NZZ-Feuilletonchef René Scheu hat ein paar Vorlesungen in
Stanford besucht und zwei Interviews mitgebracht. Mit dem zwanzigjährigen Philosophie-, und Computerstudenten und Entrepreneur
Sam Ginn, der an einem Code bastelt, "der es Computern ermöglichen soll, die menschliche Sprache in ihrer ganzen Komplexität zu verstehen",
unterhält er sich über
künstliche Intelligenz. Bei deren Programmierung ist ihm
Heidegger immer wieder eine Hilfe, sagt Ginn: "Ich gebe Ihnen ein alltägliches Beispiel aus der Welt der Zuhandenheit, das von Heidegger stammen könnte: das Öffnen oder
Schließen einer Tür. Der Mensch braucht de facto nicht tausend Türen zu analysieren, um eine Tür als solche zu erkennen. Und er braucht auch nicht tausend Geräusche zu memorieren, bevor er intuitiv begreift, dass sich in seinem Rücken gerade eine Tür schließt. Er setzt weder Geometrien noch einzelne Geräusche in seinem Kopf zusammen. Die Bedeutung kommt zuerst, ist sozusagen immer schon da - schon ein Baby erkennt eine Tür unmittelbar. Ich arbeite an einem Code, der das beherrscht, was Heidegger das
In-der-Welt-Sein nennt."
Der Romanist
Robert Pogue Harrison ist von diesem ganzen Erfindungswahn
eher genervt und hebt für ein Interview kurz den Kopf aus seiner Dante-Ausgabe: "Wir sind endliche Wesen, werden geboren und sterben, dazwischen spielt sich unser Leben ab. Das Leben ist voller Unwägbarkeiten und unbeständig. Genau deswegen bedürfen wir eines
Kontexts der Beständigkeit, und das ist nach Hannah Arendt der 'mundus', die vertraute Welt. Wenn diese Welt nicht mehr gegeben ist, dann ist die Welt nicht mehr für den Menschen gemacht. Wir werden traurig, wir werden ängstlich, wir
werden verrückt."