Etwa ein Fünftel der Bevölkerung in den USA gehört der katholischen Kirche an, hält Benjamin Dahlke, Professor für Dogmatik an der Katholischen Universität Eichstätt, in der FAZ fest. Im Gegensatz zu Deutschland habe der Katholizismus in den USA Aufwind, was unter anderem daran liege, dass die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche in den USA besser aufgeklärt worden seien. Allerdings stimmte auch die Mehrheit der Katholiken für Donald Trump: "Bei den letzten Präsidentschaftswahlen votierten 56 Prozent aller stimmberechtigten Katholiken für Trump. Bei den Nachfahren europäischer Einwanderer waren es sogar über 60 Prozent." Verantwortlich dafür, so Dahlke, "ist die tiefgreifende Neuordnung des politischen Systems der USA infolge der sogenannten Culture Wars. Auseinandersetzungen über symbol- und lebensstilpolitische Fragen haben zu einer Polarisierung der amerikanischen Gesellschaft geführt."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Amerika war stets auf der Suche nach dem neuesten religiösen Wahn - von den Mormonen über Scientology bis hin zum Transhumanismus - nun fällt auf, dass eine Menge Politiker aus dem Umfeld Donald Trumps einen verkitschten Neokatholizismus aufsetzen, bis hin zu einem Kreuz aus Asche, das sich der Außenminister Marco Rubio zum Aschermittwoch auf die Stirn malte. Religiöse Begründungen wurden in der amerikanische Politik immer mal wieder bemüht, so der RechtsprofessorJannis Lennartz in der FAZ: "Was ist wirklich neu? Dass eben nicht nur o tempora, o mores gerufen und über Sittenverfall geklagt wird, sondern positive Ziele von Sexualmoral bis Architektur formuliert werden. Und dass man für deren Umsetzung ins Risiko geht: Statt sich weiter gut in der eigenen Parzelle der Freiheitsrechte einzurichten, wird für einen Rückbau dieser Rechte geworben, um das Gemeinwohl, wie man es sieht, zu verwirklichen. Ironischerweise sind es Rechte, ob deren Missachtung J. D. Vance den europäischen Regierungen auf der Münchener Sicherheitskonferenz die Leviten las." Immer mal wieder sei auf Kurt Andersens Buch "Fantasyland - How America Went Haywire" hingewiesen, das eine Archäologie der oft religiös begründeten Unschärfe von Wahr und Falsch in Amerika bietet (unsere Resümees). Lennartz fühlt sich übrigens eher an die deutsche Christdemokratie der frühen Bundesrepublik erinnert.
Friedrich Merz ist gläubiger Katholik, auch wenn er zum Glück damit nicht paradieren geht. Ralf Nestmeyer fragt dennoch in hpd.de, inwieweit das den Kanzler in spe beeinflusst: "In Abtreibungsfragen vertrat Merz stets eine klare konservative Position: 1995 stimmte er gegen den heute geltenden Kompromiss und plädierte für strengere Regelungen, 2001 lehnte er zudem die Präimplantationsdiagnostik ab. Im Rahmen der Debatte um die Neuregelung von Schwangerschaftsabbrüchen signalisierte Merz im November 2024 erst seine Dialogbereitschaft ('Natürlich kann man sich nach so vielen Jahren noch einmal neu mit dem Thema beschäftigen'), um dann aber den Antrag als 'Affront' zu bezeichnen, da das Thema das Land polarisiere - das klingt nicht so, als würde er das Ende der so notwendigen wie überfälligen Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen in die Wege leiten."
Der Umgang mit dem Islamismus ist "naiv", ruft die Wiener PublizistinSara Rukaj (NZZ) nicht nur Politikern in Deutschland zu, die nach wie vor Bündnisse finanziell unterstützen, die einen "fundamentalistischen Islam" verbreiten. Rukaj fragt auch: "Warum kommen zu einer Demonstration gegen den Terror nur wenige hundert statt der angekündigten zehntausend Muslime? Wie viele Gewaltverbrechen müssen zusammenkommen, damit ein Muster erkannt wird? (...) Man liest vom weltweiten Vormarsch eines fundamentalistischen Islam, der aus arabischen Staaten mit Petrodollars finanziert wird, hört von Politikern in Indonesien, die wegen behaupteter Blasphemie im Gefängnis sitzen, von Homosexuellen, die in sieben islamischen Staaten mit dem Tod bestraft werden, von Regimekritikern, die der islamische Staat Iran erhängen lässt und die anders als Alexei Nawalny nicht auf die Solidarität europäischer Regierungen hoffen dürfen. Man erfährt von niedergebrannten Schulen und Kirchen in Niger, Tschad oder im Sudan, von Hunderttausenden Mauretaniern, die noch heute in arabischer Sklaverei leben, weil Allah das angeblich so will. Gleichzeitig wird entgegen jeder Empirie das Märchen erzählt, dass die gesamte westliche Welt von einem tiefsitzenden, blinden Hass auf den Islam besessen sei. Wenn das so wäre: Warum suchen dann Millionen Migranten aus islamischen Staaten in Europa Schutz?"
