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Efeu - Die Kulturrundschau

Mausoleum für die Moderne

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06.04.2019. Die Architekturkritiker pilgern zum neuen Bauhaus-Museum in Weimar: Die einen finden ein Bekenntnis zur heutigen Moderne, die anderen einen Luftschutzbunker. Die SZ rechnet gleich ganz mit dem Bauhaus-Jubiläum ab: Wo bleiben die neuen Ideen, wo überhaupt das radikal Neue - also all das, wofür das Bauhaus stand? Und etwas mehr Geschichtsbewusstsein hätte auch nicht geschadet, ätzt die FAZ. Im Filmdienst denkt Silvia Bahl anlässlich eines Animationsfilms über die Colonial Dignidad über das Wesen des animierten Dokumentarfilms nach. Die Welt fragt: Führt bei vergessenen Autorinnen nur ein mondänes Leben zur Wiederentdeckung?
9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.04.2019 finden Sie hier

Architektur

Das neue Bauhaus-Museum von Heike Hanada


In Weimar wurde zum Bauhaus-Jubiläum das neue Bauhaus-Museum der Architektin Heike Hanada eröffnet. Im Tagesspiegel lobt Bernhard Schulz das neue Gebäude als "Ausdruck der heutigen Moderne und ein Bekenntnis zu ihr darstellt. Aus der Ferne sieht man einen weißgrauen Klotz, der sich kantig und verschlossen von der Gebäudeecke des 'Gauforums' absetzt. ... Der Beton, aus dem das Haus besteht, bleibt überall sichtbar, überzogen im Inneren nur von einer millimeterdünnen Schlämmschicht - kein Putz! -, die die Struktur des Betons mit allen Spuren der bauzeitlichen Schalung erhält. Die doppelläufigen Deckenträger bergen in ihrer Mitte zugleich die technische Ausrüstung, insbesondere die Leuchtröhren. Die Treppen sind schmal und steil. Das ist im Grunde auch eine Aussage - eine Aussage über die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, da das Bauhaus entstand und buchstäblich 'ganz klein' anfing mit Werkstattarbeiten in Ton und Holz. Die vermeintliche Orientierung auf industrielle Produktion kam erst in Dessau."

Bei Monopol ist Sarah Alberti auch mit dem Ausstellungskonzept zufrieden, das sie für einen "geglückten Balanceakt" darstellt: Es ist zugleich Kunst-, Design- und historisches Museum. Es schafft Themeninseln, die intuitiv anziehen. Angenehm wenig ist zu sehen in der luftigen Architektur. Hier hat niemand den Fehler gemacht, eine Dauerausstellung mit einer wissenschaftlichen Publikation zu verwechseln. Erfrischend kurze Texte werfen kleine Orientierungsanker, machen Lust auf mehr. Im Vordergrund stehen die gut 1.000 ausgestellten Objekte. Ihre Farbigkeit. Ihr Material."

In der Welt ist Marcus Woeller dagegen geradezu entsetzt von diesem Bau, der "mit Betonklotz nicht besser zu beschreiben" sei. "Grau, schwer, klobig. Wie ein Luftschutzbunker ragt der Quader am Rand des Schwanseeparks empor, als müsse er mindestens die Goldreserven des Freistaats Thüringen beschützen. Das Museumsgebäude, das ab diesem Sonnabend die Bauhaus-Sammlungen Weimars zeigt, wirkt wie ein Mausoleum für die Moderne. Da können auch die in die Fassade eingelassenen Lichtbänder, die es nachts 'zum Schweben' bringen sollen, nicht helfen."

SZ-Kritikerin Laura Weißmüller wird beim Blick auf das neue Museum gar "von einer tiefen Traurigkeit erfasst. Denn just in der Stadt, wo alles begann, wo Walter Gropius vor hundert Jahren zur Gestaltungsrevolution aufrief, wird das Bauhaus eingesargt. Deutschlands Avantgarde bekommt in Weimar einen Sarkophag. Als hätten wir das Erbe heute nicht bitter nötig. Wer sich gefragt hat, warum sich auch nach vier Monaten Bauhaus-Jubiläum noch kein Feuerwerk an neuen Ideen für dieses Land entzündet hat, der weiß es jetzt. Die große Masse an Veranstaltungen und Vielzahl neuer Publikationen über das Bauhaus bleiben so uninspirierend, weil es ihnen nicht gelingt aufzuzeigen, welche Relevanz die Ideen der Bauhäusler heute immer noch haben. ... Wo ist die Lust, etwas radikal Neues, und zwar fürs 21. Jahrhundert auszuprobieren? Wo der Mut, Experimente zu wagen? Das alles war das Bauhaus."

