Bestellen Sie bei eichendorff21!Libertär ist nicht liberal, sondern genau das Gegenteil, ruft in der SZ der Medienwissenschaftler Martin Andree, der gerade ein Buch über "Dark Tech und Populisten" veröffentlicht hat: Libertäre "wollen uns die Freiheit für immer nehmen. Sie wollen uns kontrollieren in digitalen Monopolen, sie wollen uns erpressen durch ihre Dominanz auf dem Feld der digitalen Infrastrukturen, sie wollen uns den Fängen ihrer autokratischen Partner ausliefern, also der US-Regierung auf der einen und Putin auf der anderen Seite. (Wirtschafts-)liberale Parteien wie die CDU/CSU oder die FDP werden erst dann wieder aus der politischen Defensive kommen, wenn es ihnen gelingt, selbst eine eigene, überzeugende Programmatik der politischen Freiheit zu entwickeln. Und wie die aussehen könnte, liegt auf der Hand: Wir brauchen jetzt eine wirtschaftsliberale Initiative gegen die Tech-Monopole, die wir genauso konsequent abschaffen müssen, wie wir das in den Neunzigerjahren mit dem Monopol im Bereich der Telekommunikation hinbekommen haben. Eine Befreiungsbewegung gegen einseitige Rechtsprivilegien und Vorzugsbehandlungen, die nur den Tech-Monopolisten helfen, aber andere Markt- und Medienteilnehmer chancenlos lässt."
Im Interview mit der SZ erzählt der Filmemacher und Autor Claus Biegert, was ihn die Native Americans über die Natur gelehrt haben und warum er sich der Bewegung für die Rechte der Natur angeschlossen hat: "Gleiche Wertung ist gefragt: Naturrechte, Menschenrecht, Eigentumsrechte. ... Wenn die Natur nicht mehr Objekt, sondern Subjekt ist, dann wird sich etwas in unseren Köpfen verändern, davon bin ich überzeugt. Ich höre oft der Loisach zu. Daneben gibt es das juristische Fundament: Warum kann ein Konzern als juristische Person sich von Anwälten vertreten lassen, ein Berg aber nicht? In Neuseeland haben ein Berg, ein Wald und ein Fluss Rechtsstatus erhalten, weil Berge, Wälder, Flüsse auch ihre Ahnen repräsentieren. Weil Berge, Wälder, Flüsse Lebewesen sind. Davon sind wir noch weit entfernt, doch es regt sich auch bei uns: Die spanische Regierung hat 2022 die Lagune Mar Menor zur Rechtsperson ernannt."
Martin Sökefeld, Professor für Ethnologie in München, hofft auf eine Abschaffung der Grenzen in westlichen Ländern. In der tazvergleicht er den Kampf hierfür mit dem Kampf gegen die Sklaverei: "Nehmen wir die langwierige Abschaffung des Rechts auf Sklaverei mit allen Rückschlägen als eine Parabel für die Abschaffung des Grenzrechts. Es gab nicht nur ethische Gründe gegen Sklaverei. Adam Smith, der schottische Vordenker des Liberalismus, brachte ökonomische Argumente vor. Er hielt die Arbeit freier Menschen für effizienter als Sklavenarbeit. Sklavenarbeit ist am Ende die teuerste Arbeit, schrieb er 1776. Heute könnte man mit den ungeheuren Kosten des Grenzschutzes argumentieren: Könnten diese vielen Milliarden Euro nicht sinnvoller eingesetzt werden? Heute würde Adam Smith vermutlich schreiben, dass es ökonomisch sinnvoller wäre, angesichts des Arbeitskräftemangels Flüchtlinge arbeiten zu lassen, anstatt sie oft zu Untätigkeit zu verdammen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!In seinem aktuellen Buch untersucht der Philosoph Michael Hampe die "Krise der Aufklärung". Im FAZ-Gespräch mit Fabian Ebeling blickt er besorgt auf die Bürokratisierung und Uneinigkeit in Europa - vor allem mit Blick auf die "neoreaktionäre Revolution" in den USA: "Sie knüpfen an die konservative Revolution an, die den Faschismus in Deutschland vorbereitete. Die Bewegung der Aufklärung hat dagegen im neunzehnten Jahrhundert erkannt, dass Wissenschaft keine absoluten Gewissheiten kennt. Das ist jedoch bis heute nicht ganz in der Öffentlichkeit angekommen, was in den Vereinigten Staaten von Leuten wie Elon Musk ausgenutzt wird. Paul Feyerabends 'anything goes'-Relativismus wird von rechts so ausgelegt, dass jede Behauptung gilt und nicht, dass jede geprüft werden muss. Jeder soll zu Recht behaupten können, die Erde sei flach oder stehe im Mittelpunkt des Universums."
