9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Ideen

2259 Presseschau-Absätze - Seite 15 von 226

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.08.2025 - Ideen

In der FAZ vergleicht der Schriftsteller Christian Kortmann die Folgen der KI für das Schreiben mit den Folgen der Quarzuhr für die stolzen Schweizer Uhrmacher: Sie konterten mit der Swatch und profitierten später von einem neuen Interesse an mechanischen Luxusuhren. "Folgt man der Analogie, könnten sich die Kreativen der Gegenwart, wie die Uhrmacher damals, darauf besinnen, was das eigene Werkstück ausmacht und die Qualitätsansprüche nachschärfen. Wofür die Swatch steht, liegt auf der Hand: mit der Zeit zu gehen und die neuen technologischen Möglichkeiten spielerisch für allerlei Gebrauchstexte zu nutzen und mit einer individuellen Note zu versehen, also eine Art Mainstream-Maßkonfektion. Doch auch einer selbstbewusst anachronistischen 'Haute Ecriture', die dem Austauschbaren das Unverwechselbare einer eigenwilligen Autorschaft entgegen setzt, könnten goldene Zeiten bevorstehen - die Eleganz der künstlerischen Intelligenz und meisterlichen Gedankenführung als Statussymbol."

In der Berliner Zeitung plädiert Slavoj Zizek dafür, die Hoffnung aufzugeben, Faschismus und Zusammenbruch der Welt seien zu verhindern (so ganz klar wird er da nicht): "Meine Utopie ist also eine stille Allianz zwischen moderaten Konservativen, die das Tagesgeschäft steuern, und einer leninistischen Elite, die uns auf den bevorstehenden Zusammenbruch vorbereitet - doch ich weiß genau, dass beide Akteure heute zunehmend von der politischen Bühne verschwinden. Die moderaten Konservativen werden von den Trump-Populisten hinweggefegt, während das, was von der radikalen Linken übrig geblieben ist, in einem trügerischen pazifistischen Utopismus gefangen ist. Selbst wenn dieser verrückte Traum allzu utopisch ist - was sollten wir also tun? Meine Antwort lautet: prinzipientreuer Pragmatismus. Wir müssen uns auf zentrale Ziele konzentrieren, die unser Überleben sichern, und dabei ist alles erlaubt, was diesen Zielen dient - Demokratie, wenn sie funktioniert; autoritäre staatliche Kontrolle, wenn sie notwendig ist, Volksmobilisierung, wenn sie gebraucht wird, sogar ein gewisses Maß an Terror, wenn die Lage wirklich verzweifelt ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.08.2025 - Ideen

Buch in der Debatte

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Wir leben "in einer Gesellschaft, die den Ökozid mittlerweile akzeptiert hat", sagt der in Oxford "Environmental Humanities" lehrende Bernhard Malkmus, Autor des Buchs "Himmelsstriche", im Gespräch mit Sylvia Staude in der FR. Er prangert unter anderem unser entfremdetes Verhältnis zur Natur an. Sein Buch ist auch eine Hommage an seinen Vater, einen Naturliebhaber. "Mein Vater hat diese wunderschönen deutschen sogenannten Trivialnamen, diese Tier- und Pflanzennamen völlig alltäglich praktiziert. Für ihn war das wie eine Liturgie. Wir sind auf Waldspaziergänge gegangen, in Portugal, im Spessart, er sagte, das ist diese Pflanze, das ist jener Vogel. Für mich sind diese Namen wie Ein-Wort-Gedichte: der Goldstreifensalamander, die Blaugrüne Mosaikjungfer, das Mädesüß. Ich lese Bestimmungsbücher, wenn ich sie nicht zum Bestimmen verwende, wie Gedichtbände."

Woke ist zwar over, war aber nicht so übel, findet Philipp Bovermann in einem SZ-Essay: "Gar nicht so wenige Menschen haben nun immerhin gelernt, dass es etwa bei der Beurteilung von Rassismus völlig egal ist, ob jemand sich als Rassist empfindet oder nicht, ja sogar, ob jemand Rassist ist oder nicht."