Ähnlich geht es Niklas Maak (FAZ), dem auch die Ausstellung viel zu weichgespült ist: Die Arbeiten der Frauen werden hier - wie schon im echten Bauhaus - kaum erwähnt, und Gropius, Meyer und van der Rohe würden zwar groß gewürdigt: "Aber hätte man nicht irgendwo erwähnen müssen, dass der hier so gefeierte Bauhaus-Lehrer Itten ein knallharter Rassist war, der von einem spirituell gereinigten arischen Supermenschen träumte".
Archiv: Architektur

Kunst

Besprochen werden eine Kokoschka-Retrospektive im Leopold-Museum in Wien (Presse), die Ausstellung "Le modèle noir" im Pariser Musée d'Orsay (Welt), die Picasso-Ausstellung in der Fondation Beyeler in Riehen (FR) und eine Ausstellung zu Werk und Leben des Bühnenbildners und "Universalkünstlers" Emil Pirchan im Museum Folkwang in Essen (FAZ).
Archiv: Kunst

Film

Phantasmagorische Bilder: "Das Wolfshaus"

Im Filmdienst-Essay umkreist Silvia Bahl Wesen und Problemstellungen des animierten Dokumentarfilms - was zunächst wie ein Widerspruch in sich wirkt, schließlich entfernen sich animierte, also bewusst gestaltete Filmsequenzen zunächst vom dokumentarischen Anspruch auf die wahrhaftige Wiedergabe der vorfilmischen Realität. Animierte Dokumentarfilme "verweisen auf das Wechselverhältnis zwischen innerer und äußerer Realität, ohne ihren Wahrheitsanspruch aufzugeben. ... Die animierten Sequenzen bringen etwas zum Ausdruck, das vielleicht faktisch stattgefunden hat, aber unverfügbar bleibt und sich dokumentarischen Abbildverhältnissen entzieht. Dies betrifft oft Ereignisse, die sich durch ihre traumatische Dimension nicht einfach darstellen lassen und auch mental schwer zu integrieren sind." Konkreten Anlass zu diesem Essay bietet ihr Cristóbal Leóns und Joaquin Cociñas Animationsfilm "Das Wolfshaus" über die Missbrauchsfälle in der "Colonia Dignidad" durch den deutschen Sektenführer Paul Schäfer. Jungle-World-Kritiker Gaston Kirsche fand den Film sehr überzeugend: "So phantasmagorisch die Handlung und die Bilder auch wirken - der Film ist eine beklemmende Fabel, in der die Traumatisierung von Kindern gezeigt wird, die Opfer sexualisierter Gewalt wurden." Ähnlich sieht es Jonas Nestroy auf critic.de.

Weitere Artikel: Auf Artechock meldet und kommentiert Rüdiger Suchsland diverse Personalien aus dem Film- und Förderbetrieb, wo gerade mächtig Positionen rotieren. Ralf Schenk schreibt in der Berliner Zeitung einen Nachruf auf den Dokumentarfilmer Heinz Brinkmann. In der SZ gratuliert David Steinitz Francis Ford Coppola zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden der Netflix-Film "The Highwaymen" mit Kevin Costner und Kathy Bates (critic.de) und die Serie "Mysterious Mermaids" (Freitag).
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Archiv: Film

Bühne

Szene aus Kleists "Verlobung in St. Domingo" am Schauspielhaus Zürich. Foto © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie


Necati Öziri hat Kleists "Verlobung in St.Domingo" fürs Schauspielhaus Zürich umgeschrieben, Sebastian Nübling die neue Version inszeniert. Das Stück über die Liebe zwischen einem Schweizer und einer Schwarzen ist bei Kleist schon nicht recht stimmig, das Gerede von "Negern" und "Rassen" macht es heute eigentlich unspielbar. Öziri behilft sich mit einem "Widerspruch" und Regeln für die Inszenierung, erklärt Martin Halter in der FAZ: kein Blackfacing, keine Verwendung des N-Worts, mindestens die Hälfte der Schauspieler muss Schwarz sein (bei Öziri immer groß geschrieben) oder "Rassismuserfahrung" haben. Das rettet das Stück für Halter auch nicht: "Öziri nimmt Kleists Figuren ihre Geheimnisse und Widersprüche und reduziert sie auf eindeutig rassistische Codes und Unwörter. Aber er hat auch keine Lösung für das Gewaltproblem aller Utopisten und eine zuckersüße Botschaft: Wir sind im Grunde alle schwarz, Baby."