Für die FAS blickt Reinhard Vesper in das neue "Erklärende Wörterbuch", das der Kreml im Frühjahr für verbindlich erklärt hat. Bei Zuwiderhandlung droht Strafe. "Es enthalte besondere Definitionen der Schlüsselbegriffe von Putins Erlass, heißt es im Vorwort. Sie seien 'unter der Kontrolle des Justizministeriums' erstellt und mit der Russischen Orthodoxen Kirche abgestimmt worden. Und so findet sich in den Definitionen von Begriffen wie Leben, Humanismus, Würde, Ehe, Patriotismus, Barmherzigkeit oder Kollektivismus der Hinweis, es handle sich um einen 'traditionellen russischen geistlich-sittlichen Wert'. Auch die Beispiele für die richtige Verwendung von Wörtern sind durchzogen von Verweisen auf Putins Erlass."
Es geht noch absurder: Ein Redakteursteam hat sich für Zeit Online den Putin-Kalender 2026angeschaut, in dem man Putin beim Judo, beim Flirten oder als Feldherr sieht. Oder auch als "sensiblen Mann am Piano": "Im Licht der Kameras, im Auge seines Volkes, nimmt er sich einen Moment, um nachzudenken. Für die Propaganda setzt sich Putin immer wieder gern ans Klavier, scheinbar beiläufig und in sich gekehrt, spielt er sowjetische Klassiker. Zum Beispiel, als er 2017 bei einem Staatsbesuch in Peking darauf wartete, dass Xi Jinping zum Treffen erscheint. Aber von wegen, alles müsse man 'mit eigener Hand tun': Putin spielt mit zwei Fingern."
Weitere Artikel: Jan Grossarth erinnert in der Welt an den italienischen Philosophen Giambattista Vico, dessen vor 300 Jahren verfasstes Hauptwerk "Scienza Nuova" über den Untergang der Zivilisationen erstaunlich aktuell erscheint. Die FAZ bringt auf ihren Bücher-und-Themen-Seiten die Rede, die Marko Martin am 16. Dezember im thüringischen Landtag zum 75. Geburtstag des Schriftstellers und DDR-Bürgerrechtlers Jürgen Fuchs hielt. Der Sinologe Henrik Jäger erzählt ebenda, wie Konfuzius aus dem Denken des Westens vertrieben wurde.
Alan Posener und Liane Bednarz haben bei starke-meinungen.de die Brandmauer gesprengt und (bereits vor einigen Tagen) einfach einen AfD-Intellektuellen interviewt, den "Vordenker" Benedikt Kaiser, der nicht ohne eine gewisse Schnöseligkeit vorführt, dass er auch nur mit Wasser kocht. Interessant ist aber, wie er die Begriffe "Europa" und "Westen" gegeneinander ausspielt: "Ich denke, dass Deutschland Teil Europas ist, wertvoller Teil, die Mitte Europas, und dass Europa mehr ist als 'nur' der normativ gedeutete Begriff des 'Westens', der zudem auch die USA, Kanada und so weiter umfasst, also den Rahmen dessen, was ich für den naheliegenden Großraum halte - Europa! - deutlich sprengt. Die Subordination unter westliche Hegemonie hat zudem dazu geführt, dass man souveränen Spielraum verlor und vieles - von Militär bis KI-Forschung und -entwicklung unnötigerweise 'outsourcte'." Daraus folgt für Kaiser die Forderung nach "Äquidistanz zu Moskau und Washington, zu Peking und anderen Kapitalen".
Die von Kaiser geforderte Abkehr vom Westen findet sich natürlich auch bei Linken, konstatiert Stefan Laurin bei den Ruhrbaronen zu diesem Gespräch. Kaiser und Linke (man denkt etwa an den Abstiegsmanager Daniel Marwecki) machten sich Illusionen, so Laurin: "Eine Abkehr vom Westen, zu dem auch Kanada, Südkorea, Israel, Japan und Australien gehören, würde nicht zu europäischer Souveränität führen, sondern zwangsläufig zu einem Wechsel von der amerikanischen in die chinesische Technosphäre. Europa geriete damit unter den Einfluss eines zunehmend von China abhängigen Russland."
