Besprochen werden das Tanzmainz-Festival am Staatstheater Mainz (FR), Martina Gredlers Inszenierung von Mithu Sanyals Roman "Identitti" am Theater Phönix in Linz (Standard), das Stück "Bye, bye, bye" des Berliner Theaterkollektivs "copy&waste" im Ballhaus Ost (FAZ) und Thomas Ostermeiers Inszenierung von Tschechows "Die Möwe" (Welt, SZ).
Szene aus Anton Tschechows "Die Möwe". Bild: Gianmarco Bresadola Thomas Ostermeier hat Tschechows "Möwe" für die Schaubühne kurzerhand vom "russischen Irgendwo in ein brandenburgisches Ungefähres" verlegt - und Nachtkritikerin Esther Slevogt hat ihre Freude an dem "visionlosen Getöne", das die "zum Spießertum heruntergekommenen" Bildungsbürger hier von sich geben: "Es ist ein kunstvoll in die Karikatur getriebenes Personal, dem wir in der Schaubühne begegnen, das einerseits Tschechow spielt und andererseits ironisch auch das eigene Tun befragt. Was und wie spielen wir hier eigentlich? Wie relevant ist das Theater überhaupt noch? 'Noch nie war es schwerer, irgendetwas zu bewirken!', sagt der gefeierte Schriftsteller Trigorin einmal, der an einer anderen Stelle des Abends Einblicke in die Werkstatt seiner Kunstproduktion gibt: wie er da auf Karteikarten klischeehafte Eindrücke von der Welt zu den immergleichen Büchern zusammenschraubt. Will sagen: So kann das mit der Relevanz natürlich nichts werden."
Joachim Meyerhoff spielt die "Rolle seines Lebens", jubelt Simon Strauss in der FAZ, der hinter dem Trigorin auch den Erfolgsautor Meyerhoff erkennt: Er "spricht über seinen Schreibzwang, die Manie, ständig literarisch verarbeiten zu müssen, was die eigene Wahrnehmung ihm vorsetzt: 'Alles ist Material. Alles könnte Motiv sein.' Erzählt auch von seiner Angst davor, dass alles Lob nur Lüge sein, sich sein Riesenerfolg eines Tages als große Täuschung herausstellen und man ihm 'von hinten eine Zwangsjacke' überwerfen könnte. Da ist Meyerhoff, der Psychiater-Sohn, ganz bei sich und weit weg von Tschechows Figur." Einen "schillernd boulevardesken Schauspielerabend", in dem Ostermeier seine Helden sehr subtil gegen ihre "vertrackten Lebensrollen" kämpfen lässt, erlebt Doris Meierhenrich (Berliner Zeitung), während taz-Kritikerin Katrin Bettina Müller, den Abend "etwas zerfleddert" findet: Einzelne Szenen wirken "wie hineingeklebt, um etwas Gegenwartsbezug hineinzubringen". Das Stück ist "moderat dem Heute angepasst", kommentiert Rüdiger Schaper im Tagesspiegel die Inszenierung: "Die Gangart wirkt erstaunlich traditionell und damit zuweilen etwas erwartbar. Aber ist es nicht genau das, wonach sich so viele sehnen im Theater - eine Geschichte, Emotionen, ausgespielte Dialoge, Drama, Komik? Menschen, mit einem Wort."
Nadezhda Bey: Data Death. Berliner Hebbel am Ufer. Verzaubert kehrt Patrick Wildermann (Tagesspiegel) vom HAU-Festival "Geister, Dschinns und Avatare - Über das Magische im digitalen Zeitalter" zurück, bei dem ihn nicht nur der französische Regisseur Phillipe Quesne durch eine zeitgenössische Laterna magica blicken lässt. Auch digital lässt sich einiges erleben: "Wie das Virtual-Reality-Requiem 'Data Death' von Nadezhda Bey, das mittels Headset in eine leuchtend animierte Welt aus Ikonendarstellungen und Datenvisualisierungen einlädt. Hier liegen Körper aufgebahrt, während eine wehmütige, elektronisch verzerrte Komposition vor sich hin singt, die von einer Künstlichen Intelligenz komponiert wurde. Die Installation widmet sich unter anderem der Frage, was eigentlich mit den Daten Verstorbener geschieht."
