9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

820 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 82

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.12.2025 - Religion

"In den vergangenen 20 Jahren sind die christlichen Kirchen in den Vereinigten Staaten zusammengebrochen", schreibt Hannes Stein in der Welt: "Die Zahl der Amerikaner, die sich selbst Christen nennen, ist auf 63 Prozent der Bevölkerung geschrumpft." Allerdings seien die verbliebenen Christen radikaler geworden: "Am extremsten ist jene Bewegung, die sich 'neuapostolische Reformation' nennt. Ihre Anhänger glauben wie die Pfingstler, sie seien vom Heiligen Geist getauft worden; die Demokratische Partei halten sie buchstäblich für dämonisch. Die Trennung von Kirche und Staat sei verwerflich, Amerika müsse von bibeltreuen Christen beherrscht werden. Wir haben es hier keineswegs mit einer Randerscheinung zu tun. Zu den Anhängern der 'neuapostolischen Reformation' gehören Kongressabgeordnete."

Zugleich "konvertieren mehr und mehr aus der rechtsintellektuellen oder auch der evangelikalen Szene zum Katholizismus", sagt im Zeit-Online-Gespräch der Jesuit und Theologe Klaus Mertes, der von "autoritären Katholiken oder völkisch-nationalen" Katholiken spricht: "Sie sind nicht konservativ, sondern disruptiv unterwegs. Wichtig ist dabei immer die apokalyptische Aufladung", erklärt er: "Ich zitiere den Milliardär und Trump-Unterstützer Peter Thiel: Er kommt immer wieder auf Harmagedon zurück, den Ort der endzeitlichen Entscheidungsschlacht, die er mit der atomaren Katastrophe gleichsetzt, mit der Möglichkeit der Menschheit, sich zu vernichten. Aus Angst vor dieser finalen Katastrophe suchen die Menschen nach Rettungsfiguren. Peter Thiels Konstrukt ist: Die UN oder die EU nutzen die Angst vor einer möglichen Katastrophe, um sich als Retter anzubieten und uns so in ihre Abhängigkeit zu bringen."

Auch wenn sich Europa längst als säkular definiert, bleibt es für den politischen Islam "ontologisch christlich", schreibt Kacem El Ghazzali in der NZZ. Dabei werden uralte Bilder reaktiviert: "Das Christentum und der Westen sind das 'Andere', das es zu bekämpfen gilt. Das Narrativ gleicht dabei einer simplen, aber wirkmächtigen Verschwörungstheorie: Der westliche 'Kreuzfahrer' versuche, die Muslime von ihrer Religion wegzuführen. Seine Methoden seien dabei perfide - er nutze Menschenrechte, Frauenemanzipation und Säkularität als Waffen der Zersetzung. (…) Dabei unterliegt Europa einem fatalen Missverständnis: Es glaubt, wenn die Islamisten 'Kreuzfahrer!' rufen, sei dies nur eine rhetorische Floskel. Das Gegenteil ist der Fall. In der Wahrnehmung der Islamisten ist der Begriff die Markierung einer unaufgelösten historischen Feindschaft. Strategisch gesehen ist das moderne 'Rom' zwar kein furchterregender Ritter mehr, sondern jenes orientierungslose Vakuum, vor dem Nietzsche warnte. Doch genau dieses Vakuum wird nicht ignoriert, sondern als Einladung verstanden, den uralten Kampf wieder aufzunehmen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.12.2025 - Religion

