9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

835 Presseschau-Absätze - Seite 20 von 84

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.02.2022 - Religion

Der Jesuitenpater Klaus Mertes hat im Jahr 2010 die sexuelle Missbrauchsgeschichte am Berliner Canisius Kolleg aufgedeckt. Im FAZ-Gespräch mit Paul Ingendaay blickt er kritisch auf den mangelnden Willen der Kirche zur Aufarbeitung zurück. Der in Endlosschleife vorgebrachten zerknirschten Rhetorik der Kirchenoberen traut er nicht. Auf die Frage, wie dieser Kreislauf zu durchbrechen sei, antwortet er: "Die Kirche kann das gar nicht selbst. Die Aufarbeitung muss unabhängig sein. Die Politik macht sich diesbezüglich einen schlanken Fuß... Beim Vorgehen gibt es mehrere Möglichkeiten. Eine von ihnen haben die Österreicher 2010, inzwischen auch die Franzosen und die Portugiesen ergriffen. Man beauftragt eine unabhängige Person von hohem öffentlichen Ansehen mit der Aufgabe, eine Kommission zu berufen, die ihrerseits einen Bericht verfasst, und die hochverdiente öffentliche Person kann nicht nur die nötigen Gelder dafür anfordern, sondern auch entscheiden, ob und wann dieser Bericht veröffentlicht wird und wie mögliche Entschädigungszahlungen aussehen sollen." Mertes  fürchtet allerdings, dass es dafür jetzt zu spät ist.
Stichwörter: Katholische Kirche

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.02.2022 - Religion

Im Interview mit der FR spricht Navid Kermani über sein neues Buch "Fragen nach Gott", die Krise der Religionen in Deutschland im Allgemeinen und des Islam im Besonderen: "Was da gerade wächst, macht mir eher Sorge, weil es oft ein Islam in völliger Unkenntnis der eigenen Tradition ist. Die berühmtesten Autoren der islamischen Theologie, der Mystik, der Poesie wie Ibn Arabi oder Al-Dschurdschani oder auch Rumi spielen im herrschenden religiösen Diskurs kaum eine Rolle mehr. Nicht selten werden sie sogar verketzert. Es sagt sehr viel, dass nicht wenige religiöse Autoren des Islams heute eher in London aufgelegt werden als in Mekka, und zwar heutige ebenso wie klassische. Umso wichtiger ist es heute, dieses Erbe zu bewahren, zu retten, was zu retten ist. Ich komme mir mit meinen Lektüren der klassischen islamischen Poesie und Mystik manchmal vor wie ein Archäologe in einem Kriegsgebiet."

In der NZZ verteidigt der Psychiater und Theologe Manfred Lütz den ehemaligen Papst Benedikt gegen Vorwürfe, er habe zum sexuellen Missbrauch in der Kirche zu lange geschwiegen. Schon 1999 habe sich Ratzinger für die Aufklärung der Missbrauchsvorwürfe eingesetzt und ließ die Ergebnisse 2004 gegen Widerstand aus der Kirche publizieren: "Natürlich kann man Joseph Ratzinger kritisieren, er selber hat dazu immer wieder aufgefordert. Hier aber entsteht der Eindruck, dass ein Greis, der ausgerechnet zur ihm ursprünglich ganz fremden Missbrauchsthematik Bahnbrechendes geleistet hat, sensationslüstern auf die Bühne gezerrt wurde, anstatt endlich den entscheidenden Fragen nachzugehen: Warum hat bis heute noch kein kirchlich Verantwortlicher in Deutschland offen seine persönliche Schuld eingestanden und ist freiwillig zurückgetreten?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.01.2022 - Religion

Seit eine Designerin "bescheidener" Mode den 1. Februar zum "World Hijab Day" erklärt hat, wird in vielen Kanälen Reklame für das Kopftuch gemacht. Etwa bei Funk, dem Jugendsender der ARD:



Die Exil-Iranerin Masih Alinejad hat dagegen die Kampagne #LetUsTalk ins Leben gerufen, in der sich Frauen aus Ländern mit Kopftuchzwang gegen das Kopftuch aussprechen. Sie selbst schreibt: "Mir wurde gesagt, wenn ich keinen Hidschab trage, fliege ich von der Schule, werde ins Gefängnis geworfen, ausgepeitscht, verprügelt und aus meinem Land vertrieben. Im Westen sagt man mir, dass das Erzählen meiner Geschichte 'Islamophobie' auslösen würde. Ich bin eine Frau aus dem Nahen Osten und ich habe Angst vor der islamistischen Ideologie. Lasst uns reden."

