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Efeu - Die Kulturrundschau

Rausch der Repetition

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08.03.2021. Tut nicht so grün, ruft Architekt Hans Kollhoff in der FAZ den Verfechtern eines Europäischen Bauhauses zu, Ihr bleibt ja doch Konsumkapitalisten! Nachtkritik und FAZ blicken mit Sasha Waltz' neuer Choreografie in die Freiheit. Die SZ begibt sich mit Simon Rattle auf psychedelische Weltraumreise.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.03.2021 finden Sie hier

Architektur

"Tut nicht so grün, es bleibt Konsumkapitalismus" ruft Architekt Hans Kollhoff in der FAZ den Propagandisten des Europäischen Bauhaus entgegegen. Wer will schon Fenster, die man nicht mehr öffnen kann, oder einen Herd, den man mit dem Iphone einschalten kann? Kolhoff ätzt gegen "das banalste und schamloseste Nachhaltigkeitsimage", das "Mailänder Machwerk Bosco Verticale", das neue Wohn-Leasing und die "Circular Economy": "Es gibt nichts Nachhaltigeres als die vor 150 Jahren gebauten Gründerzeithäuser, nicht zuletzt deshalb, weil sie immer noch nicht abgerissen und der Kreislaufwirtschaft zugeführt wurden. Das Kreislaufdenken ist reines Profitinteresse der Bauwirtschaft, die gut lebt mit Abriss und Neubau und dem ganzen Rattenschwanz 'grüner' Haustechnik, der daran hängt, mit Normen und Gütesiegeln nobilitiert und vom Bund gefördert wird - und nach zwanzig Jahren schrottreif ist. Die architektonische 'Kreislaufwirtschaft' aus Abriss und Neubau widerspricht nicht nur dem Selbstverständnis des Architekten, sondern auch einer vernünftigen Vorstellung von Nachhaltigkeit."

Das Bauen in Deutschland ist überkomplex, räumt Robert Kaltenbrunner in der FR ein, aber nicht das Regelwerk verhindere öffentliches Bauen, sondern mangelnde Risikofreude: "Die Bereitschaft, Fehler zu machen und offen damit umzugehen, ist unterentwickelt, auch institutionell. Vielmehr scheint das Prinzip zu regieren: Wer nichts macht, macht auch nichts falsch. Stattdessen wäre eine gewisse Risikofreudigkeit zu popularisieren, auch gesellschaftlich. In diesem Sinne hat man vor einiger Zeit in Magdeburg mit der 'Stadt auf Probe' neue Wege in Planung und Bürgerbeteiligung beschritten, indem man auf der exponierten Brachfläche der vormaligen Ortsbibliothek ein öffentlich nutzbares 'Lesezeichen' entwickelte. Und im problemgebeutelten Leipziger Westen fand das Kunstprojekt 'stadthalten' statt, welches fünf zentral gelegene Baulücken höchst unkonventionell bespielte."
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Bühne

Sasha Waltz' Choreografie "In C". Foto:Jo Glinka 

Für einen Ausblick in die Freiheit und einen absoluten Höhepunkt der diesjährigen Stremingsaison hält FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster Sasha Waltz' neue Choreografie "In C" aus dem Radialsystem und zur Minimal-Music-Komposition des amerikanischen Komponisten Terry Riley: "Sasha Waltz ist immer am besten, wenn sich ihre Ideen vornehmlich an umwerfender Musik entlang entwickeln, dafür ist 'In C' ein weiterer Beleg. Die leuchtenden, an Alltagskleidung angelehnten Kostüme von Jasmin Lepore mit ihren Tops, Shorts, und Hosen in Gelb, Himmelblau und Tomatenrot geben dem Stück in Verbindung mit der fröhlich vorwärtstreibenden, minimalistischen Musik etwas Zeitloses und Sorgenfreies." In der Nachtkritik wiegt sich Sarah Heppekausen in einem weitschweifigen Klanggewebe, dessen Rhythmen die Tänzer und Tänzerinnen kreuzen und wiederholen: "Mal ist es ein Fingertrommeln am Hals, mal sind es Drehungen und Sprünge. Musik und Tanz begeben sich gemeinsam in einen Rausch der Repetition."

Weiteres: Dorion Weickmann schreibt in der SZ zum Tod des französischen Startänzers Patrick Dupond, Weickmann zufolge der "Alain Delon des Tanzes". In der Welt trauert auch Manuel Brug um diese extravagante und verführerische, aber auch selbstzerstörerische Persönlichkeit. Nach einem Jahr ohne Theater sinniert Rüdiger Schaper im Tagesspiegel über das Streaming, Immersion und Lounge-Theater. Besprochen wird der Tanzabend "Gymnastik" von Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen im Streeam des Kölner Schauspiels (FR).
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Kunst

In der SZ meldet Alexander Menden, dass das Museum Kunstpalast eine Serie der Malerin Sabrina Fritsch angekauft hat. Georg Imdahl gratuliert dem Künstler Heinz Mack zum Neunzigsten.
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Archiv: Kunst

