9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.11.2022 - Internet

Der Soziologe Armin Nassehi macht es mal anders als alle anderen und schimpft in der Zeit nicht einfach über die sozialen Medien, sondern denkt über sie nach. Besonders interessiert ihn natürlich vor dem aktuellem Hintergrund, wie Twitter funktioniert, das Elon Musk zu demontieren droht. Nassehi bleibt trotzdem: "Twitter dürfte die Plattform sein, in der die Logik der sozialen Medien am deutlichsten sichtbar wird: Es sieht in der Kommunikation so aus, als setze man etwas in die Welt und bekomme darauf Antwort. Oder man antwortet selbst, und es sieht aus wie ein Zwiegespräch. Aber es sieht nur so aus, denn jegliche Form der Kommunikation auf Twitter lebt davon, dass es stets einen dritten Adressaten gibt, die Beobachterposition: Man sieht den anderen beim Zusehen zu. Man beobachtet Beobachtungen." Und übrigens: "Auf Twitter stoße ich auf Dinge, die ich nicht gesucht habe. Ich hätte sie aber gesucht, hätte ich gewusst, dass es sie gibt. Das ist eins der produktivsten Urteile, die man über ein Ärgernis formulieren kann." Genauso hat man früher über Zeitungen geredet.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.11.2022 - Internet

Elon Musk scheint Twitter - trotz allem die wichtigste Plattform der internationalen Öffentlichkeit - systematisch zugrunde richten zu wollen. Die Washington Post (nicht online) und  Alex Heath in The Verge berichten heute, dass die Top-Datenschutz- und Sicherheitsingenieure Twitter verlassen haben. Heath zitiert aus einer Slack-Botschaft eines Firmen-Justiziars: "Elon hat gezeigt, dass seine einzige Priorität bei den Twitter-Nutzern darin besteht, sie zu monetarisieren. Ich glaube nicht, dass er sich um die Menschenrechtsaktivisten, die Dissidenten, unsere Nutzer in nicht monetarisierbaren Regionen und all die anderen Nutzer kümmert, die Twitter zu dem globalen Marktplatz gemacht haben, den Sie alle so lange aufgebaut haben und den wir alle lieben." Twitter hat zugleich Ärger mit der Federal Trade Commission (FTC), berichtet Heath. Musk scheint sich nicht an einen Vergleich zu Datenschutzfragen halten zu wollen und riskiert Klagen in Höhe von Milliarden von Dollar.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.11.2022 - Internet

Twitter ist einfach zu bedienen, aber natürlich ist es im Hintergrund sehr komplex. Darum sind die "site reliability engineers" so wichtig, die so eine Plattform zuverlässig am Laufen halten, schreibt Chris Stokel-Walker in einem viel retweeteten Artikel der MIT Technology Review, für den er mit dem Experten Ben Krueger gesprochen hat. Elon Musk hat bekanntlich die Hälfte der Twitter-Belegschaft gefeuert. "Die verbleibenden Twitter-Ingenieure waren in den letzten Tagen weitgehend damit beschäftigt, die Website stabil zu halten... Während das Unternehmen versucht, zu einem gewissen Grad an Normalität zurückzukehren, geht ein Großteil der Zeit dabei verloren, Musks (oft anstrengenden) Launen in Bezug auf neue Produkte und Funktionen nachzukommen, anstatt das Bestehende am Laufen zu halten. Dies ist laut Krueger besonders problematisch für eine Website wie Twitter, bei der es zu unvorhergesehenen Spitzen in Bezug auf Nutzerzahlen und Interesse kommen kann."
Stichwörter: Twitter, Musk, Elon, Normalität

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.11.2022 - Internet

In der SZ ist Julia Jäkel - ehemals Vorstandsvorsitzende von Gruner & Jahr und Vorsitzende der Bertelsmann Content Alliance, heute in in mehreren Aufsichtsräten, unter anderem von Holtzbrinck, - entsetzt über das erratische Verhalten von Elon Musk bei Twitter. Der soll beispielsweise nach dem Anschlag auf den Ehemann Nancy Pelosis auf eine Verschwörungswebseite mit Fake News verlinkt haben. Um das zu ändern, wünscht sich Jäkel von Werbung schaltenden Firmen eine stärkere "Corporate Media Responsibility", die mit Anzeigenboykott droht: "Der Werbeumsatz von Twitter ist in den letzten Tagen massiv eingebrochen. Ob Musk, dieser herausragende Erfinder von Autos und Raketen, darüber hinaus ein ökonomisch erfolgreicher Medienmogul mit abseitigen politischen Meinungen wird - darüber können viele mitentscheiden. Die Gesetzgeber, die Unternehmensverantwortlichen. Und: die Nutzer."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.11.2022 - Internet