"Der 1. Februar ist kein zufälliger Termin", schreibt Annika Ross bei emma.de: "Es ist der Tag, an dem 43 Jahre zuvor Ajatollah Khomeini zu Zeiten der sogenannten 'islamischen Revolution' aus dem Pariser Exil in den Iran zurückkehrte. Das Land kippte quasi über Nacht in den Gottesstaat, der fundamentalistische Islam wurde zur Staatsdoktrin erklärt. Khomeini und seine Gefolgsleute hatten ein unmissverständliches Symbol für ihren Triumph auserkoren: Die Zwangsverschleierung der Iranerinnen. Und der 'World Hijab Day' fordert Frauen heute dazu auf, aus 'Solidarität mit den Kopftuchträgerinnen mal einen Tag lang ein Kopftuch aufzusetzen'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.01.2022 - Religion

Auch in Polen konnte die Katholische Kriche die Diskussion über sexuellen Missbrauch in den letzten Jahren nicht mehr verhindern. Im Moment macht die Geschichte des heute 48-jährige Janusz Szymik von sich reden, der als Zwölfjähriger von einem Prieseter mehrfach vergewaltigt wurde. Die Diözese hatte wie unter Ratzinger zur Vertuschung beigetragen, und Szymik verklagte sie darum auf Schmerzensgeld, berichtet Daniela Wakonigg bei hpd.de: "Da Schmerzensgeldzahlungen an Missbrauchsopfer der Kirche selbst bekanntlich ebenfalls große Schmerzen bereiten, entschied sie sich zu einem Gegenangriff gegen Szymik. Laut Bericht des großen polnischen Nachrichtenportals Onet.pl verlangte das beklagte Bistum vom Gericht festzustellen, ob Szymik schwul sei und er deshalb während des Missbrauchs sexuelle Befriedigung empfunden habe."

Die Skandale um Missbrauch und das Schweigen darüber schieben die Katholische Kirche langsam aus der Gesellschaft hinaus, meint Kurt Kister in der SZ. "Zudem findet der grassierende Vertrauensverlust vor dem Hintergrund einer immer stärkeren säkularen Bewegung in Deutschland statt. Diese säkulare Bewegung bedeutet keine grundsätzliche Verweltlichung der Gesellschaft, denn die Bereitschaft, an alles Mögliche zu glauben, wird eher größer. Gleichzeitig allerdings wächst die Zahl derer, die ihre - analog zum Schicksal der Volksparteien - Volkskirche verlassen. Viele, die glauben, lösen sich von der Organisation. Menschen, die aus CDU oder SPD austreten, bleiben deswegen durchaus nach wie vor Demokraten. Es gibt eine Demokratie ohne Volksparteien, und man kann Christ sein ohne die katholische Kirche."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.01.2022 - Religion

Willy Winkler wundert sich in der SZ überhaupt nicht über das Missbrauchsgutachten zum Bistum München. Sexuellen Missbrauch hat er zwar nicht erlebt, prügelnde Priester dafür reichlich: "Die Kirche, die Una sancta, die katholische, die einzig wahre, hat seit je dies innige Verhältnis zur Macht, und was wäre Macht, ohne die Möglichkeit, sie auch auszuüben, vorzugsweise gegen Schwächere, also gegen Frauen und Kinder. ... Am allerersten Abend im Internat im Herbst 1967 wurden wir Neuen im Speisesaal als die 'Kaffern' vorgestellt. Das war kein Rassismus, sondern Gewalt- und Machtverteilung. Der bis dahin jüngste Jahrgang rückte in der Hackordnung auf und hatte damit das Recht erworben - was für ein Jubel, als Pater M. das verkündete! -, die Jüngsten zu verdreschen. Das war das herrschende Prinzip: Wer schwach war, wurde verprügelt, und die Patres machten es vor."

