9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

835 Presseschau-Absätze - Seite 57 von 84

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.11.2016 - Religion

In der NZZ beteuert der katholische Theologe Jan Heiner Tück, dass der Vatikan in Luther keinen Ketzer mehr sieht und beobachtet nach einer längeren Frostperiode den jetzigen Papst wieder einen Schritt auf die Protestanten zugehen: "Franziskus sieht in der konfessionellen Vielgestaltigkeit de facto eine Bereicherung, das hat er in vielen ökumenischen Begegnungen glaubhaft versichert. Ob er damit allerdings den Vorstoß Cullmanns auch theologisch unterschreibt und die konfessionelle Pluralisierung des Christentums grundsätzlich gutheißt, ist eine offene Frage."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.10.2016 - Religion

Nun werden wir ein Jahr lang mit Luther behelligt. Auf Seite 1 der FAZ kritisiert Reinhard Bingener, dass die Organisatoren des Lutherjahrs dem Reformator alle Kanten weggeschliffen haben: "Die Organisatoren 2017 klammern sich deshalb eisern an ihr heimliches Veranstaltungsmotto 'Versöhnen statt spalten'. Für Johannes Rau mag das einst ein trefflicher Wahlspruch gewesen sein, doch auf Martin Luther passt er nicht. Denn der Reformator war ein leidenschaftlicher Spalter. Nicht nur, dass er im Ergebnis die Christenheit gespalten hat. Das Spalten, Trennen und Unterscheiden war Luthers Weg, sich die Welt anzueignen und trotz aller Rätsel und Abgründe in ihr zurechtzukommen." Auch Jürgen kaube fürchtet im Feuilleton, dass Luther2017 "fürs 'Liebsein' in Dienst genommen" werde.

Ebenfalls in der FAZ feiert der Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann Luther "als einen virtuosen Publizisten, einen 'printing native', einen Propagandisten und Agitator, der die Möglichkeiten der relativ jungen Technik des Buchdrucks auf berechnende und auch revolutionäre Weise im Sinne seiner theologischen Anliegen zu nutzen wusste. "

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.10.2016 - Religion

In der FAZ fürchtet Christian Geyer wieder um die theologische Zuverlässigkeit von Papst Franziskus, der mit seinen moderneren Auffassung der Ehe "die katholische Sakramentenordnung" mit "pastoralem Federstrich" auszuhebeln drohe. Holger Christmann berichtet ebenfalls in der FAZ, wie sich der Streit um den Jerusalemer Tempelberg in der Unesco wieder einmal zuspitzt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.10.2016 - Religion

Thomas de Maizière und Wolfgang Schäuble haben vor kurzem in feierlichen Worten die Zusammenarbeit mit der Deutschen Islamkonferenz gelobt.  Henry Mattheß vom Humanistischen Pressedienst liest die DIK-Handreichung für Schule und Elternhaus zum Punkt Schwimmunterricht und ist skeptischer: "Die DIK empfiehlt.., den von Schulreformern des 20. Jh. erkämpften gemischtgeschlechtlichen Unterricht durch 'geschickte Organisation in geschlechtshomogene(n) Übungsgruppen … getrennt nach Mädchen und Jungen' aufzuheben. Sollte dies aus 'organisatorischen Gründen' nicht möglich sein, 'haben muslimische Schülerinnen einen Anspruch auf Befreiung von der Teilnahme am koedukativen Sport- bzw. Schwimmunterricht, wenn sie einen objektiv nachvollziehbaren Gewissenskonflikt glaubhaft darlegen können.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.10.2016 - Religion

Lamya Kaddor hat an die hundert Strafanzeigen gegen Autoren von Hassmails gestellt, berichtet Matthias Drobinski in der SZ. Die Angriffe gegen sie bringt sie (oder Drobinski) aber auch gleich mit ihren Diskursgegnerinnen in Bezug: "Es sei, als würden die Trolle im Netz all die Identitätsfragen wittern, mit denen sich gerade die muslimischen Frauen herumschlagen müssen, die ein freies Leben führen wollen, ohne ihre Wurzeln abzuschneiden. Als provozierten sie die Islamfeinde stärker als alle Islamisten zusammen: 'Die passen ins Klischee - ich passe nicht', sagt sie. Es passen diejenigen Ex-Muslime, die sich von ihrer Religion distanzieren, wie die Autorin Necla Kelek; es passen, als Feindbild, die Salafisten." Und Necla Kelek ist keine muslimische Frau, die ein freies Leben führen will?

