9punkt - Die Debattenrundschau

Dann aber wie ein unbeteiligter Passant

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.11.2025. 9. November, Gedenksaison.In der SZ schildert der  Historiker Volker Weiß, wie Gedenkstätten buchstäblich übermalt werden von aktueller Politik: Was rechts oder links ist an den Schmierereien, ist nicht immer zu erkennen. Man kann nicht gedenken, ohne die Rolle der eigenen Familie zu reflekieren, mahnt die Geschichtsinfluencerin Susanne Siegert in der FR. Die FAZ zeigt auf, wie massiv China eine europäische Universität unter Druck setzt. Der Tages-Anzeiger erklärt, warum in der Schweiz mehr Schülerinnen mit Kopftuch herumlaufen als in Kosovo.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.11.2025 finden Sie hier

Geschichte

9. November, Gedenksaison. Sabine Seifert besucht für die taz die Gedenkstätte Sachsenhausen. Es stellen sich die bekannten Fragen, etwa wie man ohne Zeitzeugen die Erinnerung wachhält. Aber auch den Bezug zum Kolonialismus spricht Seifert an, die mit Axel Drecoll, dem Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen gesprochen hat: Der neue Kulturminister Wolfram Weimer "hat angekündigt, dass er die Idee seiner Amtsvorgängerin Claudia Roth (Grüne), den deutschen Kolonialismus und die Geschichte der Einwanderungsgesellschaft inhaltlich in eine Neukonzeption einzubeziehen, ablehnt". Dem stimmt Drecoll zu: "'Der Kolonialismus ist ein Verbrechen gewesen, das dringend mehr Aufmerksamkeit braucht', sagt Axel Drecoll dazu. 'Nur ist es ein Thema eigenen Rechts. Es hat andere Voraussetzungen als die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Diktatur.' Dazu gehöre, dass es kaum Tatorte in Deutschland gebe, das verbrecherische System nicht von einer Diktatur im Inland ausgeübt worden sei und zeitlich bis ins preußische Königreich zurückreiche. 'Man muss mit Nachdruck dafür Sorge tragen, dass der Kolonialismus aufgearbeitet wird. Wenn es dafür ein eigenes Konzept gibt, fände ich das sinnvoll.'"

Sowohl die extreme Rechte, als auch die extreme Linke stören sich am Gedenken, konstatiert der Historiker Volker Weiß in der SZ, beide beklagen einen "Schuldkult", "German Guilt" scheine auf der Linken "dem Kampf für Gaza insgesamt im Weg zu sein". "Nicht immer wird die politische Herkunft der Attacken deutlich. Im hessischen Babenhausen wurde 2024 der Gedenkstein für die von den Nazis vernichtete jüdische Gemeinde mit roter Farbe übergossen. Über den Antisemitismus hinaus blieb der weitere weltanschauliche Hintergrund unklar. Im niedersächsischen Ahlem verschandelten Unbekannte eine Gedenkwand für jüdische Deportierte mit Aufklebern, die israelfeindlich, propalästinensisch und neonazistisch waren. Die Grenzen sind auf diesem Terrain fließend, auch international."

Die noch recht junge "Geschichtsinfluencerin" Susanne Siegert spricht auf Instagram und Tiktok über die Nazizeit. Die eigene Recherche vor Ort hat sie zu diesem Thema gebracht - und diese Vermittlung von Geschichte durch die eigene Perspektive hält sie für essenziell. Das sagt sie auch auch an die Adresse von Friedrich Merz, auf dessen emotionale Rede in der Münchner Synagoge (unser Resümee) sie im FR-Gespräch mit Valérie Eiseler zurückkommt: "Ich glaube ihm sogar, dass er sehr emotional ergriffen war. Aber in diesem Moment werden die Jüdinnen und Juden im Raum sowie generell jüdische Verfolgte zu den Statist:innen seines Gedenkens. Wenn er über diese Rolle hinaus aktiv werden wollte, müsste er eigentlich auch offen über die Rolle seines Großvaters sprechen und klar benennen, was man über ihn weiß. Das würde auch nichts von dem schmälern, was er bei dieser Gedenkveranstaltung gesagt hat. Aber es geht einfach nicht sehr gut einher, sich auf der einen Seite anzumaßen, mit den Opfern zu trauern, wenn man auf der anderen Seite für die Tätervergangenheit der eigenen Familie keine klaren Worte findet. Er kann nach wie vor von seinem Großvater als liebendem Opa sprechen, das schließt sich nicht aus."

