9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.03.2026 - Ideen

Die taz bringt einen zunächst im Guardian erschienenen Text, in dem sich die Philosophin Eva von Redecker fragt, was von Habermas' Werk bleiben wird. Matthias Pfeffer, Gründungsdirektor des Council for European Public Space, erinnert in der FAZ an die von Googles DeepMind geplante Habermas-Maschine, die versprach "mittels großer Sprachmodelle die gemeinsamen Perspektiven von Diskussionsteilnehmern zu erfassen und in einer 'Gruppenaussage' so zu bündeln, dass alle Beteiligten zustimmen könnten." Habermas legte dagegen allerdings Widerspruch ein.
Stichwörter: Habermas, Jürgen

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.03.2026 - Ideen

Jürgen Habermas hinterlässt eine Riesenlücke. Wer da alles reinpasst! Jens-Christian Rabe macht in der SZ eine Liste: "Herfried Münkler steht etwa darauf und Carlo Masala und Carolin Emcke und Juli Zeh und Peter Sloterdijk. Armin Nassehi und Meron Mendel und Friederike Otto und Eva Illouz und Hartmut Rosa und Asal Dardan. Steffen Mau und Saba Nur Cheema und Eva Menasse und Maxim Biller und Carolin Amlinger und Andreas Rödder, Navid Kermani und Jagoda Marinić und Aladin El-Mafaalani und Andreas Reckwitz und Lea Ypi. Nicole Deitelhoff und Daniel Kehlmann und Thea Dorn und Omri Boehm und Barbara Stollberg-Rilllinger und Stefanie Schüler-Springorum und Christoph Möllers und Adam Tooze - und und und."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.03.2026 - Ideen

Dass zum Tod des großen Jürgen Habermas mehr gelobt als kritisiert wurde, ist ja verständlich, aber dass in den Zeitungen seine problematischeren Positionen kaum erwähnt wurden, doch weniger. Das holt heute der DDR-Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk bei den Salonkolumnisten nach. Er beschreibt, wie jemand, der von Osten aus auf Habermas schaute, von ihm enttäuscht sein musste. "In fast allen Nachrufen wird der Historikerstreit von 1986/87 erwähnt. Fast nie wird darauf hingewiesen, dass hier keine Historiker miteinander stritten, sondern Intellektuelle, die ausnahmslos keine, ich betone: absolut keine Ahnung vom Kommunismus hatten... Heute kann man sagen, diese Debatte war nötig, um den Nationalsozialismus mit aller Wucht zur geschichtspolitischen Leiterinnerung der Bundesrepublik zu befördern, und sie war schädlich, weil sie mit großer Wucht den Bolschewismus, den Kommunismus sowjetischer Prägung, auf einen historisch nachrangigen Platz verbannte - in Deutschland bis heute sehr erfolgreich." Und zur Wiedervereingung dachte Habermas nicht etwa über die vereinte Nation nach, sondern geißelte den "DM-Nationalismus" und fragte "Was heißt Sozialismus heute?" Kowalczuk dazu: "In diesen Texten über '1989' gab es keinen Kommunismus, keine Diktatur, ja, nicht einmal Gesellschaften im Osten - es gab nur Probleme, die der Westen verursacht und nun zu lösen hatte."

Weiteres: Die Zeit hat heute fast ihr ganzes Feuilleton Habermas gewidmet. Im NZZ-Inteview mit Marc Tribelhorn spricht der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht über seine fünfzigjährige Arbeit im akademsichen Betrieb. In der taz liefert Philipp Sarasin den zweiten in einer Reihe von Artikeln zum hundertsten Geburtstag Michel Foucaults: Diesmal geht's um Foucault und die Linke. Ebenfalls in der taz schreibt Nicholas Potter über die neue autoritäre Linke, der auch sein neues Buch gewidmet ist.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.03.2026 - Ideen