Literatur

Im Streit um die Übersetzung von Amanda Gormans Gedichten herrscht im Feuilleton auch weiterhin Einigkeit: Die Maxime, das für die Übersetzung eine geteilte Erfahrungswelt Voraussetzung sei, führe "schnell in Sackgassen", meint Tobias Döring in der FAZ. Aber vielleicht ging es der Intervention in den Niederlanden auch darum, dass die Übersetzung durch Rijnverld "jemand anderer die Chance auf Honorar und kulturelles Prestige genommen hätte. Solche Ressourcen sind nun einmal begrenzt. Sollten sie daher nach Gruppenzugehörigkeit verteilt werden? Wohl kaum. Das würde schwarze Übersetzerinnen fatal festlegen, nachgerade in ein kulturelles Getto stecken. ... Wie Radetzkaja erklärt, ist Übersetzen prinzipiell das Gegenteil von unter sich bleiben. Daraus entsteht Literatur. Auch Gormans Gedicht ist durch und durch Vermengung."

Für ZeitOnline hat Katharina Borchardt Marieke Lucas Rijnevelds in mehreren internationalen Zeitungen veröffentlichtes Gedicht, mit dem sie auf die Affäre reagiert, gelesen (die FAZ hat die deutsche Übersetzung unsinnigerweise verpaywallt, dann linken wir eben zum Guardian). Es ist "ein hingebungsvolles Gedicht, das vor allem deshalb so bemerkenswert ist, weil es Rijnevelds Rückzug zwar bekräftigt, Gormans Texten in Rhythmik, Bildlichkeit sowie moralischem Impetus aber sehr nahesteht. Wie ein Liebesbrief direkt nach der Trennung." Rijneveld hat "einen sehr emotionalen und passagenweise auch pathetischen Text geschrieben. Genau darin kommt sie dem Inaugurationsgedicht von Amanda Gorman im Ton überraschend nah. Denn auch Gorman beschreibt eine verletzte Welt und beschwört deren Heilung."

Weitere Artikel: In den "Actionszenen der Weltliteratur" erinnert Frank Trende an Michael Endes alkoholgetränkte Zeit als Bühnenschauspieler.

Besprochen werden unter anderem Floyd Gottfredsons in einer Gesamtaugabe präsentierte Micky-Maus-Comics aus den 30ern (Tagesspiegel), Isabel Allendes "Was wir Frauen wollen" (Standard), Dana Grigorceas Vampirroman "Die nicht sterben" (FR), Julia Phillips' "Das Verschwinden der Erde" (online nachgereicht von der FAZ), der Band "Aber es wird regnen" mit Kurzgeschichten von Clarice Lispector (Freitag), Wolfgang Haugs Biografie des Schriftstellers Theodor Plievier (Freitag), Paavo Matsins "Gogols Disko" (Freitag), Julia Phillips' "Das Verschwinden der Erde" (Standard), Mirko Bonnés Roman "Seeland Schneeland" (Tagesspiegel) und Judith Vanistendaels Comic "Penelopes zwei Leben" (SZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Claudia Schülke über Johann Ludwig Ambühls "Lied einer Schnitterin":

"Laß dich schneiden, laß dich schneiden,
Ernte, reif und warm:
Sieh, ein Mädchen voller Freuden..."
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Musik

In München hat Simon Rattle zwei Streamkonzerte des BR-Symphonieorchesters dirigiert, dem er künftig auch als künstlerischer Leiter vorstehen wird. Zu hören gab es einmal Adámek und Messiaen (hier im Stream) und einmal Purcell und Haas (dort im Stream). In Messiaens "zerklüftet unbedingter Klangunterwelt zeigt sich Rattle noch ein Stück stärker engagiert als in Adámeks immer wieder ins Zarte, Intime, Folkloristische ausweichendem Liederfolge", schreibt Reinhard J. Brembeck in der SZ, der das Orchester unter Rattle zu neuen Gefilden aufbrechen sieht. "Rattle und Messiaen interessieren aber nicht so sehr das Unumkehrbare des Todes, sie konzentrieren sich ganz auf die sich hier herausmeißelnde Auferstehungserwartung, die sich wider alle Logik und Wissenschaft Bahn bricht. Rattle, das ist neu, zeigt im Alter zunehmend ein Faible für Religiöses und Mystisches." Und bei Haas' "in vain" befinde sich das Publikum in einem "schier endlosen Klangband voller Haltetöne, Mikrotonalität, Schleifbewegungen und Naturtonklängen" gar "auf einer psychedelischen Weltraumreise. Wohin? Vermutlich zum Wesen des eigenen Ich, zu Sinn des Lebens."

Rattle, ergänzt Jan Brachmann in der FAZ, erkläre mit diesen Konzerten "demonstrativ die neue Musik zur Chefsache, nachdem seine Amtsvorgänger sich ihr zwar nie gänzlich verweigert, aber doch große Zurückhaltung an den Tag gelegt hatten. Da ist etwas vom Schwung eines Aufbruchs in München zu spüren." In der NMZ bespricht Wolf-Dieter Peter die beiden Abende.