Öziri rennt "mit seinem Werk Türen ein, die längst himmelweit offenstehen", kritisiert auch nachtkritikerin Valeria Heintges. "Darum erstaunt der Schaum vor dem Mund, mit dem er sich gegen Rassismus und Sklaverei wendet. Allzu moralinsauer geraten dabei seine Monologe und seine Personenzeichnung allzu grob; die schöne Doppelbödigkeit des Anfangs macht bald großer Eindeutigkeit Platz. Sebastian Nübling schafft es trotzdem über weite Strecken, diesen Text-gegen-den-Text so auf die Bühne zu bringen, dass der Abend überrascht. Gekonnt spielt Nübling mit dem Rhythmus, wenn etwa zu Beginn die Schauspieler zwischen lauter Agitation und noch lauterer Betonung wechseln - und dann plötzlich Dominic Hartmann die Foltermethoden der weißen Herren in pseudo-niedlichem Schweizerdeutsch stoisch daherspricht, dass einem Schauer über den Rücken laufen, zumal Hartmann jeden Satz mit einem lapidar-nichtssagenden 'sorry' enden lässt."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel berichtet Patrick Wildermann vom Festival Internationale Neue Dramatik, kurz "Find", an der Schaubühne in Berlin. Alexandra Georgieva, seit Sommer 2008 Ballettdirektorin am Friedrichstadt-Palast, erzählt im Interview mit der taz von ihrer klassischen Ballettausbildung in Bulgarien, ihren Werdegang und den Shows. Christine Dössel stellt in der SZ die Regisseurin Pınar Karabulut vor, deren feministische Inszenierung von Tennessee Williams' "Endstation Sehnsucht" derzeit am Wiener Volkstheater zu sehen ist.

Besprochen werden außerdem Constanza Macras' Choreografie "Der Palast" an der Volksbühne Berlin (nachtkritik, Berliner Zeitung, taz) und eine Bearbeitung von Jean-Philippe Rameaus Tragédie en musique "Castor und Pollux" mit modernsten Techniken beim Heidelberger Frühling (ganz schön "durchgeknalltes Experiment", lobt Jesper Klein in der FAZ).
Archiv: Bühne

Literatur

Mara Delius ärgert sich in der Literarischen Welt darüber, dass viele halb und ganz in Vergessenheit geratene Autorinnen meist nur dann mit Biografien und Wiederveröffentlichungen ins Gedächtnis gerufen werden, wenn ihr Leben zwischen Glamour und Verruchtheit oszillierte. Aktueller Fall: die Biografie über Maeve Brennan. Für Delius ist es "völlig unverständlich, wieso die Biografie einer Autorin von der Aneinanderreihung von Stil-Anekdoten und Frauenzeitschriften-Bonmots geprägt sein muss. ... Maeve Brennan wird stilistisch mit einem Mittelklasseduft zuparfümiert (in echt trug sie Chanels 'Cuir de Russie'), bevor überhaupt das Werk, ihre Texte, ihre Sprache erkennbar sind. Damit bleibt das eigentlich Interessante an dieser Figur unbeachtet: die Verbindung zwischen Leben und Sprache, ein Stil, der sich in beidem entdecken ließe."

Mit einem ganzen Zeitungsbuch erinnert die NZZ an Carl Spitteler, der vor hundert Jahren als erster Schweizer Schriftsteller mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, seitdem aber gründlich in Vergessenheit geraten ist. Ein bisschen Mühe haben die Autoren allerdings schon, Spitteler als auch heute noch lesenswerten Autor anzupreisen - was auch damit zu tun hat, dass dieser sich in seinem Schreiben an Mythos und Epos orientierte. Das lag am Zeitgeist, schreibt Philipp Theison, der die heute antiquiert wirkende Form für die Gegenwart aufzuschließen versucht. Zu den auch heute noch für breitere Schichten interessanten Leistungen des Autors zählt allerdings seine 1914 zu Beginn des Ersten Weltkriegs gehaltene Rede "Unser Schweizer Standpunkt", in der er die Eidgenossen mahnte, von kulturnationalistischen Sehnsüchten abzusehen und weiterhin den Pfad der Neutralität zu beschreiten, erklärt Alain Berset: "Das deutsche Publikum reagierte denn auch wie erwartet entrüstet. ... Spitteler entsprach - zumindest in der Wahrnehmung des deutschen Bildungsbürgertums - genau dem Ideal des über allem Politischen schwebenden Dichters. Und jetzt entpuppte sich der herrliche Kulturmensch zum Entsetzen der deutschen Öffentlichkeit als frankophiler 'Zivilisationsliterat'." Freilich ist Spitteler nicht nur was für Freunde des hohen literarischen Tons, er hatte auch Witz, versichert Magnus Wieland: "Der Paarreim, den Spitteler konsequent anwendet, sorgt für manchen Wortwitz und liegt oft näher bei Wilhelm Busch als beim genus sublime hoher Dichtung. Hinzu kommen comicartige Lautmalereien wie Zittjo! Zick, zick!, hiss, hiss! huja!, schnadra! Hussa! Halli!, knack! Flapp!, ritsch!, Husch!, Kria! kreisch!, mit denen das Epos durchsetzt ist." Und gezeichnet und komponiert hat er auch, ergänzt Wieland noch.

