9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2258 Presseschau-Absätze - Seite 6 von 226

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.02.2026 - Ideen

Der Historiker Jan Grabowski wehrt sich in der FAZ empört gegen die Vorwürfe der Holocaustforscher Andrea Löw und Stephan Lehnstaedt, er pflege eine "Freund-oder-Feind-Mentalität" und werfe deutschen Wissenschaftlern vor, sich zu Unrecht auf die deutschen Täter des Holocausts zu konzentrieren und nicht-deutsche auszuschließen. Hintergrund ist die Absage einer Berliner Veranstaltung auf Druck des polnischen Botschafters in Berlin und des deutschen Auswärtigen Amtes, bei der der Historiker Grzegorz Rossoliński-Liebe sein Buch "Polnische Bürgermeister und der Holocaust" vorstellen sollte (unser Resümee). Die Behauptung, "dass allein die Deutschen für den Holocaust verantwortlich seien", so Grabowski, sei nicht nur falsch, sondern auch politisch gefährlich, weil sie Rechtsextremen und Nationalisten in Osteuropa in die Hände spiele, die schon lange behaupteten, Judenmorde hätten nur die Deutschen begangen. Und was das Freund-Feind-Schema angeht, wird Grabowski richtig sauer: "Als in den letzten zehn Jahren Nationalisten und staatliche Institutionen Holocausthistoriker in Polen attackierten, war Stephan Lehnstaedt einer der deutschen Wissenschaftler, die den polnischen Institutionen, die mich und andere Kollegen angriffen, Legitimität verliehen. Kongresse, Workshops, Preise, Artikel und Diskussionen, an denen Stephan Lehnstaedt beteiligt war und die durch das Witold-Pilecki-Institut oder das berüchtigte Institut für Nationales Gedächtnis organisiert wurden, sind zu zahlreich, um sie hier aufzuzählen. All dies geschah, während ich und andere unabhängige polnische Historiker vor Gericht standen, einige wie Adam Puławski entlassen wurden oder als Zielscheiben bösartiger, staatlich geförderter Hasskampagnen dienten. Nein, Herr Professor Lehnstaedt, ich werde mir von Ihnen keine Lektionen in Bezug auf Debatten über den Holocaust in Polen erteilen lassen!"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.02.2026 - Ideen

Der Althistoriker Hartwin Brandt erklärte in der FAZ, es sei wenig zielführend, Donald Trump mit antiken Gestalten wie Caligula oder Augustus zu vergleichen (unser Resümee). Der Historiker Michael Sommer widerspricht in der Welt und meint, dass der Vergleich mit der Antike weiterhin fruchtbar sein kann. "Brandt beklagt mit Recht, dass es nur noch 'Schnipsel' der Antike in Schule und Lehrerbildung schaffen. Doch während das so sein mag, wartet ein riesiges Feld darauf, von Gelehrten des Altertums bestellt zu werden. Es gibt in der Öffentlichkeit ein schier unersättliches Interesse an der Antike, und es wird nicht nur durch sinistre Gestalten wie Trump und Putin gespeist. (...) Viele, auch diejenigen, die populäre, keine wissenschaftlichen, Zugänge zu Griechen und Römern suchen, haben ein waches Sensorium für das Potenzial der Antike. Dafür, dass in einer Epoche, die wir als Ganzes überblicken, von ihren zarten Anfängen bis zum bitteren Ende in der Völkerwanderung, etliche Schlüssel zum Begreifen einer unerträglich kompliziert gewordenen Gegenwart vergraben liegen."

