9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2258 Presseschau-Absätze - Seite 5 von 226

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.02.2026 - Ideen

Die vier Soziologiestars Stephan Lessenich, Steffen Mau, Heinz Bude und Koloma Beck wurden in Berlin in ein "Battle" geschickt. Welche Denkschule obsiegt? Elke Schmitter war für den Perlentaucher die Sportreporterin. Sie vergibt auch Haltungsnoten. Inhaltlich stehen sich Heinz Bude und Koloma Beck zum Beispiel nahe: "Doch, als übernähme der Geist Bourdieus die Führung, entscheidet in dieser nachbarschaftlichen Beziehung auf dem Podium nicht mehr das Argument, nicht einmal mehr der Gehalt, sondern nur noch der Habitus. Bude lässt den Zeigefinger schweben und wird zum weißen alten Mann, der Humor wie Contenance verliert. 'Hegemoniale Erzählung', das sei doch 'Tinnef', 'Narrativgedöns'! Und Koloma Beck friert, trotz solidarischen Stöhnens im Publikum, leider ein."

"Es sind wirklich vollkommen irre Zeiten", notiert ein perplexer Jens-Christian Rabe in der SZ nach einem denkwürdigen Abend in Schloss Elmau. Dort fand "World in Pieces" statt, eine Tagung mit Intellektuellen wie Timothy Garton Ash, Peter Sloterdijk, Eva Illouz, Scholz' Kanzleramtsminister Wolfgang Schmidt oder Alexander Soros. Und mittendrin der rechte Vordenker Curtis Yarvin, den Ivan Krastev eingeladen hatte, weil "die Auseinandersetzung mit diesem Denken 'für uns' viel wichtiger ist als für Yarvin", wie Krastev erklärte. Er "macht das Gespräch zu einer eher stillen, skrupulösen, aber deshalb umso denkwürdigeren Erinnerung an die zentralen politischen Errungenschaften des Westens: die Machtkontrolle und vor allem die friedliche Machtübergabe. Yarvins Einlassungen und Auslassungen sind kaum weniger denkwürdig. Mit fast kindlicher Hartnäckigkeit möchte er die Versprechen und Abstraktionen der Demokratie (etwa die Gerechtigkeit oder die Gleichheit), die er fast kindlich wortwörtlich nimmt, als 'Illusionen' entlarven. Und als Ausweis von unverzeihlicher (intellektueller) Schwäche entlarven. Ein Austausch über die Idee von 'nützlichen' Illusionen, den Krastev versucht, kommt nicht wirklich zustande. Stattdessen fällt irgendwann der Satz: 'Nothing is ever impressive, when it's weak' - was schwach ist, könne niemals eindrucksvoll sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.02.2026 - Ideen

Am Ende kann jede Verfassung untergraben und die Freiheit abgeschafft werden - wenn die Wähler das so wollen. Es kann nicht schaden, das juristisch so schwierig wie möglich zu machen. Aber man muss schon genau hingucken, was wirklich Verfassungsrang hat, meint Reinhard Müller in der FAZ, und was nur der Sicherung bestimmter politische Positionen dient: "Man sollte nicht den Eindruck erwecken, die Landeszentrale für politische Bildung oder der öffentlich-rechtliche Rundfunk in seiner jetzigen Form hätten ewigen Verfassungsrang. Vorsicht ist jedenfalls geboten, wenn eine Volksfront-Mentalität jene geistige Auseinandersetzung behindert, die gerade den Einzug von Verfassungsfeinden in die Parlamente verhindern könnte. ... Natürlich sollte ein Regierungswechsel auch Folgen haben. Sonst wären Wahlen überflüssig. Eine längere politische Herrschaft, die auch mit der Besetzung von Richterposten im Land und von Spitzenpositionen in Behörden bis zum Verfassungsschutz verbunden ist, wirkt sich aus: von der Durchsetzung von Recht und Ordnung bis hin womöglich zur allgemeinen Stimmung. Staatsdiener aber sind keiner Partei verpflichtet, sondern dem Land. Gut, wenn man sich das nicht nur mit Blick auf die AfD immer wieder in Erinnerung ruft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.02.2026 - Ideen

