Wladimir Putin ist sehr am Thema "Unsterblichkeit" interessiert, besonders, was seine eigene Person betrifft, erzählt FAZ-Korrespondent Friedrich Schmidt. Er bezieht sich auf ein Gespräch zwischen Putin und Xi bei der jüngsten Militärparade am Platz des Himmlischen Friedens, wo eine Gesprächspassage zwischen Putin und Xi zum Thema aufgeschnappt wurde. Durch den Austausch von Organen werde man demnächst 150 Jahre alt, Unsterblichkeit sei erreichbar, habe Putin schwadroniert. Eine gewisse Unendlichkeit steht auch so schon in Aussicht, so Schmidt: "In Moskau gilt weiter die Maxime, die im Oktober 2014 Wjatscheslaw Wolodin, damals Erster Stellvertretender Leiter der Präsidialverwaltung, mittlerweile Unterhausvorsitzender, formuliert hat: 'Wenn es Putin gibt, gibt es Russland. Ohne Putin kein Russland.' Putin herrscht, seine vier Jahre als Ministerpräsident (2008 bis 2012) mitgezählt, schon seit mehr als einem Vierteljahrhundert, macht keine Anstalten, das zu ändern, hat sich vielmehr 2020 per Verfassungsreform die Option geben lassen, bis 2036 im Präsidentenamt zu bleiben, und auch dann würde er erst 84 Jahre alt."
Auf Zeit online erinnert Nils Markwardt daran, dass "politische Unsterblichkeitsfantasien ihre bisher größte Konjunktur" nicht in Silicon Valley, sondern in der Sowjetunion hatten: "Vor über hundert Jahren hatten sich dort eine ganze Reihe von Denkern die Abschaffung des Todes auf die (meist roten) Fahnen geschrieben. In ihrem 2005 veröffentlichten Sammelband "Die Neue Menschheit" geben die Kulturwissenschaftler Boris Groys und Michael Hagemeister einen Überblick über die gleichermaßen obskuren wie damals durchaus einflussreichen Ideen ewigen Lebens. Angefangen hat es mit dem 1903 verstorbenen Philosophen Nikolai Fjodorow, der eine Leerstelle im zeitgenössischen Sozialismus erkannt haben wollte. Denn Letzterer müsse sich nicht nur im Raum, sondern auch in der Zeit ausbreiten. Deshalb sei es geboten, mit dem Fortschritt der Technik die Sauerei des Sterbens zu beenden. (...) Der sowjetische Kampf gegen den Tod blieb nicht nur philosophische Spekulation. Alexander Bogdanow, ein Weggefährte Lenins, gründete Mitte der 1920er-Jahre ein Institut für Bluttransfusionen zur experimentellen Verjüngung der Lebensgeister. In seinem 1927 erschienenen Text 'Der Kampf um die Vitalität' berichtet er von einem 50-jährigen Revolutionär, dem das Blut eines 20-Jährigen zugesetzt wurde. Beim Älteren sei danach angeblich die Arbeitsfähigkeit gestiegen, er konnte wieder besser sehen und habe aufgehört zu schnarchen."
Buch zur Debatte
Bestellen Sie bei eichendorff21!Ezra Klein, Kolumnist der New York Times, hat zusammen mit dem Wirtschaftsjournalisten Derek Thompson ein Buch geschrieben, "Der neue Wohlstand", das die Utopie vom guten Leben für alle schon heute für machbar hält, berichtet in der SZ Andrian Kreye. Umverteilung ist dabei - genau wie ungebremstes Wachstum - nicht die Lösung, weil sie keine Innovation beförderten, und genau die sei nötig: "Die Autoren finden dafür ein hübsches Bild: 'Würde es Ihnen gelingen, einen Blaubeerkuchen wachsen zu lassen, dann hätten Sie mehr Blaubeerkuchen', schreiben sie. 'Ökonomisches Wachstum entsteht aber nicht durch eine Anhäufung des immer Gleichen. Der Unterschied zwischen einer Volkswirtschaft, die wächst, und einer Volkswirtschaft, die stagniert, liegt im Wandel. Veranlassen Sie eine Volkswirtschaft zu wachsen, beschleunigen Sie eine andere Zukunft. Je mehr Wachstum es gibt, desto radikaler unterscheidet sich diese Zukunft von der Vergangenheit.' Aber gerade da scheitere die Konservative, die sich kulturell und gesellschaftlich viel zu sehr in der Vergangenheit verheddert", während die Linken überhaupt jeden Zukunftsglauben verloren hätten.
