"Uns allen geht es darum, wie wir nach der Katastrophe, die wir und unsere Familien erlebten,
weiterleben können", schreibt
Natan Sznaider im
Spiegel in einer beeindruckenden Antwort auf die jüngste
Omri-Boehm-Debatte. So wie
Eva Illouz den Israel-Preis hätte bekommen sollen, der ihr abgesprochen wurde, hätte auch Omri Boehm in Buchenwald reden können dürfen, meint er - der intellektuell
ein Antipode zu Boehm ist: "Ich glaube zum Beispiel nicht, dass der souveräne Staat Israel seinen
ethnischen Charakter aufgeben sollte, der für mich die Grundlage des Landes ist. Das ist
mein '
Nie wieder'. Das sieht Omri Boehm anders. Damit fordert er meinen Partikularismus heraus, der auch strittig und kontrovers bleiben soll, denn nur so kann ich ihn verteidigen. Moralisches und humanitäres Denken, Urteilen und Fühlen soll universell, unparteiisch, unabhängig und neutral sein. Darauf beruhen im Idealfall auch globale Solidarität, universelle Empathie und Gerechtigkeit. Aber ich sehe auch, dass es nicht nur um noble Ideale geht, sondern um
unser konkretes Leben hier in Israel. Und dafür will ich das Partikulare, Parteiische, Abhängige und Voreingenommene verteidigen."
Der Althistoriker
Egon Flaig hatte kürzlich in der
FAZ die Ukrainer kritisiert, die sich dem
Kriegsdienst in ihrem Land entziehen, und mit Kant argumentiert, dass eine Demokratie im Ernstfall dem Bürger Loyalität und
Opferbereitschaft abverlangen können muss (
unser Resümee). Die Politikwissenschaftler
Julian Nicolai Hofmann und
Oliver Eberl antworten heute in der
FAZ. Sie werfen Flaig vor, "echten Nationalismus in die Berliner Republik" einführen zu wollen. Laut Kant müssten die Bürger schon selbst für den Kriegsdienst stimmen, er könne ihnen nicht von oben aufgezwungen werden. Und dann leiten sie über zu Machiavelli, der "nur zu gut" wusste, "dass Tugend und Wehrhaftigkeit nicht erzwungen werden können, sondern durch eine
gerechte Ordnung kultiviert werden müssen." Doch "der Wehrdienst, der wieder eingeführt werden soll, und auch das Modell des sozialen Pflichtjahrs versprechen jungen Menschen zum Ausgleich weder mehr Teilhabe noch soziale Gerechtigkeit. Was die postheroische Mentalität angeht, ist auch die Ukraine offenbar schon ein normaler Nationalstaat: Die hohen Zahlen von Desertionen, die Flaig beklagt, sind ein Indiz dafür, dass nicht allen Soldaten klar ist, was sie genau verteidigen."