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.10.2016 - Religion


Denkmal Giordano Brunos auf dem Campo dei Fiori in Rom. Auf dem Platz packen gerade die Markthändler ein.

In einem Essay zu Ehren des katholischen Aufklärers und Ketzer Giordano Bruno erinnert Benjamin Korn im Tagesspiegel daran, dass Italien einmal fast so weit war, den Vatikan aus Italien zu vertreiben. So stark waren die aufklärerischen Kräfte, dass sie gegen den erbitterten Widerstand der Kirche 1889 ein Bruno-Denkmal auf dem Campo dei Fiori in Rom errichteten: "Die Konfrontation, in der die Existenz der Kirche und die Zukunft Italiens auf der Kippe stehen, ist von unvorstellbarer verbaler Brutalität. Weltberühmte Dichter, Walt Whitman, Henrik Ibsen, Viktor Hugo werfen sich für das Projekt in die Schanze. Giuseppe Garibaldi, der die Einigung Italiens vorantreibt, nennt das Papsttum 'ein Krebsgeschwür, das man aus Italien herausreißen muss', und unterstützt mit einer symbolischen Geldspende die Denkmals-Idee... Aus dem Schiff ist heute eine unscheinbare Nussschale geworden. ... Die Mächte der Aufklärung haben verloren, die des Glaubens auf ganzer Linie gesiegt. Staatschef Renzi macht mit seiner Frau, die er bei den katholischen Pfadfindern kennenlernte, dem 'Heiligen Vater' regelmäßig seine Aufwartung, und der von Mussolini und dem Vatikan 1929 unterschriebene Lateran-Vertrag, der den Katholizismus als Staatsreligion einsetzte - samt obligatorischem Religionsunterricht und Kruzifix in allen Schulen -, ist heute wirksamer denn je."

Die "liberalen Muslime" in Deutschland um Lamya Kaddor einerseits und Abdel-Hakim Ourghi andererseits zerfleischen sich gegenseitig, und den Zugang zu den konservativen Muslimen haben sie sich ohnehin verbaut, glaubt der Islamwissenschaftler Muhammad Sameer Murtaza in der FR. Eine Reform des Islam könne nur von "ernsthaften" Gelehrten (wie ihm selbst?) in Angriff genommen werden: "Muslimische Gelehrte müssen analysieren, wie und weshalb extreme Auslegungen entstehen, und präventive Maßnahmen ergreifen, wie dies in Zukunft zu verhindern ist. Hierzu gehören die Herausbildung eines kritischen Bewusstseins im Umgang mit religiösen Texten, aber auch realistische Erneuerungsvorschläge, die von der Breite der Muslime mitgetragen werden. Vor allem müssen die muslimischen Martin Luthers lernen, einen Weg zu finden, anständig mit der muslimischen Community zu reden und nicht nur über sie."

Karen Krüger verteidigt in der FAZ am Sonntag die Religionspädagogin Lamya Kaddor, die sich wegen Morddrohungen vom Schuldienst zurückgezogen  hat und neulich in Zeit online (hier) und im Kölner Stadtanzeiger (hier) Autoren wie Henryk Broder, aber auch Karen Krügers FAZ-Kollegin Regina Mönch attackiert hatte - mit dem Argument, dass die Artikel dieser Autoren die Autoren von Hassmails gegen sie inspiriert hätten. Diese Attacken seien vielleicht überzogen, aber Kaddor vertrete einen liberalen Islam, so Krüger: "Sie hat 2010 den 'Liberal-islamischen Bund' gegründet, der sich, in bewusster Abgrenzung zu den islamischen Verbänden, als eine Vertretung von deutschen Muslimen und nicht von Muslimen in Deutschland versteht. Er tritt ein für ein offenes und progressives Islamverständnis. Nicht in dem Sinn, dass er die Grundpfeiler des Islams umwerfen möchte, sondern indem er sich um ein zeitgemäßes Islamverständnis bemüht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.10.2016 - Religion

