Efeu - Die Kulturrundschau

Wellen gehen über uns

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03.03.2020. Frankreich streitet erbittert über den César für Roman Polanski, darunter auch Virginie Despentes und Samantha Geimer. Die Nachtkritik feiert mit Florentina Holzinger in München die brutale Schönheit weiblicher Körper. Die elegante Gewalttätigkeit der Salome goutieren dagegen FR und FAZ in Frankfurt. Die taz lauscht mit Zorka Wollny in Stettin der Rebellion der Vögel. SZ und Monopol trauern um den großen Kunstrebellen Ulay. Und alle schreiben zum Tod von Ernesto Cardenal, der dem Sandinismus die schönsten Liebesgedichte vermachte.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.03.2020 finden Sie hier

Kunst

Zorka Wollny: Ausstellungsansicht. Foto: Andrzej Golc/Kunsthalle Trafo

taz
-Kritikerin Julia Schneider besucht in Stettin eine Ausstellung der Künstlerin Zorka Wollny, die in der Kunsthalle Trafo ihre Sound- und Objektarbeiten zeigt. Besonders gut gefällt Schneider die Arbeit zu Hitchcocks "Vögeln": "Ursprünglich griff Wolly die elektronischen Klänge des bekannten Soundtracks auf, um die Rebellion der Vögel vor dem inneren Auge wieder entstehen zu lassen. In der Reinszenierung tönen die subharmonischen Schreie aus schwarzen Scheinwerfern, die wie ein Krähenschwarm platziert sind. Indem Wollny ihre Klangarbeiten mit Objekten kombiniert ist sie bildhauerisch tätigt. Dennoch möchte sie 'nicht zu viel Kunstmüll produzieren'. Sie arbeitet mit den örtlichen Gegebenheiten und betreibt Recycling. Die Reflektoren sind ausrangiert und von der Stettiner Oper geborgt. Wollny nutzte auch Ressourcen aus dem nahe gelegenen Hafen."

In der SZ schreibt Till Briegleb zum Tod des Künstlers Ulay, dessen exzessiven Performances mit seiner Partnerin Marina Abramovic zu den bekanntesten Akten der Kunst gehören: "Berühmt wurde Frank Uwe Laysiepen, der 1943 in Solingen geboren wurde, zunächst alleine. Allerdings war Abramović 1976 schon mit der Kamera dabei, als Ulay in die Neue Nationalgalerie in Berlin marschierte, einen Spitzweg von der Wand riss, um ihn nach Kreuzberg zu bringen, wo er ein paar Wochen die Wohnung einer türkischen Arbeiterfamilie schmückte. Dieser Kunstraub im Geiste elitenkritischer Emanzipationspolitik war eine der radikalsten Aktionen performativer Protestkultur jener Epoche." In einem schönen Nachruf in Monopol trauert auch Xymna Engel um den ewigen Rebellen, nomadischen Identitätssucher und "Künstler, der der Fotografie das Tanzen beibrachte".

Weiteres: Urs Bühler trifft das britische Künstlerpaar Gilbert und George zum Tischgeplauder über Zürichs Sauberkeit, die noch zu entdeckenden Vorteile des Älterwerdens und die Liebe zur Monarchie. Jürgen Müller interpretiert in der FAZ Caravaggios "Früchtekorb".
Archiv: Kunst

Film

Szene aus Polanskis Film "J'accuse"

Während in Berlin Berlinale war, fand in Frankreich die Auseinandersetzung um die "Césars" (die französischen Oscars) und natürlich um Roman Polanski statt, dessen Film "J'accuse" nominiert war und für die "beste Regie" ausgezeichnet wurde. Auch die Schriftstellerin Viriginie Despentes stimmt in Libération in den Chor gegen Polanski ein und stellt sogar das Anliegen seines Films in Frage: "Es ist nichts Überraschendes daran, dass die Académie des Césars Roman Polanski als besten Regisseur 2020 kürt. Es ist grotesk, es ist beleidigend, es ist widerlich, aber es ist nicht überraschend. Wenn man einem Typen 25 Millionen Euro für einen Fernsehfilm gibt, dann liegt die Botschaft im Budget. Wenn der Kampf gegen den Antisemitismus das französische Kino interessieren würde, könnte man das sehen."

Aber auch Samantha Geimer, das Opfer von Polanskis Vergewaltigung im Jahr 1977, hat sich im Gespräch mit Peggy Sastre in slate.fr nochmal geäußert und wehrt sich gegen die Vereinnahmung durch die #MeToo-Bewegung: "Die Opfer aufzubringen, um Leute zu bestrafen, die sich schlecht verhalten haben, heißt, sie noch stärker zu Opfern zu machen. Niemand hat das Recht, einem Opfer zu sagen, was es denken oder wie es fühlen soll. Wenn Sie aus einem Bedürfnis nach Hass und Strafe einem Opfer verweigern zu verzeihen und ein neues Kapitel aufzuschlagen, verletzen Sie es nur noch tiefer." In der FAZ kommentiert Jürg Altwegg den "Frauenaufstand" gegen Polanski.

