9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

835 Presseschau-Absätze - Seite 27 von 84

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.10.2020 - Religion

Die polnischen Bischöfe haben ein 27-seitiges Papier veröffentlicht, in dem sie ihr Verhältnis zu Homosexualität klären, die sie unter bestimmten Bedingungen für "heilbar" halten, berichtet Constantin Huber bei hpd.de: "Laut Weihbischof Jozef Wrobel, der gleichzeitig der Vorsitzende der Bioethik-Expertengruppe zur Konferenz war, können homosexuelle Neigungen überwunden und die Träger dieser im Zuge einer Therapie seelisch gestärkt werden. Auch ein Leben ohne Ehe und in Keuschheit für Homosexuelle müsse ihm zufolge angestrebt werden, da diese in heterosexuellen Partnerschaften nicht glücklich werden können... Die zwei Bedingungen, unter denen Homosexuelle eine Therapie erhalten sollen, sind zum einen die Freiwilligkeit, wonach also der Wunsch dazu bestehen müsse, und zum anderen dürfe die betreffende Person noch keine 'sexuellen Erfahrungen homosexueller Art' gemacht haben." (Nur Borniertheit und Heuchelei, die scheinen absolut unheilbar zu sein.)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.10.2020 - Religion

"1950 gehörten 96,5 Prozent der Bevölkerung in beiden deutschen Staaten der evangelischen oder katholischen Kirche an. Heute sind es 52 Prozent. 272.771 katholische Menschen sind 2019 ausgetreten. Aber kein Bischof ist zurückgetreten", notiert Heribert Prantl in der SZ kopfschüttelnd mit Blick auf den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche: "Die Bischöfe haben nun beschlossen, die Entschädigungszahlungen an die Opfer von bisher lächerlichen 5.000 Euro im Durchschnitt auf bis zu 50.000 Euro anzuheben. Das ist nicht wenig, aber auch nicht sehr viel. Vor allem aber geht das nicht einher mit einem umfassenden, schmerzhaften, radikalen Bekenntnis der Verantwortlichen dazu, welches Unrecht sie den Opfern angetan haben. Dies ist es, was die Opfer in erster Linie wollen. Keinen deutschen Bischof hat das Leid der Opfer so umgetrieben, dass es ihn zum Rücktritt gedrängt hätte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.10.2020 - Religion

Der  Bundestag diskutiert zur Zeit über ein Lobby-Gesetz, das unter anderem ein Lobbyregister für den Bundestag vorsieht. Es wird kritisiert, dass die Lobbyarbeit gegenüber der Regierung dagegen nicht kontrolliert werden soll. Frank Nicolai ist bei hpd.de aber noch ein anderer Passus aufgefallen: "Der Eintragungspflicht unterliegt die Interessenvertretung nicht...im Rahmen der Tätigkeit der Kirchen und sonstigen Religionsgemeinschaften." Auch die NGO Lobbycontrol bestätigte erst auf Nachfrage von hpd.de, dass eigentlich auch sie eine Registrierung der religiösen Lobbyarbeit befürwortet. Nicolai dazu: "Die Rolle der beiden großen christlichen Kirchen als Lobbyisten ist der Öffentlichkeit kaum bekannt. Und das, obwohl ihre Vernetzung so perfekt ist, dass sie sogar von der Autoindustrie beneidet werden. Die katholische und evangelische Kirche betreiben eigene Lobbybüros in allen Landtagen und wie selbstverständlich auch im Bundestag. Sie machen gar keinen Hehl aus dem, was sie tun."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.09.2020 - Religion

In Ghana finden am 7. Dezember Wahlen statt. Eines der Themen wird sein, wie die Politik mit "Hexencamps" umgeht. Ältere Frauen werden oft als  Hexen verfolgt. Gerade erst ging der Fall der Akua Denteh durch die Medien, die  auf einen öffentlichen Platz geschleift, geschlagen, gepeitscht und schließlich verbrannt wurde. Viele alte Frauen können sich dem Aberglauben nur durch Flucht entziehen, berichtet Hella Camargo bei hpd.de: "Unterkunft findet sich für die vermeintlichen Hexen oft nur noch in Witch Camps ('Hexencamps'). Das sind Lager im nördlichen Ghana, in denen die Frauen zunächst einmal vor Verfolgung sicher sind, jedoch die Versorgung mit Nahrung, Wasser, Strom und Obdach unsicher ist. Einmal dort angekommen, gibt es für die der Hexerei Beschuldigten kaum eine Möglichkeit, sich wieder ein Leben außerhalb aufzubauen. Verbindung zu Familie oder Gemeinschaft gibt es kaum noch. Der Makel, der Hexerei beschuldigt worden zu sein, bleibt."
Stichwörter: Aberglaube, Hexenverfolgung, Ghana

