Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.07.2025 - Bühne

Ein Konzert des russischen Dirigenten Valery Gergiev in Italien wurde kürzlich abgesagt (unsere Resümees). In der Zeit widmet sich Natasha Kiseleva dem Star-Dirigenten, der in Europa zur Persona non Grata geworden ist und in Russland das Mariinski-Theaters in St. Petersburg und gleichzeitig das Bolschoi-Theater in Moskau (wie es unter dem Zar üblich war) leitet: "Gergievs Vorgänger am Bolschoi-Theater hieß Wladimir Urin und galt als einer der wenigen liberalen Geister innerhalb des Systems. Auch er war Teil des Staatsapparates, strich missliebige Aufführungen aus dem Spielplan und zeigte sich zu vielerlei Kompromissen bereit. Als er im Frühjahr 2022 einen offenen Brief unterzeichnete, der dazu aufrief, den Krieg gegen die Ukraine zu beenden, war das ungewöhnlich mutig. Im Jahr darauf gab er seinen Posten auf. Nicht freiwillig, wie man hört. Ähnlich erging es Ekaterina Novikova, der langjährigen Pressechefin des Bolschoi-Theaters, der kürzlich gekündigt wurde. Einen Anlass dafür gab es nicht, Novikova war hoch qualifiziert. Offiziell verließ auch sie das Theater 'auf eigenen Wunsch', aber natürlich versteht hier jeder alles."

Georg Nigl
und Nicholas Ofczarek haben aus "Die letzten Tage der Menschheit" von Karl Kraus einen Hybrid aus Lieder- und Theaterabend konzipiert, der das Schauspielprogramm der Salzburger Festspiele eröffnete. Im Interview mit Egbert Tholl (SZ) erklärt Ofczarek, warum der Text so aktuell ist: "Weil sich nichts geändert hat, weil's noch schlimmer geworden ist, weil wir uns nicht weiterentwickelt haben. Oder, dass die Mechanismen, die Kraus beschreibt, menschimmanent sind. Letztlich spielen 'Die letzten Tage der Menschheit' nicht im Krieg, sondern im Krieg hier in uns, im Jetzt, innerhalb der Gesellschaft. Natürlich hat der Text historische Elemente, die wirklich in der Zeit spielen, aber das Wesentliche findet man genauso heute. Man muss den Text nicht heutig machen. Ich hasse es, Dinge heutig oder modern zu machen. Das ist mir wurscht. Wenn ein Text gut ist, ist er modern. Den Abgleich mit dem Heute gibt es ohnehin immer. Wenn der Zuseher das will. Wenn man ihn bevormundet - schau mal, das ist wie heute - geht's mir auch schon wieder am Arsch, weil ich mich dann bevormundet fühle."

Außerdem: In der NZZ porträtiert Birgit Schmid die non-binäre Balletttänzer:in Max Richter. In der Zeit denkt Peter Kümmel zurück an ein Treffen mit Claus Peymann und Gert Voss in Wien. Axel Brüggemann unterhält sich für Backstage Classical mit dem zukünftigen Chefregisseur des Deutschen Theaters Weimar Valentin Schwarz, der sich dem Rechtsruck in Thüringen entgegenstellen möchte.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.07.2025 - Bühne


Le Procès Pelicot, Milo Rau et Servane Dècle, 2025 © Christophe Raynaud de Lage / Festival d'Avignon