Milliardäre wollen immer häufiger auch politische Macht, stellt Amitabh Behar von der Entwicklungsorganisation Oxfam International im Interview mit der taz fest. Gleichzeitig werde die Ungleichheit auf der Welt immer größer: "Unter den reichen Ländern sind die USA das Land mit der größten Ungleichheit. Aber Ungleichheit ist ein weltweites Problem. In Lateinamerika und der Karibik besitzen derzeit zwei Personen mehr Vermögen als die Hälfte der Bevölkerung zusammen. In Afrika besitzen vier Personen mehr Vermögen als 50 Prozent der Bevölkerung. Das Vermögen der Milliardäre weltweit beläuft sich derzeit auf 18,3 Billionen US-Dollar. Allein im letzten Jahr haben sie es um 2,5 Billionen Dollar erhöht. Dieser Zuwachs würde ausreichen, um die extreme Armut 26-mal zu beseitigen." Behar hält mit zwei Vorschlägen dagegen: Eine Zerschlagung von Monopolen, Beispiel "die Landwirtschaft: Dort dominieren mittlerweile nur noch zwei Saatgutunternehmen den weltweiten Markt", und höhere Steuern auf große Vermögen: "Die Afrikanische Union hat sich zusammengetan und die UN-Steuerkonvention vorangebracht, zum ersten Mal werden Steuerregeln in den Vereinten Nationen verhandelt. Natürlich gibt es Hindernisse, aber dass es überhaupt angenommen wurde, liegt vor allem an der Geschlossenheit der afrikanischen Staaten bei dem Thema."

Außerdem: René Schlott empfiehlt auf der Geisteswissenschaftenseite der FAZ zwei Texte Omer Bartovs und Dirk Moses' aus der Berlin Review (mehr hier). Bartov kritisiere in dem aus Prospect übernommenen Essay die "Instrumentalisierung des Holocaust" durch die israelische Regierung, Moses nehme mit Adorno die Idee der "Staatsräson" auseinander.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.02.2026 - Ideen

Elke Schmitter besuchte für ihre Perlentaucher-Kolumne "ein wort gibt das andere" einen Vortrag der Historikerin Jill Lepore, die ihre Theorie von der Verschmelzung von Technologie und Politik im  "Artificial State" erklärte: "Keine Verschwörung, keine geheime Kommandozentrale, im Gegenteil: eine stolze schlagende Verbindung aus Technik, Kapital und Macht. Derzeit sind die Komponenten burschenschaftlich so eng verbunden, als wäre es nie anders gewesen und hätte es auch niemals anders kommen können. Doch zum einen ist technische Entwicklung niemals vollkommen planbar. (Man will zum Mars, ergänzt man im Stillen, aber dann kommt doch nur eine Teflonpfanne dabei raus. Mit der man aber, heißt man Elon Musk, sich auf dem Mars ein Spiegelei braten wird...) Zum anderen natürlich ist der menschliche Faktor nicht berechenbar."
Stichwörter: Lepore, Jill

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.02.2026 - Ideen

Die taz veranstaltet über das ganze Jahr eine Artikelserie zu Michel Foucaults hundertstem Geburtstag, der am 15. Oktober wäre. Jeden Monat zum 15. erscheint ein Artikel zu einem Aspekt des Wirkens. Heute schreibt Cord Riechelmann: "Es sind immer auch plastische Beschreibungen aus der Wissensgeschichte, die Foucaults Texten etwas Agiles geben, das sie in verschiedenen Zeiten nicht verstauben lassen. Wie wenn er vom Hermaphrodismus spricht und darauf hinweist, dass in den alten Wunderkammern Hasen mit den Merkmalen beider Geschlechter der Normalfall waren. Erst die Aufklärung mit der Verwandlung der Naturgeschichte in die moderne Biologie macht aus den zwittrigen Hasen einen Fall für die Medizin."
Stichwörter: Foucault, Michel