Carlo Chatrians Veränderungen bei der Berlinale waren zumindest in Details spürbar, schreibt Rüdiger Suchsland in einer Schlussbetrachtung auf Artechock. Allerdings gehen ihm die Änderungen nicht weit und schnell genug: Er wünscht sich eine "Berlinale der Grausamkeit" und damit "den Mut zu echten, erkennbaren Veränderungen, dazu, es nicht allen recht machen zu wollen. Disruption. Positive Irritation. Revolution statt Reform."

Im Interview mit der SZ spricht die Schauspielerin Elisabeth Moss über ihr feministisches Engagement, das sich auch in Horrorfilmen wie aktuell "Der Unsichtbare" oder in der Serie "The Handmaid's Tale", in der sie die Hauptrolle spielte, niederschlägt: "Die Aufgabe, die wir als Frauen in dieser Welt oft lösen müssen, heißt nun mal: das Patriarchat überwinden." Inwiefern sich solche Mission Statements mit Moss' Mitgliedschaft in Scientology (mehr dazu hier) beißen - diese Frage stellt Interviewer Richard Pleuger leider nicht.

Außerdem: In seinem Blog präsentiert der Illustrator John Coulthart die ziemlich tollen Filmplakate des tschechischen Surrealisten Josef Vyleťal. Besprochen wird Dani Levys Verfilmung von Marc-Uwe Klings Roman "Die Känguru-Chroniken" (Tagesspiegel).
Archiv: Film

Bühne

Florentina Holzingers "Étude for an Emergency. Composition for ten bodies and a car". Foto: Nicole Marianna Wytyczak / Kammerspiele

"Reine, weibliche Körperlichkeit" erlebte Nachtkritikerin Anna Landefeld mit Florentina Holzingers Stück "Étude for an Emergency", für das die Wiener Choreografin an den Münchner Kammerspielen weibliche Bühnentode in Szene setzt. Die Kritikerin hat es umgehauen: "'Étude for an Emergency' ist in seiner brutalen Genauigkeit, brutalen Schönheit und brutalen Brutalität manchmal an der Grenze des Aushaltbaren. In ihrer (zum Theatertreffen eingeladenen) Inszenierung 'Tanz' sezierte Holzinger den Ballettdrill, hier geht es nun um Weiblichkeit, Gewalt und Bühnentod. Die weibliche Leich' im Theater ist bislang zumeist eine schöne, abgeschlachtet vom Vater oder Liebhaber - oder sie schwindsüchtigt in Dachkammern vor sich hin oder ersäuft sich etwas emanzipierter vorher selbst, na klar, aus Liebeskummer im Fluss. Holzingers Frauen dagegen sterben grausam, super cool und hochmusikalisch." In der SZ wagt Sabine Leucht nur, "einigermaßen fasziniert" zu sein.

Ziemlich begeistert kommt FR-Kritikerin Judith von Sternburg aus Barrie Koskys bemerkenswert zurückhaltender Inszenierung von Richard Strauss "Salome" an der Oper Frankfurt, bei der sie nicht nur das "spektakuläre, intensive, total hingebungsvolle" Rollendebüt der Kanadierin Ambur Braid beeindruckte, sondern auch der Kontrast von Sparsamkeit und Maßlosigkeit: "Das Maßlose in der Musik von Richard Strauss wird dabei von der Dirigentin Joana Mallwitz im Verein mit dem Opern- und Museumsorchester in schlanke Figuren überführt, die den Klangrausch aber nicht verkleinern, sondern vergrößern, indem sie seine ausdifferenzierte Finesse jederzeit offenlegen. Wellen gehen über uns, aber es sind fabelhaft komplexe Wellen. Dass Mallwitz der ausladenden Schönheit gegenüber der lärmenden Monströsität den Vorzug zu geben scheint, führt zu einer flirrenden Eleganz im Gewalttätigen, ein ausgezeichneter Eindruck, den das Orchester mit einem weichen, makellosen, ausbalancierten Klang beglaubigt." Anerkennung auch von Jan Brachmann in der FAZ: "Kosky hat sich entschieden, alles auf die Psychologie zu konzentrieren und alles Illustrative, wo es nur geht, zu vermeiden. Das Ergebnis ist packend, erfrischend und anregend."

Im Interview mit Petra Ahne spricht der Schauspieler Dimitrij Schaad in der Berliner Zeitung über sein Stück "(R)evolution" am Thalia, seine Jahre am Maxim Gorki und seine Vorstellungen von Theater: "Mit dem Begriff Authentizität tue ich mich schwer, ich spreche lieber von Direktheit. Dieses Ironische, Distanzierte, Kühle, das im Theater Anfang der 2000er-Jahre praktiziert wurde, finde ich langweilig und der Zeit unangemessen. Ich möchte mit den Zuschauern sprechen wie mit Menschen, mit denen man einfach zusammen in einem Raum ist."