Milo Raus szenische Lesung "Prozess Pelicot", die unlängst auf den Wiener Festwochen Furore machte (siehe hier), wurde nun auch, in einer kürzeren und leicht abgeänderten Version, beim Festival d'Avignon aufgeführt - also in jener Stadt, in deren Nähe Gisèle Pelicot ihr Martyrium erlebte und in der der reale Prozess stattfand. Annika Joeres war für die Zeit dabei und erlebt einen intensiven Abend: "Rau will das Publikum den Prozess spüren lassen, es soll hier und jetzt mit dem Begreifen anfangen. Während der Lesung hatten immer wieder Zuschauerinnen das Cloître des Carmes verlassen, fluchtartig und mit Tränen in den Augen. Hier in Avignon kennt fast jeder über Umwege einen der Verurteilten, die meisten von ihnen sind Familienväter, es ist ein Journalist darunter, ein Krankenpfleger, ein Gendarm. An einigen Mauern stehen noch immer Graffitis zu Ehren von Gisèle. Am Ende ist der Pelicot Trial eine klassische Milo-Rau-Inszenierung, die so gut funktioniert, weil die Normalität brutal genug ist, ja weil das ganze entsetzliche Schauspiel längst stattgefunden hat, im vergangenen Winter, wenige Hundert Meter entfernt." Für nachtkritik war Joseph Hanimann in Avignon dabei, ist sich allerdings nicht sicher, ob es sich hier um "quälende Detailklauberei, eine gut recherchierte Spurensicherung, eine Hommage an Madame Pelicot oder um eine szenische Auseinandersetzung mit sexueller Gewalt handelt."

Was ist nur mit dem Hochkultur-Publikum dieser Tage los, stöhnt Manuel Brug in der Welt. Spätestens seit Corona weiß sich niemand mehr zu benehmen. Leute wollen mit kurzen Hosen in die Oper, Handys klingeln im Theater, und manche treiben es noch deutlich wilder: "Kürzlich soll während eines Mahler-Gastkonzerts der Münchner Philharmoniker im Amsterdamer Concertgebouw in der ersten Reihe ein offenbar total zugekifftes Paar besonders vehement aufgefallen sein. Die Liste seiner Verfehlungen ist lang: lautes Sprechen, Schreien, Singen, High-Five-Hände, Videoaufnahmen von sich und der Aufführung, Mitdirigieren, unvermitteltes Klatschen, leidenschaftliches Küssen, Briefeschreiben per Telefon an den Dirigenten, Beleidigen anderer Konzertbesucher, Pelzmantel-Herumschmeißen. Zumindest fantasievoll wussten diese ADS-ler die ihnen offenbar nicht behagende Konzertzeit totzuschlagen."

Außerdem: Peter Huth blickt für die Welt schon einmal auf die möglichen Aufregerthemen der Bayreuther Festspiele im Jahr 2026. Margarete Affenzeller portraitiert im Standard Myassa Kriatt, Leiterin der digitalen Bühne im Dschungel Wien, die sich unter anderem mit der politischen Dimension von Kindertheater auseinandersetzt. Axel Brüggemann unterhält sich für Backstage Classical mit Valentin Schwarz, dem zukünftigen Chefregisseur des Deutschen Theaters Weimar unter anderem über den gesellschaftlichen Umgang mit der AfD.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.07.2025 - Bühne

Wegen seiner Putin-Treue verlor der russische Dirigent Valery Gergiev im Westen ein Engagement nach dem anderen. Stattdessen ist er nun zum "Zar des Musiklebens" in Moskau avanciert, erzählt Kerstin Holm in der FAZ. Prokofjews Bürgerkriegsoper "Semjon Kotko" wird so am Moskauer Bolschoi zum Propagandastück über den Ukrainekrieg. Man "lässt auf der Drehbühne ein ukrainisches Dorf kreisen, wo ukrainische Nationalisten und deutsche Interventen mit Feuer und Schwert versuchen, die Revolution der Bolschewiki rückgängig zu machen. Der Titelheld, vom Tenor Igor Morosow lyrisch-kraftvoll gesungen, will nach seiner Demobilisierung die Tochter des enteigneten Großgrundbesitzers ehelichen, der aber seine Zusage bereut und sie mit einem anderen Latifundisten zwangsverheiraten will. In der Chorszene im Wald, da Partisanen sich zum Kampf rüsten, schlägt eine Texteinblendung die Verbindung zu Russlands heutiger Großinvasion in die Ukraine und erklärt sie zum Hilfs- und Rettungsfeldzug für die bedrohten Menschen dort - ein öffentlicher Akt der Vergewaltigung von Hochkultur durch Propaganda, klagte die emigrierte russische Journalistin Natalja Kisseljowa."