"Wenn Papst Benedikt auf 82 Seiten ausgeführt, es sei kein sexueller Missbrauch im engeren Sinne, wenn sich ein Täter vor einem Minderjährigen entblößt, onaniert oder pornografische Inhalte zeigt, dann hat er es immer noch nicht verstanden", sagt der Betroffenenvertreter Johannes Norpoth im Gespräch mit Sven Christian Schulz vom Redaktionsnetzwerk Deutschland. Aber der Ärger wird weitergehen: "In den kommenden Wochen werden noch weitere Gutachten aus den Bistümern Münster, Paderborn und Essen veröffentlicht werden. Da geht es zum Beispiel darum, welche Rolle die Gemeinden spielen. Denn in vielen Gemeinden wurde aktiv weggesehen, wie das Münchner Gutachten einmal mehr belegt. Da werden selbst heute noch Täter nahezu glorifiziert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.01.2022 - Religion

Hamed Abdel-Samad kommentiert in einem längeren Facebook-Post (auch hier bei hpd.de) die jüngsten Enthüllungen über sexuellen Missbrauch in Josef Ratzingers Diözese und die Ausflüchte des Expapstes (unsere Resümees): "Warum lässt ein Mann, der sich selbst Vertreter Christi auf Erden nennt, die Opfer im Stich und steht stattdessen auf der Seite der Täter? Warum verhindert ein Mann, der behauptet, die Wahrheit zu verkünden, dass die Wahrheit ans Licht kommt? Um dem Ansehen der Kirche nicht zu schaden? Das ist ein Argument aus der Welt der Mafia, wenn Skandale unter den Teppich gekehrt werden um das Ansehen der Familie zu bewahren. Vieles in diesem und anderen Kirchen-Missbrauchsskandalen erinnert in der Tat an die Mafia: Hierarchie und patriarchale Strukturen, Kultur der Angst und des Schweigens, Einschüchterung von Abtrünnigen damit kein Insiderwissen nach außen drängt."

Josef Ratzingers Antworten auf das jüngste Gutachten zu Missbrauchsunfällen liest sich kulturrelativistisch in Bezug auf die eigene Person, beobachtet Christan Geyer in der FAZ: "Nach 'heutigen Maßstäben' wäre auch in den Fällen, in denen dies rechtlich nicht vorgeschrieben gewesen ist, mehr 'Hinwendung zu den Opfern solcher Taten wünschenswert und richtig gewesen', so Ratzingers Eingabe. Tatsächlich nur nach heutigen Maßstäben? Sollte es ungehörig sein, in unbedingten Kategorien zu sprechen, sobald es um das Fehlverhalten von Hierarchen geht?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.01.2022 - Religion

Ein tausendseitiges Gutachten der Münchner Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) bringt neue Fakten zum Missbrauch in der katholischen Kirche, auch in der Diözese des ehemaligen Münchner Erzbischofs Josef Ratzinger. Dieser antwortete in einem achtzigseitigen Papier voller frommer Bestürzung und harter formaljuristischer Abwehr konkreter Vorwürfe, schreibt eine Autorengruppe in der SZ: "Da ist zum einen das Beispiel des Priesters und notorischen Wiederholungstäters Peter H., der 1980 aus Nordrhein-Westfalen kam. Die Akten legen nahe, dass Ratzinger über dessen problematische Vorgeschichte informiert war und an einer entscheidenden Ordinariatssitzung am 15. Januar 1980 teilgenommen hat. Der frühere Erzbischof streitet dies zwar ab, die Gutachter halten dessen Einlassung aber für 'unglaubwürdig'." Der Kirchenredakteur der FAZ Daniel Deckers schreibt schlicht von "Benedikts Lüge". Mehr Informationen hier. Der "Eckige Tisch", eine Betroffenenvertretung, bringt eine Presseschau zu den jüngsten Enthüllungen.

