Efeu - Die Kulturrundschau

Wispern, grummeln oder summen

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19.11.2024. In der NZZ warnt Ronya Othmann vor allem angesichts des BDS vor einer Welt, "in der nicht die Haltung, sondern die Herkunft darüber entscheidet, wo man mitmachen darf." Der Spectator stellt unter anderem mit Blick auf Roman Polanskis kaum noch gezeigten Film "Intrige" über die Dreyfus-Affäre fest, "wie Juden aus der modernen Kultur herausgeschrieben werden." Die Welt befürchtet derweil bei der Nan-Goldin-Ausstellung in der Berliner Nationalgalerie einen Skandal mit Ansage. Die FAZ schwärmt in Stuttgart von der venezianischen Haute Couture des Vittore Carpaccio. Und die TheaterkritikerInnen gruseln sich vor Barrie Koskys "Sweeney Todd" an der Komischen Oper.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.11.2024 finden Sie hier

Literatur

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In der NZZ spricht die jesidisch-deutsche Schriftstellerin Ronya Othmann unter anderem darüber, dass sie von einem Literaturfestival in Pakistan kurzfristig ausgeladen wurde, nachdem ein Offener Brief ihr vorgeworfen hatte, angeblich zionistische Lügen über den 7. Oktober zu verbreiten. "Es gibt sehr viele Islamisten in Pakistan, das kann schnell gefährlich werden. Als der offene Brief publiziert wurde, musste ich auch sofort aus dem Hotel weg. ... Ich frage mich, was diese Entwicklung für Autorinnen, Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen bedeutet. Vor allem, wenn sie jüdisch, israelisch und nicht antizionistisch sind. Ich fürchte, Diskussionen, in denen verschiedene Perspektiven aufeinanderknallen, wo man sich aber auch treffen kann, werden nicht mehr stattfinden. Darum halte ich Boykottkampagnen wie beispielsweise BDS für eine große Gefahr für die Meinungs- und Kunstfreiheit. ... Für keine Nation der Welt gibt es vergleichbare Boykottaufrufe. Generell finde ich es gefährlich, in einer Welt zu leben, in der nicht die Haltung, sondern die Herkunft darüber entscheidet, wo man mitmachen darf."

Weitere Artikel: Mladen Gladić berichtet in der Welt von einer Marbacher Tagung zum Verhältnis des Literaturbetriebs zum Populären. In der Welt freut sich Axel Rüth über die Ehrendoktorwürde, die die Universität Duisburg-Essen der Schriftstellerin Cécile Wajsbrot zuteil hat werden lassen. Der Österreichische Buchpreis geht in diesem Jahr an Reinhard Kaiser-Mühlecker für den Roman "Brennende Felder", meldet Michael Wurmitzer im Standard.

Besprochen werden unter anderem Hanif Kureishis "Shattered" (NZZ), Samantha Harveys eben mit dem Booker Prize ausgezeichneter Raumfahrt-Roman "Umlaufbahnen" (Standard), Craig Thompsons Comic "Ginsengwurzeln" (Standard), das aktuelle Lustige Taschenbuch mit einem erstmaligen Joint Venture zwischen Marvel und Entenhausen (Tsp), das von Christian Brückner eingelesene Hörbüch von Oscar Wildes "Gespenst von Canterville" (online nachgereicht von der FAZ), Roman Grafs "Leben ohne Folgen" (FAZ) und Joshua Groß' "Plasmatropfen" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Bühne

Szene aus "Sweeney Todd". Foto: Jan Windszus Photography

Reichlich Horror und schwarzen Humor bekommen die KritikerInnen von Barrie Kosky mit Stephen Sondheims makabrem Musical-Thriller "Sweeney Todd" über einen aus Rache mordenden Barbier an der Komischen Oper geboten - und äußerst ambivalent fallen ihre Urteile aus. In der SZ erlebt Reinhard J. Brembeck "musikalisch wie szenisch ein Meisterstück an Leichtigkeit, Eleganz, Understatement, Doppelbödigkeit. Kein deutsches Opernhaus dürfte derzeit zu solch einer Show fähig sein". Und auch von Wurst aus Menschenfleisch lässt er sich nicht abschrecken: "Hier camouflieren Jahrmarktheiterkeit, Volksliedharmlosigkeit und Tonalitätszauber konsequent ein zutiefst desillusioniertes und depressives Menschenbild. Das Stück appelliert an das Unterhaltungsbedürfnis der Menschheit, das Grauen erscheint als ein Ist-gar-nicht-so-schlimm in den Alltag eingemeindet." In der taz lobt auch Katharina Granzin: "Koskys Inszenierung trifft, kongenial zur Vorlage, einen genau richtig lakonischen Ton, dessen schwarzer Humor nicht zum einfältigen Lustgruseln einlädt. Noch im Lachen ist das Erschrecken über das Lachen hier allzeit mit eingepreist."