Besprochen wird Christian Thielemanns Inszenierung der Strauss-Oper "Die schweigsame Frau" (SZ) und Andrea Breths Inszenierung von Gabriel Faurés Oper "Pénélopé" an der Bayerischen Staatsoper (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.07.2025 - Bühne

"Pénélope", Bild: Bernd Uhlig.


Manuel Brug begibt sich für die Welt in Gabriel Faurés "Pénélope" in der Bayerischen Staatsoper, Andrea Breth inszeniert. Bei der Geschichte um Odysseus und Penelope, die sich nach zwanzig Jahren wiedersehen, begreift er trotz der Fauré-typischen schönen und einfühlsamen Musik, warum dieser nur eine Oper geschrieben hat. Sie ist "von eigenwilliger Faktur, wellt sich fein, ist zart, schmiegsam und weich. Aber: Es passiert (fast) nichts. Hier ist das Warten Musik geworden. Es gibt Ausbrüche, aber kaum Dramatik. Und das Ende wirft mehr Fragen auf als es Antworten gibt."

Juan Martin Koch blickt in der Neuen Musikzeitung in mehrere Räume gleichzeitig, die das Bühnenbild zeigt. Hoch anspruchsvoll spielen sich verschiedene Szenerien des Wartens ab: "Kompliziert zu durchdringen ist diese visuelle Aufspaltung, weil sich die singend dialogisierenden Figuren oft in verschiedenen Räumen befinden, was rätselhafte Stellvertreterbegegnungen hervorruft. Dies zu entwirren, wäre durchaus spannend, wäre Breth nicht auf die Idee verfallen, alles in Zeitlupe ablaufen zu lassen. Gerade im ersten Akt wirkt das eher wie eine Karikatur von Faurés hinreißend undramatischer Musik. Susanna Mälkki lässt sich mit dem Bayerischen Staatsorchester mit großer Präzision und lyrischer Gespanntheit auf die Partitur ein, die in der Rückschau wie ein Gegenentwurf zu Wagner einerseits und Debussy andererseits wirkt. Wenn die unterschwellig brodelnden Gefühls- und Erinnerungsregungen an die Oberfläche dringen, entwickelt sie eine von innen her leuchtende Strahlkraft, die einen in den Bann zieht."

Judith von Sternburg genießt für die FR derweil die Exerzitien in Geduld: "Niemand lässt sich in die Karten blicken. Langeweile steht vor allem den Frauen ins Gesicht geschrieben. Der Kopf der Amme ist in den Eimer auf ihrem Schoß gesunken. Wie in der Musik Stillstand per se nicht möglich ist - Stillstand ist fortschreitende Länge, also Bewegung -, ist szenisch selten echter Stillstand. Es passiert wenig, aber es passiert ununterbrochen etwas. Vieles davon ist unerwartet, unerklärlich. Nichts ist uninteressant." In der SZ ist Michael Stallknecht ebenfalls fasziniert von der Geduldigkeit, die die Oper erfordert, vermutet aber, dass sie wegen der schwierig zu besetzenden Partien wohl weiterhin selten aufgeführt werden wird.

Weiteres: "Matthias Rädel soll als General Manager mit Katharina Wagner bei den Bayreuther Festspielen aufräumen. Wenn das mal gut geht", zweifelt Florian Zinnecker für die Zeit m Angesicht der Tatsache, dass die letzten zehn Jahre in Bayreuth von abberufenen Regisseuren bis sinkenden Kartenverkäufen vor allem von Problemen geprägt waren. Katrin Ullmann sieht sich für die taz auf dem Festival d'Avignon um. Karl-Martin Hentschel rechnet uns für die taz vor, warum die Oper, die Klaus-Michael Kühne der Stadt Hamburg schenken will, bei einem Jahresverdienst von 2,3 Milliarden Euro viel weniger großzügig ist als wenn er einfach Steuern zahlen würde.