Während Elon Musk Tausende Twitter-Angestellte feuert und die Werbetreibenden die Plattform in Scharen verlassen, meldet das Wall Street Journal (ausnahmsweise mal online), dass Mark Zuckerberg in seinem Meta-Konzern aus Facebook und Instagram ebenfalls große Entlassungen plant: "Es wird erwartet, dass die Entlassungen mehrere Tausend Mitarbeiter betreffen werden, und eine Ankündigung soll bereits am Mittwoch erfolgen, heißt es. Meta hatte Ende September mehr als 87.000 Mitarbeiter. Das Unternehmen hat seine Mitarbeiter bereits aufgefordert, nicht unbedingt notwendige Reisen ab dieser Woche zu stornieren, hieß es." Über Twitter wird inzwischen etwa von Bloomberg gemeldet, dass Musk einige ehemalige Angestellte schon wieder bekniet zurückzukommen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.11.2022 - Internet

Viele Menschen erklären zur Zeit, dass sie Twitter verlassen, weil Elon Musk nun dort regiert. Aber eigentlich war es schon vor Musk ein Fehler, Twitter allzu ernst zu nehmen, meint Jonathan Kay bei Quillette: "Am freudlosesten und wütendsten wirken immer die Hohepriester, die sich auf Twitter als Hüter heiliger Wahrheiten präsentieren und von ihren Anhängern erwarten, dass sie die Rolle gehorsamer Gemeindemitglieder übernehmen. Da auf Twitter nichts heilig ist, ziehen ihre Predigten vorhersehbar Spott und Kritik auf sich. Dieser Spott und diese Kritik werden wiederum zum Hauptthema des Priesters und setzen damit weitere Zyklen der Lobhudelei, des Spottes und des Selbstmitleids in Gang. Kein Wunder, dass sie immer so 'erschöpft' sind."

In Atlantic erklärt David Frum, dass er Twitter verlässt. Sein Anlass war, dass Musk einen verschwörungstheoretischen Tweet über den Hammeranschalg auf Paul Pelosi retweetet hatte. Und doch liest sich Frums Artikel auch als Hommage auf Twitter: "Twitter bietet eine Fülle von Informationen, aber auch Schnelligkeit. Auf diese Weise erhalte ich Zugang zu allem, von technischen Diskussionen über Inflation bis hin zu Streitigkeiten darüber, wie Geschichte geschrieben werden sollte. Und hier finde ich Experten und erfahre, wer sich mit wem über was streitet. Ich habe Twitter auch als eine Art Notizbuch benutzt: ein Ort, an dem ich Ideen ausprobiere oder manchmal Witze erzähle. Die erzwungene Kürze von Twitter kann eine gute Disziplin für einen Schriftsteller sein. Und, als eine der zweideutigeren Gaben, bietet Twitter eine virtuelle Gemeinschaft: oft boshaft, aber auch überraschend offen und egalitär. Ich habe an einem einzigen Tag auf Twitter mehr originelle Ideen von Leuten gehört, die ich vorher nicht kannte, als in manchem Monat auf Washingtoner Konferenzen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.11.2022 - Internet

Elon Musk hat bekanntlich Twitter übernommen und nicht nur einige ziemlich problematische Tweets abgesetzt (etwa eine Verschwörungstheorie zum Hammeranschlag auf den Ehemann von Nancy Pelosi), sondern baut den Laden auch um - mit unabsehbaren Konsequenzen. Die Tugendfraktion bei Twitter wandert darum inzwischen zum alternativen Netzwerk Mastodon ab und behauptet, sich in diesem Szenecafé (das hoffentlich noch entwickelt) wohl zu fühlen. Federica Matteoni erklärt in der Berliner Zeitung, warum sie vorerst bei Twitter bleibt: "Soziale Medien waren nie ein von Widersprüchen befreiter 'Safe Space'. Nichts gegen den Wunsch, unter sich zu bleiben. Aber das ist das Gegenteil von freier Debattenkultur, eher der narzisstische Wunsch nach Bestätigung, zu den 'Guten' zu gehören. Und das ist - neben Hetze und Fake News - einer der negativen Entwicklungen der vergangenen Jahren im Social Web."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.10.2022 - Internet