Religiosität geht überall in der westlichen Welt zurück, erzählt der  Religionssoziologe Detlef Pollack im Gespräch mit Arnfrid Schenk und Ulrich Schnabel von der Zeit. Auch für einige muslimische Länder beobachtet er das - etwa den Iran. Und auch Trump sollte sich nicht allzu große Hoffnungen machen: "Die Evangelikalen haben in den USA seit den 1970er-Jahren starken Zulauf, der Höhepunkt war um 2010, ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung ist damals auf 30 Prozent angewachsen. Aber: Die politische Aufladung der Religion, der Aufschwung der religiösen Rechten, die Allianz von evangelikalen Christen und Republikanern stoßen vor allem politisch moderat eingestellte Menschen ab. Und viele geben ihre - sowieso schon schwache - religiöse Bindung ganz auf. Insgesamt steigt daher der Anteil der Konfessionslosen in den USA."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.12.2025 - Religion

Es scheint eine neue Mode zu sein, Referenten ein- und dann unter "breiter medialer Anteilnahme" wieder auszuladen, konstatiert die Philosophin Olivia Mitscherlich-Schönherr in der FR. Der neuste Fall betrifft die Ausladung des katholischen Philosophen Sebastian Ostritsch von einem Vortrag an der Jesuitischen Hochschule für Philosophie in München. Wegen seiner rechtskonservativen Positionen, zum Beispiel zum Schwangerschaftsabbruch, lud ihn die Hochschule im Endeffekt wieder aus. Aber das "Sich-Verriegeln in Echokammern" ist nicht nur für die Philosophie, sondern auch für die Demokratie gefährlich, meint die Autorin: "Lange wurde eine Re-Politisierung der Debattenkultur gefordert. Das Gebot der heutigen Stunde heißt: Re-Philosophisieren. Rückkehr in die philosophische Diskussion meint keine Appeasement-Politik - nach dem Motto: was Sebastian Ostritsch über Migranten sagt, ist gar nicht so problematisch; oder umgekehrt: die Ausladung war doch auch zu Sebastian Ostritschs Besten, zum Schutz seiner Sicherheit. Gemeint ist auch kein Relativismus, à la 'Nun habt euch nicht so, es darf doch wohl noch jeder seine Meinung sagen'. Gemeint ist vielmehr: den philosophischen Disput gerade mit Personen zu suchen, deren Position man für hochproblematisch hält - um sie und sich selbst unter den Maßstab der Wahrheit zu zwingen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.12.2025 - Religion

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Mathias Greffrath, eigentlich ein Altlinker, wie er im Buche steht, muss in seiner taz-Kolumne zugeben, dass er einen Gottesbeweis gefunden hat - und zwar in einem Buch des Kulturministers Wolfram Weimer mit dem Titel "Sehnsucht nach Gott" - erschienen im Bonifatius Verlag in Paderborn: "So lautet der Weimersche Gottesbeweis, ein Gläubiger sei ein 'glaubwürdigerer Zeuge' der Gegenwart Gottes als ein Atheist. 'Denn ersterer bezeugt etwas Manifestes. Letzterer behauptet etwas über jemanden, dessen Existenz er abstreitet. Das Sehen des Zeugen wiegt doch eigentlich schwerer als das Nicht-Sehen der Gegen-Zeugen.' Das letzte Mal habe ich so was von zwei jungen Herren in schwarzen Anzügen gehört, die alle Jahre wieder an meiner Haustür klingeln."
Stichwörter: Gottesbeweis, Weimer, Wolfram

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.11.2025 - Religion

Der neue Papst (wie hieß er noch) enthält sich zwar einseitiger Stellungnahmen zugunsten der Palästinenser, wie es sein Vorgänger vorzog, aber auch Leos Äußerungen zum Thema Antisemitismus in seiner aktuellen Form sind bisher äußerst dürr, ist Thomas Jansen im Leitartikel der FAZ aufgefallen. Passen will das nicht "zu den Wortgirlanden, die Bischöfe und Theologen für das christlich-jüdische Verhältnis in ihren Sonntagsreden flechten. Von den Juden als 'älteren Brüdern' oder 'Vätern im Glauben' ist da die Rede. Wer sich jedoch theologisch selbst zum nächsten Verwandten der Juden erklärt, sich dann aber wie ein unbeteiligter Passant verhält, sobald der Staat Israel ins Spiel kommt, hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Diese Diskrepanz ist die Folge des bis heute ungeklärten theologischen Verhältnisses der Kirche zum Staat Israel. Diplomatisch hat der Vatikan ihn erst 1993 anerkannt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.10.2025 - Religion