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.09.2020 - Religion

Der Iran ist nach offiziellen Statistiken des Landes zu 99 Prozent muslimisch, natürlich vorwiegend schiitisch. Adrian Beck zitiert nun bei hpd.de Zahlen einer niederländischen Forschungsgruppe, die sich ganz anders lesen. Danach geben nur 37 Prozent der Befragten an, sich tatsächlich mit dem Islam zu identifizieren. "Interessant ist besonders der weltanschauliche Werdegang der Iraner:innen: Fast jeder zweite Mensch gibt an, im Laufe des Lebens von der Religion abgefallen zu sein. Dies gilt faszinierenderweise für jede Altersgruppe, jedes Geschlecht, mit Universitätsabschluss und ohne und auf dem Land wie in der Stadt gleichermaßen. Darauf aufbauend zeigen sich massive Veränderungen im Alltag der Iraner:innen: 60 Prozent aller Befragten geben an, die verpflichtenden Tagesgebete nicht durchzuführen. In einer anderen staatlich unterstützen Umfrage dieses Jahres geben gleichfalls 60 Prozent an, während des Ramadan nicht zu fasten... Zum Vergleich: 1975, vor der Islamischen Revolution, gaben über 80 Prozent an, die Fastengebote und den Gebetsimperativ zu beachten." Wir empfehlen folgende Packungsaufschrift: Gottesstaaten schaden der Religion.
Stichwörter: Iran, Ramadan

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.09.2020 - Religion

Der Islam ist eigentlich eine Friedensreligion, die seit Mohammed jedoch von Gotteskriegern, Islamisten und Autokraten missbraucht wird. So lautet im wesentlichen die These des Islamwissenschafters Mouhanad Khorchide, die er in seinem Buch "Gottes falsche Anwälte. Der Verrat am Islam" ausführt. Das ist Geschichtsklitterung, entgegnet ihm heute in der NZZ der Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi. Auch die frühe Geschichte des Islam sei voller Gewalttaten, wie die Ermordung und Versklavung der Juden von Medina zeige: "Die politische Rolle des Propheten abzustreiten und ihn zum falsch verstandenen Friedensengel zu stilisieren, löst keine Probleme, sondern macht Khorchides Thesen angreifbar. Stattdessen müsste eine muslimische Erinnerungskultur sowohl die Ambiguität des Wirkens des Propheten als auch die im Koran angelegte Ambiguität seines offenbarten Islams zwischen ethisch-moralischen Lehren und politischem Wirken ernst nehmen und für eine Reform des Islams nutzbar machen. Eine solche Erinnerungskultur erlaubte allen Muslimen, Anteil an den Schicksalen der im Namen des Islams vertriebenen und hingerichteten Opfer der damaligen Zeit zu nehmen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.08.2020 - Religion

Die tunesische Bloggerin Emna Chargui hatte eine Aufforderung, die Hyieneregeln für Corona einzuhalten, im Stil einer Koransure präsentiert. Das reichte, um ihr den Blsaphemievorwurf einzubringen und sie aus Tunesien zu vertreiben - vorerst hat sie in Deutschland Zuflucht gesucht, während sie in den sozialen Medien unter dem Hashtag #freeemnachargui verteidigt wird, berichtet Hella Camargo in hpd.de: "Obwohl Tunesien - islamistischen Strömungen zum Trotz, die eine solche einfordern - keine Anti-Blasphemie-Gesetzgebung hat, können Menschen wegen Störung der öffentlichen Ruhe oder der öffentlichen Moral, dem Aufruf zum Hass zwischen Religionen, der absichtlichen Störung des Anstandes einer Person oder die Verletzung und Beleidigung in öffentlichen Kommunikationsnetzwerken verurteilt werden. Immer wieder werden diese Möglichkeiten genutzt, um Menschen wegen vermeintlicher Blasphemie zu verurteilen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.07.2020 - Religion

Letzte Woche veröffentlichte die Glaubenskongregation der katholischen Kirche einen Leitfaden zum Thema Kindesmissbrauch. Gisa Bodenstein stellt bei hpd.de zwar einige Fortschritte auch beim Thema Kooperation mit staatlicher Justiz fest. Aber immer noch halte die Kirche am alten Schema fest: "Schon ein Satz ganz zu Beginn offenbart einen Grundsatzfehler katholischen Denkens, der trotz einer langen Geschichte von Erklärungsversuchen immer noch da ist: Die Rede ist vom Selbstverständnis, dass 'jedes dieser Delikte für die ganze Kirche eine tiefe und schmerzhafte Wunde' darstelle, 'die der Heilung bedarf'. Nach wie besteht hier also eine völlig deplatzierte Haltung darüber, wer der Geschädigte von Missbrauch ist. Ohne es zu merken, offenbart die Gemeinschaft der alten Herren einmal mehr, dass eben nicht, wie VaticanNews schreibt, der Opferschutz der 'zentrale Punkt' ist, sondern die Schadensbegrenzung an der Täterorganisation."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.07.2020 - Religion

