Gerade die Kritische Theorie ist für die derzeitige Regierung in den USA ein "Schreckgespenst", erklärt der Historiker Jeremy Varon im Zeit online-Interview: "Es passt gut in diese absurde Erzählung, die vor allem Trumps Bildungsberater Christopher Rufo verbreitet, dass die Universitäten in den 1980er- und 1990er-Jahren von einem 'Kulturmarxismus' übernommen wurden. Er verbreitet das Narrativ, dass die linken Bewegungen der 1960er-Jahre einen Marsch durch die Institutionen vollzogen und diese ideologisch erobert hätten." Mit Denkern wie Adorno und Horkheimer Herrschafts- und Machtdynamiken zu analysieren, ist gerade in diesen Zeiten wichtig, meint Varon, er übt aber auch Kritik an den Institutionen: "In mancher Hinsicht ist der kritische Geist zu weit gegangen. Etwa die Bestrebungen, Äußerungen und Verhalten der Menschen bis ins Detail zu regeln. Viele empfinden das Klima in den Geisteswissenschaften als zensierend oder sogar repressiv. Studien zeigen, dass Studierende sich selbst zensieren oder vorgeben, liberaler zu sein, als sie es eigentlich sind, weil sie fürchten, sich nicht 'politisch korrekt' zu äußern. Das ist nicht die Art von Klima, die wir wollen. Und auch manche Diversitätsprogramme wirken wie hochbürokratische Echos progressiver Kritik. Sie kosten viel Geld und haben womöglich nur einen begrenzten Effekt."
Der Völkerrechtler Kai Ambos verteidigt in der FAZ das Völkerrecht (und die schöne Theorie). Menschenrechte seien zwar auch eine schöne Sache, und es sei auch festgelegt, "dass bei schweren völkerrechtlichen Verbrechen eines Staates gegen seine eigene Bevölkerung die 'internationale Gemeinschaft' zu deren Schutz eingreifen darf. Das muss allerdings grundsätzlich im Rahmen des multilateralen UN-Systems geschehen, also insbesondere durch Anrufung des UN-Sicherheitsrats, der dann auch die Anwendung militärischer Gewalt anordnen darf. Eine aus der Schutzverantwortung abgeleitete humanitäre Intervention mit militärischen Mitteln bedarf danach zwingend der Zustimmung des UN-Sicherheitsrats." Wo dann die Russen und Chinesen amüsiert den Kopf schütteln.
Der Schriftsteller Arnon Grünberg unternimmt eine Reise durch Israel, Deutschland und Österreich, um Fragen zu Zionismus und Antisemitismus zu stellen. In einem ausführlichen SZ-Dossier dokumentiert er seine Erlebnisse: "Sind wir, sind die Juden, Sklaven der Vergangenheit?", fragt er den Historiker Amos Goldberg. "Goldberg antwortet: 'Wenn Sie von Sklaven der Vergangenheit sprechen, weisen Sie den Juden eine Opferrolle zu, die nach dem Holocaust nach und nach und ganz besonders seit den 1990er-Jahren pathologische Formen angenommen hat. Aber wir sind nicht nur Opfer. Wir Israelis haben verstanden, wie die Opferrolle in ein moralisches und politisches Instrument umgewandelt werden konnte, das so gut wie jedes politische Ziel für uns erreichbar gemacht hat, auch äußerst brutale Ziele. Die Tatsache, dass die ersten zionistischen Siedler Flüchtlinge waren, die sich vor Antisemitismus und Holocaust gerettet hatten, macht die ganze Unternehmung nicht automatisch zu einer gerechten Sache', sagt Goldberg. 'Man kann im palästinensisch-israelischen Kontext nicht vom Holocaust sprechen, ohne auch auf die Nakba einzugehen, wenn man nicht zum Monster werden will.'"
