9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.01.2023 - Internet

Vorgestern wäre Joseph Weizenbaum 100 Jahre alt geworden, einer der Mitbegründer und schärfsten Kritiker der KI, erinnert uns Wolfgang Coy in netzpolitik. "In seinem Hauptwerk beschreibt er, wie schockiert er darüber war, dass eine kurze Interaktion mit einem geschickt geschriebenen Computerprogramm ausreichte, um ein powerful delusional thinking hervorzurufen. Zehn Jahre nachdem er ein lächerliches, kurzes Programm geschrieben hatte, das die Karikatur einer Unterhaltung zeigen sollte, schreibt er in Computer Power and Human Reason: "Diese Reaktionen auf ELIZA haben mir deutlicher als alles andere bis dahin Erlebte gezeigt, welch enorm übertriebenen Eigenschaften selbst ein gebildetes Publikum einer Technologie zuschreiben kann oder sogar will, von der es nichts versteht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.01.2023 - Internet

"Es gibt im Kontext der Digitalisierung ebenfalls eine letzte Generation. Eine Generation, die entweder einen sinnhaften digitalen Wandel möglich macht - oder vom digitalen Wandel überrannt werden wird, ohne ihn sinnvoll mitgeprägt zu haben", warnt in netzpolitik die Entwicklerin Bianca Kastl angesichts von Pandemie, Klimakrise und Energiekrise. Mit der Digitalisierung dann stünden endlich auch Zahlen übergreifend bereit, die man dringend bräuchte, um der Krisen Herr zu werden. Auf einen Strukturwandel der Behörden können wir nicht mehr warten, meint Kastl, es geht auch so: "Gerade im Netz haben wir gelernt, durch unterschiedliche Hierarchien und Strukturen sowie über Länder und Kontinente hinweg zueinander zu finden, miteinander zu kommunizieren und Daten auszutauschen. Wir sollten daher den Wert offener technischer Standards, gemeinsamer Datenformate und flacher Netzstrukturen längst verstanden haben, weil wir täglich von diesen profitieren. Der Minimalanspruch sollte daher lauten: Behalte deine Organisationsstruktur, wenn es unbedingt sein muss und sich darin dein Machtanspruch begründet. Aber sei offen, dich bis auf unterster Arbeitsebene direkt mit anderen zu vernetzen."

Außerdem: In der taz berichtet Jannis Hagmann von Vorwürfen der Rechtsorganisationen Smex und Dawn, Saudi-Arabien habe gezielt Wikipedia-Autoren als Agenten "rekrutiert und auf diese Weise die Plattform 'infiltriert'". Wikipedia weist die Vorwüfe zurück.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.01.2023 - Internet

FAZ-Medienredakteur Mchael Hanfeld findet die "Twitter Files" zwar interessant, aber er kritisiert, wie sie von Bari Weiss und anderen Journalisten publiziert wurden - von Gnaden Elons Musks. Die "Twitter Files" sollen nachweisen, wie intransparent und regierungshörig das alte Twitter auf Zensurforderungen reagierte: "Musks vermeintlich gute Absichten mit Twitter könnten die 'File'-Autoren untermauern, gingen sie transparent vor und hörten auf, wie es ihnen der Twitter-Boss diktiert hat, ihre Story häppchenweise zu veröffentlichen. Die Welt braucht mehr als diese 'Files'." Hanfeld verweist eher zustimmend auf die Antworten des ehemaligen Twitter-Chefs Jack Dorsey zu den Twitter Files, hier und hier. Mehr zu dem unübersichtlichen Thema hier.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.01.2023 - Internet

Jakob Schirrmacher beleuchtet in der Welt die "Twitter Files", die hierzulande kaum wahrgenommen wurden - wohl auch, weil sie vom Oberchaoten Elon Musk freigegeben wurden. Sie zeigen, wie die vorherige Twitter-Leitung einerseits Regierungsvorgaben von Ländern wie Pakistan folgte, weil das soziale Medien nun mal tun, wenn sie in solchen Ländern operieren wollen, und andererseits, dass viele Entscheidungen intransparent und willkürlich sind und Nutzer oft nicht mal wissen, dass sie Opfer von "Shadowbanning" und ähnlichen Techniken sind: "Die Glaubwürdigkeit verliert sich in der Verschleierung. User, die nicht wissen, ob und warum sie 'geblacklistet' wurden, oder der Ausschluss von Wissenschaftlern aus der Diskussion über global relevante Themen sind durchaus als demokratiegefährdend zu betrachten. Hier sollten aber vor allem auch regierungsnahe Organisationen dafür zur Rechenschaft gezogen werden, eine so stringente Content-Politik einzufordern. Nicht zuletzt hat die Europäische Kommission Elon Musk mit harten Sanktionen gedroht, falls dieser nicht härter gegen 'Desinformationen' im Kontext der Corona-Pandemie vorgeht. Doch wer bestimmt hier eigentlich, was Desinformation ist und was nicht?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.12.2022 - Internet