Francis Fukuyama hatte 1989 seinen Essay "Das Ende der Geschichte?" veröffentlicht, der später dann ohne Fragezeichen als Buch gedruckt wurde und sinnbildlich für die falschen Hoffnungen nach dem Ende der Sowjetunion stand, schreibt Alan Posener in der Welt. Dabei hält der Text auch heute noch Erkenntnisse bereit. Zum Beispiel, dass einer der größten Feinde der Demokratie die Langweile ist. Zitat Fukuyama: "'Die Erfahrung legt nahe, dass Menschen, wenn sie nicht für eine gerechte Sache kämpfen können, weil sich diese gerechte Sache in der vorigen Generation durchgesetzt hat, dann eben gegen die gerechte Sache kämpfen werden.' Haben sich Friede, Wohlstand und liberale Demokratie durchgesetzt, werden sie eben gegen diesen Frieden, diesen Wohlstand und diese Demokratie kämpfen." Die 68er gingen voran, jetzt sind es die Rechten: "Nicht zufällig tauchen viele Losungen und Haltungen, die man früher mit '68' assoziierte, nun bei den Rechtspopulisten auf. So die antiautoritäre Haltung, die etwa in der Pandemie den Rechten viele Anhänger zutrieb." Kurz: "Es ist, als hätte der Rationalismus die Seiten gewechselt."
Eine Demokratie braucht heutzutage mehr als regelmäßig stattfindende Wahlen, erklärt der belgische AutorDavid Van Reybrouck im FR-Interview mit Michael Hesse. "Wahlen sind wichtig", aber sie müssten ergänzt werden (...). Aber das Wahlrecht allein reicht nicht. Unser System ist zugleich auch elitär, schon sprachlich: 'Election' und 'Elite' haben denselben Ursprung. Es ist ein Ausleseprozess, der viele ausschließt. Alle dürfen wählen, aber nur wenige gelangen ins Parlament. Die praktisch Ausgebildeten sind fast völlig abwesend. Die repräsentative Demokratie kann sich deswegen auch sehr demütigend anfühlen. Deshalb müssen wir Wahlen ergänzen: durch direkte Demokratie - Referenden - und deliberative Demokratie - Bürgerräte. Nur so fühlen sich auch jene wieder als Teil der Gesellschaft, die sich heute abgehängt fühlen. Es ist merkwürdig, obwohl wir das Wahlrecht haben, wofür meine Großeltern gestritten haben, erfahren die Menschen einen tiefen Frust mit der Demokratie. Für mich heißt das, das Wahlrecht ist wichtig, aber nicht genug."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Warum wird die Philosophin Simone Weil gerade heute wieder so viel gelesen? Joseph Hanimann gibt in der FAZ einen Überblick über die aktuelle Rezeption. Der Literaturwissenschaftler Wolfgang Matz untersucht beispielsweise "ihre Entwicklung von der strikten Kriegsverweigerung zur resoluten Kampfbereitschaft" anhand ihres Essays "Die Ilias, oder das Gedicht von der Gewalt". "Durch eine minutiöse Wiederlektüre von Homers "Ilias" suchte Simone Weil in den Jahren 1937/38 zu zeigen, dass jenes Epos wie kein anderes die wahre Natur der Gewalt im Krieg darstelle. Über jede Taktik und politische Logik hinweg folge diese Gewalt ihrer eigenen blinden Dynamik und mache alles, was sie sich unterwerfe, zum bloßen Ding, das heißt in letzter Konsequenz den Menschen zur Leiche. Das sei so unabwendbar wie ein Naturgesetz. Welche Konsequenz abgesehen von schlichter Verweigerung daraus zu ziehen ist, kommt in jenem Aufsatz noch nicht wirklich zur Sprache. 'Der Ilias-Essay ist resigniert und realistisch, zutiefst verzweifelt und von einem existentiellen Willen zum Widerstand', resümiert Matz."
