Bestellen Sie bei eichendorff21!Trump hat sich mit seinem Venezuela-Coup wie ein klassischer amerikanischer Imperialist verhalten, allerdings ohne jede ideologische Bemäntelung, sagt der in China lehrende PolitologeDaniel Marwecki, dessen Buch "Die Welt nach dem Westen" gerade erschienen ist, im Gespräch mit Oliver Weber von der FAZ. Allerdings sei Amerika ein absteigendes Imperium, so Marwecki, für den die Sonne in China aufgeht: "Allen voran China beherrscht inzwischen einen Großteil der weltweiten Industrieproduktion. Womöglich werden viele Deutsche bald Elektroautos von BYD statt von Volkswagen fahren. Militärisch kann China mit den USA noch lange nicht mithalten; aber die Größe des Landes, sein Bevölkerungsreichtum, vor allem aber seine Wirtschaftskraft haben die Vorstellung eines westlich dominierten Planeten anachronistisch gemacht. Und es ist längst nicht nur China, das sich westlicher Vorherrschaft verweigert."
Thomas Thiel resümiert ebenfalls in der FAZ einen Vortrag des Ökonomen Moritz Schularick, der auf Ähnliches hinausläuft: "Das amerikanische Venezuela-Abenteuer ist zugleich eine Warnung an China, sich aus der amerikanischen Einflusssphäre herauszuhalten, und eine Einladung sich Taiwan einzuverleiben, womit dann auch der Zugang zu Hochleistungschips in chinesischer Hand wäre. Europa, das den Anschluss an die neuen Technologien verloren hat, die in vielen industriellen Bereichen disruptive Fortschritte versprechen, träfe das besonders hart."
In der FAZ zeigt sich Simon Strauß ziemlich beeindruckt von einer Aussage der dänischen Ministerpräsidentin Mette Frederiksen. Angesprochen auf Trumps Drohung, Grönlandzu überfallen, also ein anderes Nato-Land, erklärte sie im dänischen Fernsehen: "Sollten sich die USA zu einer solchen Attacke entscheiden, dann sei 'alles vorbei'. Im dänischen Original lautet der Satz: 'Hvis USA vælger at angribe et andet NATO-land, så hører alting op.' Så hører alting op - wörtlich übersetzt: 'dann hört alles auf'. Es ist bemerkenswert, dass eine Politikerin hier die engen Bahnen der politischen Funktionsrhetorik verlässt und ins Ungefähre einer metaphysischen Redeweise eintritt. Einer Vorstellungswelt, die uns das Ende von allem - man will hinzufügen 'allem Gewohnten' - vor Augen führt und nicht versucht, das potentiell Umstürzende der Vorgänge psychologisch abzufedern." Für Strauß "klingen schon die Töne einer anderen Zeit herüber".
In der FAZ vergleicht der Historiker Mischa Meier Donald Trump mit einem römischen Kaiser - aber nicht mit Caligula oder Nero, wie kürzlich Gustav Seibt in der SZ (unser Resümee), sondern mit Augustus. Wie Tacitus bei Augustus erkennt Meier bei Trump die Markierungspunkte auf dem Weg zu einer monarchischen Ordnung: "fortschreitende autoritäre Umgestaltung der politischen Ordnung, Aufstellung des Militärs als Drohgebärde gegen die eigene Bevölkerung, ein nonchalant-aushöhlender Umgang mit den überkommenen Institutionen, die Durchsetzung eines ideologisch-moralischen Erneuerungsprogramms, Vorgehen gegen traditionelle Eliten, gegen politische Gegner und Andersdenkende, Erzeugung einer Kultur der Ehrerbietung und des Schmeichelns, Bruch mit den etablierten Maximen der Außenpolitik durch eine grundlegende, auf den Herrscher zentrierte Neuordnung der Welt und - zuletzt - die Selbststilisierung als Friedensbringer. Aus gegenwärtiger Perspektive beunruhigt an der Politik des Augustus vor allem eines: Sie war in jeder Hinsicht erfolgreich."