Besprochen werden die dritte Ausgabe der Programmreihe "Diskurssalon" unter dem Titel "Macht - Strong enough" im Berliner Museum für Kommunkation (Tagesspiegel), Sandra Schüddekopfs österreichische Erstaufführung von Miroslava Svolikovas "Gi3F (Gott ist drei Frauen)" in der Wiener Drachengasse (Standard), Andreas Homokis Inszenierung von Richard Wagners "Siegfried" am Zürcher Opernhaus ("Eine Sternstunde", jubelt Lotte Thaler in der FAZ: "Wie ein Komet am Wagnerhimmel kündet er von einer grundlegend veränderten Sicht auf die Tetralogie"), Dmitri Tschernjakows Inszenierung von Sergej Prokofjews "Krieg und Frieden" an der Bayerischen Staatsoper München (VAN Magazin, Zeit) und Leander Haußmanns und Sven Regeners Familiendrama "Intervention!" am Hamburger Thalia Theater (Zeit).
Für die meisten Theater kommt eine Arbeit mit dem Choreografen Marco Goecke nach der Hundekot-Attacke nicht mehr in Frage. Aber was passiert mit seinem Werk, fragen Christiane Lutz und Dorion Weickmann in der SZ: "Auf so jemanden künstlerisch zu verzichten, kann schmerzhaft und unter Umständen teuer sein. Und schade fürs Publikum. Goeckes Kunst wegzuschließen, käme einer Selbstamputation des Balletts gleich. Auch nach München wird Marco Goecke wohl erst mal nicht kommen, auch dort wird die Einstudierung seines Stücks jetzt von jemand anderem durchgeführt. Auch dort ist das gängige Praxis - doch meint man fast das Aufatmen der Beteiligten zu hören bei diesem Satz. Wirklich zu tun haben will gerade niemand so recht etwas mit der Person Marco Goecke, mit seiner Kunst hingegen schon." Wie der Tagesspiegelmeldet, hält die Intendanz des Berliner Staatsballetts weiter an der Premiere von Goeckes Stück "Petruschka" fest.
Weiteres: Paul Jandl bedauert in der NZZ mit der Insolvenz der Münchner Lach- und Schießgesellschaft das Ende des Kabaretts: "Weil selbst der politische Gegner die Bühne irgendwann heftig umarmt hat, ist sie einen langsamen Erstickungstod gestorben." FR und die nachtkritikmelden, dass mit dem Fritz-Rémond-Theater das älteste und größte private Theater Frankfurts Ende Mai schließt.
Besprochen werden Christopher Rüpings Inszenierung von Sarah Kanes "Gier" (FAZ), Prokofjews Tolstoi-Oper "Krieg und Frieden" an der Bayerischen Staatsoper (NZZ)
Prokofjews "Krieg und Frieden" an der Bayerischen Staatsoper. Foto: W.Hoesl Am Ende von Dimitri Tcherniakovs Inszenierung von Sergej Prokofjews monumentaler Oper "Krieg und Frieden" an der Bayerischen Staatsoper München treten Olga Kuchynska, die Sängerin der Natascha Rostowa, und Andrei Zhilikhovsky, der Sänger des Andrej Bolkonski in Ukraine-T-Shirts auf die Bühne: Auch sonst ist die heikle Gratwanderung zwischen Kunst und Politik in diesem Stück gelungen, stellt Jan Brachmann in der FAZ fest. Das liegt an bewussten Streichungen, so wurde unter anderem der monumentale russische Schlusschor am Ende des Stücks ausgelassen, zum anderen am Fokus, den Vladimir Jurowski bei der Musik gelegt hat: "Jurowski legt das Schwergewicht auf den Lyrismus, den Pazifismus, den Humanismus in diesem Werk, die das Erbe Tolstois seien, während der stalinistische Hurra-Patriotismus - so Jurowski - aufs Konto der Librettistin, Prokofjews zweiter Ehefrau Mira Mendelson, gehe. Was man dann hört, in der Frühlingsnacht der Eingangsszene, später beim stillen Sterben Bolkonskis, ist ernst, zärtlich, liebevoll, sorgfältig musiziert. Und selbst in den Massenszenen geht es Jurowski im Orchester mehr um Schärfe als um Kraft."