Bestellen Sie bei eichendorff21!"Wir dürfen uns nicht weiter in einem Kult der Wehrlosigkeit einkapseln und das auch noch als Tugend verkaufen", sagt der KulturwissenschaftlerHelmut Lethen, der im NZZ-Interview mit Paul Jandl den "strukturellen Pazifismus" der Linken kritisiert. Fassunglos macht ihn aber auch die Faszination der Neuen Rechten für Putin: Putin "lässt bei seinen Auftritten Hymnen zu Ehren von Stalin spielen und vernichtet die Erinnerungsarbeit, die mit dem Stalinismus zu tun hat. Es ist ein absolutes Versagen der Neuen Rechten, dass sie das nicht zur Kenntnis nehmen will. Was an Putin gefällt, ist seine Verachtung eines gewissen Pluralismus, aber vor allem ist es ein Kampf gegen die Nato. Was ich festgestellt habe: Die Neue Rechte weiß vom Zustand in Russland verdammt wenig. Würde sie in Russland versuchen, ihre Ideen umzusetzen, würde sie sehr schnell zu spüren bekommen, was eine Diktatur ist."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der PhilosophOtfried Höffesinniert im FR-Interview mit Michael Hesse indes darüber, was Kant über KI gedacht hätte. Er würde "den gemäß seiner berühmten Bestimmung für die Aufklärung unverzichtbaren Mut vermissen, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, nicht zuletzt so elementare Fähigkeiten, über die schon Pflanzen verfügen, wie der Selbstorganisation und der Selbstreproduktion. Die Aufgabe, die Forschung zur sogenannten künstlichen Intelligenz auf den Weg zu bringen, sie zu kontrollieren und rechtzeitig vor Gefahren zu warnen, also die drei für eine wahre Intelligenz unverzichtbaren Aufgaben, eine Initialmacht und eine Kontrollmacht auszuüben und ein Frühwarnsystem einzurichten, vermag letztlich nur der natürliche Mensch zu leisten und kein künstliches Gerät samt seinen unvorstellbar komplexen Algorithmen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der Philosoph Hanno Sauer, der auch ein Buch über soziale Distinktion geschrieben hat, erklärt im Welt-Gespräch, wie sich "Klassenzugehörigkeit" heute ausdrückt. Während für die "obere" Klasse immer noch Statussymbole wie große Häuser und teure Autos wichtig sind, gibt es in links-liberalen Kreisen andere kulturelle "Währungen": "Es wurde ja in den vergangenen Jahren oft gesagt, dass soziale und politische und intellektuelle Diskurse sich sehr moralistisch anfühlen. Dafür gibt es Begriffe wie 'virtue signaling' - also moralische Selbstdarstellung. Man prahlt damit, dass man sich noch stärker als andere einsetzt gegen Rassismus, gegen Sexismus und gegen Ableismus. Und dass man nicht mehr 'arme Menschen' sagt, sondern 'armutsbetroffene Menschen' oder so. Diese linguistischen Reformen rühren daher, dass Menschen Statuswettbewerbe primär mit moralischer Währung austragen. Das wiederum liegt daran, dass es viele Menschen gibt, die sogenannte 'High-Status-Low-Pay-Jobs' haben. Das sind Jobs mit einem relativ hohen Prestige, wie zum Beispiel Universitätsprofessor oder Feuilletonredakteur. Das sind coole Berufe. Aber damit wird man nicht reich."