FAZ-Redakteur Patrick Bahners, der selbst ganz gerne als "Islamexperte" ("Die Panikmacher") unterwegs ist, attackierte bereits gestern in der FAZ den Autor und Pädagogen Ahmad Mansour, der ihm zu religionskritisch ist, mit den Worten: "Experte ist kein Ausbildungsberuf." Mansour behaupte, dass schon der in Moscheegemeinden um die Ecke gelehrte Islam, und nicht erst der Salafismus problematisch sei: "Unterstellen wir einmal, dass Mansour damit recht habe: Man sieht sofort, dass die Bekämpfung eines so weit verbreiteten Islamverständnisses außerordentlich schwierig werden müsste, wenn weiterhin die Regeln des Grundgesetzes gelten sollten, wonach der Staat in Glaubensfragen nicht hineinregieren darf. "

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.10.2016 - Religion

In einem langen Essay in der NZZ denkt Peter Sloterdijk über die Geschichte der Reformation nach und erinnert daran, "dass die Reformation zu ihrer Hoch-Zeit ein christliches Analogon zu den seit relativ kurzem offensiv wirksamen islamischen Erscheinungen wie Salafismus, Wahhabismus und militarisiertem Dschihadismus darstellte. Die geschehende Geschichte ist ironisch genug, uns an diese Parallelen zu erinnern... Dass die europäischen Reformationen in ihren Gebieten summa summarum erfolgreich verliefen, vermittelt die Zuversicht, dass Abscheulichkeiten, die ein unmögliches Zurück anstreben, nicht in gültige Normalitäten umgewandelt werden können, obgleich die Verwirrung, die lange und konfuse Kriege nach sich ziehen, die Maßstäbe vorübergehend verzerrt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.09.2016 - Religion

Es ist gerade die Religiosität, die Paul Ingendaay an Navid Kermani so schätzt, den er im Aufmacher des FAZ-Feuilletons als möglichen Bundespräsidenten empfiehlt: "Es ist kein Zufall, verdient aber besondere Erwähnung, dass mit Kermani Religionsfragen wieder Einzug in deutsche Feuilleton-Debatten gehalten haben, und zwar auf einem Niveau oberhalb routinierter Tabuverletzungen durch Künstler (und des anschließenden Protests einer gekränkten Kirche). Damit befindet er sich nicht 'auf der Höhe der Zeit', sondern setzt ihr selbst die Markierung." Allgemein (aber nicht im Perlentaucher, hier) wurde bewundert, dass Kermani die Paulskirche zum Beten brachte.

Der Theologe Jan-Heiner Tück berichtet in der NZZ vom interreligiösen Weltgebetstreffen in Assisi, wo Vertreter verschiedener Religionen miteinander sprachen und aßen. Dass jedoch nicht gemeinsam, sondern getrennt gebetet wurde, findet Tück angemessen: "Denn dies hätte bedeutet, die Differenzen im Gottesverständnis als vorläufig zu betrachten - als ob vor dem Mysterium des großen Unbekannten jede Theologie zurücktreten müsse. Die Pointe des christlichen Offenbarungsverständnisses besteht ja darin, dass der Unbekannte sich selbst bekannt gemacht hat, dass er in der Person und Geschichte Jesu Christi ein für alle Mal nahegekommen ist. Gläubige Christen können nicht so tun, als habe diese Offenbarung nicht stattgefunden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.09.2016 - Religion

In der taz unterhält sich Osia Katsidou mit der malaysischen  Popsängerin Yuna, die auch  international bekannt ist und in Amerika lebt. Sie klagt über Hate Speech in Amerika und begrüßt es, dass Designer wie Dolce und Gabbana neuerdings auch "bescheidene" Mode entwerfen: "Ich finde es sehr cool, dass man sich uns öffnet. Heute erst habe ich in einer Modezeitschrift gelesen, dass der neueste Trend das Tragen von Hosen unter Kleidern ist. Das machen wir Musliminnen ja ständig. Ich finde diese Bewegung gut, weil sie plötzlich Frauen in Betracht zieht, die vorher aus dem Fashion-Kontext herausfielen - und zwar grundlos. Vor allem, wenn man sie Dingen wie dem Burkini-Verbot in Frankreich gegenüberstellt, ist das eine sehr gute Entwicklung. Dabei geht es auch nicht in erster Linie um Kleidung, sondern darum, dass Musliminnen plötzlich sichtbar sind und wahrgenommen werden. "