"Braucht unsere Demokratie Kirchen, von denen dasselbe zu hören ist wie von der Politik?", fragt sich die Philosophin Olivia Mitscherlich-Schönherr in der FR mit Blick auf einen Richtungsstreit innerhalb der katholischen Kirche über die Positionierung zum Zustrombegrenzungsgesetz. Die Philosophin rät den Kirchen zur Foucault-Lektüre zur intellektuellen Orientierung: "Philosophie habe die Wahrheit zu sagen 'nicht über die Macht, sondern in Bezug auf die Macht, in Beziehung zu ihr, in einer Art von Gegenüber oder Überkreuzung mit ihr'. Dies gilt in der Gegenwart auch für die Kirchen. Gemeint ist: Kirchen und Philosophie bilden Lebensformen, in denen es um Wahrheit geht. In ihrem Wahrheitsbezug bilden sie Gegenöffentlichkeiten zur politischen Sphäre der Macht."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Bereits 2023 erschien das Buch "Im Bann des Nationalsozialismus", in dem der HistorikerManfred Gailus die Verbindungen zwischen Protestantismus und Nationalsozialismus untersuchte. Der "hybride Antisemitismus" des Nationalprotestantismus kombinierte in der Weimarer Epoche "theologischen Antijudaismus mit Versatzstücken eines politisch-kulturellen Antisemitismus, zugleich mischte sich völkische Ideologie in ihre Rede über 'die Juden'", erinnert er heute im Tagesspiegel: "Mit Hitlers Machtübernahme und dem Vormarsch der Glaubensbewegung Deutsche Christen (DC) radikalisierte sich der protestantische Antisemitismus in gravierender Weise. (…) Wo die deutschen Christen vorherrschten wie in Berlin, tilgten sie jüdische Spuren in Theologie, Liturgie und Liedgut. 'Nichtarische' Pfarrer wurden verdrängt. Kirchenlieder waren umzuschreiben, künftig sollte kein 'Zion' und kein 'Hosianna' in der deutschen Kirche zu hören sein."
Bestellen Sie bei eichendorff21!In der Welt fordert Eren Güvercin mehr Reformbereitschaft bei muslimischen Verbänden wie Ditib, IGMG oder dem Zentralrat der Muslime, die sich nach dem 7. Oktober nur mit viel Widerwillen vom Terror der Hamas distanzierten und, im Falle von Ditib, stark von der Türkei beeinflusst sind. Er hat zum Thema kürzlich ein Buch veröffentlicht: "Solange sich Ditib und Co einem Wandel verweigern und ein Instrument ausländischer Diaspora-Politik bleiben wollen, so lange sollte man sie auch als das behandeln, was sie sind, nämlich als politische Interessenvertretung eines anderen Staates. Wenn muslimische Identität in Deutschland in der Vorstellung etwa der Ditib die Bewahrung von Fremdheit und die Aufrechterhaltung ausländischen Einflusses sein soll, dann geht es hier um Repräsentanten einer ausländischen Religionspolitik." Andererseits müsse "aber auch der deutsche Staat mit seiner Religionspolitik muslimisches Leben gemeinsam mit Muslimen gestalten und nicht nur verwalten. Die Religionspolitik der letzten Jahre hat dies anderen Staaten und ihren Einfluss-Agenturen in Deutschland wie Ditib überlassen. Es kann nicht sein, dass das muslimische Leben hierzulande 2025 immer noch vom türkischen Staat kontrolliert und gestaltet wird."