Das Habermas-Gedenken hat heute noch einige Ausläufer. Im FR-Interview mit Michael Hesse überblickt der Philosoph Rainer Forst das gesamte Werk von Jürgen Habermas, hebt aber besonders seine Rolle als Intellektueller im öffentlichen Diskurs der Bundesrepublik hervor. Und die Wörter klingeln fast so schön wie beim Meister: "Jede Zeit hat, wie Habermas' Werke uns zeigen, ihre Potenziale wie auch ihre Gefahren für diskursive Öffentlichkeiten. Diese stehen stets unter Einflüssen der Macht, die sich auf diverse Ressourcen stützen, und Medien sind eine wichtige Ressource. Die Art, wie heute Öffentlichkeiten zerfallen beziehungsweise manipulierbar sind, hat ihn aufgeschreckt, aber er selbst steht mit seinen Interventionen für die republikanische Pflicht, weiter das Wort zu ergreifen und an die Öffentlichkeit zu appellieren, ihre eigene Verfasstheit zu reflektieren." In der NZZ erinnert Martin Meyer an Habermas.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.03.2026 - Ideen

Jürgen Habermas. foto: Európai Bizottság/Dudás Szabolc unter CC-Lizenz.


Jürgen Habermas, der deutsche Geistestitan, einer, der immerhin den Begriff der Aufklärung hochhielt, ist im Alter von 96 Jahren gestorben.

Le Grand Continent veröffentlicht ein letztes Gespräch auch aus Anlass seiner monumentalen Philosophiegeschichte. Seinem Gesprächspartner Daniel Steinmetz-Jenkins erklärt er, warum er Begriffe wie "Moderne" und "Aufklärung" nach wie vor verteidigt: "Was mich an diesem leichtfertigen Abtun einer ganzen Epoche am meisten befremdet, ist die Ignoranz gegenüber der Tatsache, dass diese moderne Denkart von Anfang an selbstkritisch betrieben wurde. Ein solches intellektuelles Erbe, dessen Überlieferungsweise an sich schon eine Selbsttransformation beinhaltet, kann nicht einfach beiseitegeschoben, abgetan und vergessen werden wie eine vergangene Epoche der Menschheitsgeschichte. Aber es reicht heute ebenso wenig aus, einfach nur noch einmal auf eine Tradition zu pochen, die sich einst gegen alles behauptet hat, was reine Tradition war. Deshalb nehme ich die ehrgeizige Aufgabe in Angriff, durch eine Philosophie der Geschichte aufzuzeigen, dass unsere maßgeblichen Begriffe von Vernunft und Autonomie das Ergebnis langwieriger Lernprozesse sind. Wenn sich dies nachweisen lässt, dann besitzen diese Begriffe eine ganz andere Widerstandskraft."

Der ehemalige Hanser-Verleger Michael Krüger veröffentlicht in der FAZ eine sehr persönliche und liebevolle Erinnerung. Oft hatte er den Freund in seinem (übrigens sehr schicken) Starnberger Haus besucht. Bis zuletzt, schreibt er, war Habermas hellwach, aber auch getroffen vom Tod seiner Tochter Rebekka Habermas und seiner Frau Ute Habermas-Wesselhoeft und behindert von seiner Schwerhörigkeit. "Ich habe mich oft geärgert, dass nicht ein heimliches Mikrofon seine präzisen Erinnerungen an Freunde und Feinde aufgenommen hat: seine bis an Verehrung grenzende Achtung der Adornos und seine Freundschaft mit Herbert Marcuse oder den Mitscherlichs, seine süffisante Verwunderung über den taktierenden Horkheimer, ihrer beider Liebe zu Ernst Tugendhat, den Jürgen Habermas für den begabtesten Philosophen seiner Generation hielt."