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.02.2026 - Ideen

In der Zeit denkt der Philosoph Luca Di Blasi über das Geschäftsmodell der Tech-Konzerne nach, das durch KI noch ausbeuterischer wurde: "KI-Extraktivismus ist der kognitive Kulturabbau der Gegenwart. Sehr vieles, was geschrieben, komponiert, entworfen oder geteilt wird, wandert, datengewaschen, in die Fördertürme der Sprachmodelle - ohne Zustimmung, ohne Entlohnung. Die Geschichte menschlicher Kulturproduktion wird zum kostenlosen Input für Maschinen, die aus ihr 'Kreativität' (und Halluzinationen) destillieren. ... Es zeigt, dass unbezahlte kognitive Arbeit längst das grundlegende Geschäftsmodell des Internets bildet", das die Konzerne milliardenfach monetarisieren können, so Di Blasi. Ein glatter Ausstieg aus dem Netz ist eine romantische Illusion, glaubt er. Dennoch sei Widerstand möglich: "Eines sollten wir nicht übersehen: So unmöglich und fragwürdig der vollständige Ausstieg erscheint - noch nie war gleichzeitig Dissidenz so einfach. Schon mit einem simplen Spaziergang ohne Smartphone und Smartwatch entziehen wir uns der digitalen Datenbeschaffung. Ebenso mit dem Lesen eines gedruckten Buches."
Stichwörter: Blasi, Luca Di

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.02.2026 - Ideen

In der taz versucht sich Robert Misik an einer Definition des Faschismus, die schwierig sei, weil dieser immer wieder sein Gesicht wechsle. Dennoch ein Versuch: "Faschistische Bewegungen zeichnen sich durch eine Reihe von Charakteristika aus: Führerkult, paranoide Weltbilder, die permanent geschürt werden, ein absolutes Schwarz-Weiß-Denken, antagonistische Feindbilder, vor allem von Minderheiten, aber auch gegen innere Feinde. Aggression, die unablässig aufgepeitscht wird. Maximale negative Emotionalisierung, um eine Anhängerschaft in eine erregte und wütende Masse zu verwandeln. Die Anhängerschaft wird zur Bewegung erklärt und die Partei zur 'Antipartei', die gegen die 'Systemparteien' steht. Ein Großteil dieser Charakteristika wird von den rechtsextremen Bewegungen in ihrer Spirale der Selbstradikalisierung zweifelsfrei erfüllt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.02.2026 - Ideen

Der Aufstieg von Donald Trump und Co. ist durch eine ästhetische Betrachtungsweise der Politik zu verstehen, schreibt der Literaturwissenschaftler Steffen Martus in der SZ. Statt sich als "liberal-demokratische Intelligenz" "vernünftige" Gründe zu suchen, sollte man diese neue Ästhetik verstehen und im besten Fall eigene Wege finden, um diese Wählergruppen anzusprechen. Der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom ist für Martus ein gutes Beispiel: "Ihm genügt nicht der Appell an die politische Vernunft, etwa der Hinweis auf die glänzende ökonomische Situation seines Bundesstaats. Er reklamiert mit empörtem Pathos das wahre Amerika für sich, er bekämpft 'fire with fire': Beim Wirtschaftstreffen in Davos hat Newsom ostentativ Knieschoner an alle überreicht, die vor Trump einknicken. Und er macht auf politische Formen aufmerksam, indem er etwa überdrehte Kurznachrichten à la Trump verschickt."

Außerdem: In der FAZ erklärt Philipp Lepenies, Ökonom und Professor für Politik mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit an der Freien Universität Berlin, warum er am Begriff des Fortschritts festhält.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.02.2026 - Ideen

Der Jurist und Rechtsphilosoph Uwe Volkmann stellt sich auf der "Gegenwart"-Seite der FAZ die Frage, ob die Freund-Feind-Unterscheidung, die nach Carl Schmitt alle Politik prägt, im Blick auf die AfD die richtige Theorie liefert - auch deshalb, weil die AfD selbst natürlich auf diese Unterscheidung aufbaut. Er schildert alle Dilemmata mit denen demokratische Parteien im blick auf die AfD geraten - Stichwort "Brandmauer". Am Ende setzt Volkmann (ohne die Formel zu benutzen) auf den Habermasschen zwanglosen Zwang des besseren Auguments: Wie soll man Debatten sinnvollerweise führen? "Die ganz allgemeine, aber keineswegs triviale Antwort dürfte lauten: idealerweise so, dass der politische Streit, ohne den die Demokratie aufhören würde, eine zu sein, weiterhin als Streit über die besseren Gründe für die Lösung gemeinsamer Probleme begriffen und dann auch als solcher sichtbar gemacht wird."