Buch in der Debatte
Bestellen Sie bei eichendorff21!Ob links oder rechts, es scheint jedenfalls so etwas wie eine Sehnsucht des Westens nach Selbstabschaffung zu grassieren. Sehr schön zeigt das Jannis Koltermann im Aufmacher des FAZ-Feuilletons, wo er sich Josephine Quinns viel gefeierte monumentale Abhandlung "Der Westen - Eine Erfindung der globalen Welt" vornimmt. Die sehr renommierte Cambridger Althistorikerin möchte darin zeigen, dass der Westen im Grunde nur eine "Adaption von Altbekanntem" sei, so Koltermann. Doch ihre Erkenntnis, dass der Westen sich an anderen Kulturen inspiriert, greift nicht weit genug, wie Koltermann an einem Beispiel zeigt: "Über die griechische Kunst etwa bemerkt Quinn lediglich, dass die archaischen Kouroi, frühe, noch etwas steife Statuen bartloser Jünglinge, an ägyptische Bildhauertraditionen angeknüpft hätten - und geht nicht auf die weitere Entwicklung hin zu lebensnahen Bildnissen ein, die für die Kunstgeschichte noch entscheidender ist, aber eben nicht einfach auf den Kontakt mit fremden Kulturen zurückgeführt werden kann."
SZ-Autor Gustav Seibt muss sich einfach auf die Schulter klopfen. Schon vor neun Jahren hatte er recht, als er Donald Trump neronische Züge zuschrieb (unser Resümee damals). Heute setzt Seibt nach und beschreibt, wie Trump die Despotie 2.0 ausgestaltet: "Trump ist weder Nero noch 'Sultan', aber er verhält sich wie einer. Das verleiht seinem sprunghaften, hektischen, widersprüchlichen Verhalten einen Unernst, der eigentlich unpolitisch ist. Zölle, die die Weltwirtschaft in Gefahr bringen, sind Spielzeug eines Gamers am Mobiltelefon. Herrscherliche Verlautbarungen kommen als Posts daher. Staatsmänner auf Besuch werden abgekanzelt wie ungezogene Kinder. Es gibt in dieser Welt entgrenzten Wollens keinen Widerstand der Wirklichkeit mehr - da können Preise angeblich um 600 Prozent gesenkt werden, und niemand im Raum lacht."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Eva Illouz führt in einem Essay, den sie unter anderem in der SZ publiziert, ihre Reflexion über die allerneueste Spielart des Antisemitismus fort, die sich nach dem 7. Oktober verfestigte (intellektuell aber schon formuliert war). Dieser Antisemitismus verkleidet sich für sie als Antizionismus - aber wie im Antisemitismus des 19. Jahrhunderts geht es darum, den Juden eine Heimat zu verweigern, so Illouz. Der Antisemitismus wurde an den Universitäten zu einem zentralen Faktor, um teils divergierenden "woken" Theorien einen gemeinsamen Grund zu geben. Als Vordenker benennt Illouz hier den Erfinder der "multidirektionalen Erinnerung" Michael Rothberg (dessen Theorien in Deutschland von Aleida Assmann popularisiert wurden): "Durch die Alchemie der Intersektionalität umfasst und vereint die palästinensische Sache nun alle Kämpfe: feministische, transgender, grüne, homosexuelle, schwarze. Die wahren Palästinenser, diejenigen, die bitter unter den Übergriffen der israelischen Regierung leiden und die Hilfe der Welt brauchen, sind hier letztlich nur Nebenfiguren in einem Drama, das auf den top gepflegten Rasenflächen westlicher Eliteuniversitäten gespielt wird." Die bittere Konsequenz für Illouz: "Der globale Antisemitismus denkt den uralten Hass auf Juden konsequent zu Ende: Er hat die ganze Welt zu einem Ort gemacht, an dem sie unerwünscht sind." Bestellen Sie bei eichendorff21!Illouz kommt in ihrem Essay auch auf den Erfinder des Begriffs "Antisemitismus", Wilhelm Marr, zu sprechen. In der FAS erinnert Gerald Braunberger an eine andere Gründerfigur des modernen Antisemitismus, den Journalisten Otto Glagau, der seine Traktate in der Gartenlaube mit zwei Millionen Auflage zum Besten gab: "Glagau bediente sich einer Argumentation, die später als Kennzeichen eines politischen Populismus identifiziert wurde. Auch er unterschied zwischen dem braven, aber ausgenutzten Volk ('wir') und einer politischen und wirtschaftlichen, mit finsteren ausländischen Mächten verbündeten Elite ('sie'), die zu ihrem Nutzen dem Volk Schaden zufügt." Braunberger verweist auf ein letztes Jahr erschienenes BuchFrederick C. Beisers zur Antisemitismuskontroverse im Kaiserreich.