Mit seiner "Donroe-Doktrin" lehnt sich Donald Trump eher an seinen Amtsvorgänger Theodore Roosevelt an, der seiner Zeit mit einem "Roosevelt-Korollar" einen "internationalen Polizeidienst" forderte und beispielsweise in Kuba und Haiti einfiel, schreibt Marc Tribelhorn in der NZZ. Das findet sich auch bei Trump und seiner neuesten Sicherheitsstrategie wieder: "Eine zentrale Neuerung ist das sogenannte 'Trump-Korollar' zur Monroe-Doktrin. Gemäß dieser soll Konkurrenten - insbesondere China und Russland - verwehrt werden, strategisch bedeutsame Vermögenswerte in der westlichen Hemisphäre zu besitzen oder zu kontrollieren. Damit zeigt sich auch, dass sich Donald Trump mit seiner 'Donroe-Doktrin' mehr auf Theodore Roosevelts Kanonenbootpolitik beruft als auf die ursprüngliche Monroe-Doktrin", die eigentlich nur bedeutete, im Falle von fremden Invasionen die westliche Hemisphäre zu verteidigen.
Trump hat sicher alles getan, die Demokratie in Amerika zu untergraben, "gleichwohl", meintClaus Leggewie in der taz, "die amerikanische Demokratie, so unfertig sie immer blieb, hat die Könige davongejagt und frühere Kipppunkte überstanden, darunter die Reichen-Oligarchie am Ende des 19. Jahrhunderts und die erste Welle falscher America-first-Propheten, die sich in den 1930er Jahren am liebsten mit Adolf Hitler verbündet hätten. Vom Alter des Greises, der im Juni 80 wird, war noch gar nicht die Rede, der unüberwindbar wirkende Präsident verliert seine Aura. Dem kann im Jahr 2026 mit einer Machtentziehungskur nachgeholfen werden."
In der taz macht sich Georg Seeßlen schwere Sorgen um die Demokratie hierzulande: "Mit unserer Demokratie verhält es sich ein bisschen so wie mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland: Man würde sie sehr gern verteidigen. Aber was, wenn die Kräfte zu ihrer Zerstörung direkt aus ihrer Mitte kämen, was, wenn sich das, was man verteidigen will, hinterrücks selbst auflöste? Wenn man die Demokratie verteidigen möchte, dann geht es ja schließlich nicht nur um dieses zwar nie perfekte, aber doch menschlichste und modernste politische System, sondern auch um die Menschen, die es mit Leben erfüllen sollen: Regierungen, Parlamente und nicht zuletzt um die Leute, um das Volk, um uns - we, the people. Wollen wir, können wir überhaupt noch Demokratie? Gibt es überhaupt noch ein demokratisches, liberales und humanistisches 'Wir'?"
Im Interview mit der FAZ schwärmt Amit Jain, Mitbegründer und CEO der Firma Luma AI, von den segensreichen Wirkungen, die seine multimodale KI der Welt bringen wird: Es geht um eine KI, die Sprache, Video und Audio beherrscht und damit dem menschlichen Denken näher kommen soll, als die bisherigen Sprach-Modelle. Dafür haben sie 1,4 Milliarden Dollar Investitionskapital gesammelt. Als erstes will man sich die Filmbranche vornehmen: "Kleine Studios mit 30 bis 50 Leuten bekommen dann Budgets von 20 Millionen Dollar und können damit Filme machen, die früher 100 Millionen gekostet hätten. Das wäre ohne KI unmöglich." Kritik an seiner Zusammenarbeit mit der autoritären Regierung in Saudi-Arabien wischt er beiseite: "Die deutsche Geschichte beinhaltet den Nationalsozialismus. Khashoggi ist Teil der Geschichte. Saudi-Arabien verändert sich rapide. Viele Vorurteile stammen aus alten Erzählungen. Die junge Generation ist gut ausgebildet, offen, technologisch versiert. Alle Länder haben dunkle Kapitel in ihrer Geschichte. Entscheidend ist, ob sie sich verändern - und das geschieht dort gerade sehr schnell."