Intellektuelle sind nicht die besseren Menschen, erkennt Michael Wolffsohn in der NZZ und zeichnet eine kurze Geschichte der intellektuellen Verblendung, die sich bis in die Gegenwart zieht: "Nicht erst seit 2023 (Gaza-Krieg) gehören Antiisraelismus und Antisemitismus zum Glaubensbekenntnis der "Intellektuellen"-Klasse. Recht besehen ist es eine Klasse weltweiter Mitläufer mit gespaltener Moral. Man empört sich millionenfach über Israels vermeintlichen Völkermord in Gaza und schweigt über Irans Führung, die, so geschehen am 8. und 9. Januar 2026, an einem Tag etwa 30.000 der eigenen Bürger niederkartätschen ließ. Daneben entstand die kleinere Klasse des internationalen Terrorismus, der eng mit palästinensischen Terroristen kooperierte und mit ihnen trainierte. Zu dieser Klasse gehörten vor allem die deutsche RAF, die französische Action directe, die italienischen Roten Brigaden oder die Japanische Rote Armee. Angeführt wurden allesamt von gut Ausgebildeten, die sich durchaus als 'Intellektuelle' verstanden."

Außerdem: In der FAZ erklärt der Autor Matthias Politycki, Mitglied des PEN Deutschalnd (der sich nicht so oft äußert wie der PEN Berlin), warum er sich nicht zu allem und jedem bekennen will und auch nicht gegen alles oder jedes. In der Welt überlegt der Hans Ulrich Gumbrecht, ob wir am Ende der Epoche von Ideologien und großen Visionen angekommen sind und ob das nicht auch sein Gutes hat.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.02.2026 - Ideen

"Bilder und Zeiten" der FAZ dokumentiert Judith Schalanskys Dankesrede zur Auszeichnung mit dem Lessing-Preis. Schalansky, selbst eine Schriftstellerin, die gerne in den Archiven nach Entlegenem, Obsoletem und Liegengelassenem forscht, stößt in Lessings Konvoluten aus Notizen, Fragmenten, Exzerpten, Listen und Bibliografien auf einen Geistesverwandten. Angesichts dieser fröhlich-unbekümmerten Zetteleien wird ihr allerdings flau, wenn sie darauf schaut, was daraus geworden ist: "Zweifellos weiß das Menschengeschlecht heute so viel wie niemals zuvor in seiner Geschichte, ohne dass sich aus dieser Tatsache irgendein nennenswerter Vernunftgebrauch ableiten ließe." Doch "wenn die Werte der Aufklärung nicht mehr - wenigstens schrittweise - zu einer von Vernunft geleiteten, toleranten Weltordnung führen, wenn ihre so oft beschworenen und bisweilen ausgehöhlten Ideale nicht mal mehr zum Deckmantel imperialer Ansprüche taugen, wenn die freiheitliche Demokratie demokratieverachtende Autokraten an die Macht kommen lässt, wenn Texte nicht mehr auf dem eigenen Mist einer vor sich hin wuchernden Zettelwirtschaft entstehen, sondern als das Ergebnis stochastischer Prozesse, die mittels ephemerer Begriffe wie 'Cloud' und 'Stream' die materiellen Bedingungen ihres Ressourcen verschlingenden und Ökosysteme verwüstenden Treibens verschleiern, dann sind wir philosophischen Mäuse nichts als Futter für geflügelte Katzen - und verzweifelt genug, Orakel zu befragen." Außerdem dokumentiert die FAZ Andreas Platthaus' Laudatio auf Schalansky.