Die Friedenspreisentscheidung für Karl Schlögel löst bei seinen Diskursgegnern ein unschönes Gemecker aus, protokolliert Daniel Friedrich Sturm im Tagesspiegel. So äußerste sich Sahra Wagenknecht höchst unzufrieden: "Es sei 'bedauerlich, dass der Friedenspreis immer häufiger dazu missbraucht wird, nicht das Werben für Frieden, sondern das Befördern von Feindseligkeit zu honorieren', sagte Wagenknecht. ... Ex-SPD-Vizechef Ralf Stegner schrieb bei X, er habe im vorvergangenen Jahr bei einer deutsch-polnischen Tagung in der Uckermark mit Schlögel sehr kontrovers über Friedenspolitik diskutiert. 'Seine Auszeichnung mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2025 verrät viel über die 'Zeitläufte'.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.07.2025 - Ideen

Wir haben es gestern schon gemeldet: Der Osteuropahistoriker Karl Schlögel bekommt den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. In der SZ ist Sonja Zekri mehr als einverstanden. Sie lobt Schlögels "uneingeschränkte Begeisterung für das frisch vereinte Europa" - dessen Feind Russland sei: "Seine Ausführungen über Russland aber haben gelegentlich einen deterministischen Unterton, der alle frühere Euphorie, alle Begeisterung für eine anderes Zusammenleben auf dem Kontinent, auch: alle in Jahrzehnten gewachsenen Beziehungen nach dem Ende der Sowjetunion im Grunde negiert. Die russische Geschichte müsse neu gedacht werden, so Schlögel, mehr Mongolen-Herrschaft und autokratischer Sonderweg, weniger Westlertum und Blick nach Europa, so ließe sich das zusammenfassen. Ergänzend dazu beschwört er die Ukraine als leuchtendes Beispiel eines osteuropäischen Landes, das historisch die richtige Abzweigung genommen hat und dem man jede erdenkliche militärische Hilfe zukommen lassen müsse."

In der FAZ ist Andreas Platthaus hochzufrieden: Der "brillante" Schlögel "ist eine hervorragende Wahl. Seine Expertise für osteuropäische, speziell russische Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts ist unerreicht, und er gehörte zu den Ersten in Deutschland, die vor Putins Politik warnten: Mit den seit 2014 laufenden russischen Angriffen auf die Ukraine wurde der große Liebende der russischen Kultur zum publizistischen Gegenspieler Russlands." Gleichzeitig kritisiert Platthaus, dass kein Preisträger gewählt wurde, der mit dem Nahostkonflikt zu tun hat, obwohl ihm selbst kein entsprechender Preisträger einfällt (David Grossman hat ihn schon, "auf arabischer Seite wiederum fehlen versöhnlich argumentierende Stimmen").

"Kaum einer hat diesen Preis so verdient wie der Historiker und Essay ist Schlögel, der Intellektueller und Wissenschaftler in einer Person ist", jubelt auch Michael Hesse in der FR. Schon vor allen anderen warnte der Historiker vor Putin und hielt damit nicht hinterm Berg: "Schlögel hielt sich nie mit seiner Meinung über Putin zurück. Fast schon legendär ist sein Auftritt im Fernsehen, als er Sahra Wagenknecht zurechtwies, als sie sich zu einer Verteidigungsrede für Russland aufschwang." Und auch Yelizaveta Landenberger ist in der taz erfreut: "Beeindruckend ist nicht nur Schlögels Spagat zwischen Akademie und Publizistik. Er ist auch als entschiedene Stimme in der deutschen Öffentlichkeit präsent, die sich solidarisch zeigt mit all denjenigen in Ost- und Mitteleuropa, die für Freiheit und Menschenrechte einstehen. Und das lebt er."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.07.2025 - Ideen

Karl Schlögel (Bild: Peter-Andreas Hassiepen, Börsenverein des deutschen Buchhandels)

Der Historiker Karl Schlögel wird bei der Buchmesse mit dem diesjährigen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Auch der Perlentaucher gratuliert - in unserer Datenbank ist der sehr produktive Autor mit 16 Büchern verzeichnet! In der Begründung der Jury heißt es: "In seinem Werk verbindet der deutsche Historiker und Essayist empirische Geschichtsschreibung mit persönlichen Erfahrungen. Als Wissenschaftler und Flaneur, als Archäologe der Moderne, als Seismograph gesellschaftlicher Veränderungen hat er schon vor dem Fall des Eisernen Vorhangs Städte und Landschaften Mittel- und Osteuropas erkundet. Er hat Kyjiw und Odessa, Lwiw und Charkiw auf die Landkarten seiner Leserinnen und Leser gesetzt und St. Petersburg oder Moskau als europäische Metropolen beschrieben. Mit seiner Erzählweise, die Beobachten, Empfinden und Verstehen verbindet, korrigiert er Vorurteile und weckt Neugier."

