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05.11.2025. "Herzlichen Glückwunsch an Zohran Mamdani", begrüßt das Editorial Board der New York Times den neuen Bürgermeister der Stadt, aber die Times macht auch darauf aufmerksam, dass es mit linken Bürgermeistern in amerikanischen Städten nicht immer gut lief. Deutsche Zeitungen fragen sich inzwischen, ob Mamdani nun der Anti-Trump ist. Es gibt gar keine Christenverfolgung in Nigeria, hat die taz herausgefunden. Der Sc-Fi-Autor Kim Stanley Robinson warnt in Zeit online davor, den Klimaschutz plötzlich nicht mehr so wichtig zu finden. In der Linkspartei wird es laut Tagesspiegel heftigen Ärger geben. Und im Perlentaucher startet Elke Schmitter eine neue Kolumne.
Nun hat er es also tatsächlich geschafft. Zohran Mamdani ist mit 50,6 Prozent zum Bürgermeister von New York gewählt worden. Anushka Patil kann in ihrem ersten Kommentar für die New York Times ihre Freude kaum verbergen: "In einer Stadt, die noch immer mit dem hässlichen Erbe der Islamfeindlichkeit nach dem 11. September zu kämpfen hat, einer Stadt, die noch nie zuvor einen muslimischen Bürgermeister hatte, errang Zohran Mamdani einen generationsübergreifenden Sieg. Mamdanis Aufstieg in New York City wurde durch seinen unermüdlichen Fokus auf ein bezahlbares Leben und seinen unermüdlichen Wahlkampf vorangetrieben, der die Wählerschaft auf beeindruckende Weise erweiterte und eine Koalition ethnischer und religiöser Gruppen mobilisierte, die selten zuvor so intensiv von einem Kandidaten für ein städtisches Amt in den Fokus genommen worden waren. Ein wichtiger Teil seines Wahlkampfs war es, seine wirtschaftlichen Botschaften den Hunderttausenden von Muslimen in der Stadt zu vermitteln, er besuchte mehr als fünfzig Moscheen, einige davon mehrfach, und betrieb Telefonkampagnen in Urdu, Arabisch, Bengali und anderen Sprachen."
"Herzlichen Glückwunsch an Zohran Mamdani, der nach einer beeindruckend erfolgreichen Wahlkampagne zum Bürgermeister von New York gewählt wurde", heißt es im nicht gezeichneten redaktionellen Leitartikel der Times. "Dieser Redaktionsvorstand hat seine Vorwahlkampagne aufgrund von Bedenken hinsichtlich seiner politischen Vorschläge und seiner Unerfahrenheit nicht unterstützt. Aber wir drücken ihm die Daumen für seinen Erfolg. New York - die dynamischste Stadt der Welt, in der sich jedoch viele Einwohner ein gutes Leben nicht mehr leisten können - braucht seinen Erfolg." Die Redakteure der Times weisen allerdings auch auf einen ernüchternden Umstand hin: "Um effektiv zu sein, muss sich Mamdani mit der jüngsten Geschichte der Stadtpolitiker großer Städte auseinandersetzen, die mutige, progressive Veränderungen versprachen. Diese haben meist Enttäuschungen gebracht, darunter in Chicago, San Francisco, Seattle und Portland (Oregon) sowie in New York City selbst unter Bill de Blasio. Sie haben ein Maß an Unordnung toleriert, das viele Wähler als inakzeptabel empfanden, und hatten Mühe, Fortschritte in Bezug auf ein bezahlbares Leben oder Gesamtschulen zu erzielen."
Bernd Pickert denkt in seinem taz-Kommentar (der noch vor Mamdanis sicherem Wahlsieg geschrieben wurde) über Folgen für die Demokratische Partei nach: "Angesichts der personellen Führungslosigkeit und politischen Schockstarre der Demokratischen Partei auf nationaler Ebene nach Trumps Wiederwahl kann Mamdanis Erfolg der Opposition eine Richtung vorgeben. Nur: Der progressive Flügel ist zwar in den letzten Jahren stärker gewachsen als jede andere Strömung. Und vielleicht sind dessen Vertreter*innen derzeit der einzige Teil der Partei, der aktive Lebenszeichen von sich gibt. In der Minderheit ist er parteiintern trotzdem."
