9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.10.2024 - Kulturpolitik

Die Öffentlich-Rechtlichen Sender müssen sparen und was fällt ihnen ein? 3sat quasi zu streichen: "Das liegt im Trend", ärgert sich Jürgen Kaube in der FAZ. "In fast allen Sendern werden die Programme für Literatur, ernste Musik und Theater zurückgefahren. Von Kai Gniffke, dem ARD-Vorsitzenden, heißt es, er könne sich vorstellen, dass jedes Buch, das im Reich der ARD rezensiert wird, von Flensburg bis Konstanz nur noch ein einziges Mal rezensiert werden wird. Auf die Idee, die Pop- und Volksmusik-Songs, die im selben Gebiet erklingen, nur noch von einem der Kanäle abspielen zu lassen, ist hingegen noch keiner der Intendanten gekommen." Vielleicht, ätzt Kaube, sollte man "die Worte 'Bildung' und 'Aufklärung' nicht nur als Phrasen vor sich hertragen, die man braucht, wenn mal wieder jemand am Sinn der Rundfunkbeiträge zweifelt".

Auch Merlin-Verlegerin Katharina E. Meyer sieht "das kulturelle Selbstverständnis hierzulande kränkeln" und beklagt in der FAZ dass es kaum eine Förderung für die Verlagslandschaft gebe, deren Diversität sie bedroht sieht. Woanders sieht es besser aus: "Während wiederholt zu hören war, dass die Mittel für eine strukturelle Förderung beim besten Willen nicht verfügbar seien, erreichte ein anderer Bereich der Kreativwirtschaft, die Games-Industrie, für die Jahre bis 2026 einen Förderzuwachs von 100 Millionen Euro. Was sagt das aus über das kulturelle Selbstverständnis in Deutschland?"

Dass die Politik es nicht geschafft hat, sich bis zum ersten Jahrestag des 7. Oktober auf eine Antisemitismusklausel für die staatliche Kulturförderung zu einigen, ist ein Armutszeugnis, sie "scheitert an der nämlichen Aufgabe, der nicht gerecht zu werden sie den Kulturinstitutionen vorgeworfen hat", kritisiert in der Zeit Ijoma Mangold.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.09.2024 - Kulturpolitik

In Berlin soll der Kulturetat um 10 Prozent gekürzt werden. Die Regisseure Barrie Kosky, ehemals Komische Oper, und Thomas Ostermeier, Schaubühne, äußern im Gespräch mit Peter Laudenbach von der SZ wie zu erwarten ihr Entsetzen. Glaubt man Ostermeier, wäre die Schaubühne künftig nur mehr in der Lage, sich selbst zu verwalten: "Jede Berliner Bühne auf diesem Niveau hat einen großen Stamm an Festangestellten und fixe Kosten. Das sind etwa 90 Prozent des Etats. Mit den restlichen zehn Prozent werden Bühnenbilder gebaut, Regisseurinnen, Regisseure und Gäste für neue Produktionen engagiert. Nimmt man uns diese zehn Prozent, können die Berliner Theater und Opern nicht mehr produzieren, und zwar ab dem 1. Januar 2025", sagt Ostermeier, als wären 90 Prozent Fixkosten ein Naturgesetz. Im Tagesspiegel berichtet Frederik Hanssen über Proteste gegen die geplanten Kürzungen im Berliner Kulturbetrieb.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.09.2024 - Kulturpolitik

Im nächsten Berliner Haushalt soll massiv gespart werden, vor allem in der Kultur, konstatiert Peter Laudenbach in der SZ. "Muss Berlin in der Kultur sparen, das mit seiner Strahlkraft als Hauptstadt international stellvertretend für die Bundesrepublik wahrgenommen wird, braucht der Kultursenator keine panischen Ad-hoc-Schläge, sondern eine langfristige Strategie und den Mut, Prioritäten zu setzen. (...) Aber auch die Kultureinrichtungen haben eine Bringschuld. Die immer noch sehr stattlichen Zuwendungen sind keine Selbstverständlichkeit. Sie müssen legitimiert werden, zum Beispiel durch Erfolg beim Publikum. Schlecht geführte und leer gespielte Theater braucht niemand."
Stichwörter: Kulturetat, Berliner Theater