In den sozialen Medien sind die sogenannten "Stoa-Influencer" sehr beliebt, dabei ist ihre Auslegung der Stoa auf dem Niveau "einer Unterstufen-Ethikklasse", die diese Philosophie nutzen möchte, um "Frauen aufzureißen", schreibt Michael Moorstedt in der SZ. "Es ist schon bezeichnend, dass all dem Streben nach dem vermeintlich guten Leben in den ausgespielten Videos immer ein externer Impuls zugrunde liegt, der sich enttäuschend wenig vom langweiligen Dreisatz 'reich, berühmt, begehrt' unterscheidet. Auf der Website, auf der Andrew Tate seine Kurse anbietet, sieht man Fotos von dicken Autos, reichlich Bargeld und exotischen Urlaubsdomizilen, die angeblich winken, wenn man die Lektionen befolgt. Dabei schrieb etwa der Spät-Stoiker Epiktet: 'Verlange nicht, dass alles so geschieht, wie Du es wünschest, sondern wolle, dass alles so geschieht, wie es geschieht, und es wird Dir gut gehen.' Und Zenon, ohnehin der Godfather der Stoa sagte: 'Die Tugend ist um ihrer selbst willen zu erlangen, sie verlangt keinen Lohn.'"

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Was genau der "Westen" ist, ist nicht so leicht zu sagen. Zugleich vermisst man ihn schon jetzt, im Moment da man spürt, wie bedroht er ist. In letzter Zeit sind eine Menge Bücher mit Abgesängen auf die Idee des Westens erschienen. Eines bespricht der große alte Soziologe Michael Zöller (wenn er's ist) auf den Politische-Buch-Seiten der FAZ, Georgios Varouxakis' "The West - The History of an Idea". Der Zweite Weltkrieg war jedenfalls ein entscheidender Moment bei der Entstehung der Idee: "In den USA wurde nun die Beteiligung am Krieg ganz gegen die eigene Tradition des Isolationismus als Kampf für die 'westliche Zivilisation' verteidigt. Seither schrieben auch die führenden Universitäten 'Western Civilization' als Pflichtkurs vor, den seither alle Präsidenten des vergangenen Jahrhunderts absolvierten - bis Studenten skandierten: 'Ho-ho-ho, Western Civ must go'." Laut Zöller ist das Varouxakis' Buch lehrreich und unterhaltsam, krankt aber daran, dass es keinen Totalitarismusbegriff hat.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.01.2026 - Ideen

Der Erziehungswissenschaftler Markus Rieger-Ladich möchte in der taz herausfinden, warum es Rechtsextremen so leicht fällt, Denkfiguren sich als links lesender "Identitätspolitik" für sich zu kapern und in ihrem eigenen Kampf zu instrumentalisieren. "Dabei sei schon an dieser Stelle festgehalten, dass es abwegig ist, eine verdeckte Nähe zwischen linker Identitätspolitik und einem rechten Politikstil herzustellen, wie das manche tun." Er hält fest: "Tritt emanzipatorische Identitätspolitik dafür ein, Privilegien abzubauen und der Ungleichbehandlung entgegenzutreten, Diskriminierung zu bekämpfen und Ideologien der Ungleichwertigkeit die Stirn zu bieten, betreiben rechte, autoritäre Bewegungen das Gegenprogramm."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.01.2026 - Ideen

Der Westen im Allgemeinen und Deutschland im Besonderen sollte sich besser mal auf seinen Abstieg vorbereiten, meinen im Interview mit der Zeit die Politologen Milan Babić und Daniel Marwecki. Aber wie lassen sich ohne Wachstum und Fortschritt Klassenkonflikte vermeiden? Ohne Wachstum geht's, meint Babic, "aber ohne Fortschritt nicht. Denn beide sind nicht deckungsgleich, Fortschritt kann schließlich verschiedene Formen annehmen. Aber es stimmt natürlich: Mechanismen der Politik, wie wir sie seit 1945 kennen, werden nicht mehr im gleichen Maße funktionieren. Also etwa das Versprechen, dass es allen langfristig besser gehen wird, wenn sie politisch nur mitmachen. Es ist nun die Verantwortung der Politik, Szenarien für die Zukunft zu entwickeln. Denn die ist ja offen. Der Klimawandel birgt etwa riesige Probleme, wirft gleichzeitig aber die Fragen auf, ob Reichtum anders verteilt werden sollte oder man Solidarität in einer neuen Klimarealität anders definiert. Um diese Fragen ließen sich politische Projekte bauen." Konkreter wird es nicht.