Auch Richard C. Schneider, einst Israel-Korrespondent der ARD (Zeiten, in die man sich in der Tann-Ära zurücksehnt), denkt in der NZZ über den neuen Antisemitismus nach, der nach dem 7. Oktober seine lange versteckte Fratze zeigt, und über die Frage, wie darauf zu reagieren sei. "Jüdische Intellektuelle sehen sich heute mit einer paradoxen Rolle konfrontiert: Sie sollen sich selbstverständlich in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen - und gleichzeitig müssen sie beobachten, wie Teile dieses Diskurses ihre Sicherheit infrage stellen. Wie aber soll man damit umgehen? Wie navigiert man zwischen dem universalistischen Anspruch der Aufklärung und dem partikularen Realismus der Geschichte?"
Zwar gab es an deutschen Kulturinstitionen lange vor dem 7. Oktober das "Weltoffen"-Papier, in denen die Leiter der vornehmsten Kulturinstitute in Deutschland forderten, dass es möglich sein müsse, Israelboykott-Positionen an ihren Häusern zu vertreten. Aber Marcus Funck vom Berliner "Zentrum für Antisemitismusforschung" kommt in einem Papier, das er für eine Bundestagsanhörung schrieb und das vom "Netzwerk Jüdischer Hochschullehrender" auf Twitterverbreitet wurde, zu dem Ergebnis: "Aus unseren Gesprächen mit vielen Kultureinrichtungen des Bundes und Berlins haben wir nicht den Eindruck gewonnen, dass antisemitische Einstellungen hier ein verbreitetes Problem darstellen. Dagegen war der Wille des jeweiligen Führungspersonals, gegen Antisemitismus und Rassismus vorzugehen, sehr ausgeprägt. Was jedoch unserem Eindruck nach vorhanden ist eine sehr kritische Haltung gegenüber Israels Vorgehen während des Gaza-Krieges oder davor."
Bei Zeit online setzt sich der PolitikwissenschaftlerMarkus Linden mit dem Teil der Linken auseinander, der kein Bündnis mit der Mitte mehr sucht, sondern auf Radikalisierung setzt - und dabei sogar eine Regierung der AfD in Kauf nehmen würde, wie der SoziologeNils Kumkar, der dies in einem Beitrag für die September-Ausgabe des deutschen Jacobin als erfolgversprechende Strategie erläutert habe, um der Linken die Rolle der Fundamentalopposition zu sichern: "Man müsse 'die Leerstelle des grundsätzlichen Dagegenseins', die im Moment die AfD innehabe, selber 'besetzen'. Das könne Jahre dauern und schlösse mit ein, eine Regierungsübernahme der AfD in Kauf zu nehmen, denn mit Kompromissbereitschaft zur politischen Mitte werde die Linke nie zum 'Angstgegner'. Kumkar spricht in diesem Zusammenhang zwar von einem 'Dilemma', kaum verklausuliert geht er aber davon aus, dass die Besetzung der Dagegenleerstelle, die angeblich zum Erfolg führt, wahrscheinlich nur über den Umweg einer AfD-'Regierungsübernahme' funktioniert, der man sich dann als einzig wahre Opposition entgegenstellen kann. Er fordert die Kopie der rechtsextremen Strategie zu eigenen Zwecken, so wie die Rechte linke Versatzstücke übernommen habe. Ein normatives Projekt hinter dem Deckmantel der Analyse, vorgebracht als doppelbödiges Gedankenspiel mit empirischen Anhaltspunkten und allerlei systemischen Imperativen."