Bestellen Sie bei eichendorff21!In seinem neuen Buch versucht der Philosoph Peter Sloterdijk dem Phänomen Trump anhand einer Re-Lektüre von Machiavellis "Der Fürst" auf die Sprünge zu kommen. Im SZ-Interview mit Jens-Christian Raabe sieht er in der MAGA-Bewegung die Verkörperung eines amerikanischen Minderwertigkeitskomplexes: "Durch Trumps Parole 'Make America great again' sind die Reflexe des Ressentiments in das Selbstgefühl der Weltmacht eingesickert und höhlen sie jetzt aus. Trump und seine Gefolgschaft benehmen sich, als wären sie gekränkt, weil sie nicht genug anerkannt worden sind für ihre Großartigkeit. Vor allem das zweite 'a' in Maga, das 'again' klingt völlig erbärmlich. Wozu braucht eine Militärmacht, die 900 Militärbasen auf der Welt unterhält, die Formel, sie wolle 'wieder' groß gemacht werden? Offensichtlich hat das Gift des Ressentiments ein kontrafaktisches Minderwertigkeitsgefühl erzeugt. Doch diesen Effekt haben die Amerikaner ja nicht allein. Auch in Europa ist die Stimmung ins Viktimistische gekippt. Hier fehlt ein Dostojewskij, der erklärt, warum alle Welt in die Rolle von Erniedrigten und Beleidigten drängt."
Früher war alles besser? So ein Quatsch, meint die französische Politikwissenschaftlerin Florence Gaub in der SZ. Nie war die Welt beispielsweise einem Atomkrieg näher, als in den Achtziger Jahren. Doch Untergangs-Ängste haben auch eine wichtige Funktion: "Die Nato verbrachte Jahrzehnte damit, sich den schlimmstmöglichen Krieg mit der Sowjetunion vorzustellen und sich darauf vorzubereiten - der dann genau wegen dieser Bereitschaft ausblieb. Und schließlich die Angst um die Demokratie, ein ständiges Merkmal derselben, seit dieses System entstanden ist. Jedes einzelne Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts war von tiefer Besorgnis geprägt, wann immer das toxische Dreigestirn aus gesellschaftlicher Polarisierung, wirtschaftlichem Abschwung und verfassungsrechtlicher Verwundbarkeit zusammenkam. Und obwohl wir uns heute erneut in einer solchen Phase befinden, vergessen wir leicht, dass die Demokratie vor hundert Jahren noch ein Minderheitensystem war, das gegen verschiedene Diktaturen ankämpfte - und dennoch ihren Weg machte. Sie hat sich nicht nur als widerstandsfähig erwiesen, sondern auch als fähig zur Erneuerung nach Rückschlägen, etwa in Malawi, Polen oder Brasilien."
In der FAZ erinnert der Kulturwissenschaftler Detlev Schöttker an die massiven Eingriffe, die Adorno und das Institut für Sozialforschung an der ersten Druckversion von Walter Benjamins Aufsatz "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" vornahmen.
In der FAZ denken die Strafrechtlerinnen Elisa Hove und Frauke Rostalski sowie der Politikwissenschaftler und Ökonom Philip Manow über die Feinde der Demokratie nach: Wer sind sie? Und vor allem, wer definiert sie? Im Zweifel die Gerichte meinen die drei, plädieren aber insgesamt für deutliche Zurückhaltung: Wer andere als Feinde der Demokratie stigmatisiert, entzieht sich jeder inhaltlichen Argumentation und wird damit schnell selbst zum Feind der Demokratie. "Wer zur Bekämpfung von Demokratiefeinden das passive Wahlrecht einschränkt (so der aktuelle Vorschlag bereits bei einmaliger Verurteilung wegen Volksverhetzung), Kandidaten aufgrund einer Parteizugehörigkeit den Zugang zum Referendariat und damit zur Berufsausübung verweigern will oder voreilig Presseerzeugnisse verbietet (Compact-Verbot), der läuft schnell Gefahr, selbst die Prinzipien zu verletzen, die er doch eigentlich schützen will. Wie schnell sich Instrumente, die man im Kampf gegen rechts leichtfertig absegnet, auch gegen andere 'Demokratiefeinde' richten können, zeigt der Ausschluss einiger Buchhandlungen vom Buchhandlungspreis - aufgrund vermeintlicher Erkenntnisse des Verfassungsschutzes." Das kam bekanntlich nicht gut an, "doch sollte unser Problembewusstsein nicht davon abhängig sein, wen es gerade zufällig 'trifft'", denken sich die drei.