Die Tatsache, das Elon Musk wie ein Berserker mit Twitter umspringt, bedeutet nicht, dass die vorherige Führungsmannschaft harmlos war. Die Welt übernimmt einen Artikel von Bari Weiss von ihrem Blog The Free Press, der zeigt, mit welchen Tools Twitter bestimmte Positionen fördern oder boykottieren konnte, eine davon ist das sogenannte "Shadow Banning", das die Sichtbarkeit eines Nutzers für andere einschränkt, ohne dass ihm dies klar wird. Weiss bezieht sich auf interne Twitter-Dokumente: "Es überrascht nicht, dass wir bei der Suche nach Beweisen für Shadow Banning nichts in den Twitter-Dateien gefunden haben. Das ist hauptsächlich eine Frage der Wortwahl. Die Twitter-Führungskräfte bevorzugen den Begriff 'Sichtbarkeitsfilterung' oder 'VF' (visibility filtering), was in den Dateien überall zu finden ist. Mehrere hochrangige Quellen bei Twitter haben die Bedeutung dieser Begriffe bestätigt. 'Betrachten Sie die Sichtbarkeitsfilterung als eine Möglichkeit für uns, das, was die Leute sehen, auf verschiedenen Ebenen zu unterdrücken. Es ist ein sehr mächtiges Werkzeug', sagt uns ein leitender Twitter-Mitarbeiter. Tatsächlich handelt es sich um eine Reihe von Tools, die unter anderem dazu dienen, Nutzer aus der Suche auszuschließen und zu verhindern, dass die Tweets einiger Nutzer als trending angezeigt werden - worüber unzählige andere Nutzer erfahren, was auf Twitter beliebt ist oder worüber gerade gesprochen wird."

Musk hat inzwischen angekündigt, als Twitter-Chef zurücktreten zu wollen, allerdings erst, "sobald ich jemanden finde, der dumm genug ist, den Job zu übernehmen", meldet unter anderem Spiegel online.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.12.2022 - Internet

Elon Musk hat bekanntlich (unser Resümee) über sein weiteres Schicksal bei Twitter abstimmen lassen. Seitdem herrscht Funkstille, notiert Eshe Nelson in der New York Times: "Mehr als 17 Millionen Stimmen wurden abgegeben und ergaben ein klares Urteil: 57,5 Prozent sprachen sich in der Twitter-'Umfrage', die am Montag nach 12 Stunden geschlossen wurde, für seinen Rücktritt aus. Musk hatte erklärt, er werde sich an das Ergebnis der Abstimmung halten. Doch auch Stunden nach Abschluss der Abstimmung gab es keine Bestätigung von Musk auf Twitter."
Stichwörter: Musk, Elon

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.12.2022 - Internet

Es wurde so viel auf die sozialen Netze geschimpft, dass kaum mehr wahrgenommen wurde, welche Rolle sie für die Öffentlichkeit spielen. Dies ist ist die Perspektive, aus der Elon Musk kritisiert werden muss, schreibt Tanja Tricarico  in der taz: Fakt sei, "dass viele, die Twitter als Informationsplattform nutzen, keine andere Wahl haben, als zu bleiben. Alternativen wie Mastodon haben zu wenig Reichweite. Nicht nur aktuell, sondern auch auf längere Sicht hin. Den Aktivist:innen im Iran, den Ortskräften in Afghanistan oder kurdischen Protestierenden läuft die Zeit davon, ihre Kontakte auf anderen Plattformen aufzubauen. Hinzu kommt, dass ihre Adressat:innen - darunter auch Ministerien, Nichtregierungsorganisationen, andere Aktivist:innen -, weltweit nicht zwingend auf der selben Plattform unterwegs sein würden."

Musk kann Twitter im Grunde nur zugrunderichten, schreibt Linette Lopez in einem lesenwerten kleinen Essay im Business Insider. Musks Prinzip bei seinen anderen Unternehmen war stets, in eine Lücke zu stoßen, wo noch keiner war, weltveränderde Versprechen zu machen und Geld von Fanboy-Milliardären und Staaten einzuwerben. "Twitter ist das Gegenteil einer 'Elon-Musk-Firma'. Es ist ein einflussreicher aber kleiner Player in einem Feld, das von gigantischen und gut mit Geld ausgestatteten Wettbewerbern dominiert wird. Regierungen weisen Twitter eher in Schranken, als es mit Staatsaufträgen zu versorgen. Und Twitter-Angestellte haben Optionen: Sie können den Laden verlassen und für Firmen arbeiten, die sie besser behandeln, als Musk es je tun würde."