Im FR-Interview mit Bascha Mika will der PolitologeWolfgang Merkel mit Blick auf das System Trump weder von Faschismus noch von Plutokratie sprechen. Geeigneter scheint ihm der Begriff des "Sultanismus" im Sinne Max Webers, der von einer "Sphäre freier, traditionsungebundener Willkür" sprach. So ersetze Trump "formalen Institutionen durch informelle Loyalitätsbeziehungen" und hebe die Trennlinie zwischen dem Privaten und dem Staatlichen auf. Genau wie Viktor Orban betreibe Trump dieses hochkorrupte System nicht besonders versteckt. Aber: "Bei Trump kommt aber noch etwas hinzu: Er feiert dieses Verhalten geradezu als eine besonders potente Form des politischen Agierens. Daran zeigt sich auch das Sultaneske: Ihm sollen Geschenke gemacht werden, von Katar hat er sie ja schamlos offen eingefordert. Er glaubt, es stehe ihm zu. Was da sichtbar wird, hat nicht etwas verschwiegen Korruptes, es ist ein offen sultanisches Auftreten. Die Grenzen zwischen Staat und persönlichem Eigentum werden verwischt - ohne dass Trump Gefahr läuft, dafür vor Gericht zu landen. Verglichen mit seiner ersten Amtszeit geht es jetzt in der zweiten noch einmal in ganz andere Sphären der Bedrohung, der Patronage, des Nepotismus und der Korruption."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der Philosoph Leander Scholz widmet sich entlang einer neuen Biografie von Heinrich Meier dem deutsch-amerikanischen Philosophen Leo Strauss. Strauss forderte eine Rückwendung zur antiken Philosophie und wendete sich gegen den Liberalismus. Er wurde so zur Galionsfigur der Neokonservativen - und hat bis heute Anhänger in der amerikanischen Politik: "Zu den wichtigsten Strategen der Außenpolitik Donald Trumps gehört Michael Anton, ein Straussianer mit einer starken Vorliebe für antike Philosophen. Er leitet den politischen Planungsstab im Außenministerium und ist alles andere als ein Populist, aber hat mit Trump schon früh eine Erneuerung amerikanischer Tugenden verbunden, die das antike Erbe der amerikanischen Gründer betonen. Sicherlich wird Leo Strauss auch weiterhin eine umstrittene Figur bleiben. Aber man sollte ihn kennen. Denn es ist sehr gut möglich, dass seine politische Philosophie für unsere Gegenwart noch eine bedeutende Rolle spielen könnte."
In der FAZ schreibt Thomas Grundmann den Nachruf auf den Philosophen Wolfgang Kuhlmann, der im Alter von 85 Jahren gestorben ist.
Das Prinzip des universalen Völkerrechts gerät durch Entwicklungen wie beispielsweise in den USA ins Wanken, warnt die Juristin Heike Krieger im SZ-Interview mit Volker Janisch. Aber selbst wenn es praktisch untergraben wird, überstehen rechtliche Normen solche Krisen - als Ideen, die immer noch Wirksamkeit haben: "Recht als Idee ist immer auch mit dem Anspruch auf Durchsetzung verbunden. Es bietet eine Möglichkeit, politische Prozesse zu beeinflussen. Ein Beispiel: die Annexion der Krim. Faktisch steht sie unter russischer Herrschaft, aber rechtlich ist diese Herrschaft mit einem Unwirksamkeitsurteil belegt - mit der rechtlichen Fiktion, dass sie zur Ukraine gehört. Auf diese Weise kann auch die Ukraine ihren Anspruch weiter aufrechterhalten und - mit erhöhter Legitimität - in politischen Foren geltend machen. Das schafft die Vorstellung von einer anderen Realität. Die Umkehrung der tatsächlichen Verhältnisse bleibt politisch denkbar. Das ist schon eine sehr wichtige Kraft."
Auf den Geisteswissenschaften-Seiten der FAZ führt Gerrit Tiefenthal ein Gespräch mit Peter Sloterdijk über seinen Freund Bruno Latour und dessen Impulse für die Zukunft: "Ich meine, der Weltlauf wird fürs Erste in eine wüste antilatourianische Richtung gehen. Gaia hat eine Unmenge schrecklicher Kinder hervorgebracht, sie sind alle noch da, in Gestalt von selbstsüchtigen Imperien, korrupten Soziologien, eingebetteten Journalismen, verblödetem Influencerwesen und bezahlter Mitmacherei auf allen Stufen. Die lassen sich nicht über Nacht belehren und bekehren. Zieht man den Horizont etwas weiter, lässt sich ohne Mühe denken, dass um das Jahr 2100 überall Latour-Hochschulen entstehen, so wie es im neunzehnten Jahrhundert Humboldt-Universitäten gab. Latour hat die protoeuropäische Idee der Universität als Versammlung der Studien aus dem Mittelalter ins einundzwanzigste Jahrhundert transponiert, er hat eine neue Idee der Kollekte geprägt, eine Versammlungskunst für die matters of concern."
Weitere Artikel: Ebenfalls in der FAZ ruft Michael Pauen dem im Alter von 88 Jahren gestorbenen Philosophen Reinhard Brandt nach.