Ein Berliner Gymnasium hat seinen Schülern sichtbare Religionsausübung verboten - dagegen klagt die NGO "Gesellschaft für Freiheitsrechte", berichtet Stefan Laurin bei hpd.de: "Nach Ansicht der GFF richtet sich die 'allgemein formulierte Regelung in der Schulordnung (...) de facto gegen muslimische Schüler, denen das islamische Gebet auf dem Schulgelände untersagt wird.'" Laut Berliner Schulverwaltung komme ein solches Verbot nur in Betracht, "wenn durch solche Gebete der Schulfrieden gestört oder der Schulbetrieb beeinträchtigt werde. Doch dieser Eindruck könnte entstehen, wenn Islamisten das Gebet nutzen, um symbolisch Schulen für sich einzunehmen und vor allem muslimische Kinder unter Druck zu setzen, sich zu beteiligen. Die GFF sieht darin kein Problem, denn der Schule stünden ja pädagogische Mittel sowie Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen nach dem Schulgesetz zur Verfügung, um Konflikten und Störungen entgegenzutreten." Die "Gesellschaft für Freiheitsrechte" wurde von Ulf Buermeyer , bekannt durch das Podcast "Lage der Nation" mitbegründet, der die Gesellschaft zum zehnten Jubiläum verlassen hat. Generalsekretär ist der Grünen-Poltiker Malte Spitz, der jüngst bei heise.de zur Arbeit der NGO interviewt wurde.

Christen sind in der Türkei unerwünscht, ganz besonders, wenn sie ihren Glauben ausüben wollen, kritisiert der Journalist und katholische Theologe Alexander Görlach in der Welt. "In Antiochia, ebenfalls heute in der Türkei, entstand die erste nicht-jüdische christliche Gemeinde außerhalb Palästinas... Hier wurden die Anhänger des Jesus von Nazareth zum ersten Mal Christen genannt. In und um Antakya, wie Antiochia heute heißt, leben nur noch wenige christliche Familien, die an die frühe Zeit des Christentums erinnern. Doch auch diese wenigen verbliebenen Christen werden von der Erdogan-Regierung in Ankara schikaniert. Es werden Hürden in der Verwaltung aufgebaut, die die Renovierung von Gotteshäusern erschweren. Auch die Ausbildung von Priestern wird vom türkischen Staat verunmöglicht. Die Religionszugehörigkeit wird in der Türkei im Personalausweis vermerkt. Christen sind daher als solche sofort erkennbar, wenn sie sich an eine staatliche Stelle wenden oder um einen Arbeitsplatz bewerben. Viele berichten von Diskriminierung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.10.2025 - Religion

Nach Zahlen des christlichen Hilfswerk "Open Doors" werden 380 Millionen Christen weltweit verfolgt -  vor allem in der am stärksten wachsenden Gemeinde auf dem Kontinent Afrika, konstatiert Gideon Böss in der Welt. Warum äußern sich kirchliche Vertreter in Deutschland nicht zu diesen Missständen? "Vermutlich liegt es auch daran, dass die Deutschen ein seltsam widersprüchliches Bild des Christentums haben. Einerseits wird anerkannt, dass christliche Institutionen in der Gesellschaft eine bedeutende Rolle spielen. Andererseits ist unser kulturelles Bild vom Christentum erstaunlich negativ geprägt. Historisch werden mit ihm Hexenverbrennungen verbunden, Religionskriege, Inquisition und Wissenschaftsfeindlichkeit. (...) Auch deswegen fällt es offenbar schwer, im Christentum eine Religion zu sehen, deren Anhänger brutal verfolgt werden. Wobei dahinter auch ein seltsam ignoranter Blick auf die Welt steht. So leben mittlerweile mehr Christen in Afrika als in Europa. Und während ein ambitionsloses Christentum in Europa altert und schwindet, ist es in Afrika jung und engagiert. Die Zukunft dieser Religion liegt in Afrika, Asien und Amerika."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.10.2025 - Religion