Ihr Sohn Wilfried sei so nett, hat der Priester Peter H. den Fesselmanns gesagt, er dürfe im Pfarrhaus übernachten. Die Eltern freuten sich über diese Ehre, erinnert sich Wilfried Fesselmann in der Seite 3-Reportage der SZ: Am Abend hätten der Priester und der Elfjährige "erst geredet, dann habe ihm der Priester 'was Tolles' zu trinken gegeben. Später habe Peter H. die Türen abgeschlossen und das Gespräch aufs Geschlechtsteil gelenkt. Dann habe H. sich ausgezogen - und es sei geschehen. 'Am anderen Morgen lag ein Zettel am Bett', erinnert sich Fesselmann: 'Bitte geh nach Hause und vergesse es schnell.'" Die Untaten des Priesters Peter H. in Ratzingers Diözese wurden von der Kirchenhierarchie immer nur vertuscht, so das Gutachten der Kanzlei. Nicolas Richter kommentiert in der SZ: "Der Skandal ist der einzige Teufel, der die Kirche wirklich schreckt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.01.2022 - Religion

Die Folgen der russischen Bedrohung der Ukraine reichen bis hinein in die orthodoxen Kirchen Afrikas, berichtet Jan-Heiner Tück in der NZZ, die sich zu spalten drohen. Das ist auch die Folge einer Tendenz "der orthodoxen Kirchen, einen allzu engen Schulterschluss mit der Politik zu suchen und dadurch zu Nationalkirchen zu werden. Nach dem Zerfall der Sowjetunion sucht die Ukraine politisch die Anbindung an den Westen. Diese Neuausrichtung hat den Bemühungen um Eigenständigkeit, der Autokephaliebewegung, Rückenwind gegeben. Diese hatte sich bereits 1992 vom Moskauer Patriarchat abgekoppelt, um eine eigenständige orthodoxe Kirche der Ukraine zu gründen. Vorbild waren orthodoxe Kirchen in anderen Ländern des ehemaligen Ostblocks, die längst den Status autokephaler Kirchen erlangt haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.01.2022 - Religion

Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der Katholischen Kirchen ist in Deutschland in einigen Studien steckengeblieben, aber Konsequenzen gab es so gut wie nicht, schreibt Evelyn Finger in der Zeit: "Es fehlte hierzulande nie an Empörung und Kirchenkritik. Doch keine Wahrheitskommission wurde tätig - wie in Australien. Kein Bischof ermannte sich, einen Staatsanwalt zu betrauen - wie in den USA. Kein Spitzenpolitiker stand auf für eine Brandrede im Parlament - wie Irlands Premier Enda Kenny, der seine Nation zu Tränen rührte. Stattdessen häuften die Deutschen Zahlen von Opfern und Tätern an, empfahlen Kirchenreformen, analysierten Täterstrategien. Nur vor der eigentlichen Aufgabe drückte man sich: im Bundestag zu debattieren, ob der Rechtsstaat systematische Strafvereitelung hinnehmen darf." Der Kriminologe Christian Pfeiffer, der mit Untersuchungen zum Thema befasst war, schreibt ebenfalls in der Zeit: "Ich gebe zu: Vor zehn Jahren habe ich noch an das ehrliche Aufklärungsinteresse der katholischen Kirche geglaubt. Heute muss ich feststellen: Die Bischofskonferenz hat unter der Führung von Kardinal Reinhard Marx über viele Jahre hinweg Aufklärung eher verhindert als ermöglicht."

Ein Autorenkollektiv von Correctiv und dem Bayerischen Rundfunk erzählt zugleich die Geschichte eines Jungen namens Stefan, der 1994 von einem Priester missbraucht wurde. Der Fall wurde vertuscht, wobei als pikanter Aspekt hinzukommt, dass Joseph Ratzinger eigentlich wohl über den Fall hätte informiert sein müssen. Er zeige auch darum, "wie das System Missbrauch in der Kirche oft funktioniert, weil es in solchen Fällen nicht nur den einen Straftäter gibt, sondern viele Beteiligte auf allen Hierarchieebenen, die kaschieren, schweigen, Hinweise unterdrücken und die Taten so erst möglich machen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.12.2021 - Religion

Die katholische Kirche in Frankreich befindet sich in einer Identitätskrise, berichtet Michaela Wiegel in der FAZ. Viel zu tun hat sie damit, dass Kirchenobere wie der Lyoner Erzbischof Philippe Barbarin den Untersuchungen über sexuellen Missbrauch lange Zeit mit Abwiegelung begegneten. Nach François Ozons Film "Grâce à Dieu" (mehr hier) wurde diese Vertuschung weithin diskutiert. Nun nennen die Berichte exorbitante Opferzahlen von über 300.000 Missbrauchten in den letzten Jahren: "Die Debatte über die Validität der Zahlen ist berechtigt. Aber sie geht am Kern des Missbrauchsberichts vorbei. Dessen zentrale Botschaft ist die 'systemische Verantwortung' der Kirchenführung, die jahrzehntelang dem Schutz der Institution Vorrang gab vor dem Schutz der Opfer, indem sie Verbrechen vertuschte und Verbrecher deckte. Hierin liegt die Verantwortung der Kirche, die wohl niemand so zynisch umschrieb wie Barbarin im Jahr 2016: 'Gott sei Dank sind die meisten Fälle verjährt.'"