Der Software-Entwickler Curtis Yarvin ist im Silicion Valley ein Vordenker der von ihm so bezeichneten "neoreaktionären Bewegung", der Personen wie Peter Thiel angehören, schreibt Mara Delius in der Welt. Curtis plädiert für ein "monarchistisches Prinzip" und sieht den amerikanischen Staat fest in der Hand "der Kathedrale", dem deep state. "In den Nullerjahren fügten sich Yarvins Äußerungen an den Rand der libertären Denkwelt des Silicon Valley. Heute, nach der Wiederwahl Donald Trumps, erscheinen Yarvins Theorien plötzlich in einem anderen Licht, wie Blaupausen oder theoretische Vorahnungen für das, was die Trump-Regierung in der Praxis umsetzt: etwa Elite-Universitäten Gelder streichen, Ausgaben für den Staatsapparat radikal kürzen. Vergangenes Jahr gab Yarvin noch eine Wahlempfehlung für Joe Biden ab, was er in diesem Jahr korrigierte. Trump 2.0 sei gut, wenn auch hundertmal weniger energisch als er es gerne sähe; das sei bestenfalls 'eine 1-Prozent-Revolution', sagte Yarvin der Financial Times."
Die eigene Position zu verabsolutieren, ist das Ende jeder Möglichkeit auf eine Diskussion, die auf Fakten beruht, konstatiert der SoziologeArmin Nassehi in der SZ. Leider fände sich dies aktuell auch prägnant bei der politischen Linken. "Und es scheint mir auch schon länger so zu sein, dass Linke und Linksliberale gerade wegen des Sympathievorschusses für ihre Ziele allzu selbstgefällig geworden sind. Deshalb wollte ich auch nie ein Linker sein. Anders gesagt: Die eigene Position verabsolutierend und kaum in der Lage, sich von seinem Gegenüber informieren zu lassen, und selbstgefällig, weil die ästhetische Geste wie von selbst zu funktionieren scheint - wenn auf all das das Schimpfwort 'woke' zutreffen sollte, dann trifft es erst recht auch die neue naiv übertriebene Kritik am 'Woken'."
Fassunglos berichtet Nikolaus Bernau in der FAZ, dass Achim Bonte, der Generaldirektor der Staatsbibliothek Millionen historische Karteikarten entsorgen lassen will: "Was sind wir, wenn wir die Dokumente unserer Geschichte aufgeben? ... Sie sind das Dokument der Macht von Bibliothekaren, Medien zu sortieren und damit zu bewerten, auch zu schützen etwa vor dem Zugriff der Politik. Der Generaldirektor dagegen betont: Die Titel- und Erwerbungsdaten seien seit vielen Jahren im elektronischen Katalog gesichert. (…) Auf den Karteikarten der Berliner Staatsbibliothek sind eben nicht nur die nüchternen Titeldaten, sondern handschriftlich oder mit Stempeln viele Informationen verzeichnet, die beim Abschreiben nicht in den elektronischen Katalog aufgenommen wurden. Sie sind nur noch hier zu finden. Es geht etwa um frühere Eigentümer, die Folgen von Enteignungen, Zensurvermerke aus der Nazi- und der DDR-Zeit."
Eigentlich ist Henry David Thoreau den Tech-Unternehmern aus Silicon Valley ziemlich ähnlich, denkt sich in der FAZ der SchriftstellerKarl-Heinz Ott: "Thoreau hat nie dazu aufgerufen, dass man sich in die Natur zurückziehen soll. Worauf es ihm ankommt, ist ein Leben in größtmöglicher Freiheit, mit dem alleinigen Ziel individueller Selbstentfaltung. ... Das Beste, was man für die Armen und Untätigen tun könne, sei, dass man ihnen vorführt, wie ein selbstbestimmtes Leben aussieht. Staatliche Fürsorge lehnt er auch deshalb ab, weil sie die Kehrseite der Bevormundung ist. Bei seiner Weigerung, Steuern zu zahlen, geht es ihm nur zum Teil um die Sklaverei; in Wahrheit plädiert er für ein Leben ohne Staat und Fiskus. Freiheit bedeutet für ihn, sich nichts und niemandem unterzuordnen und nur dem zu folgen, was der eigene Kompass vorgibt. Zu einer Zeit, als Marx den Kommunismus zu predigen beginnt, predigt er das genaue Gegenteil: den radikalen Individualismus."
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
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