Besprochen werden: "Der Prozess Pélicot" von Milo Rau auf dem Festival d'Avignon (FAZ), "Die Schweigsame Frau" von Richard Strauss an der Staatsoper Berlin, inszeniert von Jan Philipp Gloger (FAZ, taz), der Ballettabend "An American in Paris" mit Jeroen Verbruggens "An American in Paris" und Marco Goeckes "Le sacre du printemps" im Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz (SZ) und "Último Helecho", geschrieben und inszeniert von Nina Laisné auf dem Wiener Impulstanz-Festival (Nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.07.2025 - Bühne

Die SZ bringt eine Seite mit prominenten Nachrufen zum Tod von Claus Peymann, darunter Elfriede Jelinek, die ihn liebte, auch wenn er an ihren Stücken stets "scheiterte", wie sie schreibt. Oder André Heller: "Claus Peymann war ein Fabeltier des Schöpferischen. Er hat Wien und dem Rest von Österreich zum richtigsten Zeitpunkt die Manieren beigebracht, im Reich des Staunens und der Schnürböden höchste Qualität nicht bloß zu behaupten, sondern auch tatsächlich zu verwirklichen." Und Frank Castorf: "Seine Lust am Fabulieren, Flunkern, Zweifeln, die hat mir gefallen. Er hatte so gar keine Redlichkeit, was die Wahrheit anging, also die einfache Wahrheit, bei der alle übereinstimmen und mit dem Kopf nicken. Da bekam sein eher überschaubares künstlerisches Talent mit einem Mal eine ganz andere Dimension. Auch durch die Bösartigkeit, die er haben konnte und die meiner durchaus entspricht. Wir haben uns gemocht." In der Welt ruft Jakob Hayner, in der taz Dirk Knipphals Peymann nach.

Weitere Artikel: In der Welt macht sich Peter Huth bereits ein paar Gedanken zum 150. Jubiläum der Bayreuther Festspiele. So viel scheint sicher: Georg Zeppenfeld, Klaus Florian Vogt, Catherine Foster, Ólafur Sigurdarson, Andreas Schager, Camilla Nylund, Tomasz Konieczny und Michael Spyres sind wieder mit von der Partie. In der FAS blickt Ralph Bollmann derweil auf 13 Jahre Bayreuth zurück. Im FR-Gespräch mit Sylvia Staude spricht der tschechische Choreograf Jiří Kylián über Emotionen auf der Bühne und das Bewahren seiner Arbeit. Im SZ-Interview mit Christiane Lutz spricht die Schweizer Schauspielerin Deleila Piasko, die ab Juli schon zum zweiten Mal die Buhlschaft im "Jedermann" in Salzburg gibt, über die Moral im "Jedermann", ihr Judentum und die Serie "Die Zweiflers". Auf den Bilder und Zeiten-Seiten der FAZ macht sich der Literaturwissenschaftler Thomas Traupmann, der das Buch "'Fortschreibende Vertextung'. Zur Poetik des Dramenprojektes 'Die letzten Tage der Menschheit'" geschrieben hat, Gedanken zu dem Karl Kraus-Stück, das bei den Salzburger Festspielen unter der Regie von Dušan David Parízek auf die Bühne gebracht wird. In der NZZ resümiert Michael Stallknecht recht ernüchtert den Start der Finnin Lilli Paasikivi als neue Intendantin der Bregenzer Festspiele, was allerdings auch daran liegt, dass die Geldgeber aus Staat, Land und Stadt nur wenige Wochen vor Beginn ihrer ersten Festspiele ankündigten, "ihre Subventionen um satte dreißig Prozent zu kürzen".

