9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

832 Presseschau-Absätze - Seite 2 von 84

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.03.2026 - Religion

Was wird aus der Islamkonferenz, fragt in der FAZ Tobias Schrörs, der auch mit Christoph de Vries (CDU)  gesprochen hat, dem Parlamentarischen Staatssekretär im Bundesinnenministerium, das für die Deutsche Islamkonferenz verantwortlich ist. Das ewige Problem: Der Staat hätte auf muslimischer Seite gern einen klaren Ansprechpartner wie die Kirchen, den man dann auch munter an Geldsegen und Förderung teilhaben lassen könnte, nur gibt es den nicht: "Es gibt verschiedene Verbände, doch nur ein Teil der Muslime fühlt sich von ihnen vertreten." Zu Vries' Beratern gehört auch der "Arbeitskreis Politischer Islam" (AK Polis, Website), der für Säkularismus eintritt. Das sorgt für Ärger: "Angesichts der Neuausrichtung dieser Gremien werden Sorgen vor einer schleichenden Diskursverschiebung geäußert, die begünstigen könnte, dass in der öffentlichen Wahrnehmung bereits konservative Muslime als Islamisten abgestempelt werden. Für den Islamwissenschaftler Kiefer, der am Islamkolleg an der Universität Osnabrück lehrt, ist die 'entscheidende Frage', wo der Beraterkreis 'die Grenze zwischen Hochreligiosität und Islamismus' zieht."

Der AK Polis hat gerade eine Werbekampagne unter dem Motto "Ich bin Muslim/Ich bin Muslimin" lanciert, in der Integration gefeiert werden soll. Ein Plakat zeigt etwa eine muslimische Frau, die sich für einen nicht-muslimischen Partner entschieden hat. Das Foto ist allerdings nicht echt, wie man auf der Website von AK Polis erfährt: "Die in der Akzeptanzkampagne gezeigten Personen sind mit Hilfe von KI erstellt worden. Dieser Entscheidung ging eine sorgfältige Abwägung voraus. Erfahrungen aus früheren Projekten - etwa der Kampagne 'Liebe ist Halal' - haben gezeigt, welchen enormen Risiken die gezeigten Personen ausgesetzt sind. Einzelne Mitwirkende erhielten tausende Drohungen. Ein solcher Zustand ist zwar mit einer offenen Gesellschaft unvereinbar, aber Teil der innerislamischen Realität. Die Entscheidung für KI-generierte Motive dient daher dem Schutz von Menschen. Sichtbarkeit darf nur in einem vertretbaren Maße mit persönlicher Gefährdung verbunden sein." 

Aus der Kampagne von AK Polis. 

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.02.2026 - Religion

In der NZZ schildert Joel Veldkamp, der bei der christlichen Menschenrechtsorganisation Christian Solidarity international arbeitet, die schwierige Lage der christlichen Bevölkerung in Ägypten. Zwar bekundet Präsident Abd al-Fattah as-Sisi öffentlich immer wieder seine Solidarität mit Christen, die etwa zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen, in der Realität werden sie vom Staat nicht geschützt: "Werden christliche Gemeinschaften nach Streitigkeiten wegen des Baus von Kirchen oder interkonfessioneller Liebesbeziehungen von muslimischen Mobs angegriffen, können sie - vor allem auf dem Land - weder mit Polizeischutz rechnen noch auf den Rechtsstaat zählen. Stattdessen organisieren die Behörden 'Versöhnungsrunden'. Diese enden meist damit, dass sich die Christen für das tatsächliche oder nur behauptete Vergehen entschuldigen - welches zur Zerstörung ihrer Häuser geführt hat -, den Muslimen eine Geldstrafe bezahlen und dann das Dorf verlassen. Trotz Präsident Sisis demonstrativen Bekundungen, er halte zu den Christen, ist die Vorherrschaft des Islam eine unausweichliche Realität in Ägypten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.12.2025 - Religion

"In den vergangenen 20 Jahren sind die christlichen Kirchen in den Vereinigten Staaten zusammengebrochen", schreibt Hannes Stein in der Welt: "Die Zahl der Amerikaner, die sich selbst Christen nennen, ist auf 63 Prozent der Bevölkerung geschrumpft." Allerdings seien die verbliebenen Christen radikaler geworden: "Am extremsten ist jene Bewegung, die sich 'neuapostolische Reformation' nennt. Ihre Anhänger glauben wie die Pfingstler, sie seien vom Heiligen Geist getauft worden; die Demokratische Partei halten sie buchstäblich für dämonisch. Die Trennung von Kirche und Staat sei verwerflich, Amerika müsse von bibeltreuen Christen beherrscht werden. Wir haben es hier keineswegs mit einer Randerscheinung zu tun. Zu den Anhängern der 'neuapostolischen Reformation' gehören Kongressabgeordnete."