Besprochen werden weiter Tobias Kratzers "Fidelio"-Inszenierung in London (die auch ein einzelner genialer Einfall nicht retten kann, wie SZ-Kritiker Reinnard Brembeck befindet), Robert Carsens Inszenierung von Richard Strauss' "Arabella" in Zürich (NZZ), Data Tavadzes Inszenierung des "jedermann (stirbt)" nach Ferdinand Schmalz am Deutschen Theater ("Dieses Stück braucht weniger eine texttreu-weihevolle Aufführung, wie sie der georgische Regisseur Data Tavadze eingerichtet hat, dieses Stück bettelt um seine Widerlegung und Zerstörung", schreibt Ulrich Seidler kategorisch in der FR, taz), Strawinskys "Le sacre du printemps" mit dem Hessischen Staatsballett in Darmstadt und Wiesbaden (FR), der "Zigeunerbaron" an der Wiener Volksoper (Standard) und René Polleschs "Passing - It's so easy" an den Mücnhner Kammerspielen (FAZ).
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Archiv: Bühne

Literatur

Der nicaraguanische Dichter und Befreiungstheologe Ernesto Cardenal ist gestorben. Um eindeutige Statements ("Die perfekte Gesellschaft ist identisch mit Kommunismus") war er bis ins hohe Alter nicht verlegen, schreibt Paul Ingendaay in der FAZ über den "Vorzeige-Padre, der die indigenen Völker verteidigte" und den "klassenlosen Humanismus predigte". Cardenal "lokalisierte, von Zweifeln kaum berührt, das Gute hier und das Böse dort", schreibt Kersten Knipp in der NZZ. "Mit dieser polit-poetischen Frontstellung traf er den Nerv der Zeit, insbesondere den seiner Landsleute in Nicaragua, die damals, mit kleineren Unterbrechungen, unter der Herrschaft des Somoza-Clans lebten, des Inbegriffs südamerikanischer Gewaltherrscher, so selbstgewiss wie gewissenlos. Über sie, freie Mitarbeiter der amerikanischen CIA, hatten die kapitalistisch-babylonischen Zustände auch in Nicaragua Einzug gehalten. Und er, Ernesto Cardenal, trat an, sie zu bannen." Ralf Leonhard hält in der taz fest: "Seine Gedichte an die Revolution sind keine hölzerne Polit-Propaganda, sondern Liebesgedichte an eine sozialistische Utopie." Weitere Nachrufe schreiben Willi Winkler (SZ) und Lutz Herden (Freitag).

Weiteres: Marcel Inhoff befasst sich auf 54books detailliert mit Philipp Stadelmaiers Debütroman "Queen July" und der amerikanischen Kontroverse um Jeanine Cummings' Roman "American Dirt", dem er "Empörungspoetik" attestiert und die Tendenz, nicht-weiße Erfahrungen in weiße Narrative einzugemeinden. Für den New Statesman spricht Will Dunn mit dem Science-Fiction-Autor William Gibson.

Besprochen werden unter anderem Ingo Schulzes "Die rechtschaffenen Mörder" (Tagesspiegel), Reto Hännys "Sturz. Das dritte Buch vom Flug" (NZZ), James Woods "Upstate" (Standard), Sane Simmons' minimalistischer Comic "Das lange ungelernte Leben des Roland Gethers" (Tagesspiegel), Aris Fioretos' "Nelly B.s Herz" (SZ) und Martina Webers Gedichtband "Häuser, komplett aus Licht" (FAZ).
Archiv: Literatur
Stichwörter: Cardenal, Ernesto

Design

Für die Mode als Betrieb und Zeitgeistphänomen hat Katrin Kruse wenig übrig, schreibt sie in der taz. Stattdessen will sie den Begriff der "Postfashion" starkmachen, in der es keine Vorgaben mehr gibt, gängige Codes erodieren und vor allem ein spielerischer Charakter vorherrscht. Daraus ergeben sich drei Folgen, meint sie. "Erstens: Je mehr man sich für die Sprache der Mode interessiert, desto weniger geht es um Shopping. Zweitens: Je mehr man sich auf das konzentriert, was Kleider am Körper machen, auf das Umfasstwerden durch Stoff, auf Schwere und Leichtigkeit, darauf, welchen Effekt das Outfit auf die Haltung und die Bewegung und das Spürbewusstsein hat, desto mehr ist man verkörpert in diesem Outfit. Auch das nämlich gehört nicht notwendig zur Mode: das Objektverhältnis zum eigenen Körper. ... Die dritte Folge des Spiels ist, dass das Scannen nach Bedeutung verschwindet." (Nun, damit waren ihr einige Modedesigner um etwa 50 Jahre voraus.)
Archiv: Design
Stichwörter: Mode, Postfashion, Modedesign

Musik

Für die FAZ unterhält sich Malte Hemmerich mit dem Dirigenten Cristian Măcelaru, der seit einem halben Jahr das WDR Sinfonieorchester leitet. Besprochen werden neue Klassikveröffentlichungen, darunter eine Beethoven-Aufnahme der Compagnia di Punto (SZ).
Archiv: Musik