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.07.2025 - Bühne

Szene aus "Œdipe". Bild: © Bregenzer Festspiele / Daniel Ammann

Die neue finnische Festspiel-Intendantin Lilli Paasikivi eröffnet die 79. Bregenzer Festspiele unter dem Dirigat des Finnen Hannu Lintu mit "Œdipe", der einzigen Oper, die der Rumäne George Enescu je komponierte. Klug, findet Joachim Lange in der taz, denn: "Die Entscheidung für den großformatigen Enescu-Vierakter ist ein dezidiert europäisches Statement, hat damit doch ein frankophiler Rumäne einen zentralen Stoff aus der Frühzeit der europäischen Zivilisation zum Gegenstand einer expressiven, von vielen Einflüssen inspirierten, aber doch eigenständigen Tragédie Lyrique gemacht." Andreas Kriegenburgs Inszenierung fällt indes sowohl bei Lange als auch bei Werner M. Grimmel in der FAZ durch: "Rituelle Choreografie und realistisch gezeigte Äußerungen individueller Emotionen stehen einander im Weg. Ruppiges Schubsen wirkt aufgesetzt, salbungsvolles Getue, theatralisches Händeringen oder Stöhnen wirken unbeholfen. Derlei Klischees wollen sich nicht mit Enescus mythisch raunender Musik verbinden und banalisieren deren Beschwören großer Themen wie Prädestination, Erbsünde und über Generationen weitergereichte Schuld, die modernen Vorstellungen von Chancengleichheit diametral entgegenstehen."

Die Zeitungen bringen weitere Nachrufe zum Tod von Claus Peymann: In der Welt verneigt sich Peter Huth, einst Chefredakteur der BZ, und erinnert sich an gemeinsame Streitigkeiten über Stierkampf und Christian Klar. In der FR fragt sich Ulrich Seidler, wie die Gegenwart ohne den "Vater des deutschen Theaters" auskommen soll. In der FAZ erinnert sich Harald Schmidt an Peymann-Inszenierungen vor und auf der Bühne. Hannes Hintermeier sammelt ebenda Stimmen aus Österreich zum Tod von Peymann. In der taz scheibt Uwe Mattheis.

Weitere Artikel: Im SZ-Gespräch mit Egbert Tholl erzählt die Regisseurin Andrea Breth, die derzeit Gabriel Faurés "Pénelope" für die Münchner Opernfestspiele inszeniert, weshalb die Oper für Regie und Publikum eine Herausforderung ist und wie man das Warten auf der Bühne inszeniert.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.07.2025 - Bühne

Bild: Stephan Röhl, CC BY-SA 2.0
Der große Theatermacher Claus Peymann, von 1999 bis 2017 Intendant des Berliner Ensembles, ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Mit Peymanns Tod "geht eine Theater-Ära zu Ende", schreibt Christine Dössel in einem ersten Nachruf in der SZ, in dem sie an Skandale wie den Zahnspenden-Aufruf für die inhaftierte Gudrun Ensslin oder Peymanns Inszenierung von Thomas Bernhards "Heldenplatz" am Wiener Burgtheater erinnert: "Mit der ihm eigenen Großmäuligkeit stänkerte er gegen die Beschränktheit der Mächtigen, gegen die Ignoranten der Kulturpolitik, gegen 'Lebenszwerge' und Theateridioten. Er war ein Intendanten-Patriarch par excellence, als solcher nicht unumstritten. Er war aber auch der größte Liebhaber und Verfechter des Theaters, den man sich denken kann. Theater, sagte Peymann, brauche er wie die Luft zum Atmen."

"Unter den Stein, Flimm, Neuenfels, Zadek, Heyme aber war Peymann der Herzigste. Noch wenn er dem alten Stück eine politische Nase zu drehen versuchte, wies die Nase ins Glückliche, Heitere, gern auch Harmlose", erinnert sich Gerhard Stadelmaier in der FAZ: "In einem Mix aus Großmäuligkeit und Bubenköpfigkeit hat er es geschafft, den Stuttgartern, den Bochumern und den Wienern (den Berlinern allerdings nicht mehr) den Eindruck zu vermitteln, er spende ihnen den Segen eines völlig neuen Theaters als luziferischer Messias, der den Clown der Regie-Arbeiterklasse in sich transzendiert. Die Geschichte seiner Inszenierungen lässt sich eigentlich als ein einziger bunter Abend erzählen." Einen Eindruck von Peymann bekommt man in diesem Dlf-Kultur-Gespräch von 2015. Weitere Nachrufe in Standard und NZZ.