Die Berliner Boheme ist am Ende - nicht nur, dass die Stadt für Künstler unbezahlbar wird. Sie werden auch noch in ihrer Meinungsfreiheit unterdrückt, sobald sie Sympathien für die Palästinenser zeigen, klagtDiedrich Diederichsen im amerikanischen Artforum: "Es gibt einen ständigen Missbrauch von - in den meisten Fällen - völlig haltlosen und rein strategischen Vorwürfen des Antisemitismus; Musikfestivals durchforsten die Biografien der eingeladenen Ensembles, um herauszufinden, ob ein Bassist einmal den falschen Solidaritätsaufruf unterschrieben hat. All dies geschieht vor dem Hintergrund tiefgreifender Kürzungen der Kulturförderung in Berlin und eines zusammenbrechenden Kunstmarktes. Natürlich gibt es ähnliche und sogar noch schlimmere Entwicklungen in anderen Teilen des globalen Nordwestens. Aber es kommt zu einer Art Endspiel in einem Krieg gegen die Boheme, der seit langem an den unterschiedlichsten Fronten geführt wird - ein Krieg, der, nachdem er Kapitalismus, Technologie, Wirtschaft und Kultur subtil als Waffen eingesetzt hat, nun mit unverhohlener Unterdrückung geführt wird."
Boris Pofalla hat den Diederichsen-Essay für die Welt gelesen und hält dagegen: Dessen Boheme ist doch gar keine. "Die Boheme bezog ihren Nimbus ja gerade aus nonkonformistischen Verhaltensweisen, aus innerer Distanz zu Ideologien, Apparaten und Parteien. Die Israel-versus-Palästina-Debatte erlaubt spätestens seit dem 7. Oktober 2023 keine uneindeutigen Verhaltensweisen mehr. Ob auf internationalen Kunstbiennalen, Dating-Apps oder auf queeren Technofestivals in Brandenburg, überall plärrt es einem 'No Zionists! Free Palestine! Globalize the Intifada!' entgegen. Eine zum Ressentiment heruntergerockte, vereinfachend antikoloniale Sichtweise auf den Nahost-Konflikt ist Teil der internationalen Popkultur geworden und bei vielen in Hass umgeschlagen. Hass aber ist schlecht, er ist unterbelichtet und falsch. Was soll daran bohemistisch sein oder links?"
Erst Identitätspolitik von rechts mit ihrem Heimat- und Nationenkult und jetzt von links, was auch nicht besser ist, findet der HistorikerStephan Lehnstaedt in der FAZ. Denn so postkolonial die auch tut, sie ist in Wahrheit "von klassisch imperialen Handlungsmustern geprägt. Indem ethnische Gruppen identifiziert und damit definiert werden, kann ihnen ein Platz zugewiesen werden. Sie erhalten spezielle Beauftragte, die nicht grundsätzlich gegen Diskriminierung, sondern zuvorderst für die Interessen einer spezifischen Gruppe agieren und deren Kultur und Eigenheiten fördern sollen. Wie in Kolonialstaaten können diese Gruppen dann gegeneinander ausgespielt werden. Wirkliche Macht haben nur diejenigen, die über die Gruppenzugehörigkeit entscheiden." Da fügt sich auch bestens ein Antisemitismus ein, der sich als "Israelkritik" ausgibt und den Israelis "Genozid" vorwirft. "Die antisemitische Perfidie besteht darin, den Palästinensern als Gruppe keine kollektive Verantwortung für den Hamas-Terror zuzuschreiben, aber sehr wohl Israel als Nation und darüber hinaus alle Jüdinnen und Juden für einen angeblichen Genozid in Gaza haftbar zu machen."
Während Autoren wie Daniel Marwecki bereits die Freuden der "postwestlichen" Welt besingen und Europa ein "würdevolles Abstiegsmanagment" empfehlen, findet der Philosoph Edward Kanterian die Idee einer "multipolaren" Welt, auf die es zuzulaufen scheint, in der NZZ eher unheimlich. Er hält an der Idee universaler Menschenrechte fest: "Das multipolare Narrativ erfüllt zwei ideologische Funktionen. Es verleiht der 'Achse der Autokraten' (Anne Applebaum) einen demokratischen Anstrich in der Weltöffentlichkeit, um knallharte großnationalistische Projekte umso zielstrebiger voranzutreiben. Und im eigenen Land schützt es die Autokraten vor der als 'imperialistisch' gebrandmarkten liberalen Rechtsidee, vor der sie sich durchaus fürchten. Denn universalistisch ist sie, aber keineswegs seelenlos. Da sie den despotischen Machtzugriff unterminiert, ist sie für die meisten Menschen äusserst attraktiv. Im 21. Jahrhundert wollen die Menschen über ihr Leben, gar ihre Identität, selbst bestimmen. Und wenngleich sich viele einer Gemeinschaft zugehörig fühlen, will sich keiner der Willkür eines Potentaten wehrlos aussetzen."
