHO ausgetreten und in der FAZ weiß Joachim Müller-Jung: Das "schwächt die WHO erheblich, es fehlen künftig jedes Jahr 260 Millionen Dollar, immerhin zwölf bis 15 Prozent des Budgets. Er diskreditiert auch ein weiteres Mal die internationale Solidarität. Vor allem aber müssen nun Millionen kranke Menschen weltweit mehr denn je um ihr Leben fürchten. Schon die stornierten Mittel im vergangenen Jahr haben viele Impf- und Hilfsprogramme für die HIV-, Tuberkulose- und Malaria-Bekämpfung gekappt. Dem seit Jahrzehnten verfolgten Plan für die Ausrottung des Polio-Erregers wird es ergehen wie der mittlerweile verblichenen Hoffnung auf ein Ende der Masern-Ausbrüche, die im Zuge von Trumps impffeindlicher Gesundheitspolitik erst einmal ad acta gelegt werden müssen."

Weitere Artikel: In der SZ denken Georg Ismar und Vivien Tümmler darüber nach, weshalb eine Renaissance der Ideen des Staatsrechtlers Carl Schmitt in den USA und Russland zu beobachten ist. Ebenfalls in der SZ erklärt Adrian Kreye, wie Trump mit Posts Politik macht. Und Nils Minkmar ermuntert die Europäer zum Protest, etwa durch "wertebasiertes Konsumentenverhalten". Stefan Reinecke überlegt wiederum in der taz, weshalb die deutsche Politik so ratlos vor Trump steht.  

Was muss noch geschehen, dass die EU die Revolutionsgarden im Iran auf die Terrorliste setzt, fragt sich die Schriftstellerin Nava Ebrahimi, die in der SZ von der Verzweiflung der Iraner berichtet, die ihre letzte Hoffnung ausgerechnet auf Trump setzen: "Weil Iranerinnen und Iraner offenbar jeglichen Glauben an die EU und ihre Werte verloren haben. Aber noch mehr, weil sie derart verzweifelt sind, dass manche in jemandem wie dem US-Präsidenten, einem offenen Rassisten, ihre letzte Rettung sehen. Die allermeisten wissen, schätze ich, dass er sich nicht wirklich um ihr Wohlergehen sorgt, dass Menschen für ihn nur Verfügungsmasse sind, und dass er das mit den iranischen Machthabern teilt. Aber die, die sich dennoch an ihn wenden, verlangen nicht mehr viel - nur, nicht zu sterben wie die Fliegen."

In ihrer FAS-Kolumne berichtet Ronya Othmann von der Angst der Kurden in Syrien vor Massakern durch Golanis Truppen. Und dennoch: "Wenn Golani eines erreicht hat, dann, die ideologisch, politisch und gesellschaftlich sehr heterogenen Kurden zu einen. Und sie ein gutes Stück weiter von Syrien zu entfernen. Unter der syrischen Flagge morden die Islamisten. Dabei hatte die Selbstverwaltung Nord- und Ostsyrien, wie schon ihr Name sagt, immer betont, integraler Bestandteil des Landes zu sein. Indem Golani, wie schon Assad, diese Einheit mit brutalster Gewalt erzwingen will, hat er sie wohl nun ganz verloren. Dort, wo Golanis Truppen erobern, kommen IS-Terroristen aus den Gefängnissen frei. Schließlich verloren die SDF auch die Kontrolle über das Gefangenenlager Al Hol, in dem Zehntausende IS-Anhänger mit ihren Familien inhaftiert waren. Das ist nicht nur eine Gefahr für die Region, sondern auch für Europa."
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Medien