Wer verstehen will, was Theater mal für eine Bedeutung hatte, sollte einen Blick in Peter Handkes "Publikumsbeschimpfung" in Peymanns legendärer Inszenierung werfen. Besonders sehenswert die Beifallssequenz ab Minute 10.



Es ist ein Skandal, der Marlene Knobloch (Zeit) einiges über die Kunstfreiheit in der Provinz verrät: Im katholisch geprägten, von der CDU regierten Osnabrück wurden laut einer vom Bistum beauftragten Studie mindestens 400 Kinder und Jugendliche Opfer von sexueller Gewalt durch katholische Priester. Vor diesem Hintergrund erarbeiteten Regisseur Lorenz Nolting und die Dramaturgin Sofie Boiten gemeinsam mit einem der Missbrauchsopfer das Stück "Ödipus Exzellenz" über die Vertuschung der Missbrauchsvorfälle, zunächst genehmigt von Intendant Ulrich Mokrusch, denn dann aber ein "Vater unser" und eine Gottesdienstszene so sauer aufstießen, dass er drohte, das Stück abzusagen, resümiert Knobloch: "Später wird der Intendant ein Papier vorlegen, das die Künstler unterschreiben sollen, in dem sie versprechen, keine religiösen Symbole zu diskreditieren. Den Gottesdienst dürfe man 'probieren', allerdings unter Aufsicht. Die Künstler ihrerseits möchten die volle künstlerische Freiheit und Vertrauen zurückgewinnen, heißt konkret: die Erlebnisse und Diskussionen der letzten Tage in das Stück mit einfließen lassen. Als der Intendant Ulrich Mokrusch das hört, feuert er die Künstler." Stattdessen wird die neue Spielzeit in Osnabrück nun mit "Kunst" von Yasmina Reza eröffnen.

Besprochen werden Roland Schimmelpfennigs Nibelungen-Inszenierung "See aus Asche" bei den Wormser Festspielen (Zeit, mehr hier) und Bintou Dembélés Inszenierung von Jean-Philippe Rameaus Ballettoper "Les Indes Galantes" beim Grange Festival in Glyndebourne (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.07.2025 - Bühne

Das Performance-Kollektiv LIGNA greift in ihrem gemeinsam mit der Studiobühne Köln erarbeiteten Stück "Cityrama 3" ein Projekt des Aktionskünstlers Wolf Vostell wieder auf: Wie Vostell im Jahr 1961 sucht die Gruppe mitsamt Publikum verschiedene Orte in Köln auf und reagiert auf Anweisungen, die per Kopfhörer eingespielt und in der Stadtgeschichte verankert sind. Anna-May Lohfeld war für die FAZ dabei und ziemlich angetan. Wobei die Performance-Teilnehmer einige Aspekte der Kölner Gegenwart dann doch nicht allzu genau kennenlernen wollten: "Unter einer Unterführung, die nach Urin riecht, verweilt die Gruppe nur kurz. Doch dieser Ort ist zentral für Vostells Kunstverständnis. Er war inspiriert von Marcel Duchamps Urinal, ein Alltagsobjekt, das der Künstler 1917 bei einer Ausstellung in New York einreichte. (…) Vostell ging einen Schritt weiter. (…) 1961 forderte er dazu auf, im Trümmergrundstück zu urinieren und an Freunde zu denken. Auch diese Anweisung ertönt bei LIGNA über die Kopfhörer. Manche in der Gruppe reagieren mit einem Lachen. Doch geht die Prozession rasch weiter. Vielleicht sind einige froh, dass LIGNA diese Hommage nicht allzu wörtlich nimmt."