Joachim Lange hebt im Standard die symbolische Bedeutung des Bühnenbildes hervor, das Tcherniakov dem Säulensaal des Moskauer Hauses der Gewerkschaften nachempfunden hat: "Es ist der wohl geschichtsträchtigste Saal Russlands. Es war der Ort von Kongressen, Lenin-Reden, Schauprozessen und Aufbahrungen von berühmten Toten wie Lenin, Stalin und etlichen Nachfolgern bis hin zu Michail Gorbatschow. Dass dieser berühmte Saal auf der Münchener Bühne die Anmutung einer Notunterkunft für Flüchtlinge (oder Bedrängte) von heute hat, ist wohl die zentrale Pointe, mit der Tcherniakov Position bezieht." Ganz bezaubert von den Sängern ist Eleonore Büning im Tagesspiegel: "Wie zwei weiße Tauben tauchen sie auf aus der buntgescheckten Menge. Wie Runen fliegen ihre Parlandoworte aneinander vorbei. Ihr Sopran: sonnig, kokett, stark, seelenvoll. Sein Bariton: samtwarm, rund, hell, verführerisch. Ein Sängertraumpaar." Auch SZ-Kritiker Reinhard Brembeck findet die Inszenierung gelungen.
Im Tagesspiegel kann Rüdiger Schaper verstehen, dass sich das Berliner Staatsballett schwer mit der Choreografie "Petruschka" tut, die es von Choreograf Marco Goecke schon vor Jahren eingekauft hat. Goeckes Hundekot-Attacke auf die FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster bekommt hier eine besondere Resonanz: "Zum Beispiel gab Wiebke Hüster in der FAZ dem designierten Intendanten des Berliner Staatsballetts Christian Spuck keine Chance. Spuck sei 'so geeignet, das Staatsballett Berlin zu führen, wie Justin Bieber, das Amt des Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker auszufüllen'. Der Choreograf werde der Ballett-Tradition nicht gerecht, könne nur 'Fragmente des bildungsbürgerlichen Kanons' schick und postmodern verpacken. Das weiß aber vorher niemand. Wiebke Hüster ist eine gefürchtete, oft überharte Rezensentin. Und die Tanzwelt ist klein. Da heilen Wunden schlecht. Animositäten gedeihen dafür umso besser."
Besprochen werden Andreas Homokis Inszenierung von Wagners "Siegfried" an der Oper Zürich (NZZ), Christopher Rüpings Inszenierung von Sarah Kanes "Gier" in Zürich (die für SZ-Kritiker Egbert Tholl "zum Faszinierendsten" gehört, was er seit Langem im Theater sah), Sven Regeners und Leander Haußmanns "Intervention!" am Thalia-Theater (deren Absurdität FAZ-Kritiker Jan Wiele auch dank Jens Harzer genießen kann), Sebastian Hartmanns Inszenierung von Schnitzlers "Traumnovelle" in Frankfurt (taz), das Stück "Knast" im Theaterhaus Jena (taz).
Wiebke Mollenhauer in Sarah Kanes "Gier": Foto: Orpheas Emirzas/Schauspielhaus Zürich Tosenden Applaus meldetNachtkritikerin Valerie Heintges nach Christopher Rüpings Inszenierung von Sarah Kanes "Gier" am Schauspielhaus Zürich. Sie selbst ist ebenfalls bewegt und begeistert, vor allem von Hauptdarstellerin Wiebke Mollenhauer: "Man kann die Augen nicht abwenden von dieser Schauspielkunst der Extraklasse. Fast immer schaut Mollenhauer ruhig und mit unbewegtem Kopf in die Kamera. Wenn sie dann den Kopf dreht, erschrickt man fast. Wenn sie aus dem Bild herausschaut oder gar ihr Haar löst oder geschminkt wird, bekommt das - so gegensätzlich zum stillen Schauen - eine ungeheure Bedeutung, wirkt wie ein Beben, ein Ausbruch. Was dieses stumme Gesicht von den vier Stimmen zu hören bekommt, ist harter Tobak. Von sexuellem Missbrauch ist die Rede, an einem Kind, im Beisein des Vaters. Immer wieder geht es um Vergewaltigung, um Schmerzen, um Gewalt. Um Brutalitäten, die die Eltern einander zufügen, Traumata, die von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden, bis keiner mehr weiß: Habe ich das erlebt, geträumt, gehört?" In der NZZspringt Ueli Bernays vor allem auf den musikalischen Umgang mit Sprache an: "Es erinnert an die freie Improvisation, wo sich einzelne Geräusche, Töne und rhythmische Aktionen erst allmählich zur Form verfestigen. Aber auch an die klassische Sonate, wo Themen erst einzeln vorgestellt werden, bevor sie sich in der Modulation gegenseitig affizieren."
