9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.11.2023 - Medien

Bülent Mumay beschreibt in seiner FAZ-Kolumne die immer strengeren Zensurgesetze in der Türkei. Missliebige Meldungen über die Regierung müssen von den Medien selbst gesperrt werden. Das geht in der Praxis so: "Ein enger Freund des Erdogan-Sohns Bilal Erdogan erhielt den Zuschlag für eine milliardenschwere staatliche Ausschreibung. Zunächst kam die Anordnung, den Zugang zu dem Bericht darüber zu sperren, also wurde er gelöscht. Dann wurde die Meldung über die Sperrung des Berichts gesperrt. Anschließend wurde die Nachricht über die Sperrung der Meldung über die Sperrung des Berichts gesperrt. Nicht genug damit, auch die Sperrung der Sperrung der Sperrung der Sperrung des Berichts wurde angeordnet."

In der NZZ wägt Birgit Schmid ab, ob Bilder, wie jene des Massakers der Hamas, gezeigt werden sollten: "Bilder erleichtern das Erinnern. Der Schrecken darf nie nachlassen. Sie funktionieren als Mahnmal", meint sie, kommt aber zu dem Schluss: "Es geht nicht nur darum, was derjenige fühlt, der sie sich anschaut. Sondern auch um die Würde der Menschen, die auf den Bildern zu sehen sind. Denn die Gewalt wird durch Bilder reproduziert. Das Betrachten ist ein gewaltsamer Akt. Jemandem wurde Leid zugefügt, um die Tat und das Leid als Bild einzusetzen. Die Opfer wurden durch ihre Mörder entmenschlicht. Sie verloren ihr Menschsein in Situationen, in denen sie vollkommen ausgeliefert waren. Sie wurden in ihrer Todesangst fotografiert, ihrem Sterben. Macht man sich nicht sogar zum Komplizen, wenn man sich die Dokumente dieser Erniedrigung anschaut? Weil das nicht das Letzte sein soll, was von einem Menschen in Erinnerung bleibt, verbreiten Israeli in den sozialen Netzwerken gezielt Bilder der getöteten oder entführten Menschen, die sie in ihrem Alltag vor dem Massaker zeigen."
Stichwörter: Türkei, Hamas, Mumay, Bülent

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.11.2023 - Medien

Gleich nach dem Massaker in Israel rechtfertigte al-Jazeera den Terror der Hamas. In der NZZ ist Lucien Scherrer wenig überrascht: "Die mangelnde journalistische Distanz zur Hamas ist kein Zufall. Der Staat Katar, der al-Jazeera finanziert, gehört zu den wichtigsten Förderern der Muslimbruderschaft und ihres Ablegers, der Hamas. Ein Teil der Elite dieser islamistischen Großfamilie lebt, ziemlich luxuriös, in Katar. Ihr kürzlich verstorbenes geistliches Oberhaupt, Jusuf al-Karadawi, war ebenfalls Exil-Katarer - und er gehörte nicht nur zu den ersten Mitarbeitern, sondern auch zu den größten Stars von al-Jazeera. 1996 erhielt Karadawi dort seine eigene Sendung: 'Die Scharia und das Leben'. Mit seinen Botschaften erreichte der 'globale Mufti' Millionen Muslime auf der ganzen Welt. Als Unterstützer der Hamas befürwortete Karadawi den heiligen Krieg gegen Israel, und Juden hatten seiner Meinung nach keine Existenzberechtigung, genauso wenig wie Homosexuelle und Glaubensabfällige."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.10.2023 - Medien