"Abschied in dieser Welt": Auch mit solchen Schlagzeilen unterstreicht Giovanni Di Lorenzo, dass die Zeit heute die führende katholische Wochenzeitung ist. Zum Tod Georg Ratzingers setzte das Blatt dieses Tweet ab:

Schon letzte Woche durfte die Zeit die letzte Reise des Co-Papstes zu seinem Bruder begleiten, und Andreas Öhler schrieb: "Mit seiner Reise erweckte Joseph Ratzinger das Bibelwort 'Ich war krank, und ihr habt mich besucht' zu neuem Leben. Was für ein Vorbild geschwisterlicher Liebe in Zeiten von Corona, Hass und Gewalt."

Im Aufmacher des SZ-Feuilletons schreibt Rudolf Neumaier einen Nachruf auf Georg Ratzinger, der vor allem in den letzten Lebensjahre darunter litt, nur noch als Papstbruder wahrgenommen zu werden - und den die Chorknaben in dessen Zeit als Domkapellmeister zunächst als "gutmütigen Onkel" wahrnahmen: "Allerdings nur in der Freizeit. In den Chorproben sah das anders aus. Der Chorsaal mit der Raumnummer 800 war berüchtigt als Zuchthalle: Wenn er die Fassung verlor, büßte er seinen Anstand ein - aus dem netten älteren Herrn wurde ein wütender, schreiender, klavierdeckeldreschender Diktator. Leider verlor er die Fassung nicht selten. Bis in die späten Siebzigerjahre, solange es gesetzlich erlaubt war, verteilte er auch Ohrfeigen. Dass Buben im Domspatzen-Internat zu Beginn der Siebziger sexuell missbraucht wurden, will er nicht mitbekommen haben. Das beteuerte er bis zum Schluss, aber kaum einer glaubte ihm das."

540.000 Katholiken und Protestanten traten 2019 aus ihren Glaubensgemeinschaften aus, weiß Malte Lehming im Tagesspiegel. Und dann werde in Folge der Coronakrise für dieses Jahr auch noch "ein drastischer Einbruch bei der Kirchensteuer erwartet", seufzt er und fordert "Traditionsentschlackung" und Stärkung der Ökumene: "In einer zusammenwachsenden Welt sind Christen nicht nur dazu aufgerufen, einander Heimat zu bieten, sondern auch den Gläubigen anderer Religionen. Die Expansion areligiöser Milieus muss religiöse Menschen über konfessionelle Grenzen hinweg verbinden. Wer steht einem frommen Christen näher - ein gläubiger Muslim oder ein atheistischer Deutscher? Mit wem teilt er eine Erfahrungswelt?"

Heute entscheidet ein türkisches Gericht über die Zulassung einer Petition, die die Hagia Sophia wieder von einem Museum in eine Moschee umwidmen will, berichtet Ayla Jean Yackley  in politico.eu: Bis vor einem Jahrzehnt kamen solche Aufforderungen "nur von den Rändern. Doch in den letzten Jahren haben sie an Kraft gewonnen, da die Faszination für die osmanische Vergangenheit der Türkei wuchs, ermutigt durch die islamistisch geprägte Regierung von Erdogan, die viel von der streng säkularen Politik Atatürks zurückgenommen hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.06.2020 - Religion

Die Zeit hat einen Artikel von Ulrich Ladurner online nachgereicht, der die weltweit wachsende Verfolgung von Christen zum Thema hat: "'80 Prozent aller religiös motivierten Gewalt richtet sich gegen Christen', schreibt der Bischof von Truro in England, Philip Mounstephen, in einer 2019 veröffentlichten Untersuchung zur weltweiten Verfolgung von Christen. Die Untersuchung hat eine Institution in Auftrag gegeben, die nicht gerade des religiösen Radikalismus verdächtigt werden kann: das britische Außenministerium. ... Bischof Mounstephen unterstrich bei der Vorstellung des Untersuchungsberichtes, dass es ihm nicht darum gegangen sei, Christen als Art bevorzugte Opfer hervorzuheben und andere zu vergessen. Vielmehr wolle er die Verletzung eines fundamentalen Menschenrechtes aufzeigen: das Recht, zu glauben oder eben nicht zu glauben. Und es ist nun einmal so, dass dieses Recht im besonderen Maße Christen genommen wird."