Im NZZ-Interview mit Thomas Ribi plädiert der PhilosophRüdiger Safranski, die AfD zu "zivilisieren" und nicht mehr zu "dämonisieren". "Sie soll Regierungserfahrung sammeln, das schleift ab. Die Grünen waren früher auch sehr radikal und sind dann staatstragend geworden. Natürlich gibt es in der AfD bedenkliche Figuren. Aber es gibt auch andere. Und wenn man dauernd von allen als Aussätziger behandelt wird, dann wird man tatsächlich aussätzig. Die AfD ist keine erfreuliche Erscheinung, aber sie ist keine Gefahrfür die Demokratie."
Stefan Reinecke lauschte für die taz einer prominent besetzten Tagung zur Frage, ob angesichts des Siegeszugs der populistischen bis extremen Rechten in der ganzen Welt der Faschismusbegriff taugt. Laut Jan Philipp Reemtsma nein, aber viele sind dafür. In der Version von Eva von Redecker wäre der Faschismus so etwas wie Endstadium des Spätkapitalismus: "Eva von Redeckers Schlüsselwort, um die rechten Energien zu begreifen, lautet Phantombesitz. In der Fantasie der Rechten herrsche 'bereits Plünderung und deswegen kann Eigentum qua Notwehr verteidigt werden'. Der aktuelle Faschismus ist somit als radikalisierter Kapitalismus zu begreifen. Für von Redecker treibt 'verschobener Eigentumsrausch' die Wut weißer Männer auf Gendern, Migranten und emanzipierte Frauen an."
Weiteres: Michael Hesse kürt in der FR den HistorikerTimothy Snyder zum Repräsentanten der "No Kings"-Proteste in den USA.
Nachtragen müssen wir den Hinweis auf den Habermas-Artikel des AlthistorikersMichael Sommer in der Welt - der einzige im Riesenbouquet der Würdigungen, der Habermas aus Sicht der im Historikerstreit unterlegenen konservativen Historiker kritisiert. Es ging Habermas um die Installierung eines bestimmten Geschichtsbildes, wofür er auch polemische Verkürzungen eingesetzt hat, kritisiert Sommer: "Die Weizsäcker-Deutung des 8. Mai und die sich gegen jeden noch so vorsichtigen Vergleich sperrende Singularität der Schoah sind seither so etwas wie die historische Staatsräson der Bundesrepublik." Habermas habe mit seiner Intervention das Fundament für ein Weltbild gelegt, "in dem die Extreme von rechts und links nur noch asymmetrisch wahrgenommen werden können. Die toxische Fernwirkung des 'Habermas-Verfahrens' ist die Ersetzung des bundesrepublikanischen Antitotalitarismus durch den 'Kampf gegen rechts'. Habermas und Hans-Ulrich Wehler ging es in der Kontroverse erklärtermaßen um die Absicherung der kulturellen Hegemonie der Linken gegen die als Bedrohung empfundene Regierung Kohl. Dazu bedienten sie sich denunziatorischer Mittel, die, wenn man sich aktuelle Debatten besieht, wie alte Bekannte wirken."
Der Philosoph Luca Di Blasierklärt auf geschichtedergegenwart.ch, was genau mit dem neuerdings zirkulierenden Begriff der "woken Rechten" gemeint ist, der etwa auf Maga-Influencer wie Charlie Kirk oder Nick Fuentes gemünzt wird: "Geprägt wurde er vom amerikanischen Pastor und Hochschullehrer Kevin DeYoung. Dieser erkannte in Stephen Wolfes Buch 'The Case for Christian Nationalism' von 2022 ein rechtes Christentum, das sich selbst antiwoke versteht und gleichzeitig in den Sprachen von Verletzbarkeit, Anerkennung und kultureller Marginalisierung spricht - sich damit also jener Semantik bedient, die lange als Kennzeichen progressiver Bewegungen galt."