Geschieht in Deutschland ein Terrorattentat oder eine Naturkatastrophe, kann man sich sicher sein, dass sich am nächsten Tag die politische Elite in einem ökumenischen Gottesdienst trifft. Besonders grotesk ist das, wenn ein Attentat aus religiösen Motiven geschah. Warum reflektiert eigentlich niemand in Deutschland diesen Automatismus - und das in einem Moment, in dem die Kirchen kaum noch Bindekraft haben, fragt Ralf Nestmeyer bei hpd.de: "Ein Blick nach Frankreich zeigt, dass es auch anders geht: Nach den Anschlägen von Paris rund um die Konzerthalle Bataclan (2015) oder nach dem Attentat am Nationalfeiertag auf der Promenade des Anglais in Nizza (2016) wählte man bewusst säkulare Gedenkformen. In Nizza fand die offizielle Trauerfeier nicht in der Cathédrale Sainte-Réparate, sondern unter freiem Himmel vor mehreren Tausenden von Menschen direkt an der Promenade des Anglais statt. In Paris leitete der damalige Staatspräsident François Hollande die Cérémonie d'Hommage im Hof des Invalidendoms. Der 'Dôme des Invalides' beherbergt trotz seines Namens nicht nur die Grabstätte Napoléons, sondern es ist ein säkularer Ort, an dem Frankreich normalerweise seine gefallenen Soldaten ehrt."
Abbé Pierre, Gründer der Emmaus-Gemeinschaft, galt in Frankreich fast als Nationalheiliger, obwohl innerhalb der Katholischen Kirche immer bekannt war, dass der als Henri Grouès geborene Abbé sexbesessen war. (Unsere Resümees). Nach zahlreichen neuen Berichten von Opfern zieht der Missbrauchsskandal immer weitere Kreise, berichtet Marc Zitzmann in der FAZ: "Nach den Enthüllungen der letzten Monate hat die Fondation Abbé Pierre jetzt eine Namensänderung angekündigt. Porträts und Statuen im öffentlichen Raum werden entfernt, Schulen, Parks und Mehrzweckhallen umbenannt. Viele stellen die Frage: Wer wusste was wann - und hat auf welche Art und Weise reagiert? Wie sich herausstellt, wussten viele vieles. Aber was Einzelnen, auch vielen Einzelnen bekannt ist, dringt darum nicht zwangsläufig ins allgemeine Bewusstsein." Papst Franziskus konzedierte, "der Vatikan habe spätestens seit dem Tod des Abbés 2007 von dessen Übergriffen gewusst, schob aber wie jeder Chef eines Weltkonzerns, dessen vergangene Verfehlungen auffliegen, die Verantwortung von sich: 'Ich war damals nicht im Amt; und es ist mir nicht eingefallen, mich in dieser Sache kundig zu machen.'"
Im Tagesspiegel spricht Jens Tartler mit der forensischen PsychiaterinNahlah Saimeh über das Böse. Als einen der Rahmen, innerhalb derer das Böse für sie möglich ist, benennt sie Religion: "Zunächst möchte ich zwischen Spiritualität und Religion unterscheiden. Auf der spirituellen Ebene kommen letztlich alle Religionen zum gleichen Ergebnis. Wenn aber die Dogmatik die Oberhand gewinnt, wird ein Alleingültigkeitsanspruch erhoben. Religionen sind doch unterschiedliche Tore zu ein und derselben letzten Wirklichkeit, über die wir Menschen in aller Regel im Leben nichts wissen. Die Radikalisierung hat den Vorteil, dass sie Eindeutigkeit vermittelt. Alle fanatischen Ideologien vermitteln moralische Überlegenheit und dem Verunsicherten durch die Rigidität Orientierung. Aus diesem Absolutheitsanspruch erwächst wiederum die moralische Pflicht, Andersgläubige zu töten oder - denken Sie an glaubensfeindliche Staatsformen - überhaupt Gläubige zu verfolgen. Das Grundschema ist immer das gleiche."
Der Soziologe Stefan Kühl, selbst mit der Evangelischen Kirche verbunden, plädiert in der taz für eine Abschaffung des Religionsunterrichts an deutschen Schulen, der in Deutschland bisher von den Kirchen organisiert, aber vom Staat üppig bezahlt wird (es gibt an den Unis mehr als doppelt so viel Theologen als Philosophen). Gebracht hat der verfassungsrechtlich verankerte Status aber nichts: "Die Frage ist, ob sich die Kirchen mit dem verpflichtenden Religionsunterricht einen Gefallen tun. Es müsste untersucht werden, ob jemals ein Schulkind durch einen in ein 45-Minuten-Korsett gezwängten Pflichtunterricht mit anschließender Leistungsbenotung zu Gott gefunden hat."
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