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, antwortet in der FAZ schon im vorhinein auf die salbungsvollen Reden, die er sich morgen wird anhören müssen. "Wenn ich 'Nie wieder' höre, denke ich an Jüdinnen und Juden, die ausgegrenzt werden. Nicht 1938, sondern jetzt. Der Dirigent Lahav Shani wird mit den Münchner Philharmonikern von einem Festival ausgeladen. Der Student Lahav Shapira wird brutal zusammengeschlagen. Ein Geschäft in Flensburg verhängt Hausverbot gegen Juden. 'Nichts Persönliches.'"

Ein Konzert der Israel Philharmonics unter Lahav Shani wurde auch in Paris durch hooliganhaftes Abbrennen bengalischen Feuers gestört (mehr in efeu). Das Orchester spielte die "Hatikwah", die israelische Nationalhymne, und das Publikum antwortete mit stehenden Ovationen.


Außerdem: In der virtuellen Tiefdruckbeilage der FAZ erinnert der Afrikanist Andreas Eckert an Kwame Nkrumah, den ersten Präsidenten Ghanas und Heros der Dekolonisierung. Und in der FR erinnert Christian Thomas an noch einen anderen 9. November, den von 1918.
Archiv: Geschichte
Stichwörter: Erinnerungspolitik

Wissenschaft

Helene Röhnsch greift in der FAZ einen Bericht des Guardian auf (und recherchiert weiter), der zeigt, wie chinesische Behörden europäische Universitäten unter Druck setzen. Die Sheffield Hallam University hat die Arbeit der Sinologin Laura Murphy unterbunden, die eine international anerkannte Expertin für das Zwangsarbeitssystem in China ist. Die Uni fügte sich dem chinesischen Druck, um Mitarbeiter in China zu schützen, hieß es offiziell. Murphy stellte "auf der Grundlage des Informationsfreiheitsgesetzes einen Antrag auf Einsicht in relevante interne Dokumente der Universität. Anhand dieser habe sie erfahren, dass es noch einen weiteren Grund gebe, der ihr von der Universität zuvor jedoch nicht mitgeteilt worden sei: der Wunsch nach Zugang zum chinesischen Studentenmarkt. 'Die internen Dokumente, E-Mails und Risikobewertungen, die ich erhalten habe, zeigen, dass die Verwaltungsmitarbeiter ausdrücklich beschrieben haben, wie die chinesische Staatssicherheit die Website und E-Mails der Universität innerhalb Chinas blockiert hat, wodurch ihnen der Zugang zur Studentenrekrutierung und -ausbildung versperrt wurde', sagt Murphy der FAZ."
Archiv: Wissenschaft

Religion

Der neue Papst (wie hieß er noch) enthält sich zwar einseitiger Stellungnahmen zugunsten der Palästinenser, wie es sein Vorgänger vorzog, aber auch Leos Äußerungen zum Thema Antisemitismus in seiner aktuellen Form sind bisher äußerst dürr, ist Thomas Jansen im Leitartikel der FAZ aufgefallen. Passen will das nicht "zu den Wortgirlanden, die Bischöfe und Theologen für das christlich-jüdische Verhältnis in ihren Sonntagsreden flechten. Von den Juden als 'älteren Brüdern' oder 'Vätern im Glauben' ist da die Rede. Wer sich jedoch theologisch selbst zum nächsten Verwandten der Juden erklärt, sich dann aber wie ein unbeteiligter Passant verhält, sobald der Staat Israel ins Spiel kommt, hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Diese Diskrepanz ist die Folge des bis heute ungeklärten theologischen Verhältnisses der Kirche zum Staat Israel. Diplomatisch hat der Vatikan ihn erst 1993 anerkannt."
Archiv: Religion