Mit Mamdani haben die New Yorker den "Anti-Trump" gewählt, hält Xifan Yang bei Zeit Online fest. Es brauche eine "radikale Vision", um Trump etwas entgegen zu setzen: "Entscheidend ist, dass er glaubwürdig die Bereitschaft vermittelt, sich mit den Superreichen und Mächtigen anzulegen, um das Leben einfacher New Yorker zu verbessern. Die Establishment-Demokraten lassen diese Bereitschaft noch immer vermissen, trotz ihrer bitteren Niederlage 2024, trotz der seither endlos durchgekauten Erkenntnis, dass gering verdienende Amerikanerinnen und Amerikaner ihnen vorwerfen, ihre Nöte nicht ernst zu nehmen. Mamdani hat vielfach darauf hingewiesen, dass die demokratische Elite sich auch deshalb der Realität verweigert, weil sie von den Millionenspenden reicher Gönner abhängt. Das sehen viele Menschen in den USA ähnlich. Mamdanis Anhänger haben ihn nicht unbedingt gewählt, weil sie von seinen Vorschlägen restlos überzeugt sind, sondern weil sie ihm den Willen zur Veränderung abkaufen - auch wenn manche seiner Ideen scheitern mögen."
Die amerikanische "Linke ist gewissermaßen zu konservativ geworden", glaubt auch der amerikanische Politik-Professor Michael Kazin im Interview mit der FR: "Ich denke, dass sich die meisten Demokraten tatsächlich auf ein links-populistisches Programm einigen können, oder auf das, was ich als moralisch-kapitalistische Haltung bezeichne. Sie müssen dynamisch und vital sein und über die Zukunft sprechen, statt nur das zu verteidigen, was Demokraten und Liberale in der Vergangenheit erreicht haben. Aber Demokraten sind sehr gut darin, sich gegenseitig zu bekämpfen (...) Die meisten Amerikaner:innen sind unzufrieden mit der Richtung, in die sich das Land und die Welt entwickeln. Die Demokraten können nicht einfach nur die Partei sein, die Trump hasst und die Sozialversicherung, Medicare, Medicaid und Umweltvorschriften schützen will. All diese Dinge sind wichtig, aber sie reichen nicht aus, um das Land zurückzugewinnen."
Es gibt gar keine Christenverfolgung in Nigeria, schreibt Helena Kreiensiek in der taz in Reaktion auf eine Trump-Äußerung (mehr hier) in diesem Sinne. Kreiensiek hält es mit Nigerias Informationsminister Mohammed Idris, der zwar einräumte, dass es besonders im Norden Nigerias Sicherheitsprobleme gebe, "doch die Behauptung, dass überwiegend Christen Opfer von Gewalt seien, basiere auf fehlerhaften Daten und falschen Annahmen. 'Ja, es gibt Christen, die angegriffen werden, aber diese Kriminellen haben es nicht auf eine bestimmte Religion abgesehen - sie greifen sowohl Christen als auch Muslime an, insbesondere im Norden des Landes', stellte der Minister klar... Während im Nordosten die islamistischen Milizen Boko Haram und ISWAP wüten, sind im Nordwesten kriminelle Banden aktiv. Auch in der Middle-Belt-Region kommt es immer wieder zu tödlichen Auseinandersetzungen zwischen ansässigen Bauern und nomadisch lebenden Viehhirten."
Bestellen Sie bei eichendorff21!"Von der Revolution ist nur noch der Sarg übrig" - bitter urteilt der kubanische Autor Abraham Jiménez Enoa im SZ-Interview über sein Heimatland, aus dem er vor drei Jahren nach Spanien floh. Die Zustände im Land seien katastrophal, es fehle an Medikamenten, an Essen. Kritik wird konsequent unterdrückt: "Die kubanische Regierung ist nicht mehr linksgerichtet. Ein Land, in dem sich die Menschen nicht frei äußern können, in dem es keine Pressefreiheit gibt, in dem es nur eine einzige Partei gibt, die kommunistische, in dem alles, absolut alles der Regierung gehört, in dem junge Menschen massenhaft auswandern, weil sie keine Zukunft haben, ein solches Land ist nicht linksgerichtet. Die globale Linke muss aufhören, in Kuba ein Vorbild zu sehen. Es ist eine autoritäre Diktatur im wahrsten Sinne des Wortes." In "The hidden island" versammelt Jiménez Enoa Reportagen über Kuba, das Buch ist bisher nur auf Englisch verfügbar.