Thilo Adam von ZeitOnline hat sehr viel Spaß mit dem ultra-nervösen Plastik-Trash-Jazz von DOMi & JD Beck: Die ist "tiefenentspannt-hibbelig, ja auf nervöse Art zurückgelehnt. Viele der Clips dauern kaum eine Minute, aber alle strotzen vor Noten. Es sind Hyperhäppchen für Aufmerksamkeitsdefizitgeplagte - oder besser: für alle, die sich inzwischen mit ihrem Aufmerksamkeitsdefizit angefreundet haben. Auf Instagram folgen den beiden jeweils rund 200.000 Menschen. Im Jazz ist das eine Wahnsinnszahl. ... Die Generation Z erobert ein Genre - mit virtuoser Handwerklichkeit, unterspanntem Gestus und einem Achselzucken für soignierte Seh- und Hörgewohnheiten. Internetfame mit komplexer Musik ist also möglich. Willkommen im Zeitalter des Zoomer-Jazz!" Wir hören rein:



Weitere Artikel: Für ZeitOnline spricht Reinhard Köchl mit dem Jazzgitarristen Pat Metheny. Udo Badelt war für den Tagesspiegel bei den Proben zum hier gratis gezeigten Konzertfilm "Yellow Lounge - Women of Achievement" der Yellow Lounge. Markus Ganz schreibt in der NZZ einen Nachruf auf den Schweizer Sänger Andi Czech.

Besprochen werden die von Jon Savage zusammengestellte Compilation "Do You Have the Force?" mit elektronischer Musik aus den Jahren 1978-1982 (The Quietus), das neue Album der Kings of Leon (Tagesspiegel) und ein Bruckner-Abend der Wiener Philharmoniker unter Christian Thielemann (Standard).
Archiv: Musik

Film

Hommage auf einen Revolutionär:  Vincent Meessens "Juste un movement"

Zwar waren bei der fünftägigen Branchen-Berlinale der letzten Woche lediglich Stichproben in die Nebensektionen möglich, resümiert Bert Rebhandl in der FAZ, aber was man sehen konnte, ließ auf einen "exzellenten Jahrgang" schließen, das "Publikum, das die Filme im Juni zu sehen bekommen soll, hat allen Grund zu Vorfreude." Insbesondere Andreas Fontanas "Azor" und Vincent Meessens Dokumentar- oder Essayfilm "Juste un mouvement" schreibt der Kritiker uns ganz oben auf die Merkliste. Letzterer arbeitet den Fall des 1969 aus Frankreich abgeschobenen, 1973 gestorbenen Studenten Omar Blondin Diop auf, der auch in Godards "Die Chinesin" von 1967 auftritt. Um neue Erkenntnisse geht es Meessen zwar nicht, sondern "darum, das intellektuelle Erbe dieser Generation in eine Gegenwart zu holen, die von ganz anderen geopolitischen Bedingungen geprägt ist als vor fünfzig Jahren. 1968 war der Maoismus eine der wichtigsten politischen Strömungen, heute betreibt China in Afrika neoimperiale Außenpolitik. Meessen arbeitet zwar auch dokumentarisch in einem klassischen Sinn, er zeigt Archivmaterial und hat Interviews geführt, unter anderem mit dem Philosophen und Kulturtheoretiker Felwine Sarr. Doch 'Juste un mouvement' geht weit über Zeitgeschichtsschreibung hinaus - ein komplexer Filmtext, der zu den Höhepunkten postkolonialen Kinos zu zählen ist."

Hanns-Georg Rodek von der Welt lässt es keine Ruhe, dass Radu Judes Berlinale-Gewinner mit einem Amateur-Pornovideo beginnt und umkreist den Filmemacher entsprechend hartnäckig mit Nachfragen. Der gibt sich gelassen: "Ein Mann und eine Frau haben Sex. Passiert ständig überall auf der Welt." Es "gibt nichts Skandalöses. Keine extremen Arten der Liebe. ... Wenn es Kritiker meines Filmes gibt, die verhindern wollen, dass man tiefer über ihn nachdenkt - zum Beispiel über die Verlogenheit in der Gesellschaft des Landes, ich dem ich lebe -, da kann es schon sein, dass man sagt: 'Also, diesen Film kann man ja nicht ernst nehmen, weil er mit einer Porno-Sequenz beginnt!' Das ist aber das Problem dieser Menschen, nicht meins."

Außerdem: Im Dlf Kultur spricht Julian Radlmaier über seine auf der Berlinale gezeigte, marxistische Vampirkomödie "Blutsauger". Claudia Reinhard blickt in der FAZ zurück auf die von der Berlinale gezeigten Serien. Nicolas Freund schaut sich für die SZ die von kleinen Studios im Schnellverfahren hergestellten Billigkopien großer Animationsfilme an. Besprochen wird Andreas Hoesslis Dokumentarfilm "Der nackte König" (Freitag).
Archiv: Film