Weitere Artikel: Für den Tagesspiegel spricht Lars von Törne mit dem Comicautor Joann Sfar unter anderem über die Erfahrung, gleich von mehreren Ausstellungen gewürdigt zu werden. Frederic Valin berichtet in der taz vom Auftakt des African Book Festivals in Berlin. In der Literarischen Welt verrät Dirk Lowtzow, Sänger von Tocotronic und neuerdings auch Buchautor, die Bücher, die ihn am meisten prägten - darunter Bücher von H.P. Lovecraft und Thomas Bernhard. Tilman Krause erinnert in der Literatrischen Welt an Schillers Flucht aus Stuttgart im September 1782. Im Feature für Dlf Kultur befassen sich Martin Sander und Ksenija Cvetković-Sander mit dem Bild der Deutschen in der neuen kroatischen Literatur. Zu Christoph Heins 75. Geburtstag am 8. April bringt das RBB Kulturradio ein Radioporträt von Steffen Lüdemann. Die FAZ bringt Antonio Muñoz Molinas Eröffnungsrede zum 22. Deutschen Hispanistentags in Berlin.

Besprochen werden unter anderem Han Kans "Deine kalten Hände" (Freitag), Annie Ernauxs "Der Platz" (Dlf Kultur), Friederike Manners "Die dunklen Jahre" (Standard), Felwine Sarrs "Afrotopia" (Tagesspiegel), Helen Weinzweigs "Schwarzes Kleid mit Perlen" (NZZ), Alan Hollinghursts "Die Sparsholt-Affäre" (Literarische Welt), György Dragománs "Löwenchor" (taz), Lawrence Osbornes "Welch schöne Tiere wir sind" (Literarische Welt), Dževad Karahasans Erzählband "Ein Haus für die Müden" (NZZ, Standard), Sara Grans Thriller "Das Ende der Lügen" (taz), Don Winslows "Jahre des Jägers" (SZ) und Hagar Peeters "Malva" (FAZ).
Archiv: Literatur

Musik

Zu Kurt Cobains gestrigen 25. Todestag hat die Spex das damals einberufene Krisengespräch mit Sandra Grether, Kerstin Grether, Christoph Gurk, Diedrich Diederichsen, Mark Terkessidis und Jörg Heiser online gestellt. Für The Quietus spricht David Chiu mit Cobains früherem Manager Danny Goldberg. In der Jungle World nimmt Konstantin Nowotny das dritte Album von American Football zum Anlass, an das für gewöhnlich übersehene, Mitte der 90er entstandene Genre des Midwest Emo zu erinnern, das mit heutigen Spielformen von Emocore allenfalls am Rande zu tun hat. Michael Streitberg beobachtet für die NZZ das Phänomen, dass japanische Musikfans jenseits der 40 ihre Sehnsucht nach Zweisamkeit auf junge weibliche Popstars projizieren, deren Arbeiten dies bewusst lancieren. In seinem Welt-Blog berichtet Manuel Brug weiter vom Tokyo Spring Festival.

Besprochen werden Bob Dylans Berliner Konzert (taz, Tagesspiegel, Welt, Berliner Zeitung), Beth Gibbons' Aufname von Góreckis "Sinfonie der Klagelieder" (Freitag), der heute auf Pro7 ausgestrahlte Dokumentarfilm "Leaving Neverland", der die Missbrauchsvorwürfe gegen Michael Jackson bekräfigt (Spex), Volker Hagedorns Buch "Der Klang von Paris" (Tagesspiegel, Literarische Welt), ein Auftritt von Peter Licht (Tagesspiegel) und mit den Liveaufnahmen "Live at I.U.C.C." eine schöne Veröffentlichung aus dem Archiv von Horace Tapscott und seinem Pan-Afrikan Peoples Arkestra, die Markus Schneider von der Berliner Zeitung sehr entzücken. Hier ein Auszug:

Archiv: Musik