Die neue Rechte kapert Begriffe der Konservativen und deutet sie um, gleichzeitig passt sich die CDU immer mehr dem Jargon der AfD an, meint Bjön Hayer in der FR. Er fordert ein neues Bewusstsein für den Umgang mit Sprache: "Im Foucault-Jahr könnte die Diskursanalyse eine Renaissance erleben (...) Will heißen: Es geht letztlich um das Wie und damit auch um die sprachliche Ausgestaltung von Inhalten. Um das, was an unseren Wörtern an Assoziationen hängt und sie in einen bestimmten Kontext rückt. Gewiss sind dazu Philologen gefordert, die über die nötigen Mittel zum Sezieren von Begriffen verfügen. Aber nicht nur sie. Denn die Praxis der Demokratie ist das demokratische Sprechen selbst."
Tja, Günther Anders hatte wohl recht mit seiner Formel von der "prometheischen Scham", die wir angesichts der Maschinen empfinden, fürchtet Dieter Thomä in "Bilder und Zeiten" der FAZ. Der Begriff kommt angesichts der KI geradezu erst zu sich selbst: "Seitdem die Künstliche Intelligenz ihren Siegeszug angetreten hat, ist die prometheische Scham an jeder Ecke anzutreffen. Zwar konnte man sich kurz nach dem Start von ChatGPT noch über dumme Antworten amüsieren, die der Maschine zu entlocken waren, doch die Kinderkrankheiten sind längst ausgestanden. Man tritt der Technologie nicht mehr herablassend, sondern unterwürfig - oder eben: beschämt - gegenüber. Studierende lassen sich Texte schreiben und hadern damit, dass die KI-Produkte mehr taugen als ihre eigenen Elaborate. Rechtsanwälte sparen sich die Mühe, selbst einen Schriftsatz zu formulieren, und geben hinter vorgehaltener Hand zu, dass das, was die KI generiert, die eigenen Bemühungen toppt. Großunternehmen ersetzen Callcenter durch Chatbots. Verliebte lassen sich von der KI Gedichte schreiben und sind vom Ergebnis beeindruckt."
Trotz seiner Formel vom "Verdrängungsantikommunismus" der 1950er Jahre ist der Soziologe und "Habermas-Handbuch"-Herausgeber Hauke Brunkhorst überzeugt, Jürgen Habermas verdiene den Ehrentitel eines Antitotalitären - die Blätter drucken Brunkhorsts ausführlichen Nachruf: Habermas stehe wie im wesentlichen seine ganze Generation "trotz aller politischen Feindschaft, die sie (vor allem in den 1970er und 80er Jahren) polarisierte, und trotz des erheblichen Einflusses von Figuren wie Martin Heidegger, Ernst Jünger oder Carl Schmitt auf den rechten Flügel - insgesamt für den antifaschistischen beziehungsweise antitotalitären Konsens der alten Bundesrepublik. Wie tief die Befreiung vom Faschismus diese Generation und speziell Habermas geprägt hat, kann man fast bis in jeden Satz, den er geschrieben hat, verfolgen und nachvollziehen."
