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Efeu - Die Kulturrundschau

Wild wogende Deutungsmachtfantasie

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.09.2020. Nach über dreißig Jahren gibt es in Berlin wieder einen neuen "Ring", und Stefan Herheims "Walküre"-Inszenierung lässt die Kritiker vor Entgeisterung nach Luft ringen. Lise Davidsens überhelle Sieglinde beschert der FAZ allerdings verdichtetes Opernglück. Mit schmerzhafter Klarheit tritt die amerikanische Armut der taz in den Bildern von Jerry Berndt und Matt Black entgegen. Der Standard erinnert an die Dissidenten der belarussischen Literatur. Die SZ kniet vor der smarten Millie Bobby Brown nieder.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.09.2020 finden Sie hier

Bühne

Stefan Herheims "Walküre" an der Deutschen Oper. Foto: Bernd Uhlig

Nach 38 Jahren hat die Deutsche Oper Berlin wieder einen neuen "Ring" gewagt, alle Kritiker sind angereist zur Corona-bedingt weltweit ersten kompletten Wagner-Oper seit März. Doch Stefan Herheims "Walküren"-Inszenierung hat sie allesamt enttäuscht: In der Welt versteht Manuel Brug überhaupt nicht, was ihm eine zwischen Kofferbergen und in Feinripp schwankende Inszenierung sagen will, und das lag nicht nur daran, dass der "Rheingold"-Part erst noch nachgereicht werden muss: "Stefan Herheim bekommt seine wild wogende Deutungsmachtfantasie in keinen kohärenten Erzählgriff. Er präsentiert Bruchstücke, Rezeptionsfetzen. Wollen wir wirklich wissen, wie das wird? Zumal auch Generalmusikdirektor Donald Runnicles als routinierter Wagner-Langstreckenläufer einen Akt braucht, bis er sein lange nicht benutztes Instrumentarium im Griff hat. Das bolzt und holzt, irgendwann singt und swingt es auch wieder, aber das dauert. Alles segelt in Mittelwerten, lullt ein, sediert, aber bewegt und erregt nicht."

In der FR wird auch Judith von Sternburg nicht warm mit dieser "halbgaren Wagnerparodie". In der SZ hält Michael Stallknecht die Inszenierung aus Hygiene-Gründen für riskant: "Wenn von 780 zugelassenen Zuschauern eine Mehrheit das Buhrufen anfängt, dann summiert sich das selbst durch die Seuchenmasken hindurch zu einem Geräuschpegel, der den des Walkürenritts mühelos übertrifft." In der Berliner Zeitung findet Peter Uehling die Befreiung vom Mythos einen vielversprechenden Ansatz, aber in seiner Überdeutlichkeit doch etwas ärgerlich. Im Tagesspiegel erinnert Ulrich Amling daran, dass Götz Friedrichs Inszenierung dreißig Jahre lang aktuell blieb: "Dann hatte das Bühnenbild tiefe Risse, nicht aber der Kern seiner Konzeption. Wie lange muss eine Inszenierung heute eigentlich halten? Geballte Obsoleszenz jedenfalls beschert ein überaus herbstliches Gefühl." In der FAZ verortet Gerald Felber diese "Walküre" zwischen "Vernichtungsgrauen und Jungmädchen-Ulk", aber Lise Davidsens Partie der Sieglinde wird ihm unvergesslich bleiben: "Da war fassungsloses und in seiner Überhelligkeit schon wieder in die Implosion treibendes, nur auf diesen Moment vokaler Maximalexpression verdichtetes Glück."

Nicht nur für harte Kerle: Das "Kraftlackl-Elixier". Foto: Tommy Hetzel

Wenn Elfriede Jelinek in ihrem Stück "Schwarzwasser" von der Pest spricht, meint sie nicht Covid-19, sondern die österreichsiche Politik, stellt SZ-Kritiker Alexander Menden klar. Er hat sich blendend amüsiert in Stefan Bachmanns Kölner Inszenierung des um die Ibiza-Affäre kreisenden Stückes: "Es geht immer wieder um die Opferrolle, in der Strache sich und sein aufrechtes Häuflein österreichischer Patrioten sieht. 'Wir sind sieben Stunden lang reingelegt worden!", beschwert sich Tom Radisch, der es sich im nassen Sand unter der Zuschauertribüne ungemütlich gemacht hat. Wie alle anderen ist er umgeben von geleerten Red-Bull-Dosen. Das von Jelinek 'Kraftlackl-Elixier' getaufte süße Nationalgetränk kommt ebenso wie die Geldmusterkostüme immer wieder vor. Besonders Nicola Gründel ist im Lastenfahrstuhl umgeben von einem regelrechten Dosenbeet, während sie sich am Festnetztelefon über die alles verseuchenden Gleichberechtigungstendenzen beschwert. Dann pinkelt sie Red Bull in die Ecke."