Beifall für vor allem für die Schauspieler, allen voran Christopher Purves als Sweeney Todd und Dagmar Manzel als Mrs Lovett spenden auch Clemens Haustein in der FAZ und Ulrich Amling im Tagesspiegel, dem es insgesamt allerdings an Subtilität mangelt: "Generalmusikdirektor James Gaffigan schenkt Sondheims Musik viel Aufmerksamkeit und orchestrale Klasse, macht sie dabei aber auch seriöser, als sie eigentlich ist. Das raubt ihr subversive Kraft, die sich auch szenisch nicht zeigen will. Kosky stellt das Stück professionell durch, vermeidet aber jegliche Zuspitzung des dramaturgisch immer wieder durchhängenden Abends." Und in der Berliner Zeitung winkt Peter Uehling ganz ab: Er sieht eine harmlose "Nummernrevue, die ungeduldig macht, weil scheinbar ständig vom Pfad der eigentlichen Geschichte abgewichen wird." Immerhin: "James Gaffigan am Pult des Orchesters der Komischen Oper gelingt eine pointierte und farblich enorm reiche Interpretation, die in keinem Moment den Faden verliert."

Weitere Artikel: In der taz berichtet der Schriftsteller Ulf Erdmann Ziegler von seiner USA-Reise, die er nach der Trump-Wahl im Rahmen einer Hamlet-Inszenierung an einer Universität in San Antonio in Texas besucht hat. In der Welt rät Alan Posener zu einem Besuch auf der MS Goldberg, ein jüdisches Kulturschiff in Berlin, auf dem fast jeden Abend Veranstaltungen mit jüdischen Künstlern oder zu jüdischer Kultur stattfinden. Im Tagesspiegel schreibt die ukrainische Dramaturgin und Regisseurin Anastasiia Kosodii über ihre Arbeit mit einem Kriegsveteranen, über den sie das Stück "Traveller's Playlist" erarbeitet hat.

Besprochen werden das Disability & Performance Festival "No Limits" im Berliner Hebbel am Ufer (taz), Helge Schmidts Stück "Unser Erbe: Tax me if you can" am Staatstheater Wiesbaden (taz), das Fast Forward Festival am Staatstheater Dresden (nachtkritik), Maxim Didenkos Adaption von Sasha Filipenkos Roman "Kremulator" im Rahmen des Festivals Voices in der Berliner Elisabeth-Kirche (FAZ) und Kirill Serebrennikows Inszenierung von Alfred Schnittkes russlandkritischer Oper "Leben mit einem Idioten" am Opernhaus Zürich, der es laut Manuel Brug in der Welt an sämtlichen russischen Anspielungen mangelt, mehr hier.
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Film

Kein Kino in der englischsprachigen Welt, schreibt Spectator-Kolumnist Nick Cohen, würde es wagen, Roman Polanskis Film "Intrige" über die Dreyfus-Affäre zu zeigen. In London lief er neulich an einem Tag in einem einsamen Kino in Nord-London. Auch in Amerika wird er nicht gezeigt. An Polanski hängt der #MeToo-Vorwurf. Zwar hat niemand expressis verbis verlangt, dass sein Film nicht gezeigt wird, aber die Kinobetreiber agieren aus "vorauseilender Zensur". Auch bei Amazon Prime oder anderen Diensten kann man den Film nicht auf englisch sehen, so Cohen. Dabei ist der Film so aktuell wie nur möglich: "Dass Dreyfus eindeutig unschuldig ist, spielt für die Armee, den Pöbel auf der Straße oder die rechte Presse keine Rolle. Er ist Jude und der Versuch, seinen Namen reinzuwaschen, ist eine jüdische Verschwörung." Cohens deprimiertes Fazit: "Dave Rich, der große Experte für modernen Antisemitismus, hat festgestellt, wie Juden aus der modernen Kultur herausgeschrieben werden. Er verweist auf 'Lee', Kate Winslets Darstellung des Lebens der Kriegsfotografin Lee Miller. Sie war Zeugin des Holocaust, aber es gibt nur eine einzige 'explizite Erwähnung von Juden in einem Film, der mit der Befreiung von Buchenwald seinen Höhepunkt erreicht', schreibt Rich. Nichts von dieser erbärmlichen Schönfärberei der Geschichte ist in 'Intrige' zu sehen. Polanski konfrontiert Rassismus und Verschwörungstheorien mit einer Direktheit, die Liberale früher bewundert haben." Nick Cohen hat ein Substack-Blog, das man hier abonnieren kann.