Zugleich "konvertieren mehr und mehr aus der rechtsintellektuellen oder auch der evangelikalen Szene zum Katholizismus", sagt im Zeit-Online-Gespräch der Jesuit und Theologe Klaus Mertes, der von "autoritären Katholiken oder völkisch-nationalen" Katholiken spricht: "Sie sind nicht konservativ, sondern disruptiv unterwegs. Wichtig ist dabei immer die apokalyptische Aufladung", erklärt er: "Ich zitiere den Milliardär und Trump-Unterstützer Peter Thiel: Er kommt immer wieder auf Harmagedon zurück, den Ort der endzeitlichen Entscheidungsschlacht, die er mit der atomaren Katastrophe gleichsetzt, mit der Möglichkeit der Menschheit, sich zu vernichten. Aus Angst vor dieser finalen Katastrophe suchen die Menschen nach Rettungsfiguren. Peter Thiels Konstrukt ist: Die UN oder die EU nutzen die Angst vor einer möglichen Katastrophe, um sich als Retter anzubieten und uns so in ihre Abhängigkeit zu bringen."

Auch wenn sich Europa längst als säkular definiert, bleibt es für den politischen Islam "ontologisch christlich", schreibt Kacem El Ghazzali in der NZZ. Dabei werden uralte Bilder reaktiviert: "Das Christentum und der Westen sind das 'Andere', das es zu bekämpfen gilt. Das Narrativ gleicht dabei einer simplen, aber wirkmächtigen Verschwörungstheorie: Der westliche 'Kreuzfahrer' versuche, die Muslime von ihrer Religion wegzuführen. Seine Methoden seien dabei perfide - er nutze Menschenrechte, Frauenemanzipation und Säkularität als Waffen der Zersetzung. (…) Dabei unterliegt Europa einem fatalen Missverständnis: Es glaubt, wenn die Islamisten 'Kreuzfahrer!' rufen, sei dies nur eine rhetorische Floskel. Das Gegenteil ist der Fall. In der Wahrnehmung der Islamisten ist der Begriff die Markierung einer unaufgelösten historischen Feindschaft. Strategisch gesehen ist das moderne 'Rom' zwar kein furchterregender Ritter mehr, sondern jenes orientierungslose Vakuum, vor dem Nietzsche warnte. Doch genau dieses Vakuum wird nicht ignoriert, sondern als Einladung verstanden, den uralten Kampf wieder aufzunehmen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.12.2025 - Religion

Religiosität geht überall in der westlichen Welt zurück, erzählt der  Religionssoziologe Detlef Pollack im Gespräch mit Arnfrid Schenk und Ulrich Schnabel von der Zeit. Auch für einige muslimische Länder beobachtet er das - etwa den Iran. Und auch Trump sollte sich nicht allzu große Hoffnungen machen: "Die Evangelikalen haben in den USA seit den 1970er-Jahren starken Zulauf, der Höhepunkt war um 2010, ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung ist damals auf 30 Prozent angewachsen. Aber: Die politische Aufladung der Religion, der Aufschwung der religiösen Rechten, die Allianz von evangelikalen Christen und Republikanern stoßen vor allem politisch moderat eingestellte Menschen ab. Und viele geben ihre - sowieso schon schwache - religiöse Bindung ganz auf. Insgesamt steigt daher der Anteil der Konfessionslosen in den USA."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.12.2025 - Religion