In seiner Kolumne in der Berliner Zeitung hatte der Journalist Thilo Mischke geschrieben, Antisemitismus in Deutschland sei "kein muslimisches Problem", sondern ein Problem "der meisten Deutschen", er spielte dabei auf antisemitische Vorfälle während der Corona-Proteste an. Der Shitstorm folgte, auch der Linken-Politiker und Ex-Stasi-IM Dieter Dehm, der zuletzt vor allem durch die Verbreitung von Verschwörungstheorien auffiel, echauffierte sich und wendete sich per Leserbrief direkt an den Verleger der Berliner Zeitung, Holger Friedrich, und forderte diesen auf "ein wahrnehmbares Zeichen der Einsicht" zu setzen - Friedrich bedankte sich, bezeichnete die Kolumne als "Unfall", in der Berliner Zeitung ist die Kolumne von nun an mit einem Disclaimer versehen. Im Tagesspiegel ist Julius Geiler entsetzt: "Ein einzigartiger Vorgang, vor allem auch deshalb, weil in der deutschen Medienlandschaft Verlag und Redaktion traditionell getrennt voneinander agieren. Davon abgesehen, dass Friedrich seinen eigenen Kolumnisten nicht in Schutz nimmt, stellt sich die Frage, inwiefern Friedrich sich in seiner Antwort an Dehm mit der Redaktion abgestimmt hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.10.2023 - Medien

Die heutige Ausgabe der taz wirkt etwas, äh, antizyklisch. Sie ist mit "Total utopisch" betitelt und lässt auf vielen Seiten offenbar junge Leute (naja, zumindest unter vierzig) zu Wort kommen. Themen sind etwa: "Das gesellschaftliche Bild von Männlichkeit ist veraltet und schadet allen Geschlechtern. Was Männer tun können, um sich davon zu emanzipieren" (hier) oder "Der Nollendorfkiez richtet sich heute primär an ein schwules Publikum. Wie aber wäre es, wenn sich hier vor allem trans* Personen Freiräume aufbauen könnten?" (Hier) Die taz-Volontärin Alexandra Hilpert schreibt im Editorial: "Wir sind jung. Und wir haben Angst. Meine Generation steht vor einer Klimakrise, unsere Lebensgrundlagen verschwinden, Hass, Kriege und Rechtsruck bedrohen unser Zusammenleben. Die Generationen vor uns, das seid unter anderem ihr Gen Xler und Boomer, haben mit ihrem Hunger nach Wachstum unsere Welt zerstört."

Die Organisation "Fridays for Future" wartet auf Instagram mal wieder mit krass antisemitischen Kacheln auf, berichtet die Jüdische Allgemeine. Die Posts sichten sich insbesondere gegen die Medien: "Auch der Vorwurf des Antisemitismus werde von den Medien gezielt eingesetzt, um Stimmung gegen die Palästinenser zu machen, behauptet FFF. Ausdrücke wie 'islamischer Antisemitismus' oder 'importierter Antisemitismus' seien in den westlichen Medien Chiffren, um die Palästinenser zu 'entmenschlichen', und der Nahostkonflikt sei in Wahrheit gar so nicht kompliziert wie alle behaupteten."


Während Greta Thunberg in einem Post ihre Palästina-Solidarität bekannte, hat sich Luisa Neubauer, das deutsche Gesicht von "Fridays for Future", von antisemitischen Posts ihrer Mitkämpfer distanziert, aber Josef Schuster vom Zentralrat der Juden fordert Neubauer laut Bild und Jüdischer Allgemeiner (hier) auf, weiter zu gehen und sich überhaupt von der Organisation zu lösen: "Wenn Neubauer ihre Worte von der Solidaritätskundgebung am Brandenburger Tor am Sonntag ernst meine, wo sie sich über den weltweiten Antisemitismus entsetzt gezeigt und die besondere Verantwortung Deutschlands für Israel betont habe, müsse sie sich von dieser Organisation lossagen. 'Von Fridays for Future International erwartet man nichts anderes mehr, als krude Geschichtsverdrehung, Dämonisierung Israels und nun auch noch Verschwörungsideologie", sagte Schuster. Das gelte mittlerweile auch für Greta Thunberg."