Anspielungen auf die römisch-griechische Antike sind bei der neuen Rechten ausgesprochen beliebt, hat Julia Kitzmann erkannt und sich darüber für den Tagesspiegel mit Althistorikern wie Babett Edelmann-Singervon der FU Berlin unterhalten: "Die Antike ist für die Neue Rechte zudem nicht nur Vorbild, sondern zugleich Warnung. 'Sie dient - das hat eine lange Tradition - als Untergangsparabel', sagt Edelmann-Singer: Migration im Zuge der Völkerwanderung und dekadente Lebensweisen hätten das Römische Reich zerstört. Die Erzählung lautet, auf die Gegenwart übertragen: Gleiches widerfahre der Europäischen Union. ... Das sei historisch nicht haltbarer 'Unsinn', sagt die Althistorikerin Edelmann-Singer dazu. In der Forschung sei heute Konsens: Römische Bürgerkriege und nicht enden wollende interne Machtkämpfe, an denen auch fremde Gruppen als Milizen beteiligt waren, führten zum Zerfall des Römischen Reiches in seiner alten Form. Man spreche zudem eher von einer Transformation als einem 'Untergang'."
NavidKermani beschwört in der SZ die "Vereinten Nationen von Europa": Nur eine Föderation europäischer Staaten sei in der Lage, die Herausforderungen der Zeit zu meistern und sich gegen Putin oder Trump zu beweisen: "Um sein ökonomisches, politisches und kulturelles Gewicht in die Waagschale werfen zu können, braucht Europa mehr als improvisierte Reisegruppen, die sich während des Flugs absprechen. Es braucht eine Stimme, die von den Europäern gewählt ist, damit sie für Europa spricht, es braucht eine Regierung, die das gemeinsame Interesse aller Europäer vertritt." Es werde "weitere Bereiche geben müssen, in denen diejenigen Nationen, die wollen, so eng zusammenarbeiten können wie Staaten innerhalb einer Föderation: zwingend die Außenpolitik, aber auch Handel, Flüchtlinge, Verteidigung, Klima, Forschung, Weltraum, Steuern, Sozialleistungen und ja, natürlich ja, mittelfristig auch eine gemeinsame Armee."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Noch einen Schritt weiter geht die Philosophin Lea Ypi, deren neues Buch vor Kurzem erschienen ist, im Zeit-Interview mit Nils Markwardt. Sie denkt darüber nach, warum die Linke den autoritären Kräften der Gegenwart so wenig entgegensetzen kann. Es liege daran, dass sie dem Neoliberalismus kein tragendes Konzept entgegensetzt. Sie glaubt "weder, dass man mit dem Kapitalismus Kompromisse schließen kann, noch an den Staatssozialismus." Stattdessen schwebt ihr "eine Form des transnationalen Sozialismus" vor. Es "ginge also um ein Projekt, das einerseits eine Kritik des Kapitalismus formuliert, andererseits aber auch die Frage verhandelt, wie diese Kritik in internationale Institutionen übersetzt werden kann. Ein solches Projekt würde also über die Zukunft der Welthandelsorganisation nachdenken und sich ebenso fragen, welche transnationalen Kooperationsstrukturen man noch schaffen kann. In den frühen 2000er-Jahren, als ich meine Dissertation schrieb, waren das im linken Spektrum große Themen. Es wurde über eine europäische Verfassung debattiert und globalen Egalitarismus nachgedacht."
Buch in der Debatte
Bestellen Sie bei eichendorff21!Vor fast hundert Jahren erschien eine neue Bibelübersetzung von Martin Buber und Franz Rosenzweig. Sie löste eine Kontroverse aus, an der das Who is Who der damaligen Intellektuellen teilnahm. Diese Kontroverse ist in dem Band "Die Bibelübersetzung von Buber-Rosenzweig" dokumentiert, den Wolfgang Matz heute in der FAZ bespricht. Siegfried Kracauer hatte das wolkige Deutsch der Übersetzung kritisiert. Die beiden Übersetzer replizierten: Dabei verblüfft laut Matz "besonders ein fast schon naiver Begriff übersetzerischer 'Wörtlichkeit'. Auf Kracauers Kritik an wagnerschen Alliterationen antworten sie: 'Luthers 'Wolken führen' heißt hebräisch: 'annen anan', infolgedessen bei uns: Wolken wölken.' Das Hebräische also kennt ein Verb mit dem gleichen Wortstamm wie das Substantiv, das Deutsche nicht - ist aber eine Übersetzung 'wörtlich', die das vermisste Verb einfach erfindet?"
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