Der letzte Katholikentag in Stuttgart vor ein paar Tagen war ein totaler Flop, schreiben Hannah Wettig und Walter Otte bei hpd.de: "Zogen frühere Katholikentage noch fast 100.000 Menschen an, machten sich in diesem Jahr nur rund 25.000 Menschen auf den Weg." Für diese schüttere Menge wurden 1.500 Foren organisiert. Aus Eigenmitteln zahlte die Kirche nur einen Teil der Kosten der Veranstaltung. Vier Millionen der zehn Millionen Euro Gesamtkosten wurden von staatlichen Stellen beigetragen. "Gerade die beiden großen christlichen Kirchen werden mit zahllosen direkten und indirekten Zuwendungen staatlicher Stellen bedacht. Das reicht vom Einzug der Kirchensteuer (12 Milliarden Euro pro Jahr) über die historischen Staatsleistungen (600 Millionen Euro pro Jahr) bis zur Steuerfreiheit und vielen weiteren Vergünstigungen, die weit über die Hilfe für andere gesellschaftliche Vereinigungen hinausgehen. Insofern sollen die Kirchen ihre Mitgliederveranstaltungen selbst bezahlen."
An der Wittenberger Kirche - einem symbolischen Bau des Luthertums - prangt ein jüngst renoviertes mittelalterliches Fresko, das in drastischer Darstellung eine "Judensau" zeigt. Man könnte das Relief von der Kirchenwand abnehmen, es im Innern der Kirche präsentieren und dort mit Texttafeln in den historischen Kontext stellen, schreibt der Theologe und Aktivist Ulrich Hentschel in der taz. Aber die Stadt weigert sich: "Für die demokratische Gesellschaft stellt sich darum die Frage, ob sie bereit ist, das sture Festhalten der Wittenberger Gemeinde an ihrem Schmährelief einfach zu akzeptieren. Warum sollte der Wittenberger Kirche die strafbewehrte verbale Beschimpfung 'Du Judensau' erlaubt sein, nur weil sie in Stein geschlagen ist und unter Denkmalschutz steht? Es darf auch für die Kirche kein Sonderrecht auf antijüdische Darstellungen geben."
Vor zehn Jahren entschied das Kölner Landgericht, dass die Beschneidung eines Jungen Körperverletzung sei. Das Urteil löste eine kurze, aber erbitterte Debatte aus (hier die Perlentaucher-Übersicht der Debatte), die Bundesregierung und Bundestag eilends durch ein Gesetz beendete, mit dem dieser Eingriff den Eltern ausdrücklich gestattet wird. Der Richter und Kolumnist Thomas Fischerhält das Kölner Urteil im Gespräch mit Daniela Wakonigg von hpd.de bis heute für richtig: "Wer sich beschneiden lassen will, aus welchen Gründen auch immer, darf das selbstverständlich tun. Es geht darum, ob Eltern/Sorgeberechtigten das 'Recht' einzuräumen ist, ihre eigenen (!) Moral- oder Religionsvorstellungen mit Gewalt durch nicht revidierbare körperliche Eingriffe an ihren Kindern zu 'verwirklichen'." Zum Jahrestag des Urteils sind einige Veranstaltungen geplant, mehr hier.
Männerbünde wie die katholische Kirche sind Heimstätten der Homosexualität - und pflegen in aller Regel zugleich homophobe Rhetoriken, schreibtJochen Hörisch in einem kleinen Essay für den Perlentaucher. und macht einen Vorschlag zur Reform. "Die Diagnose gilt: wenn die Katholische Kirche sich nicht zum Abschied vom Zölibat durchringt und damit einen auch in psychosexueller Hinsicht neuen Priestertypus zulässt (zusammen und gleichberechtigt mit homosexuellen oder zölibatär leben wollenden Geistlichen), wird sie ihre Missbrauchs-Pathologien nicht überwinden können."
Im Interview mit der Welt erklärt der Liturgiewissenschaftler und Ostkirchenkundler Pater Nikodemus Schnabel den Unterschied zwischen orthodoxer Ost- und Westkirche und warum der Papst immer noch mit dem Oberhaupt der russischen orthodoxen Kirche, Patriarch Kyrill, redet, obwohl der dem russischen Angriffskrieg seinen Segen gegeben hat: "Der Papst ist sehr interessiert am Dialog. Er versucht deswegen auch, nicht Ross und Reiter zu nennen. Er ist zwar schon sehr klar in seinen Worten, er verurteilt den Krieg, aber er vermeidet es, Putin zu nennen. ... Ich denke, dass Kyrills Verhalten momentan einen ernsthaften Dialog verunmöglicht. Gleichzeitig möchte der Papst den ökumenischen Gesprächsfaden mit dieser sehr bedeutenden Schwesterkirche der katholischen Kirche nicht völlig abreißen lassen. Die Gläubigenzahl der russischen orthodoxen Kirche übertrifft die Zahl etwa aller Lutheranerinnen und Lutheraner weltweit deutlich. Hier geht es um einen der wichtigsten Player im innerchristlichen Dialog überhaupt, auch wenn dieser Dialog gerade mehr als schwierig ist."