Es scheint eine neue Mode zu sein, Referenten ein- und dann unter "breiter medialer Anteilnahme" wieder auszuladen, konstatiert die Philosophin Olivia Mitscherlich-Schönherr in der FR. Der neuste Fall betrifft die Ausladung des katholischen Philosophen Sebastian Ostritsch von einem Vortrag an der Jesuitischen Hochschule für Philosophie in München. Wegen seiner rechtskonservativen Positionen, zum Beispiel zum Schwangerschaftsabbruch, lud ihn die Hochschule im Endeffekt wieder aus. Aber das "Sich-Verriegeln in Echokammern" ist nicht nur für die Philosophie, sondern auch für die Demokratie gefährlich, meint die Autorin: "Lange wurde eine Re-Politisierung der Debattenkultur gefordert. Das Gebot der heutigen Stunde heißt: Re-Philosophisieren. Rückkehr in die philosophische Diskussion meint keine Appeasement-Politik - nach dem Motto: was Sebastian Ostritsch über Migranten sagt, ist gar nicht so problematisch; oder umgekehrt: die Ausladung war doch auch zu Sebastian Ostritschs Besten, zum Schutz seiner Sicherheit. Gemeint ist auch kein Relativismus, à la 'Nun habt euch nicht so, es darf doch wohl noch jeder seine Meinung sagen'. Gemeint ist vielmehr: den philosophischen Disput gerade mit Personen zu suchen, deren Position man für hochproblematisch hält - um sie und sich selbst unter den Maßstab der Wahrheit zu zwingen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.12.2025 - Religion

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Mathias Greffrath, eigentlich ein Altlinker, wie er im Buche steht, muss in seiner taz-Kolumne zugeben, dass er einen Gottesbeweis gefunden hat - und zwar in einem Buch des Kulturministers Wolfram Weimer mit dem Titel "Sehnsucht nach Gott" - erschienen im Bonifatius Verlag in Paderborn: "So lautet der Weimersche Gottesbeweis, ein Gläubiger sei ein 'glaubwürdigerer Zeuge' der Gegenwart Gottes als ein Atheist. 'Denn ersterer bezeugt etwas Manifestes. Letzterer behauptet etwas über jemanden, dessen Existenz er abstreitet. Das Sehen des Zeugen wiegt doch eigentlich schwerer als das Nicht-Sehen der Gegen-Zeugen.' Das letzte Mal habe ich so was von zwei jungen Herren in schwarzen Anzügen gehört, die alle Jahre wieder an meiner Haustür klingeln."
Stichwörter: Gottesbeweis, Weimer, Wolfram

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.11.2025 - Religion

Der neue Papst (wie hieß er noch) enthält sich zwar einseitiger Stellungnahmen zugunsten der Palästinenser, wie es sein Vorgänger vorzog, aber auch Leos Äußerungen zum Thema Antisemitismus in seiner aktuellen Form sind bisher äußerst dürr, ist Thomas Jansen im Leitartikel der FAZ aufgefallen. Passen will das nicht "zu den Wortgirlanden, die Bischöfe und Theologen für das christlich-jüdische Verhältnis in ihren Sonntagsreden flechten. Von den Juden als 'älteren Brüdern' oder 'Vätern im Glauben' ist da die Rede. Wer sich jedoch theologisch selbst zum nächsten Verwandten der Juden erklärt, sich dann aber wie ein unbeteiligter Passant verhält, sobald der Staat Israel ins Spiel kommt, hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Diese Diskrepanz ist die Folge des bis heute ungeklärten theologischen Verhältnisses der Kirche zum Staat Israel. Diplomatisch hat der Vatikan ihn erst 1993 anerkannt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.10.2025 - Religion

Ein Berliner Gymnasium hat seinen Schülern sichtbare Religionsausübung verboten - dagegen klagt die NGO "Gesellschaft für Freiheitsrechte", berichtet Stefan Laurin bei hpd.de: "Nach Ansicht der GFF richtet sich die 'allgemein formulierte Regelung in der Schulordnung (...) de facto gegen muslimische Schüler, denen das islamische Gebet auf dem Schulgelände untersagt wird.'" Laut Berliner Schulverwaltung komme ein solches Verbot nur in Betracht, "wenn durch solche Gebete der Schulfrieden gestört oder der Schulbetrieb beeinträchtigt werde. Doch dieser Eindruck könnte entstehen, wenn Islamisten das Gebet nutzen, um symbolisch Schulen für sich einzunehmen und vor allem muslimische Kinder unter Druck zu setzen, sich zu beteiligen. Die GFF sieht darin kein Problem, denn der Schule stünden ja pädagogische Mittel sowie Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen nach dem Schulgesetz zur Verfügung, um Konflikten und Störungen entgegenzutreten." Die "Gesellschaft für Freiheitsrechte" wurde von Ulf Buermeyer , bekannt durch das Podcast "Lage der Nation" mitbegründet, der die Gesellschaft zum zehnten Jubiläum verlassen hat. Generalsekretär ist der Grünen-Poltiker Malte Spitz, der jüngst bei heise.de zur Arbeit der NGO interviewt wurde.