In den USA läuft demnächst ein Biopic über den NS-Widerstandskämüfer Dietrich Bonhoeffer an, das wegen seiner reißerischen Vermarktung durch einen radikal-evangelikalen Verleih insbesondere bei den Nachfahren Bonhoeffers, aber auch bei den vielen an der Produktion beteiligten deutschen Darstellern (darunter August Diehl) zu Missmut führt. Dazu muss man wissen, dass Bonhoeffer ausgerechnet bei rechtsextremen US-Nationalisten des religiösen Spektrums mittlerweile eine positive Bezugsfigur darstellt. Der Regisseur des Films, Todd Komarnicki, versichert gegenüber David Steinitz von der SZ, dass sein Film unabgängig vom jetzigen Verleiher produziert wurde und nicht im Dienste einer rechten Vereinnahmung stehe. Die Vermarktung findet er selbst ärgerlich. Steinitz findet das durchaus plausibel: Anders als auf dem Plakat, hat Bonhoeffer im Film "kein einziges Mal eine Pistole in der Hand. Und er wird in keinster Weise als 'Attentäter' dargestellt, wie es das Plakat der Angel Studios behauptet und ein bisschen auch der Trailer suggeriert. ... Man kann über die Qualität seines Films geteilter Meinung sein. Und es gibt gute Gründe, ihn aus historischen oder künstlerischen Gründen zu kritisieren. Aber gerade den Kern von Bonhoeffers Schriften, wie ein christlicher Widerstand gegen Hass und Barbarei aussehen könnte, nimmt der Film vollkommen ernst. Ein Aufruf zur Gewalt für rechte Fundamentalisten ist 'Bonhoeffer' definitiv nicht."

Weitere Artikel: Günter Schwaiger erklärt im taz-Gespräch, warum er mit "Wer hat Angst vor Braunau?" einen Dokumentarfilm über die österreichische Stadt gedreht hat, deren Stigma es ist, dass dort Hitler auf die Welt gekommen ist: Die Stadt ist nämlich viel besser als ihr Ruf, sagt er. Reinhard Kleber berichtet im Filmdienst von den 66. Nordischen Filmtagen in Lübeck. Besprochen werden die HBO-Serie "Dune: Prophecy" (Presse) und Nicolai Rohdes im ZDF gezeigter Polizeifilm "Allein zwischen den Fronten" (FAZ).
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Kunst

Vittore Carpaccio, Flucht nach Ägypten, ca. 1515, National Gallery of Art, Washington, Samuel H. Kress Collection. Genehmigt durch National Gallery of Art

Weshalb Vittore Carpaccio hierzulande nie den Rang eines der Bellinis erreichte, ist FAZ-Kritiker Stefan Trinks spätestens nach der Ausstellung "Carpaccio, Bellini und die Frührenaissance in Venedig" in der Staatsgalerie Stuttgart ein Rätsel, zeigt sie ihm doch die ganze Originalität des Venezianers, der den heiligen Ernst religiöser Andachtsbilder gern mit Witz aufbrach, etwas "in seinem 'Bildnis der Maria mit Christus und Johannesknaben' von etwa 1497. Diesmal nicht auf einem Balkon, sondern auf der Buntmarmorbrüstung eines hohen Fensters sitzend lässt der im letzten Schrei venezianischer Haute Couture gekleidete kleine Erlöser mit braunem Wams und ebensolcher Kappe die Beine baumeln, während er in einem kostbaren, auf Pergament geschriebenen Stundenbuch blättert und ihn seine Mutter gegenüber mit gefalteten Händen anbetet. Zwischen Mutter und Kind jedoch drängelt sich die kesse Verwandtschaft: Der kleine Johannesknabe kommt herein und erzählt etwas Humoriges, wie Carpaccio mit dessen Redegestus jovialer Sprache anzeigt. Auf der Stelle ist der Christusknabe derart abgelenkt von der Lektüre, dass er mit seinen babyspeckigen Fingern mehrere Seiten so ungeschickt umschlägt, dass er die teure Handschrift dabei beschädigen wird."