Sebastian Moll erzählt in der taz die Geschichte der Idee des Sozialismus in Amerika nach, die sich erheblich von der europäischen unterscheidet, und kommt zu einem hoffnungsvollen Schluss: "Sozialismus in Amerika steht nicht für Bolschewismus und Repression, wie die Rechte das gerne zeichnen möchte, sondern für Pluralismus und soziale Gerechtigkeit. Und die weitestgehend jungen Anhänger von Mamdani und Co haben das längst begriffen. Spätestens seit dem Erfolg von Bernie Sanders im Jahr 2016 lassen sie sich nicht mehr von der Sozialismus-Karikatur, die seit Jahrzehnten von der Rechten propagiert wird, beeindrucken."
Ob Zohran Mamdani seinen Amtseid auf die Bibel oder den Koran ablegt, ist eigentlich egal, findet Ruben Gerczikow in der FAZ. Denn eigentlich "sollte weder auf Bibel, Tora noch Koran geschworen werden. Nicht, weil Religion aus dem öffentlichen Raum verbannt gehört, sondern weil der Staat - und damit seine Vertreter - selbst kein religiöses Bekenntnis annehmen... Der Staat schafft die Rahmenbedingungen, wie zum Beispiel die Religionsfreiheit, um (theoretisch) allen Bevölkerungsgruppen individuelle Freiheiten zu ermöglichen. Genauso setzt er aber auch Grenzen: etwa beim Kindeswohl (Schulpflicht) und der Freiheit, ohne Religion leben zu können."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Libertär ist nicht liberal, sondern genau das Gegenteil, ruft in der SZ der Medienwissenschaftler Martin Andree, der gerade ein Buch über "Dark Tech und Populisten" veröffentlicht hat: Libertäre "wollen uns die Freiheit für immer nehmen. Sie wollen uns kontrollieren in digitalen Monopolen, sie wollen uns erpressen durch ihre Dominanz auf dem Feld der digitalen Infrastrukturen, sie wollen uns den Fängen ihrer autokratischen Partner ausliefern, also der US-Regierung auf der einen und Putin auf der anderen Seite. (Wirtschafts-)liberale Parteien wie die CDU/CSU oder die FDP werden erst dann wieder aus der politischen Defensive kommen, wenn es ihnen gelingt, selbst eine eigene, überzeugende Programmatik der politischen Freiheit zu entwickeln. Und wie die aussehen könnte, liegt auf der Hand: Wir brauchen jetzt eine wirtschaftsliberale Initiative gegen die Tech-Monopole, die wir genauso konsequent abschaffen müssen, wie wir das in den Neunzigerjahren mit dem Monopol im Bereich der Telekommunikation hinbekommen haben. Eine Befreiungsbewegung gegen einseitige Rechtsprivilegien und Vorzugsbehandlungen, die nur den Tech-Monopolisten helfen, aber andere Markt- und Medienteilnehmer chancenlos lässt."
Im Interview mit der SZ erzählt der Filmemacher und Autor Claus Biegert, was ihn die Native Americans über die Natur gelehrt haben und warum er sich der Bewegung für die Rechte der Natur angeschlossen hat: "Gleiche Wertung ist gefragt: Naturrechte, Menschenrecht, Eigentumsrechte. ... Wenn die Natur nicht mehr Objekt, sondern Subjekt ist, dann wird sich etwas in unseren Köpfen verändern, davon bin ich überzeugt. Ich höre oft der Loisach zu. Daneben gibt es das juristische Fundament: Warum kann ein Konzern als juristische Person sich von Anwälten vertreten lassen, ein Berg aber nicht? In Neuseeland haben ein Berg, ein Wald und ein Fluss Rechtsstatus erhalten, weil Berge, Wälder, Flüsse auch ihre Ahnen repräsentieren. Weil Berge, Wälder, Flüsse Lebewesen sind. Davon sind wir noch weit entfernt, doch es regt sich auch bei uns: Die spanische Regierung hat 2022 die Lagune Mar Menor zur Rechtsperson ernannt."