Seit dem 8. Januar ist das Internet im Iran nicht verfügbar, aber das Regime will noch weitergehen, entnimmt Omi Rezae (Zeit Online) Recherchen der Gruppe Filter.Watch und des Fernsehsenders Iran International in London. Es sei von einem neuen Zeitalter der "absoluten digitalen Isolation" die Rede, der Zugang zum globalen Internet solle vollständig gekappt werden: "Herzstück sei ein neues Rechenzentrums- und Cloudsystem auf Basis des chinesischen Herstellers Huawei. Nach dieser Recherche soll Huawei die gesamte Plattform für das Nationale Informationsnetz bereitstellen. Die dafür nötige Ausrüstung sowie Software soll die Firma bereits verdeckt geliefert haben. In den dazugehörigen Unterlagen taucht der Name des Unternehmens demnach bewusst nicht auf - offenbar, um es vor US-Sanktionen zu schützen. Das neue System soll staatliche Plattformen, Banken, Zahlungsdienste und andere kritische Infrastrukturen bündeln." Es deute "alles darauf hin, dass der Iran von einem Blacklist-Modell zu einem Whitelist-Modell übergeht. Statt einiges zu verbieten, wäre dann alles verboten außer dem, was ausdrücklich erlaubt wird."
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Stichwörter: Iran, Internet, Huawei

Europa

Die ukrainischen Schriftstellerinnen Iya Kiva und Iryna Tsilyk senden der taz erschütternde Berichte aus dem inzwischen vierten Kriegswinter in der Ukraine, wo die russische Armee weite Teile der Energie-Infrastruktur zerstört hat. Kiva warnt: "Nicht alle ukrainischen Kinder werden diesen Winter überleben, denn ihre schwachen Immunsysteme haben noch nicht gelernt, der russischen Aggression zu widerstehen. Nicht alle alten Menschen, Menschen mit Behinderungen und einfach nur einsame Menschen werden diesen Winter überleben. Nicht alle Häuser, auch wenn sie äußerlich unbeschädigt bleiben, können wieder in einen bewohnbaren Zustand zurückversetzt werden. Ganz zu schweigen davon, was aufgrund von Stromausfällen in Krankenhäusern, Operationssälen und Intensivstationen geschieht."

Ebenfalls in der taz ruft Juri Konkewitsch derweil: "Europa, Welt - hört her! Ich kann es nicht fassen, dass ihr euch an die Nachrichten aus der Ukraine über die täglichen(!) Angriffe dieser russischen Barbaren auf Wohnhäuser und zivile Ziele in der Ukraine und ihre Versuche, Großstädte mit über einer Million Einwohnern lahmzulegen, gewöhnt habt. Man sollte sich eine einfache Sache vor Augen halten: Das russische Vorgehen erinnert an den Holodomor." Auf den Medienseiten der taz blickt Nicholas Potter indes auf die Brutalität der rechtsextremen Einheit Rusitsch, die an der Front und im Netz gegen die Ukraine kämpfen: "Die Einheit verkauft ihr eigenes Merchandising über einen Webshop, darunter Schlüsselanhänger und Proteinpulver - Letzteres beworben mit dem Spruch 'Cooler als Butscha' in Anspielung auf die ukrainische Kleinstadt, die zum Synonym für russische Kriegsverbrechen wurde."
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Stichwörter: Ukraine

Geschichte

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Jan Feddersen (taz) hat den Historiker Götz Aly, dessen Buch "Wie konnte das geschehen?" vergangenes Jahr zum Bestseller wurde, anlässlich des Holocaust-Gedenktages am kommenden Dienstag zum Gespräch getroffen. Dass das Erinnern mit dem Sterben der letzten Zeitzeugen verblasse, lasse sich nicht aufhalten, auch die universitäre Forschung sei "im eigenen Saft sehr steril" geworden, sagt er. Er rät, neben den Opfern und den Tätern auch die deutsche Gesellschaft während der NS-Jahre stärker in den Blick zu nehmen: "Wie viel Opportunismus, wie viel Feigheit, wie viel Mitmachen, wie viel politisch effektloses Nichtmitmachen haben deutsche Männer und Frauen damals an den Tag gelegt? Die Methoden der Macht, die die deutsche Führung damals anwandte, die verführerischen wie die robusten, sind nicht ungewöhnlich gewesen. Für sich genommen, sind sie alle noch in Gebrauch, derzeit zumeist in vergleichsweise milderen Formen. (…) Die sozialen Bestechungspraktiken: Urlaub, Kindergeld, gerechte Lebensmittelverteilung im Krieg und so weiter. Das können wir hier auslassen. Nehmen wir als Beispiel den Krieg. Egal ob gerecht oder ungerecht, lässt er Menschen zusammenrücken und macht sie auch gefügig. Krieg ist seit Menschengedenken ein bewährtes politisches Integrationsmittel." Noch ausführliche findet sich das Gespräch online.