Die amerikanische Fotografin Nan Goldin fiel zuletzt vor allem durch antiisraelische Propaganda auf, zwei Wochen nach dem 7. Oktober veröffentlichte sie etwa als Erstunterzeichnerin im amerikanischen Kunstmagazin Artforum einen "Open Letter from the Art Community", in dem Israel Völkermord an den Palästinensern vorgeworfen wird, erinnert Marcus Woeller in der Welt. Am kommenden Wochenende wird in der Berliner Nationalgalerie eine Goldin-Ausstellung eröffnen, die flankiert werden sollte durch das von der Nationalgalerie initiierte Symposium "Kunst und Aktivismus in Zeiten der Polarisierung", das von dem Historiker Meron Mendel und der Politologin Saba-Nur Cheema moderiert werden soll: "Doch die Einladung, 'am Symposium aktiv mitzuwirken', hat Nan Goldin ausgeschlagen - offenbar weil ihr die Veranstaltung, obwohl dort einige prominente Israel-Kritiker aus der Kunstszene auftreten, noch zu moderat erscheint. (…) Goldins politische Haltung wird in der Ausstellung selbst wohl nicht thematisiert. 'Der Integrität dieses Gesamtkunstwerkes war trotz vieler Ideen für die Berliner Präsentation mit weiteren kuratorischen Beiträgen nichts hinzuzufügen', so die lapidare Erklärung der Nationalgalerie, die ihre vielen Ideen im eigenen Haus offenbar nicht weiter darstellen will."

Weitere Artikel: In der FR macht sich Björn Hayer noch keine Sorgen, dass Künstliche Intelligenz die Kunst ganz ersetzen wird. Besprochen werden die Ausstellung "Anonyme Zeichner*innen" im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien (Tsp) und die Installation "Masses" des Künstlers Ed Atkins im Foyer der Deutschen Oper Berlin (Tsp).
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Architektur

Vielversprechend findet Gerhard Matzig in der SZ die vom Bund Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) vorgelegte Studie "O2H", die skizziert, wie aus Büros Wohnraum geschaffen werden könnte: "Der Umnutzung steht insbesondere bei Bauten ab den Achtzigerjahren architektonisch (Grundrisse) und technisch (Statik, Brandschutz et cetera) kaum etwas Ernsthaftes im Weg. Fast alle Planer, die man dazu spricht, sagen, dass halbwegs moderne Bürobauten (also: gut gedämmt, relativ schadstofffrei) recht einfach umgebaut werden können - zu Wohnungen aller Art." Allerdings: "ist der Mietzins bei Gewerbeimmobilien deutlich höher als bei Wohnimmobilien. Zweitens ist die Mehrwertsteuer beim Gewerbe (Büros zählen dazu) absetzbar - nicht so beim Wohnen. (...) Nichts davon könnte man baupolitisch nicht auch anders steuern. Aber solange die Politik diese Fesseln nicht löst, so lange haben die Immobilienfonds, in der Regel sind es die Eigentümer der oft leer stehenden Bürobauten, kaum Interesse an baulicher Umnutzung, an Baugenehmigungen und Gutachten, an Entwürfen, an Mietern statt Büroinsassen. Lieber bleiben die Immobilien leer, man wartet ab."

