9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.12.2016 - Religion

Ist die muslimische Demokratie Indonesien wegen einer immer stärkeren Radikalisierung des Islams gefährdet? Gerade wird dem christlichen chinesischstämmigen Gouverneur von Djakarta, Ahok, ein Blasphemieprozess gemacht. Ahok wird auch für gemäßigte Muslime im Land zu einer Identifikationsfigur, schreibt Marco Stahlhut in der FAZ: "Tatsächlich wird Ahok nicht nur von fortschrittlich gesinnten Künstlern und Intellektuellen, von Frauenrechtsverbänden und der überwältigenden Mehrheit von Angehörigen religiöser Minderheiten - neben Christen auch Hindus und Buddhisten - unterstützt, sondern von allen, die Angst vor einem endgültigen Sieg des konservativen und radikalen Islams im Land haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.12.2016 - Religion

Da kritisiert eine Autorin in der taz mal die katholische Kirche, und was kritisiert sie? Dass Frauen nicht Priesterinnen werden dürfen, als sei es das dringendste Problem, die Kirche personell zu verstärken. Den Zustand in Deutschland aber beschreibt sie korrekt: "Den Islam drängt man, endlich Kirche im deutsch-rechtlichen Sinne zu werden, während der Katholizismus immer weniger Kirche ist. Eher ein Unternehmen: 650.000 Angestellte, daneben eine schmale Riege von 14.000 Priesterlein. Und die Basis, respektive Kunden, eilen davon: jährlich 100.000 Austritte, in jüngster Zeit noch weitaus mehr."

Durch die Debatten um Kopftuch und Gebetsräume an Schulen und Universitäten im Islam ist die Frage von Staat und Religion neu gestellt, schreibt Udo Di Fabio auf den politischen Seiten der FAZ. Er plädiert aber gegen die Idee des Laizismus, die dem Staat strikte Neutralität auferlegt, denn in der deutschen Tradition, die die Gesellschaft als Kondominium von Staat und Kirche ansieht, ist der Staat "wohlwollend neutral". Di Fabios Lösung, etwa bei der Frage ob Richterinnen Kopftuch tragen dürfen: "Hilfreich ist die Fähigkeit zur Differenzierung: zwischen Vertretern des Staates und dem Publikum, zwischen religiösen Symbolen und kulturellen Kampfansagen wie der Vollverschleierung." Aber schon ein Kopftuch wäre Di Fabio bei einer Richterin zuviel: "Ist es zu viel verlangt, dass eine Muslimin, die als Richterin diese voraussetzungsvolle Rechtsordnung repräsentiert, im Gerichtssaal ihrerseits ein Zeichen der Neutralität gibt?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.12.2016 - Religion

In der NZZ widerspricht der Publizist Gerhard Schwarz Papst Franziskus und erklärt, warum man ein Kapitalist und trotzdem ein guter Christ sein kann.
Stichwörter: Papst Franziskus, Franziskus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.12.2016 - Religion

Oh Gott, nun auch noch dies: "Der interreligiöse Dialog ist in Schieflage", meldet Thomas Thiel in der FAZ: "Das Christentum hat sich von der Wahrheit verabschiedet, die der Islam mit Leidenschaft vertritt. Nur die Reflexion auf das wissenschaftliche Weltbild kann die Spaltung überwinden."

In der NZZ gratuliert Otto Kallscheuer dem Papst zum Achtzigsten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.11.2016 - Religion

Der Oxforder Kirchenhistoriker Diarmaid MacCulloch pocht im Gespräch mit Hansjörg Müller von der Basler Zeitung auf den von den Deutschen leicht unterschlagenen Beitrag der Schweiz zur Idee der Reformation: "Das Volk entschied selbst über seine religiöse Identität. Das ist das Geschenk der Schweizer Reformation an die Kultur des Westens, denn der englische und der amerikanische Protestantismus sind in ihrem Charakter größtenteils reformiert. Die lutherische Reformation wurde dagegen sehr bald von den Fürsten abhängig. Ein Fürst oder ein Stadtrat entschied, die Reformation verlief also von oben nach unten. Luther hatte sich schon sehr bald von der Idee abgewandt, dass die Reformation vom Volk ausgehen sollte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.11.2016 - Religion

Dass die deutschen Bischöfe Reinhard Kardinal Marx und Heinrich Bedford-Strohm auf dem Jerusalemer Tempelberg ihr Kreuz ablegten, war ein ungutes Signal, kritisiert der Wiener Theologe Jan-Heiner Tück in der NZZ: "Wie stellt sich die bischöfliche Geste aus der Sicht orientalischer Christen dar? Diese bitten immer wieder um Unterstützung aus dem Westen, um im Irak, in Syrien und anderen islamischen Staaten ihren bedrohten Glauben leben zu können. Das Ablegen des Kreuzes - muss es ihnen nicht als trauriger Akt einer Selbstabdankung erschienen sein? Und der nachträgliche Hinweis auf den 'Respekt vor den Gastgebern' - reicht er aus, um in den Augen christlicher Märtyrerfamilien bestehen zu können? Es bleibt ein Unbehagen. Es fehlt etwas. Sichtbar."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.11.2016 - Religion