Es gibt manchmal ideenhistorisch zentrale Figuren, die kaum bekannt sind. Roger-Pol Droit schreibt in Le Monde den Nachruf auf den Schriftsteller und Theoretiker Jean-Pierre Faye, der im Alter von hundert Jahren gestorben ist. Eines seiner Hauptwerke sind die monumentalen "Langages totalitaires". "Dieser gewaltige Steinbruch lässt ihn insbesondere die tiefe Verflechtung zwischen Martin Heideggers Denken und seinem Bekenntnis zum Nationalsozialismus erkennen. Jean-Pierre Faye ist der Erste, der die politischen Reden des Freiburger Denkers eingehend untersucht und aufzeigt, inwieweit dieser die zentralen Begriffe seines eigenen Denkansatzes nutzte, um den Führer und die Größe des Reichs zu preisen. Entgegen der offiziellen Darstellung der französischen Anhänger Heideggers, insbesondere Jean Beaufrets, die von einem nur wenige Monate andauernden, oberflächlichen Kompromiss sprechen, beginnt Jean-Pierre Faye, die zahlreichen, organischen und dauerhaften Wechselwirkungen zwischen dem 'Sein-Denken' und der nationalsozialistischen Ideologie aufzuzeigen." Laut Roger-Pol Droit ist Faye auch der erste, der lange vor Bekanntwerden der "Schwarzen Hefte" Heideggers Antisemitismus benennt und analysiert. Sein Sohn Emmanuel Faye setzt seine Arbeit fort. Sein Buch über Hannah Arendt kam in der Kritik aber nicht so gut an.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Oliver Weber unterhält sich für die FAZ mit dem Ökonomen Branko Milanović, der gerade das Buch "The Great Global Transformation" vorlegt (für ein auf Deutsch noch nicht erschienenes Buch wird dabei übrigens die Seite mit den Sachbuchkritiken der FAZ geopfert). Hier kann man lernen, wie es sich anhört, wenn ein Ökonom über die Konkurrenz westlicher Länder und Chinas spricht: "Die globalen Erfolge werden aus dem Blickwinkel von Nationalstaaten betrachtet. So erscheint die Bedrohung größer als die Chancen, die sich auftun. Dabei ist es ein einfacher humanistischer Gedanke, dass der Westen langfristig einen relativen Abstieg erleben muss - definitionsgemäß können nur so die anderen Weltregionen ökonomisch aufholen und sich die Menschheit dem Ideal der Gleichheit annähern. Afrika hat hier noch einen viel längeren Weg vor sich."
Der in Wien lehrende politische Theoretiker Stephan Grigat hatte den florierenden Antisemitismus in der Linken und das Bündnis mit islamistischen Akteuren in der taz auf den "Bedeutungsverlust marxistisch-leninistischer Bezüge und den Siegeszug poststrukturalistischer und postkolonialer Deutungsmuster" zurückgeführt (unser Resümee). Darauf antwortet heute Grigats Berliner Kollege Kolja Lindner und legt dar, dass man über diese Bündnisse und Magnetismen zwischen radikaler Linke, Islam und Islamismus eigentlich gar nichts sagen könne. Nicht mal die Trennung von Religion und Politik gehört für ihn zu den Errungenschaften der Moderne: "Politische Emanzipation auf die Formel einer 'Trennung' zu reduzieren und deren Abwesenheit mit mittelalterlichen Verhältnissen gleichzusetzen, ist vor diesem Hintergrund gelinde gesagt unterkomplex. Dagegen wäre eine differenzierte Sicht im Übrigen auch für den politischen Islam im Iran angezeigt. So zeigt gerade die Revolution von 1978/79 eine Komplexität, die dessen pauschale Verteufelung aus emanzipatorischer Perspektive problematisch erscheinen lässt."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Machiavellis "Der Fürst" löste bei seinem Erscheinen um 1500 "einen scharfsinnigen Ernüchterungsschock" aus, mit Machiavelli "sieht man auch die Welt von heute klarer. Momentan fehlt es ja schmerzlich an Draufsichten auf die Lage", meint Peter Sloterdijk, der gerade ein Buch über seine Machiavelli-Lektüre geschrieben hat, im Interview mit der Zeit. Die Situation heute sei auch deshalb schlecht zu erfassen, weil Dialektik nicht mehr verstanden und statt dessen ein "naiver Universalismus" praktiziert werde. Dass Europa jetzt aufrüstet, nimmt er mit Erleichterung zur Kenntnis. Es habe noch "Glück, weil es ohne riesige Katastrophen genötigt wurde, aus seiner pazifistischen Traumzeit zu erwachen: In Mittel- und Westeuropa floss noch kaum Blut. Normalerweise lösen erst großkalibrigere Ereignisse einen so fundamentalen Richtungswechsel aus. Plötzlich ist selbst bei einer gemeinsamen Verteidigung ein Konsensus da. Was mich aber wundert: Wir haben 27 Länder in der EU, also müssten irgendwo 27 Streitkräfte versteckt sein. Die sollte man mal suchen und zusammenrechnen, was die können", schlägt er vor.