Singend, tanzend und liegend: Sandra Hüller im "Würgeengel". Foto: Armin Smailovic / Bochumer Schauspielhaus Johan Simons hat in Bochum Luis Buñuels "Würgeengel" von 1962 mit einer formidablen Sandra Hüller auf die Bühne gebracht. Allein schon ihretwegen konnte FAZ-Kritiker Hubert Spiegel die Melange aus Mystik und Moral bestens verkraften: "Ein Weltuntergangshauch weht durchs Bochumer Schauspielhaus. Er kommt aus dem sanften Süden, vom Surrealismus her, und weht in den strengen Norden, Richtung Protestantismus. Er beginnt bei Buñuel, Luis, und endet bei Bach, Johann Sebastian. Bochums Intendant Johan Simons inszeniert 'Der Würgeengel' als Abgesang auf unsere Epoche, die lange Ära der Ausweglosigkeit, von der es dereinst heißen könnte, sie habe nur fünf Minuten gedauert, die letzten Minuten vor zwölf. Aber diese fünf Minuten fühlen sich an wie eine Ewigkeit." In der SZfolgt Martin Krumbholz dem Schaupsiel gebannt: "Dem Regisseur und seinem Team ist ein aufregender, außergewöhnlicher Theaterabend gelungen, kurz und bewegend. Am Schluss singt der Chor beklemmend und erschütternd 'Liebster Jesu, wir sind hier', und Sandra Hüller intoniert 'My Future' von Billie Eilish."
Weiteres: Im Tagesspiegelkündigt Patrick Wildermann das am Mittwoch startende Festival "Radar Ost" im Deutschen Theater an, mit dessen Ukraine-Schwerpunkt es ans Eingemachte gehen dürfte: "Für viele der ukrainischen Theaterschaffenden bedeutet Kunst aktuell Kampf."
Außerdem besprochen werden: Sebastian Hartmanns Adaption der "Traumnovelle" von Arthur Schnitzler am Schauspielhaus Frankfurt (nachtkritik, FAZ, FR), "Intervention!" von Leander Haußmann und Sven Regener am Thalia-Theater in Hamburg (taz, SZ, Welt), Maria Milisavljević' Stück "Nicht ohne meinen Colt" in der Adaption von Lisa Pauline Wagner am Hauptmann-Theater Zitau (nachtkritik). Alma Deutschers Oper "Des Kaiser neue Walzer" am Salzburger Landestheater (Standard).
Ida Luise Krenzlin unterhält sich für die Berliner Zeitung mit den Schauspielerinnen Julia Thurnau und Margarita Breitkreiz, die gerade im Roten Salon der Volksbühne zur Revolution der faulen Frauen aufrufen. Opernintendant Alexander Pereira tritt in Florenz als Intendant der Opera di Firenze, dem Teatro del Maggio Musicale Fiorentino zurück, meldet die SZ.
Besprochen werden Cyril Testes Inszenierung von Ambroise Thomas' Grand opéra "Hamlet" in Liège (nmz), Johan Simons' Inszenierung von Buñuels "Würgeengel" am Schauspielhaus Bochum (nachtkritik), die Uraufführung von Guillermo Calderòns "Bavaria" Residenztheater München (nachtkritik), eine dekonstruierte "Zauberflöte" am Kasseler Staatstheater (nmz) und Favia Costes "astreines" Boulevardstück "Nein zum Geld!" im Frankfurter Fritz Rémond Theater (FR).
Szene aus Karol Szymanowskis "König Roger" an der Oper Kiel. Foto: Olaf Struck
In Karol Szymanowskis Oper "König Roger" hat die Stimme "bei aller instrumentalen Dichte immer den Vorrang", erkennt Arndt Voß (nmz) in der Oper Kiel. "Antiphonale Chormusik erklingt gleich anfangs, unterlegt mit tiefen Paukentönen, ein ehrwürdiges Schreiten imitierend. Sie schafft eine eigene Welt, die durchaus leitmotivische Bedeutung erhält und nachdrücklich und dramatisch anderen Sphären begegnet. Das Klangliche lässt assoziativ einen Kirchenraum entstehen, der eine strenge Welt mit seiner theologisch gebundenen Ordnung umhüllt. Sie wird schnell durch Kräfte behelligt, die die Welt der Tradition stören wollen und einen anderen Glaubensansatz bevorzugen. Ihr Repräsentant ist ein Hirte. 'Mein Gott ist jung wie ich', verkündet er und schafft damit den starken Gegensatz zu der alten Ordnung." Schade, dass die Inszenierung von Dirk Schmeding nicht mit der Musik mithalten kann, bedauert Voß.