Protestantische Funktionäre lügen sich im Lutherjahr was in die Tasche, wenn sie einfach nur Luthers judenfeindliche Texte kritisieren - der Protestantismus führte auf anderen Wegen auch ins völkische Denken, meint Klaus Holz von der Evangelischen Akademie in Deutschland in der Zeit: "In der Formierung und Formulierung dessen, was deutsch sei, war der Protestantismus eine Avantgarde. Nicht Luthers Antijudaismus hat die Deutschen in den Antisemitismus geführt, sondern das Selbstverständnis und der politische Gestaltungsanspruch des Protestantismus, die deutsche Religion zu sein."

Außerdem: Ebenfalls in der Zeit fürchtet der Staatsrechtler Wolfgang Bock, dass durch Verbot einen Salafistenvereins der Salafismus noch nicht abgeschafft ist.

Ja, das Kopftuch kann für manche Frauen auch eine wirkliche Befreiung sein, berichtet Clarence Rodriguez in huffpo.fr: "Frauen in Riad scheinen entschlossen, gewisse Prinzipien fallen zu lassen - allen voran den Niqab, Hauptsymbol belastender Tradition... Die lokale Presse zögert nicht mehr, über ein in den letzten Jahren mehrfach beobachtetes Phänomen zu berichten. Saudische Frauen bewegen sich in der Hauptstadt ohne ihr Gesicht mit dem Niqab zu verschleiern, der von vielen als nicht verpflichtendes Gebot des Islams angesehen wird. Immer häufiger greifen junge Frauen zum islamischen Kopftuch und lassen manchmal gar den Haaransatz sehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.11.2016 - Religion

Die Katholische Kirche hat sich mehr als zwanzig Jahre nach den Ereignissen für die Beteiligung katholischer Priester am Genozid in Ruanda entschuldigt, schreibt Dominic Johnson in der taz:"Ruanda war während der Kolonialzeit das katholischste Land Afrikas geworden. Katholische Missionare lehrten, dass die vorkoloniale Herrscherschicht der Tutsi ein fremdes Eroberervolk sei und die Hutu-Bauernmehrheit das eigentliche ruandische Volk. Dies wurde zur Staatsideologie Ruandas, als es 1962 unter Führung ehemaliger katholischer Hutu-Seminaristen unabhängig wurde... Katholische Kirchen waren 1994 Massakerorte. Zu Zehntausenden suchten Tutsi damals Schutz in Kirchen. Viele Geistliche luden dann Armee und Hutu-Milizen ein, sie umzubringen." In hundert Tagen sind 1994 800.000 Tutsi umgebracht worden.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.11.2016 - Religion

Die Kritik, die Kardinal Reinhard Marx und Bischof Heinrich Bedford-Strohm entgegenschlägt, weil sie auf dem Tempelberg "aus Höflichkeit gegenüber ihren muslimischen Gastgebern" ihre Kreuze abgelegt haben, hat "Salafistenniveau", meint in der Welt Lucas Wiegelmann. Dient alles dem Frieden. "Der Tempelberg wird von der muslimischen Religionsstiftung Waqf verwaltet. Nichtmuslimen ist der Zugang nur durch ein bestimmtes Tor und zu bestimmten Zeiten möglich. Auf dem Areal zu beten, ist ihnen verboten. Juden werden teilweise offen beschimpft, wenn sie sich auf dem Berg sehen lassen. Diese muslimische Intoleranz im Großen spiegelt sich in der Intoleranz im Kleinen, die deutschen Bischöfe um das Entfernen ihrer Kreuze zu bitten. Keine Frage: Es wäre schöner gewesen, wenn die Waqf auf ihren wenig gastfreundlichen Wunsch verzichtet hätte. Aber die Waqf ist nun einmal, wie sie ist." Und deshalb müsse man es schon als Erfolg werten, dass sie die beiden Christen überhaupt durch den Felsendom führte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.11.2016 - Religion

Nadia Marzouki und Duncan McDonell analysieren für Libération das religiöse Element im Rechtspopulismus Trumps und europäischer Kandidaten, der immer nach dem gleichen Muster funktioniert: "Die Religion der Populisten ist keine Sache des Glaubens oder der Werte, sondern ein identitäres Unterscheidungsmerkmal, das zwischen jenen, die einbezogen sind und jenen, die aus der politischen Community auszuschließen wären, trennt. Darum stimmen die Rechts-Evangelikalen für Trump, auch wenn sein Lebensstil nichts Religiöses hat. Man muss diese Unterstützung im Kontext einer Zuspitzung verstehen, in der das Votum für eine Partei eher einer Logik tribaler Zugehörigkeit als einer vernünftigen Entscheidung folgt." Die beiden Autoren haben zusammen mit Olivier Roy ein Buch zum Thema publiziert.