Roland Schimmelpfennig © Manfred Werner - Tsui, Lizenz: CC BY-SA 3.0, Quelle: Wikipedia.
Björn Hayer porträtiert in der taz den Dramatiker Roland Schimmelpfennig, dessen Arbeiten derzeit viel gespielt werden. Was ist das Geheimnis dieses Erfolges? Man kommt ihm zum Beispiel im Stück "Der Kreis um die Sonne" aus dem Jahr 2000 auf die Spur, empfiehlt Hayer: "Auf einer großen Party ereignet sich ein regelrechter Clash der Emotionen. Auf der Tanzfläche wird gelacht, geheult, durchgehalten bis in die Morgenstunden, um ja nicht am eigenen Verlorensein zugrunde zu gehen. 'Angst hat kein Gesicht. Angst ist alles und nichts gleichzeitig, ein Schatten ohne Körper, ein Nebel.' Schimmelpfennig schafft es mit derlei pointierten Beschreibungen immer wieder, den Menschen (und damit uns alle) in seinem kosmischen Ausgesetztsein zu erfassen. Unabhängig von der Frage, ob seine Protagonist:innen gewaltsam und ignorant handeln, oder ob sie leiden und verdrängen, kommen sie nah an uns heran."

Weitere Artikel: Regisseur Milan Peschel und Schauspielerin Antje Trautmann senden auf nachtkritik einen Warnruf: Am Mecklenburgischen Staatstheater wird derzeit ein kulturpolitischer Kahlschlag vorbereitet. Trautmann und einige andere hat es bereits getroffen: Ihre Verträge werden nicht verlängert. Christian Gampert unterhält sich für die Zeit mit Ferdinand Schmalz, dessen "bumm tschak oder der letzte henker" bei den Bregenzer Festspielen uraufgeführt wird. Im Standard wiederum spricht Christoph Irrgeher mit der Chefin der Festspiele, Lilli Paasikivi, über das Programm und gekürzte Fördergelder. Wolfgang Behrens widmet sich auf nachtkritik dem Themenkomplex Dramaturgie vs. Verwaltung.

Besprochen werden das von Andreas Gergen inszenierte Musical "Chess" an der Bühne Baden bei Wien (Standard; "die Stimmen sind oft zu zaghaft verstärkt") und Amala Dianors Straßentanzshow "Dub" im Volkstheater Wien (Standard; "Richtig spannend jedoch wird Dub erst durch einen entlarvenden Blickwinkel auf das Allzumenschliche", findet Helmut Ploebst, und zwar, weil das Stück auch als "kulturübergreifende Allegorie für Narzissmus und Eitelkeit" taugt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.07.2025 - Bühne

Morgen beginnen die Bregenzer Festspiele. Im Backstage Classical-Interview mit Georg Rudiger erzählt die neue Intendantin Lilli Paasikivi, wie sie mit den großen Einsparungen umgeht, die auch hier angesetzt wurden und welche neuen Einflüsse zu sehen sein werden: "Mit der nordischen Perspektive kann ich etwas Neues mitbringen. Meine Heimat Finnland ist im Programm deutlich erkennbar. Es gibt finnische Dirigenten wie Hannu Lintu, der 'Oedipe' dirigieren wird, und Jukka-Pekka Saraste, der mit der Kullervo-Symphonie von Jean Sibelius ein Werk vorstellt, das auf dem finnischen Nationalepos Kalevala basiert. (...) Ich möchte die Bregenzer Festspiele gerne zu einem Festival der Gesangskunst machen. Auch Chöre werden eine Rolle spielen wie der YL Male Voice Choir, der in der Kullervo-Symphonie mitwirkt und in einem eigenen Konzert ein A-Cappella-Programm mit finnischer Chormusik präsentiert."