Im nicht utopischen Teil der taz berichtet Elisa Pfleger und erläutert: "Als Graswurzelbewegung hat Fridays for Future keine transparente Organisationsstruktur, weder international noch national. Es gibt dementsprechend kein durch die Basis gewähltes Team für Öffentlichkeitsarbeit oder Sprecher*innen, die man für den Post zur Rechenschaft ziehen kann." In der FAZ kann es Michael Hanfeld kaum fassen: "Wüsste man es nicht besser und hätte man die vorangegangenen Stellungnahmen von Greta Thunberg und ihren Jüngern nicht verfolgt, würde man es nicht für möglich halten, dass Fridays for Future ein derart krudes Pamphlet auflegt. Es ist die gegenwärtige, linke, antikoloniale Primitiv-Version des Mythos von der 'jüdischen Finanzherrschaft', verfasst im Stürmer-Stil."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.10.2023 - Medien

Vor einigen Tagen behauptete die Hamas, Israel habe ein Krankenhaus in Gaza beschossen, und es habe 500 Tote gegeben. Viele Medien übernehmen die Behauptung mehr oder weniger ungeprüft und korrigierten sie nur zögerlich, obwohl schnell Zweifel laut wurden. Die New York Times brachte gestern eine Art Entschuldigung: "In Anbetracht der heiklen Natur der Nachricht in einem sich ausweitenden Konflikt und der großen Reichweite, die sie erhielt, hätten die Times-Redakteure bei der anfänglichen Präsentation mehr Sorgfalt walten lassen und deutlicher darauf hinweisen sollen, welche Informationen überprüft werden konnten." Von der "Tagesschau" und anderen deutschen Medien sind bislang keine selbstkritischen Reflexionen überliefert. (Nachtrag: das stimmt nicht ganz, der dlf hat seinen Fehler deutlich benannt.)
Stichwörter: New York Times, Hamas, Tagesschau

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.10.2023 - Medien

Propaganda ist in diesem Krieg alles, meint Raphael Geiger in der SZ. Niemand weiß beispielsweise genau, wessen Rakete für die Zerstörung des Ahli-Arab-Krankenhauses im Gaza verantwortlich war. Das hinderte viele Medien nicht daran, die Verantwortung umgehend Israel zuzuschieben. "Selbst die New York Times schrieb sofort von einem israelischen Luftangriff. Eine andere Möglichkeit kam den Kolleginnen und Kollegen offenbar nicht in den Sinn. Besonders sicher war sich noch am selben Abend das Presseamt der türkischen Regierung, eine Behörde, die sich dem Kampf gegen Desinformation verschrieben hat. Oder eben allem, was sie dafür hält. 'Die Behauptung', ließ das Amt wissen, wonach es auch eine Rakete des Islamischen Dschihad gewesen sein könnte, sei 'falsch'. Als bald die Indizien genau dafür sprachen, für die Täterschaft des Islamischen Dschihad, schwiegen sie in Ankara. Was den türkischen Staatssender TRT nicht davon abhielt, noch am Mittwoch stundenlang die beiden Wörter einzublenden: israelischer Luftangriff." Alles egal? Wohl kaum, meint Geiger, denn solche Fragen entscheiden möglicherweise über Krieg und Frieden.
Stichwörter: Desinformation

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.10.2023 - Medien

Nach dem "genozidalen Massaker" der Hamas ist in den Medien Parteilichkeit geboten, meint Kim Robin Stoller vom Internationalen Institut für Bildung-, Sozial- und Antisemitismusforschung im taz-Gespräch: "Medien sollten vermitteln, dass es sich bei der Hamas um eine vernichtungsantisemitische Terrororganisation handelt. Eine solche Terrororganisation wird ihre Taten weiter umsetzen, wenn sie nicht gestoppt wird. Diese Dimension sollte in der Berichterstattung deutlich werden. (…) Medien in Deutschland sollten bedenken: Ihre Berichterstattung hat massive Auswirkungen auf Jüdinnen und Juden in Deutschland. Eine empathische Berichterstattung gegenüber Israel und den israelischen Opfern sollte ein Gebot sein."
Stichwörter: Hamas, Juden in Deutschland

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.10.2023 - Medien

Im Tagesspiegel-Gespräch mit Claudia Reinhard hält die Medienethikerin Claudia Paganini es nicht für nötig, die brutalen Bilder aus Israel zu zeigen: "Dazu kommt ja noch der wichtige Punkt, dass die dargestellten Menschen, ob lebendig oder tot, nach wie vor Persönlichkeitsrechte haben. Niemand hat die Opfer gefragt, ob sie so dargestellt werden wollen. Ob sie in einer derart entwürdigenden Form millionenfach zur Schau gestellt werden wollen. Das kann man nicht einfach rechtfertigen, indem man sich auf einen Nutzen beruft, der aus einer wissenschaftlichen Perspektive letztlich sehr unklar ist. Das halte ich für extrem problematisch." Hoffentlich liest die Hamas das.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.10.2023 - Medien