Das Puppentheater war immer schon "Piraterie an der Hochkultur", erklärt der Puppentheaterkünstler Atif Mohammed Nour Hussein in der nachtkritik. Dabei vergaßen die Kleinkunstbühnen "niemals ihre plebejische Herkunft. Die Stoffe, die sie sich eroberten, dienten nicht selten als Karikatur der herrschende Klasse - weniger als offensive politische Stellungnahme, eher als Selbstvergewisserung. Wenn der Obrigkeit eine Nase gedreht werden sollte, waren Kasper und seine Brüder Hanswurst, Punch, Guignol nicht weit weg. Nicht so elegant wie ihre italienischen Kollegen Pulcinella und Harlekin oder so melancholisch wie Petruschka, aber dennoch gewitzt, arrogant, nicht selten rüde auf den eigenen Vorteil bedacht, auch grausam, anarchistisch … bis Franz von Pocci kam, um Kasperl zu kultivieren. Was für ein Verrat!"
Besprochen werden Barbora Horákovás Inszenierung der "Hochzeit des Figaro" in Schwetzingen (FR), Thom Luz' Adaption von Kafkas Fragmentsammlung "Die acht Oktavhefte" im Schauspielhaus Hamburg (taz) und Martin G. Bergers Inszenierung von John Adams' Oper "Nixon in China" in Dortmund (nmz).
Daniel Behles: "Hopfen und Malz" Foto: Dirk Rückschloß / Erzgebirgisches Theater Die Operette, die lange zeit den Ruf der beschwipsten alten Tante genoss, erlebt gerade ihre Renaissance, stellt Michael Stallknecht in der SZ fest, und zwar nicht nur in Berlin, wo ihr Barrie Kosky queeres Flair einhauchte, sondern auf sämtlichen Bühnen von Wien bis ins Erzgebirge. Im Erzgebirgischen Theater etwa sah er beglückt das Stück "Hopfen und Malz" des Tenors Daniel Behle: "Die Operette ist ein unmoralisches Genre. Schon deshalb kann man sie wieder brauchen in Zeiten, in denen die öffentliche Moral in Gestalt sozialer Netzwerke oft nicht mehr allzu viel Raum für Ambiguitäten lässt." Aber sie sei nicht leicht zu inszenieren: "Der Ironie als Gratwanderung droht stets der Absturz in einen von zwei Abgründen: in den der bloßen Blödelei zur einen Seite, in einen sozusagen unfreiwilligen Ernst zur anderen. Dann wird die Sentimentalität larmoyant, wirkt die Moral affirmativ, mit der das Genre nur spielt wie die Katze mit einer halb toten Maus."
In einem Offenen Brief sprechen sich Theaterregisseur Milo Rau, Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek und weitere Kulturgrößen für ein Bleiben der Zürcher Intendanten Benjamin von Blomberg und Nicolas Stemann (unsere Resümees). Der vom Tages-Anzeiger veröffentlichte Brief ist online nicht zu finden, dafür Ueli Bernays spöttische Replik in der NZZ: "Unter den Feinden des fortschrittlichen Intendantenduos werden, wen wundert's, vor allem auch die Medien ausgemacht. Man könnte meinen, das Repertoire von Stemann und von Blomberg sei nie kritisch gewürdigt worden. Stattdessen wird eine 'monatelange Pressekampagne gegen den vermeintlichen Woke-Wahn' angeprangert. Es scheint, dass die armen Intendanten schutzlos journalistischer Häme ausgesetzt waren. Gewiss haben die beiden ihr Fett abgekriegt. Aber wer ein Stadttheater leitet, muss mit Kritik umgehen und selbst Häme wegstecken können. Von Blomberg und Stemann hingegen wirkten oft betupft und beleidigt."