In unserem Online-Buchhandel Eichendorff21 haben wir Ihnen alle lieferbaren Titel von Schlögel zusammengestellt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.07.2025 - Ideen

Bei Zeit Online nimmt Ijoma Mangold die kontroversen und widersprüchlichen Ideen des rechts-libertären Tech-Unternehmers Peter Thiel unter die Lupe. So abstrus vieles klingt, was Thiel von sich gibt, so interessant könnte es vielleicht für uns Europäer sein, "sich dieses dunklen Denkens im Dunstkreis von Peter Thiel, das ja auch als 'dark enlightenment' apostrophiert wird, wie eines Kontrastmittels bedienen." Zum Beispiel, wenn Thiel von der Stagnation des technischen Fortschritts spricht: "Nur in der Welt der Bits gebe es noch Innovation, in der Welt der Atome passiere seit dem Ende der Apollo-Mission nichts mehr (...) In diesem Punkt Thiels Intuition nachzuhorchen, könnte tatsächlich fruchtbar sein, denn für seine These der wissenschaftlichen Stagnation spricht die wirtschaftliche Stagnation: Die Millennials können materiell mit ihren Boomer-Eltern nicht mehr mithalten - es gibt zu wenig Wachstum, denn Wachstum wurde kulturell dämonisiert. Doch warum ist der Fortschritt eingeschlafen? Vermutlich würde Thiel sagen: weil wir die Bibel nicht wörtlich genug nehmen, die uns doch auffordere, sich die Erde untertan zu machen. Denn Thiel ist ein Mann, der Texte - und zwar selbst die Bibel - nicht liest, sondern sie je nach Bedarf benutzt. Das hat etwas Unbefriedigendes. Andererseits wird man durch die Beschäftigung mit ihm nicht dümmer, denn auch Inkohärenz zu rekonstruieren, kann erkenntnisstiftend sein."

Auch der Wirtschaftsjournalist Rainer Hank beschäftigt sich in der NZZ mit Peter Thiels religiösen Gedanken. Zum Beispiel mit seiner Idee vom Ende der Welt durch den "Antichristen". "Für Thiel verbirgt sich dahinter die Gefahr einer mächtigen linken Weltregierung - sei es ein Weltkommunismus oder eine woke Gesinnungsdiktatur. Ein solcher Krake wäre das Ende jeglicher Freiheit der Menschen. Konkrete Vorzeichen dieser gefährlichen Weltregierung sind für Thiel etwa die Uno oder die EU. "Donald Trump interessieren solche theologischen Spitzfindigkeiten nicht. J. D. Vance und Peter Thiel dafür umso mehr. Sie wollen nicht nur Macht haben, sondern auch die Welt retten. Das macht sie gefährlich. Die christliche Religion ist eine ambivalente Angelegenheit. Es gibt einen moralischen und einen politischen Universalismus. Der moralische Universalismus gebietet, bei ethischen Entscheidungen das Wohl aller Menschen zu berücksichtigen. Der politische Universalismus stellt das Christentum in den Dienst imperialer Weltherrschaft und Welterlösung."

Weiteres: In der NZZ denkt Uli Bernays über den Begriff "African American" nach.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.07.2025 - Ideen