In der SZ möchte Claudius Seidl nichts mehr von Kulturschaffenden hören. Erstens sei das Wort ein doppelt gemoppeltes. Und zweitens "ein heikler, falscher und abzulehnender Begriff", den die Nazis propagierten, weil für sie "nur die Schaffenden die Volksgemeinschaft bilden. Ausgeschlossen bleiben: die, die zweifeln, zögern, von schöpferischen Krisen gehemmt und ermattet sind". Also das Wort am besten "ablegen im Archiv der toxischen Begriffe. Wer Kultur schafft, hat einen Plan und erfüllt seine Pflicht. All das Überflüssige und Überschüssige, das Nutzlose, Luxuriöse, das Zufällige, Emergente, Explosive, das die Kunst braucht, geht in dem Begriff nicht auf. Und schon gar nicht die seltsame Erkenntnis, dass es oft die Werke sind, die den Künstler formen, und nicht umgekehrt. Kulturschaffende, das ist alles in allem ein kunstfremdes, ja kunstfeindliches Wort." Künstler tut's doch auch, findet Seidl.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.01.2026 - Ideen

In der FAZ reagiert der Historiker Grzegorz Rossoliński-Liebe auf einen Artikel seiner Kollegen Stephan Lehnstaedt und Andrea Löw (mehr hier). Eine Präsentation von Rossoliński-Liebes neuem Buch, in dem er sich mit der Kollaboration polnischer Bürgermeister mit den Nazis auseinandersetzt, unter ihnen der Warschauer Bürgermeister Julian Kulski, war nach einer Beschwerde der polnischen Botschaft abgesagt worden. Rossoliński-Liebe schildert zunächst den massiven Widerstand, nebst Einschüchterungen unter anderem durch die Kulski-Stiftung, aber auch durch "rechtsradikale Journalisten" und Regierungsvertreter, den sein Buch erfuhr. Außerdem betont er: "Den Holocaust auf die Geschichte der deutschen Täter zu reduzieren, ist falsch." Er "hoffe, dass Deutschland und Polen einen Weg finden, mit dem Thema der Kollaboration umzugehen, ohne Historiker anzufeinden. Die Verantwortung für den Holocaust ist derart fest, buchstäblich staatstragend, mit der deutschen nationalen Identität verbunden, dass manche Hüter dieser Identität alles andere auszublenden bemüht sind - sogar auf Kosten der wissenschaftlichen Erkenntnis. (...) Dass mein Buch Politikern wie Karol Nawrocki in Warschau und Historikern wie Stephan Lehnstaedt in Berlin ein Dorn im Auge ist, liegt auf der Hand.

Goethe, Mozart, Chagall, Churchill und mehr als zehn US-Präsidenten waren Freimaurer - und doch sind sie bis heute Gegenstand der abstrusesten Verschwörungstheorien, weiß Thomas Ribi, der in der NZZ die Geschichte der Logen erzählt. Die katholische Kirche lehnt sie bis heute ab: "1738 erließ Papst Clemens XII. einen Bannfluch gegen die Freimaurerei, der von mehreren Nachfolgern bekräftigt wurde. Das ultimative Verdikt sprach 1884 Leo XIII. In einer Enzyklika hielt er fest, die Freimaurer hätten es darauf angelegt, die Kirche zu zerstören. Kurz darauf wurde ein Passus ins Kirchenrecht aufgenommen, der besagt, dass ein Katholik, der Freimaurer wird, als exkommuniziert gilt. Revidiert wurde das nie. Im November 1983 bekräftigte Kardinal Joseph Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation die Bestimmung: Die Prinzipien des Freimaurertums, hielt er fest, seien mit der Lehre der Kirche nicht vereinbar. Gläubige, die freimaurerischen Verbindungen angehörten, befänden sich 'im Zustand der schweren Sünde' und könnten die heilige Kommunion nicht empfangen. Vor zwei Jahren hat der Vatikan diese Haltung bestätigt. Im Gegensatz zur katholischen Kirche haben sich die Staaten mittlerweile mit den Freimaurern arrangiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.01.2026 - Ideen