Die orthodoxen Christen in der Ukraine können zwischen zwei Kirchen wählen - der eigenständigen Orthodoxen Kirche und der Ukrainischen Orthodoxen Kirche, die dem Moskauer Patriarchat und damit Kirill, einer "Säule des Putinismus", unterstellt ist, schreibt Sonja Zekri in der SZ und befürchtet ein neues Schisma: "Andrij Pintschuk, Ex-Bürgermeister und Erzpriester eines Dorfes bei Dnipro, hat auf Facebook eine Petition veröffentlicht, in der er die Absetzung Kirills als Oberhaupt der russischen Orthodoxie fordert. Das Konzept der 'russischen Welt', mit dem der Kreml - und Kirill - unter anderem seine kolonialeUkraine-Politik rechtfertigt, müsse als Abfall vom orthodoxen Glauben, als Häresie verurteilt werden. 400 Moskau unterstehende ukrainische Priester haben die Petition bislang unterschrieben. Selbst die Moskau unterstehenden Priester des Kiewer Höhlenklosters, das nicht nur Unesco-Welterbe ist, sondern als 'Vatikan' der Orthodoxie gilt, beten für den Sieg über Russland."
So olivgrün-golden sieht die unter Wladimir Putin errichtete "Hauptkirche der Streitkräfte Russlands" in der Nähe Moskaus aus, in der das Putin-Regime des Siegs im Großen Vaterländischen Krieg gedenkt. Und hier predigte Patriarch Kirill am Sonntag. Er unterstützte Putins Begriff der "Entnazifierung", schreibt Katherine Kelaidis in den Religion Dispatches. "Und dann bot der Patriarch, dessen Amt noch vor wenigen Jahrhunderten (ein Wimpernschlag im Gedächtnis des christlichen Ostens) nicht in Moskau, sondern in Kiew angesiedelt war, eine Version der Geschichte an, die die Ukraine einfach von der Landkarte tilgt. Kirill macht 'verschiedene Kräfte' (das heißt Außenstehende, einschließlich - so könnte man meinen - des Westens), die im Mittelalter entstanden sind, für das verantwortlich, was er als falsche Teilung zwischen Russland und der Ukraine betrachtet. Tatsächlich erkennt er nicht einmal an, dass es Ukrainer gibt, und bezeichnet alle Beteiligten (einschließlich, so könnte man vermuten, Weißrussen) als 'Heilige Russen'."
Ärger bei den Orthodoxen, erläutert Friedrich Schmidt in der FAZ. Längst sucht das Kiewer Patriarchat (KP) die "Autokephalie " gegenüber dem Moskauer Patriarchat (MP), dessen Patriarch Kirill Putins Diskursen eng verbunden ist: "Jetzt, im Krieg, haben viele Diözesen der MP-Kirche aufgehört, ihr Oberhaupt, Kirill, in den Gottesdiensten zu erwähnen. Die KP-Kirche berichtet vom Übertritt Dutzender Gemeinden und Klöster. Kirills Kirche kritisiert ein ukrainisches Gesetzesprojekt, welches das Eigentum der MP-Kirche verstaatlichen und ihr Verbot in der Ukraine bedeuten würde."
Die russisch-orthodoxe Kirche unter Patriarch Kyrill steht fest hinter Wladimir Putin und seinen Angriffskrieg auf die Ukraine. In der NZZ erklären die beiden Theologen Christian Stoll und Jan-Heiner Tück, dass der Autokrat und der Patriarch nicht nur im antiwestlichen Affekt vereint sind, sondern auch in ihrem nationalistischem Geschichtsbild: "Ihre Allianz fußt auf einer bestimmten Konstruktion der russischen Geschichte. Das kirchenhistorische Narrativ, dass das russische Christentum 988 durch die Taufe des Großfürsten Wladimir aus der Kiewer Rus hervorgegangen ist und Weissrussland, die Ukraine und Russland letztlich als Brudervölker zu einem kanonischen Territorium gehören, deckt sich weithin mit den neoimperialen Interessen Putins. Orthodoxes Christentum und politische Ideologie verbinden sich hier zu einer sakralen Geschichte, in der es heilige Helden, mythisch vereinte Völkerschaften und ureigene Rechte auf historische Landstriche gibt."
In der tazergänzt Thoman Gerlach, dass Putins Pope auch nichts gegen die Bombardierung ukrainischer Klöster einwendet. Ebenfalls in der tazberichtet Barbara Oertel von der Spaltung der ukranischen Kirche, denn ein Teil untersteht noch immer dem Moskauer Patriarchat und hofft, sich durch Schweigen aus der Affäre ziehen zu können.
"Es gab und gibt ein klerikales Vertuschungssystem in der Kirche", aber kein "System Ratzinger", verteidigt in der Welt der katholische Philosoph Martin Rhonheimer den ehemaligen Papst Benedikt gegen die Vorwürfe, er habe zu den Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche zu lange geschwiegen. (Unsere Resümees). "Wie der Sekretär des Päpstlichen Rates für die Gesetztestexte in einem ausführlichen Artikel aus dem Jahre 2010 über den Einfluss Ratzingers bei der Revision der kirchlichen Strafrechtsordnung erläutert, lag das Problem darin, dass das Zweite Vatikanische Konzil die Stellung der Bischöfe gegenüber Rom stärken wollte. In diesem Geist dezentralisierte der neue Codex des Kirchenrechtes von 1983 strafrechtliche Kompetenzen, die früher beim 'Heiligen Offizium' (heute Glaubenskongregation) lagen, und setzte die bisher existierenden Strafnormen außer Kraft. Was Rom, und zwar der Kleruskongregation, verblieb, waren nur noch Gesuche zur Zurückversetzung von Priestern in den Laienstand. Das war aber für Missbrauchs-Straftäter absolut unpassend und zudem ungenügend. Ratzinger sah das und bemühte sich, der Kleruskongregation diese Kompetenz zu entreißen."
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