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.09.2024 - Kulturpolitik

In der NZZ porträtiert Luzi Bernet Alessandro Giuli, ehemaliger Journalist und zuletzt Präsident des nationalen Museums für zeitgenössische Kunst in Rom, der nun von Giorgia Meloni eilig zum neuen Kulturminister berufen wurde: "Wie Meloni ist auch Giuli in der postfaschistischen Jugendbewegung groß geworden. Er scheint allerdings etwas länger gebraucht zu haben als die heutige Regierungschefin, bis er zur politischen Mäßigung gefunden hat. Er beteiligte sich an neofaschistischen und neonazistischen Aktivitäten in der Hauptstadt, und als Student der Literatur und Philosophie an der Römer Universität La Sapienza schloß er sich der rechtsextremen Bewegung Meridiano Zero an. Heute distanziert er sich von den faschistischen Rückständen in Italiens Politik. Giuli, der als Studienabbrecher schließlich den Weg in den Journalismus fand, gehört keiner Partei an. Den Aufstieg der souveränistischen Rechten hat er einmal als 'anaphylaktischen Schock' bezeichnet und als 'einen gesunden Bruch der alten Schemata'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.09.2024 - Kulturpolitik

Matthias Rüb stellt in der FAZ den neuen italienischen Kulturminister Alessandro Giuli vor, nachdem dessen Vorgänger Gennaro Sangiuliano wegen einer Affäre gehen musste. "'Kultur' ist von zentraler Bedeutung für die erste Frau im höchsten Regierungsamt Italiens", betont Rüb. Allerdings agiert Giorgia Meloni auch hier geschickt: "Unter Sangiuliano begann ein Austausch der Spitzenposten im Kulturbetrieb, die schrillen Warnungen vor einer Art nationalistischen Säuberungswelle bewahrheiteten sich aber nicht. Viel spricht dafür, dass Giuli diese Linie eines graduellen Richtungswechsels fortsetzen wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.09.2024 - Kulturpolitik

In zehn Tagen wählt Österreich. Es droht ein FPÖ-Kanzler Herbert Kickl. Gegenüber dieser Perspektive bleibt die so wichtige Kulturszene des Landes merkwürdig stumm, konstatiert Hannes Hintermeier in der FAZ. Nur Elfriede Jelinek und Milo Rau und einige andere haben einen offenen Brief publiziert, den Hintermeier so resümiert: "Das auf kulturelle und ethnische Homogenität setzende Wahlprogramm der FPÖ lasse die AfD konservativ wirken. Die Gleichgültigkeit, mit der die Kunst- und Kulturszene dazu schweige, sei 'beunruhigend'." Hintermeier stimmt zu: "Es hat sich eine Schicksalsergebenheit breitgemacht, so als würde man ohnehin nichts gegen die rechten Umtriebe machen können. Die Stimmung unterscheidet sich deutlich von (west-)deutschen Gefühlslagen, die AfD betreffend. Anders als diese ist die FPÖ seit Jahrzehnten in der österreichischen Politik etabliert, man ist daran gewöhnt, eine in Teilen rechtsextreme Partei als salonfähig zu betrachten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.09.2024 - Kulturpolitik

Am Donnerstag wurde der Berliner Kultursenator Joe Chialo bei einer Veranstaltung von "propalästinensischen" Aktivisten angegriffen, die gegen die Schließung des Kulturzentrums Oyoun (unsere Resümees) protestierten, schreibt Peter Laudenbach in der SZ. Dieses sollte keine Fördergelder mehr erhalten, weil dort mutmaßlich antisemitische Veranstaltungen stattgefunden haben. "Nebenbei ist die Eskalation der kleinen Demo eine interessante Variante kulturpolitischer Forderungen: Entweder wir bekommen Staatsknete, am besten auf alle Ewigkeit, oder wir randalieren. Erwarten die Oyoun-Fans im Ernst, dass sich die Kulturverwaltung erpressen lässt und Gewaltakte mit Subventionszusagen honoriert? Darauf muss man allerdings auch erst einmal kommen: Verdrehte Linksradikale, die bei jeder Gelegenheit ihre Verachtung für die Bundesrepublik demonstrieren, zuletzt in atemberaubender Rhetorik bei ihrem Berliner 'Palästina-Kongress', sind schwer beleidigt, wenn eine Kulturverwaltung ihnen nicht länger Räumlichkeiten zur Verfügung stellt und Gehälter bezahlen will."
Stichwörter: Oyoun, Chialo, Joe