Christen sind in der Türkei unerwünscht, ganz besonders, wenn sie ihren Glauben ausüben wollen, kritisiert der Journalist und katholische Theologe Alexander Görlach in der Welt. "In Antiochia, ebenfalls heute in der Türkei, entstand die erste nicht-jüdische christliche Gemeinde außerhalb Palästinas... Hier wurden die Anhänger des Jesus von Nazareth zum ersten Mal Christen genannt. In und um Antakya, wie Antiochia heute heißt, leben nur noch wenige christliche Familien, die an die frühe Zeit des Christentums erinnern. Doch auch diese wenigen verbliebenen Christen werden von der Erdogan-Regierung in Ankara schikaniert. Es werden Hürden in der Verwaltung aufgebaut, die die Renovierung von Gotteshäusern erschweren. Auch die Ausbildung von Priestern wird vom türkischen Staat verunmöglicht. Die Religionszugehörigkeit wird in der Türkei im Personalausweis vermerkt. Christen sind daher als solche sofort erkennbar, wenn sie sich an eine staatliche Stelle wenden oder um einen Arbeitsplatz bewerben. Viele berichten von Diskriminierung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.10.2025 - Religion

Nach Zahlen des christlichen Hilfswerk "Open Doors" werden 380 Millionen Christen weltweit verfolgt -  vor allem in der am stärksten wachsenden Gemeinde auf dem Kontinent Afrika, konstatiert Gideon Böss in der Welt. Warum äußern sich kirchliche Vertreter in Deutschland nicht zu diesen Missständen? "Vermutlich liegt es auch daran, dass die Deutschen ein seltsam widersprüchliches Bild des Christentums haben. Einerseits wird anerkannt, dass christliche Institutionen in der Gesellschaft eine bedeutende Rolle spielen. Andererseits ist unser kulturelles Bild vom Christentum erstaunlich negativ geprägt. Historisch werden mit ihm Hexenverbrennungen verbunden, Religionskriege, Inquisition und Wissenschaftsfeindlichkeit. (...) Auch deswegen fällt es offenbar schwer, im Christentum eine Religion zu sehen, deren Anhänger brutal verfolgt werden. Wobei dahinter auch ein seltsam ignoranter Blick auf die Welt steht. So leben mittlerweile mehr Christen in Afrika als in Europa. Und während ein ambitionsloses Christentum in Europa altert und schwindet, ist es in Afrika jung und engagiert. Die Zukunft dieser Religion liegt in Afrika, Asien und Amerika."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.10.2025 - Religion

FAZ-Redakteur Christian Geyer ist nicht zufrieden mit der Katholischen Kirche. "Ein aufs Horizontale gebrachtes Humanum prägt das Kirchenbild unserer Städte", klagt er. Eine allzu matte Liturgie bestätigt diesen Eindruck. Es muss aber gar nicht immer die Alte Messe mit ihrem Brimborium sein, beteuert Geyer: "Dass aber auch solche Eindrücke einer flachen Immanenz zum Klischee geraten können, belegen Gegenbeispiele wie Johannes Graf von und zu Eltz, Domkapitular des Bistums Limburg und ehemaliger Stadtdekan von Frankfurt. Feiert er eine Alltagsmesse, so ist man auch im neuen Ritus recht verstanden dem Alltag enthoben, was das geistliche Niveau seiner Bibelauslegungen angeht, die Sorgfalt bei der Rezitation der liturgischen Texte, die Haltung der Anbetung den eucharistischen Gestalten Brot und Wein gegenüber."
Stichwörter: Katholische Kirche