Tania Martini (FAS) traut in ihren Augen kaum, wenn sie das "gefällige" Interview liest, das ihre SZ-Kollegin Sonja Zekri mit dem palästinensischen Politologen Bashir Bashir für das Berliner Wissenschaftskolleg geführt hat - und in dem der "sein Konzept des 'egalitären Binationalismus' erläutert, mit dem er die 'jüdische Vorherrschaft' beendet sehen will und damit unglaublich humanistisch und empathisch klingt: 'Er bietet den israelischen Juden das, was ihnen am meisten fehlt, nämlich Normalisierung und Legitimität in den Augen ihrer Opfer. Einzig die Palästinenser können den israelischen Juden diese Legitimität und Normalisierung auf eine Weise verschaffen, die wirklich tiefgehend und bedeutsam wäre.' Nicht die Rede ist dagegen "von der Rolle der Hamas, die aber noch viele Monate nach dem 7. Oktober sowohl im Gazastreifen als auch im Westjordanland größten Zuspruch erhielt. Stattdessen affirmiert Bashir Bashir die mittlerweile massenorganisierende Projektionsfläche eines 'globalen Palästina', bei der es häufig weniger um Territorium und konkrete Rechte geht, sondern vielmehr um das Fortschreiben einer binären Täter-Opfer-Erzählung, die als ideologisches Bindemittel dient und suggeriert, dass sich mit der Lösung des Israel-Palästina-Konflikts alle Konflikte der Welt lösen lassen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.07.2025 - Ideen

Vor fünfzig Jahren erschien Hans Mayers berühmter großer Essay "Außenseiter", seinerzeit ein großer Bestseller, an den in der Welt der Literaturwissenschaftler Eckart Goebel erinnert. Eine "Literatur- und Kulturgeschichte über Frauen, schwule Männer und Juden von der Antike bis in seine Gegenwart" sei das, und gewiss, man muss das "Fehlen eines vierten Teils über Rassismus und Kolonialismus" konstatieren. Hans Mayer setzt sich in dem Band auch früh mit israelbezogenem Antisemitismus auseinander, so Goebel: "Mit der Gründung des Staates Israel, notiert Mayer, wurde 'aus dem bisherigen isolierten jüdischen Außenseiter inmitten einer nichtjüdischen Bevölkerung ein jüdischer Außenseiterstaat inmitten einer nichtjüdischen Staatengemeinschaft.' Diesem Staat Israel, den er oft besuchte, gilt seine Solidarität, und er bezieht im Kapitel über 'Antisemitismus nach Auschwitz' dezidiert Stellung gegen jene, die zwischen Antizionismus und Antisemitismus unterscheiden wollen: 'Das ist unsere Wahrheit hier und heute. Wer den 'Zionismus' angreift, aber beileibe nichts gegen die 'Juden' sagen möchte, der macht sich oder andern etwas vor. Der Staat Israel ist ein Judenstaat. Wer ihn zerstören möchte, erklärtermaßen oder durch eine Politik, die nichts anderes bewirken kann als solche Vernichtung, betreibt den Judenhass von einst und von jeher.'" Antiquarisch ist der Band sehr gut zu finden.

Der von Mayer beschriebene Antisemitismus äußert sich in einem Podcast mit 1,5 Millionen Followern heute so:

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.07.2025 - Ideen

Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin Antje Schrupp erklärt im Gespräch mit Francesca Polistina in der taz, was "Differenzfeminismus" ist und wie er sich vom klassischen Feminismus unterscheidet, dem es an Gleichstellung und damit an der Übernahme eines männlichen Modells gelegen sei. Auch vom Queerfeminismus setzt sie sich ab: "Ich stehe als Differenzfeministin und Anarchistin dem Einklagen von Rechten grundsätzlich skeptisch gegenüber. Ich bin der Meinung, dass der Staat nicht die Instanz ist, von der man sich die Freiheit erhoffen soll. Ich sehe ein, dass es sinnvoll ist, Errungenschaften in einen gesetzlichen Rahmen zu überführen, aber man darf sich davon nicht zu viel versprechen. Außerdem bedeutet jedes Recht eine Grenzziehung, die wiederum den Ausschluss anderer bedeutet, da zum Beispiel nicht alle Menschen Staatsbürger sind. Das gleiche Problem sehe ich übrigens auch bei der Finanzierung von feministischen Projekten."