In der NZZberichtet Luzi Bernet zudem, dass Alexander Pereira als Intendant der Oper von Florenz hinschmeißt: "Die Erfahrung in Florenz war so traurig, dass ich mich nicht mehr imstand sehe, weiterzumachen", sagte er nach Vorwürfen der Fratelli d'Italia, seine Spesen überzogen zu haben: "Tatsache ist, dass Florenz ein sehr schwieriges Pflaster für Opernintendanten ist. Der Ehrgeiz der Stadt, in der ersten Liga der internationalen Opernwelt zu spielen, kontrastiert augenfällig mit den finanziellen Möglichkeiten."
Besprochen werden Eugen Suchoňs Oper über den großmährischen Herrscher "Svätopluk" (mit der nun auch die Slowakei dreißig Jahre nach ihrer Gründung eine monumentale Nationaloper bekommen hat, wie Reinhard Kager in der FAZ bemerkt) und Georges Bizets Oper "Ivan IV." in Meiningen (Welt).
Saverio Mercadantes "Francesca da Rimini" an der Oper Frankfurt. Foto: Barbara Aumüller Hans Walter Richter hat in FrankfurtSaverio Mercadantes selten gespielte Belcanto-Oper "Francesca da Rimini" auf die Bühne gebracht. In der FAZ stellt Wolfang Fuhrmann ein paar Startschwierigkeiten fest, hat sonst aber eine gelungene Inszenierung erlebt: "Stilistisch markiert die Partitur die Abwendung vom Modell Rossini hin zum melodramma romantico Vincenzo Bellinis: Koloraturen werden vom Selbstzweck zum Ausdruck seelischer Erregung, der liebende Paolo ist eine Hosenrolle für Mezzosopran, während der Tenor noch den wutschnaubenden Querschläger geben muss, aber es gibt kein aufgesetztes Happy End mehr - alles wie in Bellinis exakt gleichzeitigen 'I Capuleti ed i Montecchi'. Nach wie vor dominiert der Gesang, und wo man Bellini vorgeworfen hat, er verwandle sein Orchester in eine Riesenharfe, da setzt Mercadante in den Liebesszenen gleich die Harfe als einzige Begleitung ein." In der FRzeigt sich Judith von Sternburg ein wenig erschöpft von all dem Unglück und Liebesleid: "Aber vor allem nimmt die Musik selbst, hier nun unter der Leitung von Ramón Tebar, weniger Fahrt auf, als ihr gut tut. Das Elegische und die ganze Zerquältheit der unglücklichen Figuren ergibt sich schon von selbst, das leicht Breiige und Unentschlossene, das sich in der Premiere zum Teil hören ließ und mit Koordinationsproblemen zwischen Chor und Orchestergraben verband, bekommt ihr nicht."
Besprochen werden außerdem Thom Luz' Inszenierung von Franz Kafkas "Oktavheften" am Schauspielhaus Hamburg (die SZ-Kritiker Till Briegleb "höchstes Zuschauerglück" bescherte), zwei Inszenierungen von "Antigone": einmal in den Münchner Kammerspielen von Nele Jahnke und dem Münchner Residenztheater von Mateja Koležnik (NZZ) und Liz Ziemskas "The Mushroom Queen" in der Inszenierung von Marie Schleef am Schauspielhaus Hamburg (SZ).
Rainald Goetz' "Johann Holtrop. Foto: Tommy Hetzel/ Schauspiel Köln
Am Kölner Schauspiel hat Stefan Bachmann Rainald Goetz' Johann-Holtrop-Roman inszeniert. FAZ-Kritiker Patrick Bahners schwirrt der Kopf wie nach einem Balzac-Roman: "Adorno schrieb über Balzac: 'Die Parole enrichissez-vous bringt die Figuren Balzacs zum Tanzen.' In Adornos Bild liegt der Akzent darauf, dass das Tanzen eine Fertigkeit ist, die erlernt werden muss. Die an die industrielle Welt 'noch nicht Adaptierten' stellen das Personal von Balzacs Romanen; 'zusätzlicher Energien der Individuen' bedarf der 'expansive Kapitalismus' nach Adornos Vorstellung, 'solange er nicht ganz eingespielt ist'. Der Roman von Goetz, der 2012 erschienen ist, spielt nach der jüngsten Jahrtausendwende, zwischen Neuwirtschaftswunder und Misskreditepidemie. Auch diejenigen, die sich nicht bereichern können, sondern froh sind, wenn sie mit dem Mindestlohn über die immer gleichen Runden kommen, sind zum Weitertanzen verdammt, linksrum, rechtsrum, wie's befohlen wird..."