In einem weiteren SZ-Artikel wirft Gerhard Matzig einen Blick auf das Video, das die geplante Prinz-Mohammed-bin-Salman-Arena in Riad vorstellt: "Elf Neubauten sind für die Spiele geplant, ein Bauwerk ist fantastischer als das andere. Die MBS-Arena sieht aus wie aus einem Star-Wars-Film. Die Architektur bietet das maximale Spektakel - und ist komplett mit gigantischen Monitoren umhüllt. Darin sollen auch E-Sport-Wettkämpfe als Gladiatoren-Spiele der Neuzeit und, ernsthaft, Drohnen-Rennen stattfinden. Das Ganze ist obendrein ein Vergnügungsviertel für 1,2 Milliarden Euro."
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Stichwörter: Drohnen, Star Wars

Musik

In Berlin hat Joana Mallwitz mit dem Konzerthausorchester Lera Auerbachs zum 70-jährigen Bestehen der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem komponierte Symphonie "Vessels of Light" aufgeführt. Gewidmet ist das Werk dem japanischen Diplomaten Chiune Sugihara, der tausenden Juden im Zweiten Weltkrieg in Litauen zur Flucht verhalf. Auerbachs Arbeit "erinnert durchaus an Beethovens Menschheitsappell, die Neunte Symphonie", erfahren wir von Wolfgang Schreiber in der SZ. Doch sie "hat eine besondere Solistenfarbe hinzugefügt - und damit ein bestimmendes musikalisches Subjekt: das alle Emotionalität der Musik lyrisch übersteigende Violoncello, hier von der New Yorker Cellistin Kristina Reiko-Cooper vollendet ins Spiel gebracht. Ihre Klangkunst lässt die Sprachfähigkeit des poetisch Melodischen erstrahlen. ... Weibliche und männliche Flüsterer von Solisten und Chor sind am Werk: Wispern, grummeln oder summen, flehen, beschwören, dröhnen oder poltern bilden den Kosmos innerer Stimmen und Stimmungen. Reich an Farben das Schlagwerk, mit Glockenspiel, Marimba und Tamtam, Triangel, Vogelpfeifen, Steinen und einem Waterphon."

Mit sichtlich wenig Vergnügen erklärt Karl Fluch den Standard-Lesern, warum Berq derzeit die Jugendzimmer im deutschsprachigen Raum erobert. Dies gelang ihm etwa mit dem Stück "Rote Flaggen", "einem vertonten Beziehungsgedicht, das mit kammermusikalischer Intimität eine sakral-emotionale Atmosphäre anvisiert, in der eine tendenziell banale Dichtkunst mit Bedeutung aufgeladen wird, die sich zwischen Elmayer'scher Korrektheit, Heinos Lässigkeit und beinhartem Straßenslang bewegt: 'Fuck, du tust weh!'" Berq "scheint nicht bloß nahe, sondern im Wasser gebaut. Wenn er Humor hat, drängt er ihn der Welt nicht auf. ... Ausproduziert wirkt das stellenweise, als sei Berq ein Schüler des Bösewichts Till Lindemann. Allein, was der ins Groteske überhöht, überzeichnet Berq ins Ernstgemeinte. Da gibt es keine Metaebene, keine Ironie, es gilt, was zu salzigen Tränen und ranzigen Geigen im Sprechgesang vorgetragen wird. Das Leben als Beichtstuhl, Pop als Seelsorge."



Außerdem: Albrecht Selge fragt sich in VAN, ob die sieben Jahre, nach denen Robin Ticciati das Deutsche Symphonieorchester schon wieder verlässt, "nicht ein wenig zu kurz waren; denn die Dinge schienen zu reifen". Axel Brüggemann wirft für Backstage Classical einen Blick auf Bayreuth Baroque, wo sich die Mitarbeiter sehr über die Arbeitsbedingungen und den Umgang mit ihnen beschweren. Marco Frei berichtet in der NZZ von der "Forward"-Reihe beim Lucerne Festival. In der FAZ gratuliert Jürgen Kesting der Mezzosopranistin Agnes Baltsa zum 80. Geburtstag. Die Agenturen melden, dass der Komponist Charles Dumont gestorben ist.

Besprochen werden das neue Album von Nick Cave (Jungle World), eine Frankfurter Aufführung von Georg Fríedrich Haas' "weiter und weiter und weiter" durch das von Vimbayi Kaziboni dirigierte Ensemble Modern (FR), Museumskonzerte in Frankfurt (FR) und neue Jazzveröffentlichungen, darunter "Etudes/Quietudes" des Gitarristen Wolfgang Muthspiel (Standard).

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