Efeu - Die Kulturrundschau

Konzerthäuser und Theater sind keine Infektionsorte!

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15.01.2021. Die NZZ blättert sich mit Begeisterung durch einen monumentalen Julian-Schnabel-Band. Die taz staunt über den Bourdieu-Habitus, mit dem Neuköllner Schüler August Sander ins 21. Jahrhundert holen. Die FAZ bewundert die Komplexität von Cassius Clay, Sam Cooke, Malcolm X und Jim Brown  in Regina Kings Film "One Night in Miami". Van schildert die prekäre Lage der Rundfunkorchester. Die SZ schmilzt dahin mit den Tangos von Astor Piazolla. Die Welt ist sauer, dass sie trotz vorbildlicher Hygieneregeln nur online Bühne und Kunst sehen darf.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.01.2021 finden Sie hier

Film

"One Night in Miami": Feiern am Wendepunkt.

Regina King hat Kemp Powers Theaterstück "One Night in Miami" verfilmt, das sich ausmalt, was Cassius Clay, Sam Cooke, Malcolm X und Jim Brown in einer Nacht im Februar 1964 bei einem Zusammentreffen wohl miteinander besprochen haben könnten. Für FAZ-Kritikerin Verena Lueken ist dieses nun auf Amazon gezeigte Kammerstück einer der besten Filme des Jahres, den sie gerne im Kino gesehen hätte. King  weiß einfach, was sie will, wenn sie diese Jahrhundertgestalten "für knapp zwei Stunden bei funzeliger Beleuchtung zusammenbringt. Sie will sie reden lassen und ihnen zuhören. Ihnen zuschauen, wie sie einander anblicken und ihre Körper zueinander in Beziehung setzen. Sie will die Komplexität dieser Männer, die alle an einem Wendepunkt ihres Lebens und ihrer Karrieren stehen, und ihre Tiefe zeigen, ihre klare Sicht auf ihre jeweilige Situation und ihre Zweifel an den eigenen Möglichkeiten, ihre Unterschiede, ihre Sexiness und ihre Traurigkeit, ihren Stolz, ihre Ahnung vom Scheitern wie von der Macht, die ihnen momentweise zuwächst."

Ähnlich sieht es auf ZeitOnline Barbara Schweizerhof: Im Theater hafte so einem Stück "zwangsläufig etwas Steifes, allzu Rhetorisches an. Unter der Regie von Regina King aber wird daraus etwas unerwartet Zartes und Feinfühliges", auch wenn es zwischen Malcom X und Cooke hoch hergeht, wenn ersterer dem letzteren Komplizenschaft mit Weißen vowirft. "Cooke verteidigt seine Strategie als eine der raffinierten Subversion: Warum weißen Bands wie den Rolling Stones nicht die Blues-Songs überlassen, wenn man per Copyright an deren Erfolg mitverdienen kann?" Weitere Besprechungen in SZ, Tagesspiegel und Standard.

Außerdem: In der SZ amüsieren sich Julia Meidinger und David Steinitz über die mitunter sehr beknackten Inhaltsangaben auf Netflix: "Oft hat man das Gefühl, die kleinen Synopsen wären von einer betrunkenen KI verfasst und dann mit Google Translate vom Armenischen zurück in die jeweilige Landessprache übersetzt worden." Für die SZ porträtiert Sonja Zekri die Schauspielerin Anya Taylor-Joy aus der Serie "Das Damengambit".

Besprochen werden Michael Pfleghars "Serenade für zwei Spione" und Claude Sautets "Das Mädchen und der Kommissar" (Perlentaucher), Steve McQueens BBC-Reihe "Small Axe" (SZ), die Netflix-Serie "Lupin" (FAZ), die auf ZDFNeo gezeigte Serie "Years and Years" (FAZ) und der Marvel-Superhelden-Neunteiler "WandaVision" (Tagesspiegel, Presse).
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Bühne

Kostümprobe für Libertango. Foto: Nicha Rodboon / Nancy Osbaldestons Facebook


Dorion Weickmann (SZ) investiert 5 Euro, um sich online die Tangos von Astor Piazzolla anzugucken, die Nancy Osbaldeston choreografiert hat, und schmilzt dahin: "Aus und vorbei. Die Frau im roten Satinkleid zuckt mit den Schultern. Der Mann, dem sie gerade noch eine Szene gemacht hat, ist in der Kulisse verschwunden. Aber wozu soll sie Trauer tragen, das Leben geht weiter! Schon dreht sie sich um zu den vier Musikern, die auf ihr Zeichen warten - lässiger Hüftschwung, ein Arm saust Richtung Bühnenhimmel, und dann trägt der Tango sie durchs Dunkel der Nacht. Sein zackiger Rhythmus kitzelt die Sinne so unwiderstehlich, dass selbst die Füße der Zuschauerin zucken."