Martin Sökefeld, Professor für Ethnologie in München, hofft auf eine Abschaffung der Grenzen in westlichen Ländern. In der tazvergleicht er den Kampf hierfür mit dem Kampf gegen die Sklaverei: "Nehmen wir die langwierige Abschaffung des Rechts auf Sklaverei mit allen Rückschlägen als eine Parabel für die Abschaffung des Grenzrechts. Es gab nicht nur ethische Gründe gegen Sklaverei. Adam Smith, der schottische Vordenker des Liberalismus, brachte ökonomische Argumente vor. Er hielt die Arbeit freier Menschen für effizienter als Sklavenarbeit. Sklavenarbeit ist am Ende die teuerste Arbeit, schrieb er 1776. Heute könnte man mit den ungeheuren Kosten des Grenzschutzes argumentieren: Könnten diese vielen Milliarden Euro nicht sinnvoller eingesetzt werden? Heute würde Adam Smith vermutlich schreiben, dass es ökonomisch sinnvoller wäre, angesichts des Arbeitskräftemangels Flüchtlinge arbeiten zu lassen, anstatt sie oft zu Untätigkeit zu verdammen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!In seinem aktuellen Buch untersucht der Philosoph Michael Hampe die "Krise der Aufklärung". Im FAZ-Gespräch mit Fabian Ebeling blickt er besorgt auf die Bürokratisierung und Uneinigkeit in Europa - vor allem mit Blick auf die "neoreaktionäre Revolution" in den USA: "Sie knüpfen an die konservative Revolution an, die den Faschismus in Deutschland vorbereitete. Die Bewegung der Aufklärung hat dagegen im neunzehnten Jahrhundert erkannt, dass Wissenschaft keine absoluten Gewissheiten kennt. Das ist jedoch bis heute nicht ganz in der Öffentlichkeit angekommen, was in den Vereinigten Staaten von Leuten wie Elon Musk ausgenutzt wird. Paul Feyerabends 'anything goes'-Relativismus wird von rechts so ausgelegt, dass jede Behauptung gilt und nicht, dass jede geprüft werden muss. Jeder soll zu Recht behaupten können, die Erde sei flach oder stehe im Mittelpunkt des Universums."
Für die FAS blickt Reinhard Vesper in das neue "Erklärende Wörterbuch", das der Kreml im Frühjahr für verbindlich erklärt hat. Bei Zuwiderhandlung droht Strafe. "Es enthalte besondere Definitionen der Schlüsselbegriffe von Putins Erlass, heißt es im Vorwort. Sie seien 'unter der Kontrolle des Justizministeriums' erstellt und mit der Russischen Orthodoxen Kirche abgestimmt worden. Und so findet sich in den Definitionen von Begriffen wie Leben, Humanismus, Würde, Ehe, Patriotismus, Barmherzigkeit oder Kollektivismus der Hinweis, es handle sich um einen 'traditionellen russischen geistlich-sittlichen Wert'. Auch die Beispiele für die richtige Verwendung von Wörtern sind durchzogen von Verweisen auf Putins Erlass."
Es geht noch absurder: Ein Redakteursteam hat sich für Zeit Online den Putin-Kalender 2026angeschaut, in dem man Putin beim Judo, beim Flirten oder als Feldherr sieht. Oder auch als "sensiblen Mann am Piano": "Im Licht der Kameras, im Auge seines Volkes, nimmt er sich einen Moment, um nachzudenken. Für die Propaganda setzt sich Putin immer wieder gern ans Klavier, scheinbar beiläufig und in sich gekehrt, spielt er sowjetische Klassiker. Zum Beispiel, als er 2017 bei einem Staatsbesuch in Peking darauf wartete, dass Xi Jinping zum Treffen erscheint. Aber von wegen, alles müsse man 'mit eigener Hand tun': Putin spielt mit zwei Fingern."
Weitere Artikel: Jan Grossarth erinnert in der Welt an den italienischen Philosophen Giambattista Vico, dessen vor 300 Jahren verfasstes Hauptwerk "Scienza Nuova" über den Untergang der Zivilisationen erstaunlich aktuell erscheint. Die FAZ bringt auf ihren Bücher-und-Themen-Seiten die Rede, die Marko Martin am 16. Dezember im thüringischen Landtag zum 75. Geburtstag des Schriftstellers und DDR-Bürgerrechtlers Jürgen Fuchs hielt. Der Sinologe Henrik Jäger erzählt ebenda, wie Konfuzius aus dem Denken des Westens vertrieben wurde.