Der Philosoph Bernhard Waldenfels ist im Alter von 91 Jahren gestorben. In den Zeitungen sind bisher keine Nachrufe zu finden - auf Twitter schreibt der Theologe Peter Dabrock eine sehr persönliche Würdigung.
Stichwörter: Waldenfels, Bernhard

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.01.2026 - Ideen

Man sollte nicht leichtfertig von einem "Epochenbruch" sprechen, meint der Historiker Frank Bösch in der SZ. Ob beispielsweise der Ukrainekrieg oder die Wahl Trumps einen echten historischen Wendepunkt darstellten, müsse sich erst erweisen. Sowieso ist der Begriff der "Epoche" viel weiter zu fassen, so Bösch: "Vieles spricht dafür, dass wir seit dem späten 20. Jahrhundert einen strukturellen Epochenbruch erleben, den man noch in hundert oder 300 Jahren diagnostizieren kann. Die Digitalisierung hat das Alltagsleben, das Denken und Handeln mindestens so stark verändert wie das Aufkommen von gedruckter Schriftlichkeit. Dazu kommt das, was wir seit den 1990er-Jahren Globalisierung nennen: eine verdichtete Verflechtung der Welt in allen Lebensbereichen (...) Die Finanzkrise 2008, Covid oder Trumps Politik sind eher ein Ergebnis dieses Wandels."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.01.2026 - Ideen

Auf den Bilder-und-Zeiten-Seiten der FAZ blickt der Historiker Gad Arnsberg auf die lange Geschichte des Antisemitismus zurück - und klärt die Antikolonialisten, die in Israel den "Prototyp eines virulenten Siedlerkolonialismus" ausgemacht zu haben glauben, auf: "Als Nachfahren früherer Bewohner entsprechen Juden - nicht minder als Palästinenser - der postkolonialen Definition von Indigenen. Zudem bestand stets eine jüdische Präsenz in Palästina. Das Land war als verlockende siedlerkoloniale Nutzfläche denkbar ungeeignet. Die Einwanderer betrieben Landerwerb, nicht Landraub. Der Zionismus zielte nicht auf die Ausbeutung der arabischen Bevölkerung, sondern auf jüdische Eigenarbeit. Der Jischuw - die jüdische Gemeinschaft in Palästina - strebte keine grenzenlose Expansion an, sondern stimmte zweimal einer Teilung zu, 1937 und 1947. (…) Was dem siedlerkolonialistischen Vorwurf dennoch Vorschub leistet, sind die Verwerfungen der Besetzung der Westbank und die medienwirksamen Ausschreitungen militanter Siedler."

Ulrich Gutmair resümiert in der taz eine Tagung in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz, bei der kritisch über den Begriff der "Staatsräson" diskutiert wurde. Der Historiker Jacob Eder etwa sagte, dass der Begriff seit Merkels Rede inzwischen von allen Seiten "instrumentalisiert" werde. Gutmair selbst kritisiert, dass Merkels Rede meist verkürzt wiedergegeben werde, denn Merkel sprach sich auch für das palästinensische Recht auf Selbstbestimmung aus: "Deutschland tritt entschieden für die Vision von zwei Staaten in sicheren Grenzen und in Frieden ein - für das jüdische Volk in Israel und das palästinensische in Palästina."
Stichwörter: Arnsberg, Gad, Antisemitismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.01.2026 - Ideen