Musk fährt inzwischen mit seinem Chaostreiben fort: Er sperrt die Konten von Journalisten und lässt sie wieder zu, verbietet Links zu anderen sozialen Plattformen (mehr hier) und killt die Seite, wo er das angekündigt hat - und jetzt lässt er darüber abstimmen, ob er Twitter-Chef bleiben soll, meldet unter anderem Spiegel online. Im Moment hat er 56 Prozent gegen sich.

Und er droht dann auch gleich mit dem Ende von Twitter:

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.12.2022 - Internet

Die mutwillige Zerstörung Twitters, der wichtigsten Plattform der internationalen Öffentlichkeit, durch ihren Besitzer Elon Musk schreitet voran, berichtet eine Reportergruppe im Guardian: "Die Konten von Tech-Journalisten bei CNN, der Washington Post, Mashable und der New York Times wurden am Donnerstagabend kurz nacheinander gesperrt. Alle hatten kürzlich Artikel über Musks Sperrung eines Twitter-Accounts veröffentlicht, der öffentlich zugängliche Daten über die Bewegungen seines Privatjets geteilt hatte. Jeder dieser Artikel hatte die Spannung zwischen Musks erklärtem Engagement für die 'freie Meinungsäußerung' und seiner Entscheidung, einen Account zu sperren, der ihm persönlich missfiel, hervorgehoben."

Musk hat die Journalisten Matt Taibbi, Bari Weiss und den Autor Michael Shellenberger beauftragt, die sogenannten "Twitter-Files" auszuwerten, berichtet indes Lucien Sherrer in der NZZ. Denn "Musk ist überzeugt, dass Twitter den öffentlichen Diskurs in den letzten Jahren manipuliert und zensuriert hat - zugunsten der Demokraten." Ergebnisse haben die drei bereits präsentiert: "Matt Taibbi sagte in einem Podcast, das Ausmaß der Kontrolle über jeden einzelnen Account habe ihn und seine Kollegen schockiert: Twitter tausche Unmengen Daten aus mit staatlichen Behörden wie dem Federal Bureau of Investigation (FBI). Diese würden die Daten mit Bemerkungen versehen und zurückschicken. In internen Twitter-Berichten heiße es dann, das FBI habe dies und das markiert, und man diskutiere darüber, ob ein Konto gesperrt oder mit einem 'Shadow-Ban' belegt werden solle."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.12.2022 - Internet

Was Lars Weisbrod in der Zeit über die Twitter-Alternative Mastodon schreibt, klingt wirklich irre aufregend: "Hier geht es zu wie auf Twitter, bloß langsamer und langweiliger. Und vielleicht ist schon das ein Indiz dafür, dass Mastodon wirkt. Dass sich hier tatsächlich ein Gegenmodell abzeichnet zur hochgezüchteten Aufmerksamkeitsökonomie, der wir uns zu lange unterworfen hatten. Wenn auf Mastodon die Timeline nicht lädt, wenn ein Bild nicht gesendet wird, wenn man ein Detail nicht versteht, dann sind das keine Gegenargumente, sondern Gründe, die für dieses Netzwerk sprechen. Der Umzug von Twitter zu Mastodon gleicht gewissermaßen der unter Großstädtern grassierenden Flucht aufs Land..."
Stichwörter: Mastodon

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.12.2022 - Internet

Jeremy W. Peters hat in der New York Times versucht, ein nuanciertes Bild von Elon Musk zu zeichnen und ihn politisch nicht in eine Ecke zu stellen. Aber das ist ein Irrtum, meint Charlie Warzel in Atlantic. Schon Musks jüngster Tweet "My pronouns are Prosecute/Fauci", wo er sich in fünf Wörtern über trans-Leute, das Gendern und die Corona-Politik Joe Bidens lustig macht, zeigt: "Musk unterstützt aktiv das politische Projekt der extremen Rechten. Er ist ein rechtsextremer Aktivist." Auch "Musks Argument - dass ein gemäßigter Liberaler, der sein Leben lang der Linken angehört hat, keine andere Wahl hat, als rechte Anliegen zu unterstützen - ist unter rechtsextremen Aktivisten eine gängige Phrase. Sie wurde von vielen im sogenannten 'intellektuellen Dark Web' und von Influencern wie Dave Rubin, Joe Rogan, Glenn Greenwald und anderen verwendet."