Alan Posener und Liane Bednarz haben bei starke-meinungen.de die Brandmauer gesprengt und (bereits vor einigen Tagen) einfach einen AfD-Intellektuellen interviewt, den "Vordenker" Benedikt Kaiser, der nicht ohne eine gewisse Schnöseligkeit vorführt, dass er auch nur mit Wasser kocht. Interessant ist aber, wie er die Begriffe "Europa" und "Westen" gegeneinander ausspielt: "Ich denke, dass Deutschland Teil Europas ist, wertvoller Teil, die Mitte Europas, und dass Europa mehr ist als 'nur' der normativ gedeutete Begriff des 'Westens', der zudem auch die USA, Kanada und so weiter umfasst, also den Rahmen dessen, was ich für den naheliegenden Großraum halte - Europa! - deutlich sprengt. Die Subordination unter westliche Hegemonie hat zudem dazu geführt, dass man souveränen Spielraum verlor und vieles - von Militär bis KI-Forschung und -entwicklung unnötigerweise 'outsourcte'." Daraus folgt für Kaiser die Forderung nach "Äquidistanz zu Moskau und Washington, zu Peking und anderen Kapitalen".
Die von Kaiser geforderte Abkehr vom Westen findet sich natürlich auch bei Linken, konstatiert Stefan Laurin bei den Ruhrbaronen zu diesem Gespräch. Kaiser und Linke (man denkt etwa an den Abstiegsmanager Daniel Marwecki) machten sich Illusionen, so Laurin: "Eine Abkehr vom Westen, zu dem auch Kanada, Südkorea, Israel, Japan und Australien gehören, würde nicht zu europäischer Souveränität führen, sondern zwangsläufig zu einem Wechsel von der amerikanischen in die chinesische Technosphäre. Europa geriete damit unter den Einfluss eines zunehmend von China abhängigen Russland."
Buch in der Debatte
Bestellen Sie bei eichendorff21!Ob links oder rechts, es scheint jedenfalls so etwas wie eine Sehnsucht des Westens nach Selbstabschaffung zu grassieren. Sehr schön zeigt das Jannis Koltermann im Aufmacher des FAZ-Feuilletons, wo er sich Josephine Quinns viel gefeierte monumentale Abhandlung "Der Westen - Eine Erfindung der globalen Welt" vornimmt. Die sehr renommierte Cambridger Althistorikerin möchte darin zeigen, dass der Westen im Grunde nur eine "Adaption von Altbekanntem" sei, so Koltermann. Doch ihre Erkenntnis, dass der Westen sich an anderen Kulturen inspiriert, greift nicht weit genug, wie Koltermann an einem Beispiel zeigt: "Über die griechische Kunst etwa bemerkt Quinn lediglich, dass die archaischen Kouroi, frühe, noch etwas steife Statuen bartloser Jünglinge, an ägyptische Bildhauertraditionen angeknüpft hätten - und geht nicht auf die weitere Entwicklung hin zu lebensnahen Bildnissen ein, die für die Kunstgeschichte noch entscheidender ist, aber eben nicht einfach auf den Kontakt mit fremden Kulturen zurückgeführt werden kann."