Viele erinnern wie Arno Widmann an den "Historikerstreit", den Habermas 1986 lancierte und der sicher neben der "Holocaust"-Serie einige Jahre zuvor und Claude Lanzmanns etwas früherem "Shoah"-Film eine der wichtigsten Etappen in der deutschen Reflexion über die Verbrechen der Nazis war. Widmann memoriert ihn als "Handgemenge, in dem Habermas die Menschen in der Bundesrepublik zwang, sich über ihre NS-Vergangenheit und ihren Umgang damit auseinanderzusetzen. Ich schreibe 'auseinandersetzen'. In Wahrheit war es ein Sich-Zusammensetzen. Die Kontrahenten benutzten die führenden Printmedien der Bundesrepublik für einen sich ein Jahr lang hinziehenden Schlagabtausch. Habermas teilte aus, Ernst Nolte und die anderen schlugen zurück. Wir Leserinnen und Leser verfolgten das Ganze, riefen uns zu, was zum Beispiel Jürgen Kocka in der Frankfurter Rundschau oder Micha Brumlik in der taz geschrieben hatten. Habermas' Attacke in der Zeit vom 11. Juli 1986 hatte uns aufgerüttelt. Gab es eine 'Verschwörung' führender Historiker, die den Nationalsozialismus kleinreden wollten?" Die Zeit veröffentlicht Habermas' Text zum Historikerstreit neu, aber nur hinter Zahlschranke. 

Eine bis heute fatale Kehrseite des Historikerstreits benennt Welt-Autor Thomas Schmid in seinem Nachruf auf Habermas: "Im Historikerstreit der achtziger Jahre, den es ohne ihn nicht gegeben hätte, wehrte er den Versuch ab, dem Holocaust mit Verweis auf den Gulag seine Singularität zu nehmen. Zugleich aber blieb auch er bei der damals in der Linken noch vorherrschenden Verharmlosung des Stalinismus." Schmid würdigt auch "den  Mut, mit dem er den 68er-Phrasen widerstand", und ein weiteres Verdienst: "In Frankfurt wird Habermas in den sechziger Jahren schnell zum neuen Star der 'Frankfurter Schule'. Diese zeichnete sich durch einen in gepflegtem Ton vorgetragenen Geschichtspessimismus aus. Und wurde deswegen, so der Philosoph Georg Lukács, als 'Grand Hotel Abgrund' verspottet. Habermas rückte das Hotel ein gutes Stück vom Abgrund weg."

Habermas' inständiger Verortung der Bundesrepublik im "Westen" entsprach leider seine "Unmusikalität" für das Thema Osteuropa. Der Ukraine empfahl er ernstlich einen "Kompromiss" mit Russland einzugehen, das das Land überfallen hatte. Damit rief er den Zorn des antitotalitären Publizisten und Perlentaucher-Kolumnisten Richard Herzinger auf sich. In seinem Blog schrieb dieser: "Der als größter deutsche Sozialphilosoph der Gegenwart gefeierte Denker ist in anderen Worten also der Meinung, zwischen der Forderung eines Serienmörders, sein Opfer solle gefälligst stillhalten, wenn er ihm das Messer in die Kehle rammt, und der 'Forderung' des Opfers, am Leben bleiben zu dürfen, sei ein 'für beide Seiten gesichtswahrender Kompromiss' möglich!" Schon 1996, als er im Merkur die Denkniederlage deutscher Intellektueller in Srebrenica analysierte, hatte Herzinger Habermas vorgeworfen, sich um der Wahrung des Status quo willen aus der Geschichte heraushalten zu wollen. "Deshalb plädierte er dafür, sich aus allem so weit wie möglich herauszuhalten: Das zarte Pflänzchen deutscher Zivilkultur, deren Lebensfähigkeit er im Grunde zutiefst misstraut, hielt er noch nicht für reif, um aus dem Glashaus einer scheinbar befriedeten Nachkriegswelt entlassen und den Stürmen der Gegenwart ausgesetzt zu werden. Auch das: Eine Art von Besitzstandswahrung."