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.09.2024 - Kulturpolitik

Jörg Häntzschel (SZ) ärgert sich: Zwar steigt Claudia Roths Kulturetat im kommenden Jahr, gespart wird aber an den freien Künstlern beziehungsweise Bundeskulturfonds. Wo also geht das Geld hin? "Was nicht von der Inflation aufgefressen wird, geht an die Megatanker der deutschen Kultur: an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), die Filmförderung und an die Deutsche Welle, die ebenfalls in Roths Verantwortung liegt. Genau hier liegt das Ärgernis der Kürzungen: Roth macht die Großen größer und die Kleinen kleiner. Und sie greift bei den Schwächsten zu, weil es dort am einfachsten ist: bei den Freien, die keine Verträge auf Lebenszeit, keine Tarifabsicherung, keine politische Lobby haben. Es rächt sich nun, dass man staatsnahe Großbehörden wie die SPK in den fetten Jahren unkontrolliert wuchern ließ. Nun muss man ihre aufgeblähten Strukturen unterhalten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.09.2024 - Kulturpolitik

In der FAZ berichtet Jan Brachmann von den Protesten aus der Freien Szene gegen die im Entwurf für den Bundeshaushalt 2025 beschlossenen Budgetkürzungen. Selbst Claudia Roth soll entsetzt sein, so Brachmann: "Nun möchte man aber gern wissen, wo die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien (BKM) bei diesem Beschluss war. Gab sie sich mit dem angekündigten Aufwuchs ihres eigenen Etats um fünfzig Millionen auf 2,2 Milliarden Euro zufrieden, ohne zu fragen, wo das viele Geld künftig hinfließe? Jedenfalls werden dem Kunstfonds, dem Literaturfonds, dem Übersetzerfonds (…), dem Fonds Darstellende Künste, dem Fonds Soziokultur und dem Musikfonds Einbußen von dreißig bis fünfzig Prozent in den Zuwendungen der BKM zugemutet. Das Bündnis internationaler Produktionshäuser, das die sieben größten Zentren für die freien darstellenden Künste in Deutschland vereint, soll laut dem Kabinettsbeschluss gar keine Förderung mehr bekommen. Alle bereits verabredeten Theaterinszenierungen und Qualifikationsmaßnahmen für Freiberufler müssen damit abgesagt werden. Das Erschrecken über die Konsequenzen der Politik für die Wirklichkeit habe die BKM jetzt gepackt. Der Einstellungsstopp der Förderung gilt inzwischen als Irrtum und werde überdacht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.09.2024 - Kulturpolitik

Die 37. Jüdischen Kulturtage in Berlin finden dieses Jahr natürlich unter dem Eindruck des 7. Oktobers statt, erfährt Patrick Wildermann (Tagesspiegel) vom Festivalleiter Avi Toubiana. Dabei bleibt auch das Festival nicht verschont von Anfeindungen. "Dem Festivalleiter ist im Gespräch immer wieder die Wut darüber anzumerken, wie einseitig viele auf den Krieg in Gaza schauen. Wie die Islamofaschisten von der Hamas als Befreiungskämpfer glorifiziert werden, wie Appelle an Israels Armee ergehen, aber keine an die Terroristen und Geiselnehmer. Es sind in diesem Jahr auch Sponsoren des Festivals abgesprungen, 'manche wollen mit ihrem Geld lieber die Familien der Opfer unterstützen, andere möchten nicht politisch ins Visier geraten'. Er verstehe das auch, betont Toubiana, so wehe der Zeitgeist eben - auch nur entfernt mit Israel in Verbindung gebracht zu werden, sei nicht en vogue."

Die Kulturinstitutionen sind nach den Landtagswahlen in Sachsen und Thüringen erleichtert, dass es nicht "noch schlimmer" gekommen sei, schreibt Michael Bartsch in der nachtkritik. Dass die AfD jetzt aber nicht aufhören wird, die Unabhängigkeit von den verschiedenen Institutionen in Frage zu stellen, sei allen bewusst. "Die Landeskulturverbände wollten sich schon vor der Wahl durch Kenntnis- und Kompetenzerwerb auf die erwartete Zunahme von Attacken vorbereiten. 'Wir wissen jetzt, woran wir sind', sagt der besonders bei Nachwuchsorchestern beliebte Dirigent und Präsident des Sächsischen Musikrates Prof. Milko Kersten. Für sich und andere konstatiert er 'ein Defizit im Umgang mit geschulter populistischer Rhetorik'. Die nun einmal gewählten AfD-Vertreter will er aber aus ihrer Verantwortung nicht entlassen. Er habe den festen Willen, 'in allen Gremien zu den Sachthemen Stellungnahmen abzufordern'. Denn die bisherige Erfahrung zeige, dass AfD-Angehörige durch Enthaltung oder Nein-Stimmen auffielen, 'äußerst selten aber durch konstruktive Vorschläge'."