Fabian Heckenberger und Hannes Vollmuth porträtieren in der SZ den Medienmanager Mark Thompson, der ab Montag den arg lädierten Nachrichtensnder CNN sanieren soll, der in den letzten Jahren nur noch durch einst lukrative Trump-Fixierung und interne Skandale auf sich aufmerksam machte. Von Thompson wird erwartet, dass er CNN ins Streaming-Zeitalter bugsiert. Vorher sanierte er die New York Times und gilt als Erfinder des Abomodells, mit dem die Zeitung vor allem durch Dumping-Preise die internatioale Konkurrenz schädigt. Übrigens werden noch andere Erneuerungen mit ihm assoziiert: "Die folgenden Jahre bei der New York Times sind heute Mediengeschichte: Umbau der in die Jahre gekommenen 'old gray lady', in eine sehr digitale Medien-Lifestyle-Marke, die inzwischen teilweise häufiger mit Rezepten, Produkttests und Rätseln assoziiert wird als mit Investigativ-Recherchen."

Einen kleinen Moment der Wahrheit hat FAZ-Redakteur Simon Strauss in Markus Lanz' Talkshow erlebt. Er hatte den Autor Dirk Oschmann zu Gast, der bekanntlich die Lage der Ostdeutschen beklagt und der in seinem Buch dem ehemaligen Bundespräsidenten Gauck vorwirft, er habe das Wort "Dunkeldeutschland" für die neuen Länder geprägt. Nur hatte Gauck dieses Wort keineswegs so verstanden, sondern damit eine drohende gesamtdeutsche Ausländerfeindlichkeit ansprechen wollen, wies Lanz nach. "Das Wort Ostdeutschland fällt in diesem Zusammenhang nicht. Aber im öffentlichen Raum sei das doch dann auf den Osten bezogen worden, versucht Oschmann noch eine halbherzige Verteidigung. Aber die lässt Lanz ihm nicht durchgehen: 'Entschuldigen Sie, aber er hat das Wort nicht auf den Osten bezogen. Es bezieht sich auf ganz Deutschland.' Und dann tut der Professor das, was ihm am besten zu Gesicht steht. Er akzeptiert den gelungenen Treffer und flüchtet sich nicht mehr in aussichtslose Paraden. Er nickt und schweigt und gesteht damit die fälschliche Unterstellung zu." Hier ab Minute 33.30.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.10.2023 - Medien

Insgesamt neun Sendungen werden im RBB von überwiegend christlichen Religionsgemeinschaften verwaltet, dagegen protestiert nun der Redaktionsausschuss des Senders, berichtet Leonardo Kahn in der SZ: "Es sei 'nicht nachvollziehbar, warum die Kirchen nach wie vor selber im RBB Programm machen dürfen', schreibt der Redaktionsausschuss. Seine Forderung: 'Entweder bekommen auch andere gesellschaftliche Gruppen die Möglichkeit, Programm zu machen - oder alle sind gleichermaßen Gegenstand journalistischer Berichterstattung.' (…) Dass die Kirchen Sendezeit beanspruchen können, ist historisch bedingt: Die sogenannten Drittsenderechte wurden ihnen 1948 zugeteilt, weil die Kirchen als wichtige Kraft für den Aufbau der Bundesrepublik galten. Rechtlich gesehen steht sogar jeder Religionsgemeinschaft Sendezeit im Rundfunk zu. Die jüdische Gemeinschaft gestaltet freitags auf RBB Kultur abwechselnd 'Schalom' und 'Das Wort zum Schabbat'. Sendungen von muslimischen Gemeinschaften gibt es keine, weil die Glaubensgemeinschaften in Deutschland nicht als Körperschaft eingetragen sind."
Stichwörter: RBB, Kirche