SZ-Autor Gustav Seibt muss sich einfach auf die Schulter klopfen. Schon vor neun Jahren hatte er recht, als er Donald Trump neronische Züge zuschrieb (unser Resümee damals). Heute setzt Seibt nach und beschreibt, wie Trump die Despotie 2.0 ausgestaltet: "Trump ist weder Nero noch 'Sultan', aber er verhält sich wie einer. Das verleiht seinem sprunghaften, hektischen, widersprüchlichen Verhalten einen Unernst, der eigentlich unpolitisch ist. Zölle, die die Weltwirtschaft in Gefahr bringen, sind Spielzeug eines Gamers am Mobiltelefon. Herrscherliche Verlautbarungen kommen als Posts daher. Staatsmänner auf Besuch werden abgekanzelt wie ungezogene Kinder. Es gibt in dieser Welt entgrenzten Wollens keinen Widerstand der Wirklichkeit mehr - da können Preise angeblich um 600 Prozent gesenkt werden, und niemand im Raum lacht."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Eva Illouz führt in einem Essay, den sie unter anderem in der SZ publiziert, ihre Reflexion über die allerneueste Spielart des Antisemitismus fort, die sich nach dem 7. Oktober verfestigte (intellektuell aber schon formuliert war). Dieser Antisemitismus verkleidet sich für sie als Antizionismus - aber wie im Antisemitismus des 19. Jahrhunderts geht es darum, den Juden eine Heimat zu verweigern, so Illouz. Der Antisemitismus wurde an den Universitäten zu einem zentralen Faktor, um teils divergierenden "woken" Theorien einen gemeinsamen Grund zu geben. Als Vordenker benennt Illouz hier den Erfinder der "multidirektionalen Erinnerung" Michael Rothberg (dessen Theorien in Deutschland von Aleida Assmann popularisiert wurden): "Durch die Alchemie der Intersektionalität umfasst und vereint die palästinensische Sache nun alle Kämpfe: feministische, transgender, grüne, homosexuelle, schwarze. Die wahren Palästinenser, diejenigen, die bitter unter den Übergriffen der israelischen Regierung leiden und die Hilfe der Welt brauchen, sind hier letztlich nur Nebenfiguren in einem Drama, das auf den top gepflegten Rasenflächen westlicher Eliteuniversitäten gespielt wird." Die bittere Konsequenz für Illouz: "Der globale Antisemitismus denkt den uralten Hass auf Juden konsequent zu Ende: Er hat die ganze Welt zu einem Ort gemacht, an dem sie unerwünscht sind." Bestellen Sie bei eichendorff21!Illouz kommt in ihrem Essay auch auf den Erfinder des Begriffs "Antisemitismus", Wilhelm Marr, zu sprechen. In der FAS erinnert Gerald Braunberger an eine andere Gründerfigur des modernen Antisemitismus, den Journalisten Otto Glagau, der seine Traktate in der Gartenlaube mit zwei Millionen Auflage zum Besten gab: "Glagau bediente sich einer Argumentation, die später als Kennzeichen eines politischen Populismus identifiziert wurde. Auch er unterschied zwischen dem braven, aber ausgenutzten Volk ('wir') und einer politischen und wirtschaftlichen, mit finsteren ausländischen Mächten verbündeten Elite ('sie'), die zu ihrem Nutzen dem Volk Schaden zufügt." Braunberger verweist auf ein letztes Jahr erschienenes BuchFrederick C. Beisers zur Antisemitismuskontroverse im Kaiserreich.
Auch Richard C. Schneider, einst Israel-Korrespondent der ARD (Zeiten, in die man sich in der Tann-Ära zurücksehnt), denkt in der NZZ über den neuen Antisemitismus nach, der nach dem 7. Oktober seine lange versteckte Fratze zeigt, und über die Frage, wie darauf zu reagieren sei. "Jüdische Intellektuelle sehen sich heute mit einer paradoxen Rolle konfrontiert: Sie sollen sich selbstverständlich in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen - und gleichzeitig müssen sie beobachten, wie Teile dieses Diskurses ihre Sicherheit infrage stellen. Wie aber soll man damit umgehen? Wie navigiert man zwischen dem universalistischen Anspruch der Aufklärung und dem partikularen Realismus der Geschichte?"
Zwar gab es an deutschen Kulturinstitionen lange vor dem 7. Oktober das "Weltoffen"-Papier, in denen die Leiter der vornehmsten Kulturinstitute in Deutschland forderten, dass es möglich sein müsse, Israelboykott-Positionen an ihren Häusern zu vertreten. Aber Marcus Funck vom Berliner "Zentrum für Antisemitismusforschung" kommt in einem Papier, das er für eine Bundestagsanhörung schrieb und das vom "Netzwerk Jüdischer Hochschullehrender" auf Twitterverbreitet wurde, zu dem Ergebnis: "Aus unseren Gesprächen mit vielen Kultureinrichtungen des Bundes und Berlins haben wir nicht den Eindruck gewonnen, dass antisemitische Einstellungen hier ein verbreitetes Problem darstellen. Dagegen war der Wille des jeweiligen Führungspersonals, gegen Antisemitismus und Rassismus vorzugehen, sehr ausgeprägt. Was jedoch unserem Eindruck nach vorhanden ist eine sehr kritische Haltung gegenüber Israels Vorgehen während des Gaza-Krieges oder davor."
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