Wie's mit Habermas anfing, erzählt Oliver Weber in der FAZ, nämlich in "dieser Zeitung", die später eher nicht Habermas' Revier war: "Noch als Student betrat Habermas die Bühne der großen Öffentlichkeit. 1953, gerade einmal 24 Jahre alt, rezensierte er in diesem Feuilleton Martin Heideggers 'Einführung in die Metaphysik', eine wiederaufgelegte Vorlesung aus der Anfangszeit der nationalsozialistischen Herrschaft. Doch was als Rezension daherkam, hatte die Wucht einer öffentlichen Intervention, die Wellen weit über diese Zeitung und die Frage nach der Verbindung von Politik und Philosophie hinaus schlug. Heidegger hatte das Wort von der 'inneren Wahrheit und Größe' der NS-Bewegung aus der veröffentlichten Version nicht gestrichen. Habermas nutzte diesen Umstand, um gegen die, aus seiner Sicht, 'fortgesetzte Rehabilitation' der NS-Diktatur in der deutschen Öffentlichkeit anzukämpfen."

An diesen Text erinnert auch ein Nachruf des verstorbenen Micha Brumlik, den dieser offenbar "auf Vorrat" für die taz geschrieben hatte. Der Text über Heidegger sei ein "Donnerschlag" gewesen: "Das war alleine deshalb so, weil es hier ein wahrlich junger Mann wagte, den trotz seines vorherigen NS-Engagements als Meisterdenker verehrten, vierundsechzigjährigen Martin Heidegger - wenn auch in der Sache solidarisch - zu kritisieren.

Alle Zeitungen sammeln außerdem Stimmen prominenter Autoren: In der FR erzählt die Philosophin Seyla Benhabib von ihrer Zeit als wissenschaftliche Assistentin an der Universität in Frankfurt und erklärt, was die Rolle als "öffentlicher Intellektueller" für Habermas bedeutete: "Für Habermas war die Verantwortung als öffentlicher Intellektueller philosophisch begründet. Er hatte ein besonderes Talent, Dinge schnell und präzise zu formulieren und im entscheidenden Moment öffentlich zu intervenieren. Man darf nicht vergessen, dass er ursprünglich Journalist werden wollte und auch journalistisch gearbeitet hat, bevor Adorno ihn ans Institut holte. Diese Fähigkeit, Theorie und öffentliche Intervention zu verbinden, hatte er in einer Weise, die wir in den nachfolgenden Generationen so nicht mehr erreicht haben."

Ziemlich mokant klingen Herfried Münklers Anmerkungen in der SZ: "Man wird es wohl als tragisch bezeichnen müssen, dass die 'entgegenkommenden Verhältnisse', auf denen der Geltungsanspruch von Habermas' Theorie beruht hat, in den letzten Jahren mehr und mehr erodiert sind." Eva Illouz schreibt ebendort: "Für mich war er der Philosoph, der früher und besser als jeder andere die Gefahren der irrationalen Philosophien erkannt hatte, die ab den 1970er-Jahren so in Mode gekommen waren… Es liegt in unserer Verantwortung, sein Vermächtnis fortzuführen und eine rationale und humanitäre Linke wiederaufzubauen." Rachel Salamander erzählt in der SZ, wie entsetzt Habermas über die "öffentliche Wiederkehr des Antisemitismus" war.

"Defaitismus war für Habermas keine Haltung", hält der Soziologe und Habermas-Biograf Stefan Müller-Doohm im FR-Interview fest. Stattdessen gibt es ein hoffnungsvolles Moment in seinen Ideen: "Habermas hat gerade in seinem Spätwerk immer wieder betont, dass die Philosophie durch ihre Beiträge zum Selbst- und Weltverständnis, durch ihre Deutungen das Wissen über die Welt Mut machen kann. Er war sich ganz realistisch darüber im Klaren, dass Philosophen die Welt nicht verändern können. Philosophen müssen heute bescheiden sein und aus dieser Haltung heraus einen Beitrag leisten zum öffentlichen Gebrauch der Vernunft."

Weitere Nachrufe von Dirk Knipphals (taz), Jörg Später (taz) Michael Hesse (FR), Peter Neumann (Zeit), Tobias Rapp (Spiegel), Willi Winkler (SZ), Eckhard Fuhr (Welt), Nicolas Weill (Le Monde), Gal Beckerman (New York Times), Stefan Müller-Doohm (NZZ).