Elon Musk hat Twitter jetzt übernommen, berichtet Spiegel online mit Reuters. Die Sache scheint recht staatsstreichartig abgelaufen zu sein: "In einem ersten Schritt setzte Musk unter anderem laut Washington Post die bisherige Führungsriege vor die Tür. Demnach verloren Chief Executive Parag Agrawal, Chief Financial Officer Ned Segal und Rechtsabteilungsleiter Vijaya Gadde ihre Jobs. Agrawal und Segal waren laut den Meldungen anwesend und wurden nach ihrer Entlassung aus dem Gebäude geführt." Mehr im Guardian.

Musk wendet sich mit einer Erklärung auf Twttter seltsamerweise nicht ans Publikum, sondern an die Werbetreibenden: "Ich habe Twitter erworben, weil es für die Zukunft der Zivilisation wichtig ist, einen gemeinsamen digitalen Marktplatz zu haben, auf dem ein breites Meinungsspektrum in einer gesunden Art und Weise diskutiert werden kann, ohne gewalttätig zu werden. Es besteht zur Zeit die große Gefahr, dass soziale Medien in rechts- und linksextreme Echokammern aufgespalten werden, die mehr Hass erzeugen und unsere Gesellschaft spalten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.10.2022 - Internet

In der SZ kann Michael Moorstedt dem neuen digitalen Büroleben im Metaverse von Mark Zuckerberg, das jetzt auch Office-Programme nutzbar macht, nur wenig abgewinnen: "Man blickt dann also durch die VR-Brille, die nichts anderes ist als zwei direkt vor die Augen montierte Displays, in einen künstlichen Raum, in dem man wiederum auf einen Bildschirm starrt. Viel mehr Entfremdung ist kaum vorstellbar. Noch dazu hat man statt fantastischer Landschaften doch nur wieder ein schnödes Büro vor Augen. Doch nicht genug der Dystopie: Im Inneren der Brille sind fünf Kameras auf das Gesicht des Nutzers gerichtet, um Augenbewegungen und Gesichtszüge auf den Avatar zu übertragen. Bei der Meta-Unternehmensgeschichte ist kaum vorstellbar, dass die so ausgelesenen Daten nicht irgendwann auch vermarktet werden."

Der amerikanische Investor Matthew Ball behauptet dagegen im Interview mit Zeit online, das Metaverse werde ganz anders sein: Er definiert es "als skalierendes und interoperables Netzwerk von in Echtzeit berechneten, virtuellen, dreidimensionalen Welten. Eine praktisch unbegrenzte Zahl von Nutzerinnen und Nutzern kann diese Welten gleichzeitig und dauerhaft erleben. Sie haben dabei ein Gefühl von physischer Präsenz und es findet ein ständiger Datenaustausch statt, beispielsweise hinsichtlich Identität, Geschichte, Gütern, Kommunikation und Zahlungen. Einfacher gesagt: Es handelt sich um ein synchrones, dreidimensionales Echtzeitinternet." Vorher müsste man allerdings die Tech-Giganten regulieren, denn "eine Entflechtung von Diensten würde der Innovation einen Schub geben".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.09.2022 - Internet

Russlands Präsident Wladimir Putin hat dem ehemaligen US-Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden am 26. September 2022 die russische Staatsbürgerschaft verliehen, meldet unter anderem golem.de mit Reuters. "Spekulationen, wonach der 39-Jährige nun in die russische Armee eingezogen werden könne, wies dessen Anwalt Anatoli Kutscherena zurück. Snowden könne nicht rekrutiert werden, weil er bislang noch nicht in der russischen Armee gedient habe, sagte Kutscherena laut Medienberichten der russischen Nachrichtenagentur Ria Novosti."