Außer Atem: Das Berlinale Blog

Stichwort: Berlinale 2019 - 31 Artikel - Seite 2 von 3

Mit der Erde verbinden: Angela Schanelecs "Ich war zuhause, aber" (Wetbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 12.02.2019 Es kann sein, dass dieser Film ein Meisterwerk ist. Jedenfalls beschleicht mich beim Sehen das Gefühl, dass er eines sein möchte. Vielleicht ist es aber auch so, dass man als ein über Sechzigjähriger nicht über einen solchen Film schreiben sollte. Es bedrängen einen zu viele Referenzen, die vielleicht nicht mal gemeint sind: Der Esel am Anfang, der mit der späteren Handlung nichts zu tun hat, das ist doch Bresson, oder? Die tonlos von Schülern vorgetragenen "Hamlet"-Szenen erinnern mich an Stunden der Qual mit Straub und Huillet. Die Schauspieler, die sich ins Gestrüpp legen, als sei es das eigentlich ersehnte Bett: ganz klar Tarkowski, nur dass er die entsprechenden Bilder aparter Weise am liebsten bei Schneeregen arrangierte. Die Tonnen des Ungesagten: Antonionis incommunicalibità. Von Thierry Chervel

Huis Clos vor Bergkulisse: Emin Alpers "Kiz Kardesler - A Tale of Three Sisters" (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 12.02.2019 Es vergeht im Grunde keine Berlinale, in der nicht ein elegischer türkischer Autorenfilm vor Bergkulisse die archaischen Verhältnisse in Zentralanatolien anprangert. Auch "Kiz Kardesler" (Tale of Three Sisters) ist so ein Film, der mit den Lebensverhältnissen von 99 Prozent der Kinogänger nichts zu tun hat - was ja nichts Schlechtes sein muss. Gleich vorn im Vorspann prangen auch die Signets von ZDF und Arte. Die Allgemeinmenschlichkeit solcher Sujets ist immer bestens kompatibel mit den Förderkriterien. Fast fragt man sich, ob eine urbane Komödie das größere politische Risiko wäre. Von Thierry Chervel

"Zufrieden? Nein." - der Berlinale-Pressespiegel

Außer Atem: Das Berlinale Blog 12.02.2019 Carlo Chatrian zieht mit seinem Locarno-Team nach Berlin um, meldet Variety. Zhang Yimous Wettbewerbsfilm "One Second" wurde überraschend aus dem Programm genommen - chinesische Zensur, fragt sich der Tagesspiegel. Ästhetisch reizvoll, aber doch begähnenswert: Denis Côtés "Ghost Town Anthology" im Wettbewerb. Und beim Porträtfilm "What She Said" über die Filmkritikerin Pauline Kael trauert die Filmkritik den alten Zeiten nach. Der fünfte Berlinale-Tag im Rückblick. Von Thomas Groh

Betrügt den Zuschauer: Denis Cotes "Repertoire des villes disparues - Ghost Town Anthology" (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 11.02.2019 Eine winterliche Landschaft, im Vordergrund eine Art Baustelle, auf der zwei Bagger stehen. Dann hört man ein Auto, das schnell näher kommt, und das ist es, rast von hinten ins Bild, macht eine kurze scharfe Kurve nach links und knallt mit voller Geschwindigkeit in die kleine Steinmauer. Stille. Die Kamera wandert um das Autor, dann auf zwei Beine, die herbei rennen, und dann sieht man zwei kleine Gestalten mit grauen Halloween-Masken auf dem Gesicht, die auf das Auto starren. Von Anja Seeliger

Am Beispiel des Hummers: Mark Jenkins "Bait" (Forum)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 11.02.2019 Von der ersten Sekunde an weiß man, woran man bei Mark Jenkin ist: Sein Schwarzweiß-Film, in 16-Millimeter gedreht und von Hand entwickelt, lässt an Cornwalls Küste nicht sanft den britischen Spirit von 1945 durchs Bild wehen, der Film ist sozialrealistisches Kino reinsten Wassers: Keine Inszenierung, keine langen Einstellungen, keine Kamerabewegung. Stattdessen Nahaufnahmen und suggestive Montagen. So viel Offenheit ist selten. Von Thekla Dannenberg

Monströs: Fatih Akins "Der Goldene Handschuh" (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 10.02.2019 Fatih Akin hat ganze Arbeit geleistet. "Der Goldene Handschuh" ist ein monströser Film. Eine Art Ekel-Horror-Comic, grotesk und grell überzeichnet. Schon in der ersten Szene beginnt Fritz Honka, der Hamburger Frauenmörder, sein perverses Werk: In seiner stinkigen, mit Porno-Bildern tapezierten Wohnung in St. Pauli schnürt er den wuchtig-wabbeligen Leib einer Frauenleiche zusammen, verpackt ihn in Plastiksäcke, bekommt ihn nicht weg gewuchtet, dann schleppt er den Sack wieder die Treppe bis zu seiner Mansarde hoch und beginnt die Leiche zu zersägen. Was in den Koffer passt, wird auf den Sperrmüll geworfen, der Rest landet, klatsch, im Wandschrank. Dazu läuft Adamos Schlager "Es geht eine Träne auf Reisen". Um den Lärm zu übertönen, aber auch weil es einen krassen Effekt setzt. Von Thekla Dannenberg

Allein mit Vater: "Pferde stehlen" von Hans Petter Moland (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 09.02.2019 Würden heute noch Western gedreht werden - der schwedische Schauspieler Stellan Skarsgård wäre ihr Held. Er ist vielleicht der letzte männliche Schauspieler, den man noch an seiner Haltung und seinem Gang erkennt. Auch kann er sich jederzeit ganz in sich zurückziehen, so dass nur noch eine Außenhülle zurückzubleiben scheint. Das alles kommt ihm auch in dieser Rolle eines alten Mannes zurück, der fühlt, dass sein Leben zu Ende geht und der sich in ein kleines Dorf an der norwegisch-schwedischen Grenze zurückzieht. Trond, so heißt der Mann, hat hier den letzten Sommer allein mit seinem Vater verbracht, der die Familie dann aus Liebe zur Nachbarsfrau verließ. Ein Verlust, den der Junge auch als alter Mann offenbar nie verwunden hat. Von Anja Seeliger
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