"Erleben wir eine Revolution der Kriegführung, gar einen Epochenbruch der Militärgeschichte? Viel spricht dafür", meint der MilitärhistorikerSönke Neitzel in der FAZ, der die Europäer und speziell die Deutschen unvorbereitet findet, vor allem in der Abwehr: "Deutschland jedenfalls wurde von der Drohnenkriegführung kalt erwischt. Im sicherheitspolitischen Dornröschenschlaf hat man über Jahrzehnte alles versäumt, was versäumt werden konnte - politisch, aber auch vonseiten des Militärs. Bereits in Afghanistan machte die Bundeswehr Erfahrungen mit dem Hightech-Krieg der Amerikaner, und manche Offiziere wiesen etwa auf die zentrale Rolle von unbemannten Flugkörpern hin. Aber zu viele Generäle schoben Berichte darüber zur Seite, da sie sich nicht für die Innovation auf dem Gefechtsfeld interessierten." Inzwischen sei der Groschen gefallen, aber "noch gibt es keine wirklich zufriedenstellende Lösung, um die eigenen Verbände mit einer Abwehrglocke zu schützen. ... Im Ernstfall müssten dann alle diese Defizite - das lehrt die Militärgeschichte - mit vielen Toten erkauft werden."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Konsterniert stellt Christian Staas bei Zeit Online in einer ausführlichen Rezension fest, dass das neue Buch des Historikers Jörg Baberowski weitgehend mit "Wohlwollen" von der Kritik aufgenommen wurde (unter anderem auch von seinem Zeit-Kollegen Thomas E. Schmidt). Baberowski tue hier nicht weniger, als der "liberalen Demokratie den Kampf anzusagen": "Sie habe den Volkssouverän im Namen liberaler Werte 'entmachtet'. In der liberalen Demokratie, schreibt Baberowski, herrsche eine 'Tyrannei der Werte'." Was sei Baberowskis Alternative? Eine elektorale Demokratie, "'also jene Form der Partizipation, die sich auf Mehrheitsentscheidungen durch Wahlen beruft.' Werte und Rechtsnormen, so ist das wohl zu verstehen, sollen der Durchsetzung des Volkswillens nicht länger im Wege stehen. Trumps Zoll-Niederlage vor dem Supreme Court wäre so gesehen eine Niederlage der elektoralen Demokratie und ein zu bedauernder Sieg der liberalen: Der von einer Mehrheit gewählte Präsident wird von einem Gericht zurückgepfiffen und zurückverwiesen auf Parlament und Verfassung. Entsprechend versucht die Maga-Bewegung, jedes noch so zweifelhafte Trump-Dekret als Ausdruck des Volkswillens zu verkaufen." Hier noch der Hinweis auf einen Radio-Essay Baberowskis, das einen genauen Einblick in seine Thesen bietet.