Weitere Artikel: In der FAZ ist Jürgen Kesting genervt vom hochtrabenden Ton der Programmankündigung für die Salzburger Festspiele. Gina Thomas hört sich ebenfalls für die FAZ auf dem englischen Sommeropernfestival in Garsington um. In der NZZ resümiert Christian Wildhagen die Intendanz von Andreas Homoki, der nach dreizehn Jahren das Zürcher Opernhaus verlässt. Besprochen wird Lucia Astigarragas Inszenierung von Händels "Giulio Cesare in Egitto" im Schlosstheater von Schwetzingen (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.07.2025 - Bühne

"See aus Asche". Bild: David Baltzer. 


Auch Roland Schimmelpfennig kann das Nibelungenlied in seinem Stück "See aus Asche" bei den Wormser Nibelungenfestspielen nicht neu erfinden, stellt Judith von Sternburg in der FR fest: Die Geschichte um Gunter, Brunhilde, Siegfried, Kriemhild und Hagen wird von Mina Salehpour inszeniert, "die den Mut hat, hier kein Spektakel zu veranstalten. Aber das Gegenteil von Spektakel ist dann, vor allem im zweiten Teil, ein Zu-Wenig von allem, ein lakonisches bis braves Zuendebringen. (…) Wie es bei anderer Gelegenheit in Romanadaptionen bis zum Verdruss durchexerziert wird, lässt auch Schimmelpfennig seine Figuren meistens eher erzählen als spielen. Vielleicht hat man das satt, kann es aber auch nachvollziehen. Die leicht öde postdramatische Distanz, die dadurch entsteht, entspricht der Vertrautheit mit dem Stoff."

Egbert Tholl sieht für die SZ erst einmal "eine Hügellandschaft aus 600 Tonnen Kies, die einen kleinen Teich umrahmt, und 180 billige, weiße Plastikstühle. Die Bühnenbildnerin Andrea Wagner denkt auch ökologisch, den Kies kann man leicht weiterverwerten, mit den Stühlen lassen sich zahlreiche Eisdielen ausstatten. Und zuvor, in der Aufführung, treffliche Dinge veranstalten. Nachhaltig ist auch Schimmelpfennigs Text: Er ist viel zu gut, um nicht von 'normalen' Theatern nachgespielt zu werden. (…) Gerade im ersten Teil ist das Tempo enorm, dabei bräuchten die vielen epischen Passagen mehr Hallraum, damit man vergegenwärtigen könnte, was da gerade erzählt wird. Im Kern ist das hier Kopftheater, da muss der Kopf auch mitkommen." Jakob Hayner bespricht das Stück für die Welt.

Peter Laudenbach macht in der SZ auf den Fall des Theaterintendanten Daniel Ris aufmerksam, der seinen Posten an der Neuen Bühne Senftenberg nach nur drei Jahren wieder räumen muss. In der Region erreicht die AfD Wahlergebnisse von bis zu 30 Prozent und Ris setzt sich entschieden für die Demokratie ein, was möglicherweise nicht allen passt - das Kulturministerium würde ihn gerne halten, hat aber keine Entscheidungsmacht bezüglich Personalentscheidungen: "Hier rächt sich eine echte Fehlkonstruktion. Das Kulturministerium trägt zwar mehr als die Hälfte der Zuwendungen des Theaters, hat aber bei Personalentscheidungen rein gar nichts zu melden. Im Zweifel kann der Landrat alles allein entscheiden. Die lokale AfD dürfte sich über seine Entscheidung freuen. Die Intendanten der Brandenburger Theater jedoch protestieren in einer gemeinsamen Erklärung gegen den Rauswurf ihres Kollegen, die sie 'mit Befremden und Erstaunen' zur Kenntnis nehmen."

Weiteres: Die FAZ unterhält sich mit Andreas Homoki, der nun nach 13 Jahren die Opernintendanz in Zürich an Matthias Schulz abgibt.

Besprochen wird "Von meiner Freiheit bis zu deiner Freiheit" von Milan Gather am Landestheater Tübingen, Regie führt Mirijam Kälberer (Nachtkritik).