Masha Gessen hatte gleich nach dem 7. Oktober im
New Yorker einen Essay geschrieben, der davor warnte, den
7. Oktober als ein genozidales Verbrechen zu definieren. Zugleich setzte sie den Gaza-Streifen mit den Ghettos der Nazis gleich (
mehr hier). Die
New York Times hat Gessen daraufhin zu einer ihrer Hauptkolumnistinnen gemacht. Nun
präsentiert die
Times ein Gespräch Gessens mit der Anglistin und Gedenkexpertin
Marianne Hirsch, selbst Nachfahrin von Holocaust-Überlebenden, die ebenfalls diese programmatische Linie der Täter-Opfer-Umkehr verficht. Es wäre sträflich, den angeblichen Genozid Israels im Gaza-Streifen
nicht mit dem Holocaust in Beziehung zu setzen, meint sie. Die Idee einer Singularität des Holocaust werde absichtlich missbraucht. "Dies Argument der Einzigartigkeit ist eines des
Exzeptionalismus. Als außergewöhnlichste Verbrechen aller Verbrechen bekommt es einen ganz besonderen Status. So gibt es einen
übermäßigen Einfluss des Holocaust, der dann andere Geschichten verdeckt und auch verdeckt, was gerade jetzt geschieht: den Völkermord in Gaza, wobei der Exzeptionalismus des Holocaust die
Leugnung anderer Völkermorde gefördert hat. Und ich denke, das schafft eine echte Krise, wenn Opfer von Völkermord selbst Völkermord begehen und man das leugnen kann. Ich denke, wir befinden uns in einer echten Krise."
Krieg und Frieden kann man heute kaum noch trennscharf unterscheiden, meint
Herfried Münkler in der
SZ. Ob Waffenstillstandsabkommen oder hybrider Krieg - sie führen in Zwischenzustände, die die Grenze zum Krieg verwischen. Aber auch der
Frieden wird immer unschärfer und "beliebig handhabbar, nicht nur für die Politik, sondern auch für die Gesellschaft, die es nutzt, um darin ihr Empfinden und ihre Erwartungen zum Ausdruck zu bringen. Man könnte auch sagen, dass damit das, was als Oppositionspaar von Krieg oder Frieden konzipiert war, um politische Ordnung zu schaffen, zu einem
Mittel der Selbstverblendung einer Gesellschaft geworden ist, mit dem diese sich über die politische Lage und die virulenten Herausforderungen täuscht. Die gedankenlose, massenhafte Verwendung, in der das Wort 'Frieden' inzwischen die Runde macht, spricht dafür, dass
das Ruhebedürfnis einer Gesellschaft, die lieber den Augenblick genießt, als sich auf die komplexen Herausforderungen der Friedensstiftung einzulassen, den einstigen Pragmatismus des Waffenstillstandes als Schritt zum Frieden aufgezehrt hat. Es bleibt dann beim ersten Schritt, der schon als Ankommen am Ziel zelebriert wird. Auf Dauer kann und wird das nicht gut gehen."