Frantz Fanon war ein Vordenker der Postkolonialisten, der Gewalt als Mittel zum Zweck legitim fand, schreibt Kacem El Ghazzali in der NZZ (unsere anderen Resümees zum hundertsten Geburtstag Fanons hier). Dabei agierte Fanon aus einer sehr privilegierten Situation heraus und rechtfertigte seinerzeit die kruden Taten der FLN. "Um zu verstehen, wie realitätsfremd und letztlich menschenverachtend Fanons Ideen waren, muss man ihn mit seinem Zeitgenossen, dem kabylischen Autor und Lehrer Mouloud Feraoun, kontrastieren. Während Fanon aus der relativen Sicherheit von Tunis schrieb, blieb Feraoun im Kriegsgebiet und erlebte die Methoden des FLN aus erster Hand. Es ist eine 'unbequeme Wahrheit', wie Tabensky feststellt, dass 'der FLN auch Zehntausende von Muslimen tötete'. Wo Fanon den 'reinen Bauern-Krieger-Philosophen' idealisierte, sah Mouloud Feraoun etwas völlig anderes. Feraoun beschrieb die FLN-Rebellen als im Wettbewerb mit den Franzosen stehend, um zu sehen, 'wer grausamer sein könnte'. Er stellte die Frage, die Fanons Philosophie völlig entgegensteht: 'Können Menschen, die Unschuldige kaltblütig töten, Befreier genannt werden?'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.07.2025 - Ideen

Der Innovationsexperte Hakke Hansen möchte die Anwendung von Recht automatisieren, um Bürokratie zu beschleunigen und bezeichnet das in einem Essay für die Wirtschaftsseiten der FAZ als "Law as Code": "Die Vorstellung, jeder Verwaltungsakt müsse zwingend durch individuelle menschliche Prüfung erfolgen, entstammt einem technischen Weltbild vergangener Jahrzehnte. Heute lassen sich auch komplexe Regelwerke strukturiert digital abbilden, standardisiert interpretieren und automatisiert anwenden - transparent, konsistent und mit hoher Genauigkeit. Die Prüfung auf Vollständigkeit, Richtigkeit, Echtheit und die Subsumtion von Tatbestandsvoraussetzungen kann in vielen Fällen effizienter und zuverlässiger durch Technik erfolgen."

Frantz Fanon gilt als radikaler Pionier des Postkolonialismus. Aber, merkt Thomas Schmid in der Welt an, seine Anhänger verkennen bisweilen, dass er eine wichtige Eigenschaft hatte, die ihnen selbst häufig abgeht. Sich "trotz seines Hangs zur möglichst steilen These - der widersprüchlichen Wirklichkeit auszusetzen: konsequent inkonsequent. So lobt er die Weisheit bäuerlicher Volksversammlungen, die ganz in den Bahnen traditioneller Bräuche verlief - und schreibt leidenschaftlich gegen Aberglauben und störrischen Traditionalismus an. Fanon war ein überzeugter Atheist und schrieb Texte voll messianischer Hoffnung. Er verurteilte jene, die einen friedlichen Übergang in die nationale Unabhängigkeit für möglich hielten und pflegte er eine herzliche Beziehung zu Patrice Lumumba, der ebendiesen Weg bei der Befreiung des Kongo gegangen war. Fanon hielt die Befreiung der Bauern für ein Kernstück der Revolution und unterstützte aber die konservative Politik des FLN, die den Status der Bauern zementierte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.07.2025 - Ideen

Das erste Viertel des 21. Jahrhundert war gekennzeichnet durch eine stark fortschreitende Digitalisierung und das Umwerfen von bis dahin festverankerten Glaubenssätzen - vor allem in der Politik, konstatiert der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht in der NZZ. "Weil die richtungslos zentrifugale Gegenwart nun jegliche Alternative aufnimmt, werden alle überkommenen Normvorstellungen verhandelbar. Darin liegt nach der Umstellung der Zeitlichkeit ein zweites Symptom unserer Gegenwart. Nicht zufällig ist das Wort 'negotiable' zum verbalen Emblem der Trump-Regierung geworden (...) Der Primat des Verhandelns nimmt nicht nur Prinzipien und zu Ideologien verhärteten Wertpositionen ihren Status bedingungsloser Geltung, sondern unterläuft auch auf ihnen beruhende transnationale Allianzen wie die Nato oder die Europäische Union. An ihre Stelle kehren meist bilaterale Verhandlungen zwischen Nationen zurück, aus denen Bündnisse eines anderen Typs entstehen wie die 2006 von Brasilien, Russland, Indien und der Volksrepublik China gegründete Brics-Gruppe. Selbst Kriege werden heute wieder zwischen Nationen und nicht mehr zwischen ideologischen Lagern geführt."