Gesellschaft

Während der Schweizer Bundesrat vor kurzem entschied, ein Kopftuchverbot an Schulen wäre nicht verfassungskonform, hat in Kosovo jüngst das Oberste Gericht das Kopftuchverbot, das in den meisten Schulen des Landes gilt, als rechtens erachtet. Kosovo war nach den Kriegen in Ex-Jugoslawien unter den Einfluss radikaler Prediger aus Saudi-Arabien geraten, erläutert die Feministin Saïda Keller-Messahli im Gespräch mit Bettina Weber vom Tages-Anzeiger. Aber das Land wehrt sich gegen den Einfluss: "Kosovo ist gemäß seiner Verfassung laizistisch. In den meisten arabischen Ländern hingegen ist der Islam Staatsreligion, obwohl es früher etwa in Syrien, dem Irak, Algerien oder Tunesien Reformen gab, um den Einfluss der Religion auf die Politik zu reduzieren. Aber mit dem Durchbruch des politischen Islam 1979, als Khomeini im Iran den Schah stürzte und ein Mullah-Regime errichtete, errang die islamistische Muslimbruderschaft einen großen Sieg. Ihre Ideologie sprang auf andere Länder über - auf einmal trugen Frauen dort ebenfalls viel öfter Kopftuch. Die Ideologie der Muslimbruderschaft und ihre Auslegung eines 'reinen' und politischen Islam haben diese Gesellschaften vollkommen verändert."
Archiv: Gesellschaft
Stichwörter: Kopftuchverbot, Kosovo

Medien

Neulich stellte sich heraus, dass das ZDF mit einem Offizier der Hamas zusammenarbeitete - er war bei einem Angriff der Israelis ums Leben gekommen und wurde vom ZDF zunächst intensiv betrauert. Der Fall reiht sich ein in eine ganze Serie von Kooperationen internationaler Medien, die nicht nach Gaza dürfen, mit "Journalisten", die oft zur Hamas gehören. Vanessa Fatho fasst für die FAZ zusammen: "Einen Fauxpas erster Klasse hatte sich Anfang des Jahres die BBC geleistet. Im Februar veröffentlichte der Sender die Dokumentation 'Gaza - How To Survive A War Zone'. Im Nachgang stellte sich heraus, dass einer der Protagonisten, ein 13 Jahre alter Junge, der Sohn des stellvertretenden Hamas-Landwirtschaftsministers Ayman al-Yazouri war. Inzwischen wurde die Doku aus der BBC-Mediathek entfernt und nach eigenen Angaben eine interne Untersuchung durchgeführt... Die britische Medienaufsichtsbehörde Ofcom verpflichtete die BBC dazu, sich zur besten Sendezeit im Programm für die Sache zu entschuldigen."

Die Bundesländer suchen nach einem neuen "Digitale-Medien-Staatsvertrag (DMStV)", berichtet Ann-Kathrin Lecler in der taz, die mit Heike Raab, Koordinatorin der Rundfunkkommission der Länder und Medienstaatssekretärin von Rheinland-Pfalz gesprochen hat. Unter anderem geht es darum, wie man für die notleidenden "Qualitätsmedien" ein wenig Gelder der übermächtigen Plattformen abzweigen kann (na, Hauptsache, der Perlentaucher kriegt was ab). "In Österreich gibt es eine ähnliche Plattformabgabe bereits, große Onlineplattformen müssen fünf Prozent ihrer Einkünfte aus der Werbevermarktung abführen. Wie die Abgabe in Deutschland ausgestaltet werden würde und wer von ihr profitieren könnte, wurde noch nicht ausgehandelt, so Raab. Die Länder suchten aber nach einer Lösung, die die flächendeckende Versorgung von verlässlichen Medien garantiere. Das Ziel: 'Ein Regelwerk, das den US-Tech-Giganten etwas entgegensetzt, neue Regeln für den Jugendschutz schafft und journalistische Inhalte auf Plattformen stärkt', sagt Raab."