Manuel Brug (Welt) ist dagegen sauer, dass er nur noch online Bühne gucken darf: Mehrere neue Studien, zuletzt im Konzerthaus Dortmund, haben gezeigt, dass eine Ansteckungsgefahr bei den inzwischen üblichen Hygienebedingungen nahezu ausgeschlossen ist: "Theoretisch wäre eine Vollbesetzung im Saal denkbar. Unter Einbezug der Zuwege und Foyers wird jedoch weiterhin eine Saalbelegung im Schachbrettmuster und damit 50 Prozent der Saalkapazität empfohlen. Konzerthäuser und Theater sind keine Infektionsorte! Das Mantra aller Kulturschaffenden kann so wieder angestimmt werden. Doch es  stößt offenbar auf taube Ohren. Der Politik sind Unmut, Verbitterung und weitere Millionenverluste lieber. Obwohl man hier so einfach und psychologisch ratsam ein endlich einmal positives Zeichen setzen könnte." (Der Tsp meldet gerade, dass Kultursenator Klaus Lederer und Vertreter der Berliner Bühnen sich trotz der Gutachten auf eine Verlängerung der Corona-Pause "voraussichtlich bis Ostern" geeinigt haben.)

In der nachtkritik schildert die freie Schauspielerin Julischka Eichel in einem Brief an Monika Grütters sehr konkret ihre Existenznöte: "Die Novemberhilfen, die Dezemberhilfen, die Ersthilfen, die Neustarthilfen, alle gehen an uns vorbei, weil wir nicht selbständig im klassischen Sinne sind, weil wir keine oder wenige Einnahmen an selbständiger Arbeit haben (eben weil wir keine Rechnungen schreiben). Die Steuerberater (ich fragte drei) sagten mir: 'keine Chance'."
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Stichwörter: Corona, Grütters, Monika

Kunst

Julian Schnabel, Last Attempt at Attracting Butterflies, 1994. Foto aus dem besprochenen Taschen-Band.


In der NZZ freut sich Philipp Meier riesig (pardon) über einen fetten Sammlerband zum Werk des amerikanischen Malers Julian Schnabel. Das passt gut zu ihm, meint er und zitiert den Kunsthistoriker Eric de Chassey "über Julians Hang zur Größe, die kein Machismus des 'Trotzdem' ist. Bei aller Weiterführung der totgesagten Malerei ist sie eben ein Neubeginn, der in seiner Offenheit und Oszillation zwischen Figuration und Abstraktion vor allem auch auf die Dekonstruktion des endgültig gesetzten Bildes abzielt. Während eines Aufenthalts in Barcelona nämlich soll ein simpler Schrank im Hotelzimmer Julian Schnabel zum Beschluss bewegt haben, Bilder in dieser Größe zu malen. Das Gemälde wird zu einem Möbelstück, einem Gebrauchsgegenstand als Teil der Inneneinrichtung. 'Die Monumentalität lässt Schnabels Arbeiten zu Environments werden, zumal sie durch hinzugefügte dreidimensionale Objekte bis zu einer Tiefe von 30 cm anwachsen können. Ihre Räumlichkeit ist physisch erfahrbar, da sich Betrachter vor ihnen genauso bewegen müssen wie der Künstler, während er das Werk schuf.'"

Am Neuköllner Albert-Schweitzer-Gymnasium hat der Kunstkurs der 11. Klasse August Sanders Porträtreihe "Menschen des 20. Jahrhunderts" ins 21. Jahrhundert versetzt. Jens Uthoff (taz) ist beeindruckt: "Die Schüler_innen haben Sanders Fotografien als Grundlage genommen, um entweder sich selbst zu repräsentieren ('Schüler im Chemieunterricht') oder für den Zeitgeist typische Szenen nachzustellen ('Sanders Postmoderne'). Die Fotos sollen bald am U-Bahnhof Hermannplatz gezeigt werden - um die Ausstellung und einen Katalog realisieren zu können, haben die Schüler_innen eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Der soziologische Ansatz sei auch in ihrem Kunst-Grundkurs Ausgangspunkt gewesen, erklärt Lehrerin Kathrin Hammelstein im Telefongespräch: 'Wir haben uns der Arbeit Sanders mit der Habitus-Theorie von Pierre Bourdieu genähert. Als Erstes haben wir deshalb am Hermannplatz das Straßenbild und die Menschen beobachtet.' Es sei zunächst nur darum gegangen, was die Schüler_innen sehen und wahrnehmen und wie sie das Gesehene und Wahrgenommene für sich einordnen."