Was bedeutet es heute, ein Intellektueller zu sein, fragt der Politikwissenschaftler Alexander Gallus auf der "Gegenwart"-Seite der FAZ. Der Artikel ist vor Habermas' Tod geschrieben, aber er geht auf ihn ein: "Habermas' Klage über den intellektuellen Positionsverlust ist nicht nur nostalgisch gefärbt, sondern wirkt demokratietheoretisch so begründet wie drängend. Die klassische Gestalt des Intellektuellen, der in einem Buch, in einer Zeitschrift, in einem Vortrag seine Gedanken ausformuliert, hat in einer digitalen wie populistisch angeheizten Öffentlichkeit an Kraft verloren. Doch dies bedeutet nicht, dass die Intellektuellen überflüssig geworden wären. Vielmehr müssen sie sich selbst befragen und am Ende womöglich von einem Präzeptorenstatus à la Grass, Habermas oder Enzensberger Abschied nehmen. Sie müssen lernen, in den neuen Medien zu kommunizieren, in Netzwerken zu arbeiten und insoweit kollektiv zu denken. Der 'vernetzte Intellektuelle' ist kein Gegensatz zum 'freischwebenden', sondern dessen Fortsetzung in einer neuen Ära."
Stichwörter: Habermas, Jürgen

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.03.2026 - Ideen

Buch in der Debatte

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Die Aufgabe heutiger Philosophie wäre es, die Gegenwart zu erfassen, meint Wolfram Eilenberger, Autor des Buchs "Die Gegenwart der Philosophie", im Interview mit der FR. Die universitäre Philosophie leistet das allerdings nicht: "Man kann sagen, dass die Karrierewege der akademischen Philosophie Erziehungen zur Mutlosigkeit sind. Die Philosophie hat sich in ihren Evaluationsformen und Karrierewegen den anderen Wissenschaften angeglichen - und das hat ihr nicht gutgetan. Ein Teil dieser Mutlosigkeit äußert sich als Konformismus, als Hang zur Schulbildung und als Verengung auf Spezialfragen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.03.2026 - Ideen

"Kind von Gastarbeitern schafft es nach ganz oben" - in der SZ amüsiert sich die Neuköllner Integrationsbeauftragte und Autorin Güner Balcı über die Diskussionen um Cem Özdemir, den "völkische Rassisten und identitätspolitische Dogmatiker" gleichermaßen ablehnen: "Er hat gewonnen, weil eine Mehrheit der Menschen in Baden-Württemberg ihm eine gute Politik zutraut - Punkt. Viele von ihnen können seinen Namen nicht fehlerfrei aussprechen, möchten ihr Land aber von ihm regieren lassen. Ob sie ihn nun 'Kem', 'Schem' oder 'Tschem' nennen, ob 'Özdemir' mit hartem Ts oder weich ausgesprochenem Z verstümmelt wird, scheint ihnen egal oder mindestens drittrangig zu sein. Auch im gelassenen Umgang mit der eigenen Phonetik steckt eine Form von Souveränität. Man kann das als Assimilation geißeln oder als entspannte Vielfalt lesen. Am Ende entscheidet die Person, deren Name es ist. Wer nach einem halben Jahrhundert zu der Einsicht gekommen ist, dass die korrekte türkische Aussprache eines Nachnamens nicht mehr das Wichtigste auf der politischen Agenda ist, hält vermutlich andere Themen für wichtiger: Verkehr, Bildung, Energiepreise. Vielfalt heißt auch, aushalten zu können, dass nicht jede Biografie bereit ist, sich in die kuratierte Erzählung der einen oder anderen Gruppe einzupassen."

Buch zur Debatte

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KI ist wie ein Spiegel, der uns zeigt wie wir sind und wie wir sein können, meint der Philosoph Markus Gabriel im Interview mit der Welt über sein Buch "Ethische Intelligenz", in dem er für einen "ethischen Kapitalismus" plädiert, der uns zum Guten zwingt: "Wenn der Spiegel gut gebaut ist - er ist noch suboptimal -, dann wird Freiheit verschoben. Wir haben dann keine Wahl mehr, außer dem Licht des Guten zu folgen. Wir können uns dagegen entscheiden, werden aber sanktioniert. Das bedroht ein Element des liberalen Rechtsstaates, nämlich das Bedürfnis nach einer gewissen Normübertretung, wie Graffiti, was viele schön finden, der Illegalität zum Trotz. Eine ethische KI könnte diese Freiheit tatsächlich reduzieren. Andererseits könnten wir Freiheitsgewinne verzeichnen. Warum soll uns das Tun des Guten unfrei machen?" Was genau dieses Gute sein soll und wer es definiert, sagt er nicht.