In der SZ denkt Alexander Menden leicht beschämt an jene Zeit zurück, in der ein Thomas Middlehoff, von dem Goetz' Johann Holtrop Züge aufweist, aufsteigen konnte: "Der Boom und Bust der Nullerjahre, die Zeiten, in denen 'Neue Medien' irgendwie zukunftsverheißend klangen und Paul Kirchhof eine Steuerrevolution ausrief - das ist die Welt, in der sich die Titelfigur bewegt."Nachtkritiker Andreas Wilink verehrt Rainald Goetz als großen Hasser, Stefans Bachmanns Bühnenfassung des "Johann-Holtrop"-Romans hat ihn allerdings enttäuscht: "Bachmann kehrt, als Goetz-Erfolgsregisseur gewiss unbeabsichtigt, die Schwächen hervor, indem er, nachgiebig, die vorgeblichen Stärken betont und - kammermusikalisch unterstützt von einem Salon-Quartett - das Satirische verabsolutiert. Aber er begnügt sich dabei mit schalen Kir-Royalitäten, Society-Sketchup, Operettenunseligkeit, bisschen Jerry-Lewis-Plingpling, rheinischem Schmu und Wiener Schmäh. Von der dramatischen Tiefe des Romans (doch, die gibt es auch) bleibt nur das Flachrelief."
Szene aus Bizets "Ivan IV". Foto: Christina Iberl
Als eine echte Grand Opéra hat FR-Kritikerin Judith von Sternburg im Meininger StaatstheaterHinrich Horstkottes Inszenierung von George Bizets Oper "Ivan IV." erlebt. Zu Unrecht sei dieses Werk über Iwan den Schrecklichen fast vergessen: "Es ist einfach, sich über 'Ivan IV' lustig zu machen, aber das Lachen vergeht einem angesichts der Meininger Großtat. Musikalisch hält Philippe Bach ein glänzend aufgelegtes Orchester - nun, es ist die berühmte Meininger Hofkapelle, was erwartet man, die Legende lebt -, den großen, vorzüglich vorbereiteten und spielfreudigen Chor (unter der Leitung von Manuel Bethe) und das fitte Ensemble glänzend zusammen. Regisseur und Ausstatter Hinrich Horstkotte findet einen packenden Zugang, der nach einem selbst bei ihm noch etwas mühevollen Beginn seine Klugheit entfalten kann." Ebenso angetan ist Achim Heidenreich in der FAZ und lobt auch den Umgang des Theaters mit dem heiklen Timing angesichts der politischen Situation: "Horstkottes schauspielerfahrene Personenregie, der Darstellungsdrang der wunderbaren Besetzung, allen voran die expressive Sopranistin Mercedes Arcuri als Maria, der mental wie auch stimmlich starke Bass Tomasz Wija als Ivan und immer wieder der hervorragend eingestimmte Chor ließen letztlich dem Werk seinen Kunstrang über dem tatsächlichen Toben der heutigen Welt. Vergessen wurde Letzteres nicht. Das war auch gut so."
Weiteres: Bewegt berichtet Annette Ramelsberger von den Geschichten jesidischer Frauen, die Regisseurin Tea Tupajìc an den Münchner Kammerspielen von Versklavung und Gefangenschaft erzählen lässt.
Außerdem besprochen werden Liz Ziemskas Inszenierung von "The Mushroom Queen" am Schauspielhaus Hamburg (nachtkritik), die Uraufführung von Tine Rahel Völkers "Frauen der Unterwelt. Sieben hysterische Akte" (nachtkritik), Milena Michaleks "Anna Karenina"am Staatstheater Cottbus (nachtkritik) Kay Voges Inszenierung von August Strindbergs "Totentanz" am Berliner Ensemble (nachtkritik, BZ), Harald Poschs Abschiedsaufführung von Tschechows "Onkel Wanja" (Standard) am Wiener Werk X, Michael Lakners "Carmen" am Stadttheater Baden (Standard) und Thomas Luz' Adaption der "Oktavhefte" Franz Kafkas am Schauspielhaus Hamburg (FAZ).
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