Durch Trumps Friedensplan für Nahost hätte die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) eine Chance, sich als ernstzunehmende politische Kraft für einen palästinensischen Staat zu etablieren, meint Jonas Roth in der NZZ. Leider passiert da nicht viel: "Um den Eindruck der Untätigkeit zu vermeiden, hat Abbas im Frühjahr 2024 eine neue Regierung unter dem Ministerpräsidenten Mohammed Mustafa eingesetzt. Im April dieses Jahres ernannte er zudem den 64-jährigen Hussein al-Sheikh zum Vizepräsidenten. Die beiden sind international bestens vernetzt und entschiedene Gegner des Islamismus. Sie sollen jenes Reformprogramm umsetzen, das der Westen von ihnen verlangt. Aber es "mangelt ihnen an Mut, umstrittene Reformen anzustoßen, zudem an politischem Rückhalt und finanziellen Mitteln. Dabei wären es Leute wie Mustafa oder Sheikh, die jetzt die Gelegenheit ergreifen könnten, sich als pragmatische Verhandlungspartner in einem Friedensprozess anzubieten. Nur ist Pragmatismus nicht wirklich Teil der palästinensischen Position. Seit Jahrzehnten sind die Forderungen die gleichen geblieben: ein eigener Staat in den Grenzen von 1967 sowie ein Recht auf Rückkehr für jene Palästinenser, die 1948 aus dem heutigen Israel vertrieben wurden, sowie für ihre Nachkommen - das wären rund sechs Millionen Menschen."
Bald ist UN-Klimakonferenz, nur leider interessieren sich die Mächtigen der Welt gerade überhaupt nicht für Klimaschutz. Sogar Bill Gates meinte neulich, man solle angesichts des Klimas nicht so pessimistisch sein (unser Resümee). Der Sc-Fi-AutorKim Stanley Robinson hält das für einen gefährlichen Fehler, wie er im Interview mit Zeit Online erklärt: "Ich ärgere mich über diese Adaptionsjünger, die ihren Kopf in den Sand stecken. Was, wenn der Meeresspiegel um vier Meter ansteigt, weil der westarktische Eisschild abbricht? Was, wenn der Golfstrom kollabiert und Europa ein Klima wie Alaska bekommt? Die Belastungsgrenzen der Erde sind real, die Gefahr, einen unkontrollierbaren Treibhauseffekt auszulösen, ist es auch." Zu spät sei es noch nicht: "Klimatologisch gesehen liegt der Kollaps womöglich nur eine oder zwei Dekaden vor uns. Insofern ist die aktuelle Situation noch schlimmer als einfach bloß 'zu spät': Wir haben zwar noch Zeit, aber nutzen sie nicht."
Im PerlentaucherdenktElke Schmitter über große und kleine Propheten nach, die versuchen, der "Stunde der grauen Gegenwart" etwas entgegenzusetzen. Dieser Text ist der Auftakt einer neuen Kolumne: "ein wort gibt das andere". Elke Schmitter geht auf Veranstaltungen, zu Diskussionen, Vorträgen und Symposien und schreibt auf, was sie hört. Es geht um das gesprochene Wort, das öffentliche, nicht notwendig prominente Wort, das in der Begegnung entsteht. "Martin Bauer, Mitbegründer der website Soziopolis (die übrigens kosten- und werbefrei ist, also doppelte Wohltat), spricht 'On Prophecy and Prophets: A short Introduction'. Und, ja: was macht sie eigentlich aus, diese Prophetie, von der wir gerade gar nicht unbehelligt bleiben können? Die Klimakatastrophe, MAGA, die Herrschaft der KI, all das sind Prophezeihungen, und sie sind düsterer Art, als hätte Kassandra sowohl das 'All you need is love' der Beatles als auch Fukuyamas sanftes 'Ende der Geschichte' für alle Zeiten abgeräumt. Das müßte nicht so sein."