FAZ-Redakteur Christian Geyer ist nicht zufrieden mit der Katholischen Kirche. "Ein aufs Horizontale gebrachtes Humanum prägt das Kirchenbild unserer Städte", klagt er. Eine allzu matte Liturgie bestätigt diesen Eindruck. Es muss aber gar nicht immer die Alte Messe mit ihrem Brimborium sein, beteuert Geyer: "Dass aber auch solche Eindrücke einer flachen Immanenz zum Klischee geraten können, belegen Gegenbeispiele wie Johannes Graf von und zu Eltz, Domkapitular des Bistums Limburg und ehemaliger Stadtdekan von Frankfurt. Feiert er eine Alltagsmesse, so ist man auch im neuen Ritus recht verstanden dem Alltag enthoben, was das geistliche Niveau seiner Bibelauslegungen angeht, die Sorgfalt bei der Rezitation der liturgischen Texte, die Haltung der Anbetung den eucharistischen Gestalten Brot und Wein gegenüber."
Stichwörter: Katholische Kirche

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.10.2025 - Religion

Die Diakonie ist ein gemeinnütziges Unternehmen der Evangelischen Kirche, das fast ausschließlich mit staatlichen Geldern und Geldern aus Sozialkassen operiert. Nur ein verschwindend geringer Anteil der Finanzierung kommt aus  Kirchensteuern. Dennoch verlangt das Unternehmen, dass zumindest maßgebliche Funktionsträger Mitglieder der Kirche sind. Das Bundesverfassungsgericht unterstützt es dabei und hat entschieden, dass eine Rassismusbeauftragte des Ladens Mitglied sein muss. Christian Rath erläutert das Urteil in der taz. Das BVG hebt ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs in Luxemburg auf und schlägt in seiner unendlichen Kirchenfreundlichkeit nun folgendes Verfahren vor: "Danach gilt der bereits 2014 vom BVerfG eingeführte Zwei-Stufen-Test künftig in folgender Form: Zunächst muss die Kirche plausibel darlegen, warum für eine Stelle besondere Anforderungen verlangt werden. Ob dieser Zusammenhang wirklich besteht, sollen staatliche Arbeitsgerichte prüfen können. In der zweiten Stufe sollen die Gerichte dann eine 'Gesamtabwägung' zwischen den Rechten der Kirche und denen der Beschäftigten vornehmen." Und wer bezahlt das Verfahren?
Stichwörter: Diakonie

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.10.2025 - Religion

Die Kirchen konnten jahrzehntelang trotz zurückgehender Mitgliederzahlen recht prächtig existierten - so üppig flossen die Kirchensteuern in einem wirtschaftlich florierenden Deutschland. Für die nächsten Jahre sind nun aber drastische Verringerungen ins Auge zu fassen, berichtet Reinhard Bingener in der FAZ: Allein das geistliche Personal soll sich bis 2035 halbieren. "Die Synode der Evangelischen Kirche der Pfalz hat darum im Frühjahr eine einschneidende Reform auf den Weg gebracht, die binnen zehn Jahren zu Einsparungen in Höhe von 45 Prozent des Budgets führen soll. Die Zahl der Kirchenbezirke wird dafür von 15 auf vier reduziert. Aufgrund der finanziellen Nöte fällt auch der Unterhalt der Gebäude zunehmend schwer. Auch durch immer weitere Fusionen von Kirchengemeinden lässt sich das Problem nicht länger bewältigen."
Stichwörter: Kirchen, Kirchensteuer