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Aly erklärt auch, warum viele akademisch gebildete Deutsche Hitler unterstützten: Im Gegensatz zur jüdischen Minderheit sei die christlich geprägte Mehrheitsbevölkerung bis 1900 wenig auftsiegsorientiert gewesen: "Schon in der Weimarer Republik berufene Wissenschaftler ermunterten die langsam hinterherhechelnde germanodeutsche Mehrheit mit der Lehre von der nordischen Edelrasse, die kulturell und moralisch allen anderen überlegen sei." Im Welt-Gespräch mit Marc Reichwein blickt der Historiker Matthias Stickler, Mitautor des Buches "Beiträge zur Geschichte des Burschenbunds-Convents B.C.", noch weiter zurück. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts gelang den Corps und Burschenschaften "eine Art Marsch durch die Institutionen", erinnert er: "Seit den 1880er-Jahren wurde dann der Antisemitismus zu einem dominierenden Faktor an den Universitäten. Im Unterschied zum christlichen Antijudaismus, den es seit Jahrhunderten gab, befeuerte ein deutsch-völkischer Nationalismus die pseudowissenschaftliche Vorstellung, dass Juden eine eigene Rasse seien und unmöglich Deutsche sein könnten. Dieser rassistische Antisemitismus war auch eine Jugendbewegung - das muss man sich immer wieder klarmachen."
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Ideen

Auf den Bilder-und-Zeiten-Seiten der FAZ blickt der Historiker Gad Arnsberg auf die lange Geschichte des Antisemitismus zurück - und klärt die Antikolonialisten, die in Israel den "Prototyp eines virulenten Siedlerkolonialismus" ausgemacht zu haben glauben, auf: "Als Nachfahren früherer Bewohner entsprechen Juden - nicht minder als Palästinenser - der postkolonialen Definition von Indigenen. Zudem bestand stets eine jüdische Präsenz in Palästina. Das Land war als verlockende siedlerkoloniale Nutzfläche denkbar ungeeignet. Die Einwanderer betrieben Landerwerb, nicht Landraub. Der Zionismus zielte nicht auf die Ausbeutung der arabischen Bevölkerung, sondern auf jüdische Eigenarbeit. Der Jischuw - die jüdische Gemeinschaft in Palästina - strebte keine grenzenlose Expansion an, sondern stimmte zweimal einer Teilung zu, 1937 und 1947. (…) Was dem siedlerkolonialistischen Vorwurf dennoch Vorschub leistet, sind die Verwerfungen der Besetzung der Westbank und die medienwirksamen Ausschreitungen militanter Siedler."

Ulrich Gutmair resümiert in der taz eine Tagung in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz, bei der kritisch über den Begriff der "Staatsräson" diskutiert wurde. Der Historiker Jacob Eder etwa sagte, dass der Begriff seit Merkels Rede inzwischen von allen Seiten "instrumentalisiert" werde. Gutmair selbst kritisiert, dass Merkels Rede meist verkürzt wiedergegeben werde, denn Merkel sprach sich auch für das palästinensische Recht auf Selbstbestimmung aus: "Deutschland tritt entschieden für die Vision von zwei Staaten in sicheren Grenzen und in Frieden ein - für das jüdische Volk in Israel und das palästinensische in Palästina."
Archiv: Ideen
Stichwörter: Arnsberg, Gad, Antisemitismus