Derzeit wird im Vatikan ein Strafprozess verhandelt, in dem der Kurienkardinal Angelo Becciu und neun weitere Angeklagte wegen Veruntreuung, Amtsmissbrauch, Korruption, Erpressung, Geldwäsche und Betrug angeklagt sind. Doch dann hat der Papst seinen Kabinettschef entlassen und Dokumente zurückgehalten. Droht der Prozess zu platzen? Wie auch immer, die Vorgänge zeigen auf jeden Fall, schreibt Rainer Hank in der NZZ, dass der Papst, der gern für die Demokratie eintritt, "einem theokratischen Staat vorsteht, der sich weder zu Rechtsstaatlichkeit noch zu Gewaltenteilung je bekannt hat. Der Papst ist der letzte absolutistische Monarch der Welt. In Analogie zu Viktor Orban in Ungarn, der stolz in einer 'illiberalen Demokratie' regiert, müsste man den Papst als Souverän einer illiberalen Monarchie bezeichnen (England zum Beispiel wäre eine liberal-demokratische Monarchie). Das Grundgesetz des Vatikans, in Kraft seit dem 1. Februar 2001, hält in Artikel 1, Absatz 1 fest: 'Der Papst besitzt als Oberhaupt die Fülle der gesetzgebenden, ausführenden und richterlichen Gewalt.' Die richterliche Gewalt 'wird im Namen des Papstes' ausgeübt, heißt es in Artikel 15. Der grobe Antikapitalismus des gegenwärtigen Papstes ('Diese Wirtschaft tötet') speist sich aus dieser Rechtstradition einer Ablehnung von Aufklärung und Liberalismus."

Neun von zehn befragten Berliner Bildungseinrichtungen sagen nach einer Befragung, dass ihnen das Phänomen "konfrontativer Religionsbekundung" nicht unbekannt sei. Die taz stellte diese Studie gestern als problematisch dar, weil sie im Sinne des Berliner Neutralitätsgesetzes agiere (unser Resümee). Heute befragt Frederik Schindler in der Welt Sprecher der Parteien im Berliner Abgeordnetenhaus: "Die Grünen-Abgeordnete Susanna Kahlefeld, Vorsitzende des Ausschusses für Bürgerschaftliches Engagement und Partizipation im Berliner Abgeordnetenhaus, hält das Projekt für fachlich falsch aufgesetzt: 'Statt Lehrer*innen eine Hilfestellung zu bieten, wenn sich Schüler*innen provozierend verhalten, ist das Ziel einzig und allein, Religion an sich als ein Problem darzustellen.' Zur Befragung an den Neuköllner Schulen möchte sich Kahlefeld nicht äußern, da sie zur 'undifferenzierten' Meinung der Welt passe und 'daher ohnehin nicht sozialwissenschaftlich ernsthaft beurteilt' werde."

Aus der Kirche "austreten" kann man nur in Deutschland, erklärt Tarek Barkouni bei vice.de. Es handelt sich eigentlich nur um die Bekundung gegenüber den Behörden, nicht mehr die vom Staat eingetriebene Kirchensteuer zahlen zu wollen. "Carsten Frerk ist Fachmann für das Thema Kirche bei der humanistischen Giordano-Bruno-Stiftung. Er kritisiert diese Sonderstellung: 'Bei der Taufe geben Eltern eine Absichtserklärung ab. Sozusagen ein 'Vorkaufsrecht' auf das Seelenheil. Das wird aber erst mit der Konfirmation eingelöst.' Wenn man Kirchenrecht ernst nehmen würde, so erklärt er es, müsste jeder, der sich nicht auch konfirmieren lässt und mit 14 Jahren seine Zustimmung gibt, von der Kirche vergessen werden. Das passiert aber nicht. Die Kirchensteuer ist damit quasi eine Abofalle."