Bestellen Sie bei eichendorff21!In der Welt stellt Hannes Stein den 88-jährigen Stewart Brand vor, Gründer des legendären "Whole Earth Catalogue", ein Selbsthilfekatalog für jede Art von Selbsterzeugung und Reparatur. Eine Art frühes Google also. Jetzt hat er ein Buch geschrieben, "Maintenance of Everything" ("Die Wartung von allem"), das diese Tradition fortsetzt: Brand glaubt an Technik und an alles, was man reparieren kann, und er war begeistert von den Computern, die entwickelt wurden. "Eigentlich hätte es darum niemanden wundern dürfen, dass er bald drei grüne Häresien verkündete: Stewart Brand war für Atomkraft, für große Städte und für Gentechnik. Der Gedanke dahinter ist simpel. Wegen des menschgemachten Treibhauseffekts ist es nötig, dass große Teile des Planeten sich wieder in Wildnis verwandeln. Das kann nur geschehen, wenn der weltweite Trend zur Urbanisierung anhält; wenn immer mehr Menschen vom Dorf in die Stadt ziehen. Die Riesenstädte, vor allem auf der Südhalbkugel des Planeten, benötigen aber Energie, viel Energie. Und alle Windräder und Sonnenkollektoren, für die Stewart Brand selbstverständlich ist, reichen nicht aus, um diesen Hunger nach Elektrizität zu stillen; darum Atomkraft. Wohin aber mit dem Atommüll? Den kann man in neuen Atomkraftwerken nutzen, um noch einmal für tausend Jahre Strom zu erzeugen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die originellsten deutschen Geistesgrößen hocken traditionell nicht selten in der Provinz. Jannis Koltermann besucht für die FAZ den politischen DenkerPhilip Manow in seinem Fünfzigerjahre-Einfamilienhaus in Eitorf, im Rhein-Sieg-Kreis, dreißig Kilometer östlich von Bonn. Messerscharf stellt Manow von hier aus das Selbstverständnis der liberalen Demokratie in Frage, die alle Probleme bei den Populisten sieht, aber nicht bei sich selbst: "Manow dagegen möchte die Populisten alsProblemanzeiger ernst nehmen und fragen, was sich in der demokratischen 'Normalität' so verändert hat, dass sie die populistischen 'Abweichungen' hervorruft." Neben der von Manow kritisierten Verrechtlichung und Europäisierung, die der Politik zur hämischen Freude der Populisten immer mehr Spielraum nehme, scheinen ihn aber noch andere Fragen umzutreiben, so Koltermann: "Selbst wenn Manow sich nicht auf konkrete Positionen festlegen möchte, scheint durch, dass er dem Thema 'Migration' zentrale Bedeutung zumisst. Immer wieder kritisiert er im Gespräch die Neigung vieler Fachkollegen, Migration als selbstverständlich zu betrachten, aus der politischen Verhandlungsmasse 'rauszunehmen' und die mit ihr einhergehenden Verteilungskonflikte zu ignorieren."
Ein Habermas-Nachruf wäre nachzutragen und zwar von Alexander C. Karp, Mitbegründer der düster umwehten digitalen Überwachungsfirma Palantir. Er erzählt in Politico in eigentlich eher gemütlichem Tonfall, wie er mehrere Jahre an Habermas' Institut verbrachte, bis dieser ablehnte, seine Dissertation zu betreuen. "Seine Entscheidung kam völlig überraschend und war verletzend. Der Schmerz sollte noch Jahre nachwirken." Inhaltlich klingt Karps Kritik an Habermas milde, aber entschieden: "Seine Hoffnung auf eine Art körperlose politische Identität, losgelöst von den unbequemen Besonderheiten von Familie und Kultur, verkörperte einen idealistischen Kosmopolitismus, der sich in der Moderne als unzureichend erwiesen hat, um Loyalität zu wecken. Anders ausgedrückt: Er glaubte an die Möglichkeit eines rein rationalen öffentlichen Diskurses. Ich glaubte und glaube nach wie vor, dass ein solcher Diskurs in einer eher greifbaren und traditionellen - ja, nationalen und kulturellen - Quelle verwurzelt sein muss."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im Interview mit der FR erklärt der Verfassungsrechtler Günter Frankenberg, der gerade zusammen mit Wilhelm Heitmeyer ein Buch zum Thema vorgelegt hat, was genau Autoritarismus ist und woran man ihn erkennt beziehungsweise was seine Merkmale sind. Dazu gehört "ein exekutiv-lastiger, oft informeller Regierungsstil, der bei behaupteter Gefahr im Verzuge oder aus Gewohnheit auf klandestines Entscheiden umschaltet oder aber sich auf anderem Wege der politischen und rechtlichen Kontrolle entzieht. Das illustrieren sehr drastisch Trumps Flut von Dekreten und sein Techno-Gruselkabinett. ... Zweitens schließt Autoritarismus zwar nicht die Beteiligung des Volkes aus, stuft es aber zu stillen Teilhabern, ja Komplizen des Systems herab. Diese dürfen kontrolliert Stimmung machen, haben jedoch keine Stimme, die informiert der Regierungsarbeit widersprechen könnte."
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