Benjamin Trilling stellt in der taz das Projekt "2170" vor, mit dem die neue Dortmunder Intendantin Julia Wissert, Stadt und Bühne wieder miteinander verbinden will: "Damit die Stadt ins Theater kommt, muss das Theater erst in die Stadt gehen. Nach dem Vorbild des Theaters Zuidplein in Rotterdam will die Intendantin auch einen Programmbeirat initiieren, der für Bürger:innen ansprechbar sein soll."

Besprochen werden Tina Laniks Inszenierung von Lucy Kirkwoods "Himmelszelt" am Wiener Burgtheater (Standard, Nachtkritik) und Marie Bues' Inszenierung von Wolfram Lotz' Stück "Die Politiker" am Schauspiel Hannover (Nachtkritik) und die Wiederaufnahme von Peter Konwitschnys "Don Carlos" an der Staatsoper (Standard).
Archiv: Bühne

Kunst

Matt Black: El Paso, Texas, 2015 © Matt Black/Magnum Photos

Einem Land, das die Orientierung verloren hat, begegnet taz-Kritiker Falk Schreiber in den Fotografien von Jerry Berndt und Matt Black, die in den Hamburger Deichtorhallen in einer Doppelausstellung zu sehen sind: Während der 2013 in Paris gestorbene Berndt Dokumentation und Aktivismus kombiniert, herrscht in Black "American Geography" Resignation: "Black bereist seit einigen Jahren Kommunen in den USA, deren Armutsquote über 20 Prozent liegt, und produziert hierbei Bilder, die inhaltlich Berndts deutlich älteren Aufnahmen nahekommen. 'American Geography' durchmisst ein Land, in dem die Armut ein strukturbildendes Merkmal darstellt. 'Armut ist in den USA keine Ausnahme, sondern Teil des Systems', beschreibt Deichtorhallen-Intendant Dirk Luckow den Komplex. Blacks Ästhetik ist dabei weniger dokumentarisch, sondern stärker künstlerisch motiviert. Die schon bei Berndt kontrastreichen Aufnahmen sind hier in eine nahezu schmerzhafte Klarheit übersteigert, die Tiefenschärfe schafft eine unwirkliche Atmosphäre. Dazu kommt ein Hang zu übergroßen Panoramaformaten, so dass die Armut des Gezeigten ästhetisiert wirkt, schön gar."

Weiteres: Philipp Meier freut sich in der NZZ, dass im Kunstmuseum Chur nach aufwändiger Restauration wieder der "Totentanz" zu sehen ist, und sinniert anlässlich der Begleitausstellung über das Verhältnis von Kunst und Tod: "Ja, in der Kunst, nur hier halten wir wirklich inne, bitten den Tod gleichsam zum Tanz und schauen ihm dabei tief in die Augen. Dieser Blick erfordert die größte Kraft, wie Hegel geschrieben hat."

Besprochen werden eine Ausstellung der großen Kriegsreporterin Lee Miller im Zürcher Museum für Gestaltung (NZZ) und die Reihe "Athosland" im Haus der Kunst, die Werke von MalerInnen mit kognitiven Einschränkungen in Videoprojektionen zeigt (taz).
Archiv: Kunst

Film

Alles im Griff: Millie Bobby Brown in "Enola Holmes"

Tobias Kniebe staunt in der SZ über die Smartness und das Selbstbewusstsein von Millie Bobby Brown, die als junger Teenager in "Stranger Things" berühmt wurde und mit ihren 16 Jahren nun ziemlich souverän über ein kleines Medienimperium herrscht: Für Legendary Pictures und Netflix hat sie gerade "Enola Holmes" produziert, ein Sherlock-Holmes-Spinoff rund um die (bei Sir Arthur Conan Doyle allerdings noch nicht vorgesehene) Schwester des Meisterdetektivs, die Brown dann auch kurzerhand selber spielt. "Die selbstgeschaffene Traumrolle" füllt sie dann auch blendend aus: "Ob smart und altklug, widerspenstig und kämpferisch, selbstironisch-komisch oder teenagerhaft unsicher, man ist immer ganz bei ihr. Sehr viel ältere Schauspieler scheitern schon daran, sich direkt ans Publikum zu wenden, ohne dabei lächerlich zu wirken. In diesem Film aber macht Millie das zu einem Markenzeichen der Heldin." Und Tiefgang hat die Sache auch, "wenn der Film mit dem Unglauben einer heute Sechzehnjährigen zurück auf eine Zeit blickt, in der junge Frauen zu 'Müttern von strammen Jungs' erzogen werden sollten und Gesetze brechen mussten, wenn sie für ein Wahlrecht kämpfen wollten, das noch nicht einmal allen Männern zustand."