In seiner Dankesrede für den Werner-Schulz-Preis, den die SZ druckt, erinnert Marko Martin an den Prager Gemüsehändler, mit dessen Beispiel Vaclav Havel einst in seinem Essay "Versuch in der Wahrheit zu leben" die alltäglichen Unterordnungsrituale, die eine Diktatur am Leben halten, offengelegt hat. Nur selten wurde später erwähnt, dass sich für die deutsche Übersetzung dieses Essays "nur ganz wenige im Westen ... interessiert hatten, dass die präzise Analyse von Alltag und Repression, von willfähriger oder erzwungener Massen-Kollaboration eben keinen Eingang in westdeutsche Universitätsseminare gefunden hatte, in denen sie für zukünftige Lehrende und damit Multiplikatoren so wichtig gewesen wäre - als notwendige Ergänzung zu den hier viel diskutierten Texten der Frankfurter Schule, zu den erhellenden Studien über den (rechts)autoritären Charakter." Hat sich seitdem viel geändert? Menschenrechte werden immer noch sehr ausgewählt verteidigt, so Martin mit einem scharfen Seitenhieb nicht nur gegen den Verleger der Berliner Zeitung, Holger Friedrich: "Inzwischen hat der aktivistische Teil der Studierenden seine vermeintlich propalästinensischen Kufijas wieder eingepackt - auf Polnisch heißen diese übrigens 'Arafatka' - und macht offenbar auch keine Anstalten, sie wieder auszupacken, zum Beispiel zum Unterstützungsprotest für die jungen Menschen in Iran."

Ähnliches könnte man übrigens auch die Bundesregierung fragen, die gerade hunderten afghanischen Helfern und ihren Angehörigen, denen sie Aufnahme versprochen hatte, die Einreise nach Deutschland verweigert. "Das Verhalten der Bundesregierung ist nicht nur unzuverlässig, sondern auch schäbig", kritisiert in der SZ Tobias Matern. "Es verrät Menschen, die viel riskiert haben, um die einst hehren Ziele des Westens in Afghanistan umzusetzen - Menschenrechtlerinnen, Richter und ehemalige Helfer des Militärs. Die schwarz-rote Koalition setzt diese Menschen im Land der Taliban einer Gefahr aus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.01.2026 - Ideen

Die Entführung Nicolas Maduros war eindeutig ein Bruch des Völkerrechts, den die USA nicht einmal zu kaschieren trachten, erklären in der FAZ die Völkerrechtler Helmut Philipp Aust und Heike Krieger. Aber was folgt daraus für die deutsche Außenpolitik und für diejenige anderer europäischer Staaten? Ist es klug, sich mit dem Spruch "rechtlich komplex" aus der Affäre zu ziehen, weil man die USA in der Ukraine braucht? Das wäre zu kurz gedacht, finden die zwei: "Staaten wie etwa Brasilien, Mexiko, Kolumbien und Südafrika mussten sich bei der Debatte über den Fall Venezuela im Sicherheitsrat von Europa weitestgehend im Stich gelassen fühlen. Dass sieben europäische Regierungschefs unmittelbar danach mit Blick auf Grönland das Völkerrecht eindringlich beschworen, machte die Sache dem 'Globalen Süden' gegenüber nicht besser. Denn wenn Europa je nachdem, ob es sich um Venezuela oder Grönland handelt, einen doppelten Standard anlegt, ist Enttäuschung im 'Globalen Süden' vorprogrammiert. Dies in Kauf zu nehmen, liegt nicht im europäischen Interesse. Denn Europa wird eine Koalition mit dem 'Globalen Süden' benötigen, um sich der neo-imperialen Logik des Handelns der USA und Russlands, bei Gefahr eines Anschlusses von China, entgegenstemmen zu können."

A propos regelbasierte Ordnung. Sehr großen Eindruck gemacht hat die Davoser Rede des kanadischen Premierministers Mark Carney, der über eine neue, von Hegemonialmächten dominierte basierte Weltordnung und die Chancen kleinerer Staaten darin nachdenkt: "Die Frage für Mittelmächte wie Kanada ist nicht, ob wir uns an diese neue Realität anpassen sollen. Das müssen wir. Die Frage ist, ob wir uns anpassen, indem wir einfach höhere Mauern bauen - oder ob wir etwas Ambitionierteres tun können." Zum Beispiel, indem Kanada sich mit anderen Mittelmächten zusammenschließt.