In der Linkspartei dürfte es noch ziemlichen Ärger geben. Eine Resolution der "Linksjugend" geht so weit, dass es selbst vielen in dieser Partei, die aus ihrem Antizionismus einen Unique Selling Point machen will, zu weit geht (unser Resümee). Es gibt offenbar Fraktionen, die so radikal sind, dass sie Mitglieder der eigenen Organisation bedrohen, wenn sie nicht auf Linie sind, berichtet Sebastian Leber im Tagesspiegel: "In internen Chatgruppen wird zu regelrechten Säuberungsaktionen aufgerufen. Wer sich in den vergangenen zwei Jahren nicht radikal gegen Israel gestellt habe, solle demnach die Partei verlassen oder alternativ zum Verlassen gedrängt werden... Unter den Befürwortern von Säuberungen befinden sich Mitglieder, die die Hamas als Freiheitsbewegung begreifen und das Ende des Staates Israels anstreben. Am 22. November wollen sie ihren nächsten Sieg feiern. Dann wird die Bundesschiedskommission darüber entscheiden, ob der Parteiausschluss des israelfeindlichen Aktivisten Ramsis Kilani rechtens war. Aus Parteikreisen heißt es, mittlerweile sei vollkommen offen, ob die Kommission dem Druck des radikalen Flügels nachgeben und Kilani rehabilitieren werde."
Bei der Förderung von Projekten gegen Antisemitismus nach dem 7. Oktober durch die Berliner Kulturverwaltung soll es nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Herausgefunden haben das die Berliner Grünen, deren Vorsitzende Bettina Jarasch laut Erik Peter in der taz von einem "beispiellosen System zwischen der Leitung der Kulturverwaltung und der CDU-Fraktion" spricht, "bei dem öffentliche Mittel verschoben und unter rein parteipolitischen Gesichtspunkten verausgabt werden". Zu den so geförderten Projekten gehört offenbar auch die zur Zeit in Berlin laufende Ausstellung über das Nova-Festival in Israel, auf dem Hamas-Terroristen am 7. Oktober mehr als 360 Menschen ermordet hatten. Zuerst berichtete Robert Kiesel gestern im Tagesspiegel, wo es auch eine Liste mit den geförderten Projekten gibt.
In den Niederlanden häufen sich Absagen zu Veranstaltungen mit israelischen Gästen. Über die Ausladung Eva Illouz' durch die Uni Rotterdam wurde in den letzten Tagen berichtet (unsere Resümees). Nun sagt das Amsterdamer Concertgebouw ein Chanukka-Konzert am 14. Dezember ab, berichtet Michael Thaidigsmann in der Jüdischen Allgemeinen. "'Schweren Herzens' müsse man das Konzert absagen, erklärte die Leitung der Musikhalle in einem am Sonntag auf der Concertgebouw-Webseite veröffentlichten Statement. Der geplante Auftritt von Kantor Shai Abramson stehe 'im Widerspruch zur Mission des Concertgebouw, Menschen mit Musik zu verbinden'. Abramson ist seit 2008 auch Chefkantor der israelischen Streitkräfte und bekleidet den Rang eines Oberstleutnants."
Anders reagierte die Philhamornie de Paris auf das Ansinnen der Gewerkschaft CGT, ein Konzert der Israel Philharmonics zumindest in irgendeiner Weise zu "kontextualisieren". In einem Statement (hier nachzulesen) schreibt die Philharmonie de Paris: "Die Philharmonie hat sowohl israelische als auch palästinensische Künstler empfangen und wird dies auch weiterhin tun. Wir verlangen von den eingeladenen Künstlern und Ensembles niemals, zu aktuellen Konflikten oder sensiblen politischen Themen Stellung zu beziehen, da dies für sie in ihrem Herkunftsland mitunter erhebliche Konsequenzen haben könnte. Künstler können nicht allein aufgrund ihrer Zugehörigkeit für die Handlungen ihrer Regierungen verantwortlich gemacht werden. Dies würde den von uns vertretenen Grundsätzen der Gewissens- und Meinungsfreiheit widersprechen."
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