FAZ-Sachbuchredakteur Oliver Weber mokiert sich über Yascha Mounk, der eine KI-Produzierbarkeit von geisteswissenschaftlichen Texten prognostiziert hat: Er gehe ja mit seinen eigenen Texten kaum anders um: "Eine hübsche These hier, ein plausibles Argument dort, ein ansprechender Begriff obendrauf - und schon steht die nächste Publikation. Doch dass intellektuelle Erzeugnisse wie diese automatisierbar sind, spricht vielleicht weniger für die Automatisierbarkeit der Geisteswissenschaften insgesamt als dafür, dass in bestimmten Segmenten des akademischen Betriebs längst eine maschinenhafte Produktionsweise herrscht." Hmtja, nur kennen wir keine Geistesgröße in Deutschland, die so etwas wie Mounks Substack-Blog Persuasion zustande gebracht hat.

Außerdem: Der Schriftsteller Arnon Grünberg reist für die NZZ von Wien nach Jerusalem um zu sehen, was nach über hundert Jahren von Theodor Herzls Hoffnungen auf den Zionismus übrig geblieben ist: das Ergebnis seiner Reportage bleibt irgendwie vage.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.03.2026 - Ideen

Buch in der Debatte

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Gestern wurde in Berlin das Buch "Wenn das Denken die Richtung ändert" vorgestellt, aus dem der Perlentaucher Ulrike Ackermanns autobiografischen Essay "Einmal Dissident, immer Dissident?" vorabgedruckt hat. Ein weiterer Autor in dem Band (neben dem jüngst verstorbenen Peter Schneider) ist der bekannte und häufig debattenumtoste Kolumnist Harald Martenstein, den Ellen Daniel und Michael Miersch in ihrem Blog befragen. Auf die Frage, ob gegenüber "woken" Positionen eine "wahrer" Begriff des Linksseins verteidigt werden solle, antwortet er: "Für mich ist es wichtig, nicht intolerant zu werden. Ich möchte kein unfreundlicher Mensch werden. Das Problem bei den Linken, insbesondere bei ihrer woken Spielart, ist ja der Drang, alles unter Kontrolle kriegen zu wollen. So etwas ist immer falsch, egal, wo es herkommt. Man soll den Spieß nicht umdrehen und versuchen, linke Positionen autoritär zu unterdrücken. Nehmen Sie die Entscheidung des Kulturstaatsministers, drei linke Buchläden von einer Preisvergabe auszuschließen. Ich kenne diese Buchläden nicht, aber ich denke, er hätte das zumindest begründen müssen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.03.2026 - Ideen

Buch in der Debatte

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Die Freiheitsforscherin Ulrike Ackermann legt in dem Band "Wenn das Denken die Richtung ändert" einen autobiografischen Essay vor, den der Perlentaucher vorabdruckt: "Einmal Dissident, immer Dissident?". Sie erzählt, wie sie sich sehr früh dissidentischen Kreisen in Osteuropa annäherte. 1978 kam sie in Prag für einige Wochen ins Gefängnis. Danach "war für mich nichts mehr wie vorher. Es war ein gewaltsames Ein- und Untertauchen in einer grauenhaften Welt mit völlig anderen Maßstäben, Prozeduren, Verkommenheiten und Abgründen, denen ich mich nicht entziehen konnte - ein Bruch mit meinem bisherigen Leben. Ich brauchte ungefähr ein halbes Jahr, um mich, wieder in Freiheit, zu sortieren. Und kam mir mit dieser Erfahrung in meinen 'westlichen' Freundes- und politisch-intellektuellen Kreisen sehr fremd vor. Es gab dort immer noch genügend Leute, die auch nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 die kommunistischen Regime weichzeichneten."