Außerdem: Thomas Stillbauer berichtet in der FR vom Kinderfilmfestival Lucas. Im Guardian staunt Stuart Heritage auch weiterhin über die regen, teils ziemlich absurden Youtube-Aktivitäten von David Lynch, der sich seit Beginn der Covidkrise auf der Plattform ziemlich austobt: Auch unter die Nummernzieher ist er gegangen und hat im Zuge vor wenigen Tagen - zum ersten Mal in einem Run von 40 Tagen und zur Beglückung der Kommentar-Community - erstmals die Sieben gezogen. Diesen historischen Moment wollen wir Ihnen nicht vorenthalten:



Besprochen werden Dennis Gansels Verfilmung von Michael Endes "Jim Knopf nud die Wilde 13" (ZeitOnline) und die neue Serienadaption von Aldous Huxleys "Schöne neue Welt" (FAZ).
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Archiv: Film

Literatur

Die belarussische Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch hat ihre Heimat verlassen und ist in Berlin eingetroffen, meldet unter anderem die Deutsche Welle. Mit ihrem Engagement in der belarussischen Bürgerrechtsbewegung steht Alexijewitsch in der Tradition der belarussischen Literatur, die sich der gesellschaftlichen Intervention verpflichtet fühlt, schreibt Herwig G. Höller - ohne die neue Entwicklung bereits zu kennen - im Standard. Für diese Linie stehen insbesondere Ales Adamowitsch (1927-1994) und Wassil Bykau (1924-2003): "Adamowitsch schrieb über Partisanen, initiierte aber auch das epochale Blockadebuch, das das Leid der Zivilbevölkerung im von den Deutschen belagerten Leningrad dokumentierte. Bykau verarbeitete seine Erfahrungen in existenzialistischen Erzählungen. Texte, die er etwa auf Basis seiner Erlebnisse als Rotarmist in der Steiermark schrieb, haben wenig mit dem offiziösen Heldenkult zu tun. Gegen Ende ihres Lebens engagierten sich beide aber auch politisch: 'Ein Václav Havel wäre nötig gewesen. Wenn Adamowitsch nicht so früh gestorben wäre, hätte er es sein können', kommentierte Alexijewitsch vor einigen Jahren die Geschichte Weißrusslands, das im Unterschied zu Russland schon in den frühen 1990ern auf einen autoritären Kurs zurückgeschwenkt war."

Außerdem: Susanne Wedlich umkreist in ihrem 54books-Essay aktuelles Nature Writing. Im Standard empfiehlt Ronald Pohl die neue Ausgabe des Schreibhefts, das bislang unbekannte Gespräche mit dem 2018 gestorbenen Schriftsteller Wilhelm Genazino bringt. In Frankfurt lasen die für den Deutschen Buchpreis nominierten Autorinnen und Autoren, berichtet Andrea Pollmeier in der FR.

Besprochen werden unter anderem Christine Wunnickes für den Deutschen Buchpreis nominierter Roman "Die Dame mit der bemalten Hand" (Zeit), Lorenz Justs "Am Rand der Dächer" (ZeitOnline), Ulrike Draesners "Schwitters Roman" (Tagesspiegel) und Kristof Magnussons "Ein Mann der Kunst" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Musik

Auf ZeitOnline spricht der Jazzpianist Michael Wollny über sein neues Album, "Mondenkind", das auf die Sekunde so lang ist, wie der Astronaut Michael Collins seinerzeit bei der "Apollo 11"-Mission beim Umrunden den Mondes vom Funkkontakt mit der Erde abgetrennt war. Es geht um Einsamkeit auf diesem Album und dazu passte auch, dass es während des Corona-Lockdowns in den Berliner Teldex Studios eingespielt wurde - ein surreales Erlebnis: "Zwei Tage habe ich dort verbracht, zum ersten Mal seit Langem ohne Mitmusiker. Ich habe auch niemanden gesehen, Tobias Lehmann, der Toningenieur, saß drei Räume weiter. Auf dem Weg zu den Aufnahmen bin ich über eine leere Autobahn gefahren, durch eine leere Stadt, am Abend lief ich zurück in mein menschenleeres Hotel, es gab nicht nur keine weiteren Gäste, sondern auch kein Personal, meine Zimmer-Chipkarte lag zur Abholung bereit. In diesem Moment war ich absolut allein mit mir, der Musik und meinen Gedanken. ... Die Aufnahmen hätten im Januar oder im Mai definitiv anders geklungen." Auch eine schöne Coverversion von Tori Amos' "Father Lucifer findet sich auf dem Album:



Außerdem: Für den Guardian hat Haroon Siddique mit Chuck D von Public Enemy gesprochen (ein weiteres Interview resümierten wir vor kurzem). Babsi Ordinaireteur bietet in der Jungle World einen Überblick über Clubkultur in Zeiten der Coronapandemie. Die FAS hat ihr großes Gespräch mit Stefan Zauner zum 40-jährigen Bestehen seiner Band Münchner Freiheit online nachgereicht. In der FAZ gratuliert Jürgen Kesting dem Dirigenten Richard Bonynge zum 90. Geburtstag.

Besprochen werden ein Konzert der Münchner Philharmoniker unter Valery Gergiev (FR), das neue Album von Remi Wolf (SZ) und neue Klassikveröffentlichungen, darunter das Album "Earth Music" des Ensembles Capella de la Torre, dessen "zauberische Transparenz" den SZ-Klassikkolumnisten Wolfgang Schreiber dahinschmelzen lässt. Wir hören rein:

Archiv: Musik