Archiv: Medien

Ideen

Die "streitbare Denkerin" (so die taz) und "Moralphilosophin" Susan Neiman denkt in einem kommenden Buch über das Böse nach. Im Gespräch mt Lea De Gregorio macht sie klar, dass sie es bei Israel verortet: "In meinem neuen Buch frage ich, warum der Krieg in Gaza international als böse verstanden wurde. Ein Grund ist, dass wir in real time gesehen haben, wie Kinder sterben. Der andere: Die Menschheit hat sich geeinigt, dass der Holocaust böse war. Solch eine moralische Einhelligkeit gibt es kaum. Diese Referenz zu instrumentalisieren, um einen weiteren Genozid zu verursachen, ist böse... Natürlich gibt es Unterschiede zwischen dem, was in Auschwitz passiert ist und dem, was in Gaza passiert ist. Damit sollen sich die Historiker und Soziologen beschäftigen. Aus diesen Unterschieden zu schließen, dass es deshalb einen fundamentalen moralischen Unterschied gibt, ist falsch." Diese Gleichsetzung ist bei "streitbaren Denkerinnen" offenbar gerade de rigueur. Neulich begegnete sie uns bei Masha Gessen und Marianne Hirsch (unser Resümee), von Judith Butler ganz zu schweigen.

Ebenfalls in der taz plädiert David Van Reybrouck, der ein berühmtes Buch über den Kongo geschrieben hat, für die Einrichtung von Bürgerräten, besonders um fällige Klimaentscheidungen anzustoßen. Auf die Frage seines Interviewers Andreas Fanizadeh, wie man Autokratien wie China von so etwas überzeugen soll, antwortet er: "Das ist völlig utopisch. Aber der Kampf für das Frauenstimmrecht begann auch mal als Utopie. Auch was Immanuel Kant über den 'Ewigen Frieden' und eine Föderation unabhängiger Staaten geschrieben hat, kam zwei Jahrhunderte zu früh. Doch die Europäische Union ist nun die Realisierung dieser Idee. Heutzutage verursacht China den größten Ausstoß, aber wenn man historisch rechnet, waren es die USA. Und wenn man die koloniale Vergangenheit hinzunimmt, muss man die Niederlande pro Kopf zu den größten Verursachern zählen."

Außerdem: In der FAZ fragt der Philosoph Roberto Simanowski, ob KI-Bots eine politische Schlagseite haben, mal äußern sie sich woke, dann wieder maga.  

Archiv: Ideen
Stichwörter: Neiman, Susan

Politik

Der amerikanische Philosoph Michael Sandel macht im Gepräch mit Marcus Gatzke und Martin Klingst von Zeit online die Globalisierung als Ursache der politischen Raserei in den USA aus. Er glaubt allerdings, dass die Trump-Wähler Trump selbst dann treu bleiben werden, wenn die Wirtschaft schlechter läuft - auch weil die Demokraten bisher keine Rezepte hätten. Ihnen empfiehlt der Konservative ein Anknüpfen an amerikansche Werte. "Es war ein großer Fehler, den Patriotismus der extremen Rechten zu überlassen. Sie haben ihn eng definiert, auf nativistische, einwanderungsfeindliche Weise. Die Mitte-links-Parteien sollten ein alternatives Konzept von Patriotismus anbieten, das mit Gemeinschaftsgefühl und gegenseitiger Verantwortung verbunden ist. Der Sozialstaat setzt ein Gefühl von Solidarität voraus, was nur ein anderer Begriff für Patriotismus ist. Die Mitte-links-Parteien müssen den Patriotismus wiederentdecken und ein Gefühl der Zugehörigkeit vermitteln. Aber natürlich gilt das auch für verantwortungsbewusste konservative Politiker."

Außerdem: SZ-Autorin Sonja Zekri folgte im Berlin einem Kolloquium über die Zukunft Israels.
Archiv: Politik
Stichwörter: Sandel, Michael