Der Begriff Faschismus dient nicht mehr der politischen Analyse, sondern der sektiererischen Verdammung, und zwar auf beiden Seiten des politischen Spektrums, konstatiert Pascal Bruckner in der NZZ. "Faschismus ist offenbar der Begriff mit der größten beleidigenden Wirkung. 'Stalinismus' hat im Vergleich etwas Veraltetes, trotz der Millionen Toten, die Stalins Regime mit sich brachte. 1968 war es dagegen noch normal, dass Daniel Cohn-Bendit den Schriftsteller Louis Aragon als "stalinistischen Mistkerl" bezeichnete. Und 'Totalitarismus'? Jüngere Generationen, denen die historischen Bezüge fehlen, verstehen das kaum mehr. Nur die Bezeichnung 'Faschist' kann noch richtig verletzen. Deshalb sprechen Linke gerne von 'Faschismus' im Zusammenhang mit allen, die nicht auf ihrer Seite stehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.02.2026 - Ideen

Gibt es in anderen Ländern "antideutsche" Strömungen, die sich zwar sehr weit links verorten, aber prononciert proisraelisch sind? Der in Wien lehrende Stephan Grigat gilt jedenfalls als ein Vordenker der "Antideutschen". In der taz macht er für den florierenden Antisemitismus in den meisten linken Strömungen den "Bedeutungsverlust marxistisch-leninistischer Bezüge und den Siegeszug poststrukturalistischer und postkolonialer Deutungsmuster" verantwortlich. "Ein Resultat dieses Prozesses im politischen Bereich ist die immer hemmungslosere Kooperation radikaler Linker mit offen dschihadistischen Gruppierungen - insbesondere in Frankreich und Großbritannien. Aber auch Deutschland ist davon nicht verschont geblieben, was sich nicht nur im akademischen und aktivistischen, sondern auch im politischen Bereich zeigt: Heidi Reichinnek, der neue Shootingstar der Partei Die Linke und Fraktionsvorsitzende im Bundestag, ist Co-Autorin eines Beitrags aus dem Jahr 2016, in dem offen zur Kooperation mit der islamistischen Muslimbruderschaft aufgerufen wird, wohingegen sich prominente Linke, die sich explizit kritisch zum politischen Islam und zum linken Antizionismus positioniert haben - wie beispielsweise der frühere Kultursenator von Berlin, Klaus Lederer -, der Partei seit dem 7. Oktober 2023 zunehmend den Rücken kehren."

Dass Israel einen "Genozid" begeht, ist für viele Leute inzwischen auf die gleiche Art selbstverständlich, wie dass man seinen Cappuccino nicht mehr mit "normaler Milch" trinkt. Claudius Seidl ist in der SZ mit dieser Ansicht zwar überhaupt nicht einverstanden, aber sie sei durch die Meinungsfreiheit gedeckt, und die deutsche Ausnahme bei der Betrachtung dieses Themas lasse sich nicht internationalisieren: "Die Maßlosigkeit der Vorwürfe gegenüber Israel und die bis heute erschütternde Ignoranz gegenüber den Verbrechen der Hamas werden nicht richtiger, wenn sie von Franzosen, Engländern, Amerikanern kommen. Man wird beides aber anhören und aushalten müssen, so lange jedenfalls, wie Deutschland sich nicht kulturell abschotten und selbst provinzialisieren will."

Worin sich rechter und linker Antisemitismus wirklich unterscheiden, fragt man sich nach einem aktuellen Redeausschnitt des französischen Linkspopulisten Jean-Luc Mélenchon, der begeisterte Schwingungen in seinem Publikum erzeugt, als er über die Aussprache des Namens "Epstein" extemporiert: "Epsteen" klingt für ihn russisch, Aber "Epschtain" (was in Französischen als jiddische Aussprache wahrgenommen wird) solle man ja nicht sagen. Diese Redepassage hat in Frankreich große Empörung ausgelöst.