Weiteres: Bettina Wohlfarth besucht für die FAZ die französische Abtei von Fontevraud, die gerade von Martine und Léon Cligman mit reichlich moderner Kunst beschenkt wurde.
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Literatur

Man kann das letzte Jahr ziemlich gut mit Handke-Titeln abgleichen, schreibt der Publizist Michael Maar in der SZ: "Für wen war es nicht 'Mein Jahr in der Niemandsbucht'? 'Der Ritt über den Bodensee' war es allemal. 'Das Gewicht der Welt', man spürte es doppelt. 'Wunschloses Unglück'? Nein, nicht wunschlos, die meisten wünschten sich genau das, was gerade auf Spritzen aufgezogen wird. 'Die Unvernünftigen sterben aus' blieb leider ein leeres Versprechen. 'In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus', auch das nur noch ein frommer Wunsch bei Ausgangsverbot."

Weiteres: Für ein 54books.de-Gutachten beugt sich Tobias Gralke über erfolgreiche politische Kinder- und Jugendbücher. Besprochen werden unter anderem Bregje Hofstedes "Verlangen" (taz), David Schalkos "Bad Regina" (Standard), Peter Fabjans "Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard" (NZZ), Samanta Schweblins "Hundert Augen" (SZ) und Rutu Modans Comic "Tunnel" (FAZ).
Archiv: Literatur
Stichwörter: Bernhard, Thomas

Musik

Lars Fleischmann spricht in der taz mit dem Produzenten und Aktivisten DeForrest Brown Jr., der seine Arbeit als sonische Waffe im Kampf gegen Rassismus versteht und beim Online-Festival CTM einen Workshop gibt. Mit dem Begriff "Sonic Weaponry" verweise er "darauf, dass ich mich mit Schwarzer Geschichte, Kultur und dem Konzept einer Schwarzen Nation intellektuell bewaffnet habe - was in kybernetische und improvisierte Schwarze Musik gemündet ist." Denn "die Geschichte der Schwarzen Musik ist unvollständig, da Sklavenhalter ihren Sklaven jegliche Bildung verweigerten. Es gab keine Möglichkeit der (kulturellen) Aufzeichnung: Keine Schrift, niemand konnte lesen, und es war unter Strafe verboten, afrikanische Sprachen zu sprechen. Nur Musik als orale Kulturform gab uns die Möglichkeit zu kommunizieren und sogar Wissen zu mehren." Vor kurzem gab es im Dlf Kultur auch ein großes Radiogespräch mit dem Produzenten.



Für einen ausführlichen Longread in VAN hat sich Hartmut Welscher die Lage der Rundfunkorchester angesehen. Nicht Corona steht dabei im Mittelpunkt, sondern die Situation in einer Arbeitsumgebung, in der sich die Orchester insbesondere gegenüber den eigenen Rundfunkanstalten immer wieder behaupten müssen, auch im Hinblick auf die derzeit eingefrorene Gebührenerhöhung. Hinzu kommt: "Ihr ursprünglicher Auftrag hat sich über die Jahrzehnte hinweg teilweise pulverisiert. In der Nachkriegszeit, in der viele von ihnen gegründet wurden, sollten sie Inhalte für die Radioprogramme der Sender einspielen, Repertoire entdecken, neue Musik aufführen und etablieren. ... Die Öffentlich-Rechtlichen als Bewahrer der Vielfalt, während die privaten Anbieter nur Markt und Quote bedienen - diesem Argument begegnet man in Gesprächen über die Rundfunkorchester immer wieder." Dies laufe "ins Leere: Die meisten Berufsorchester in Deutschland sind eben nicht privat sondern öffentlich finanziert und können - oder sollten - unabhängig vom Diktat des Marktes agieren. Die Gleichung 'privat = marktkonform/profitorientiert' passt auch deshalb nicht, weil in Deutschland gerade die freien Ensembles häufig Innovationsträger sind und oft prekär finanziert."

Besprochen werden Playboi Cartis Album "Whole Lotta Red" ("der pure Hedonismus", meint tazler Johann Voigt) und das neue Album "Spare Ribs" der Sleaford Mods, auf dem es, schreibt Christian Schachinger im Standard, einmal mehr "um die Tristesse und das Elend in den sozialen Brennpunkten Großbritanniens" geht, während Freitag-Kritiker Jürgen Ziemer über "überraschend süffige Melodien" staunt.

In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Jens Buchholz über "Forever Young" von Alphaville:

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