In einer epischen taz-Reportage durchleuchten Philipp Daum und Kaspar Zucker den grotesk explodierten Sneakers-Sammler-Hype sowie dessen Geschichte, wie aus einem simplen Nutzgegenstand ein heißes, cooles Sammlerobjekt geworden ist, um das sich ein Insider-Markt, verschworene Netzgemeinschaften mit eigenen Regeln und nicht zuletzt eine zu Veröffentlichungen limitierter Designs vor einschlägigen Geschäften zeltende Kaufklientel gebildet hat. "Vor ein paar Jahren fiel die letzte Grenze. 2009 verpflichtete die Luxusmarke Louis Vuitton Kanye West, den einflussreichsten Rapper seiner Zeit, seine eigenen Sneaker zu designen. Das Aufeinandertreffen von Kanye West und Vuitton wirkt auf den ersten Blick unfassbar, doch es folgte einer Logik. West stand für Menschen, die Street Wear tragen, die aus ärmeren Verhältnissen kommen, eine materialistische Klientel, für die Luxusmarken ein unerreichbares Statussymbol darstellten. Street-Wear-Marken fingen an, die Luxusmarken zu imitieren. Stussy, eine kalifornische Skatermarke, ahmte bei ihrem Logo, zwei ineinander verschränkten S, das Logo von Chanel nach."
Foto aus der Ausstellung "L'Asie rêvée d'Yves Saint Laurent"
Wem es in Paris mit dem Vandalismen der Gelbwesten zu brenzlig wird, kann sich im Musée Yves Saint Laurent in Sicherheit bringen, schreibt Annabelle Hirsch in ihrer Modekolumne für die taz: "Gezeigt wird hier, in den ehemaligen Arbeitsräumen des französischen Couturiers Yves Saint Laurent, wie sich dieser Ende der siebziger Jahre, genauer 1977, also just als die Globalisierung begann und dazu führte, dass wir uns heute mehr nach Gesinnung als nach Weltregion kleiden, an traditionellen Gewändern aus Asien versuchte. Was wir hier durch bunt leuchtende, mit Blumen bestickte Seidengewänder, mit Steinen besetzte und wie Goldregen funkelnde Kleider, Brokat-KimonosundbauchfreieSaris entdecken, ist das China der Kaiserzeit, Japan und Indien." Hier werde einem rasch "bewusst, wie weit wir uns von dieser Welt, von dieser Idee der Mode als kulturellen Evokationsraum weg entfernt haben."
Sapeurs, Foto aus dem Archiv Henrike Naumanns
In der tazstellt Beate Scheder die Arbeit der Künstlerin HenrikeNaumann vor, die sich der Archivierung der Kultur der Sapeurs widmet. Sapeurs, das sind die Mode-DandysderAchtziger etwa in Kinshasa. Während die meisten von ihnen sich für französische Mode interessierten, entwickelte sich in Kinshasa ein ausgesprochenes Faible für japanische Mode, "seit 1986 zumindest, als der für die Sapeurs stilprägende Musiker Papa Wemba für ein Konzert nach Tokio reiste. Wer in Kinshasa dazugehören möchte, trägt folglich nicht Yves Saint Laurent, Chanel oder Dior, sondern Comme des Garçons, Yohji Yamamoto oder Issey Miyake."
In der Weltgeht Peter Praschl auf die Knie vor dem vor acht Jahren gestorbenen Designer AlexanderMcQueen, dem ein neuer Kino-Dokumentarfilm die Reverenz erweist: McQueen war ein irrwitziges Wunderkind, ein Berserker seines Metiers, erklärt Praschl - obwohl all der geballte Irrsinn bei ihm "nur dazu da war, etwas zu sagen und auszudrücken. Wenn Mode etwas ist, das entsteht, damit die Leute etwas Hübsches, Zeitgemäßes, Beeindruckendes anzuziehen haben, dann machte McQueen keine Mode. Er erzählte Geschichten. Er schuf mit Stoff, Stickereien, Schmuck, Federn, Tierknochen andere, neue Menschen. Er machte aus ihnen etwas, was sie nie zuvor gewesen waren und was man nicht einfach dadurch wird, dass man sich irgendetwas anzieht. Plötzlich waren sie nicht mehr Models, sondern Gestalten aus verrutschten Träumen, dem Unbewussten, den unterirdischen Strömen der Geschichte", eben "Geschöpfe ganz eigener Art".
Hier die BBC-Doku "The Works" - Alexander McQueen "Cutting Up Rough" 1997, in der man dem Meister bei der Arbeit zusehen kann:
Filmstill aus "McQueen" Fast schon Wehmut beschleicht Carmen Böker, als sie Ian Bonhôtes und PeterEttedguis Dokumentarfilm über den vor acht Jahren verstorbenen Modedesigner AlexanderMcQueen sieht: "Einen Berserker wie Alexander McQueen gibt es nicht mehr. Der Modedesigner von heute ist organisiert, wohltrainiert, betriebswirtschaftlich informiert und eher fleißiger Kreativarbeiter denn unberechenbares Genie", schreibt Böker im ZeitMagazin. "Alexander McQueen hat Mode nie als Beschwörung einer Idylle gesehen, die Frauen eine unantastbare Eleganz teurer Puppen verleiht - auch wenn er sie auf andere Weise stark stilisierte, zu Figuren seiner theatralischen Vision machte. Was er in seinen Kollektionen entfaltete, war ein dystopischer Kosmos, in dem die Schönheit den Abgründen der menschlichen Psyche entsteigt, irgendwo zwischen Freud, Gothic Novel und Geisha-Ausstaffierung."
Für die SZbespricht Joseph Hanimann die GioPonti gewidmete Ausstellung im Musée des Arts Décoratifs in Paris: "Ponti war kein Ideologe, kein Dogmatiker, sondern ein praktischer Handwerker und ein geschickter Unternehmer. So fand er schnell den Anschluss zur Nachkriegsmoderne und erreichte mit ihr den Höhepunkt seiner Karriere. Die geschwungenen Ausgusshähne seiner Kaffeemaschine 'La Cornuta' aus dem Jahr 1948 imponieren im kalten Metallglanz wie die Kamine eines Ozeandampfers. Der keine zwei Kilo wiegende Strohstuhl 'Superleggera' von 1957 hingegen verwandelt das Sitzen in eine Art Schwebezustand."
In der NZZschaudert es Anna-Verena Nosthoff und Felix Maschewski vor der neuen Apple-Watch, die in der Werbekampagne als Heilsbringer inszeniert wird, obwohl es sich ja eigentlich um ein Allround-Überwachungsgerät handelt. Warum lieben die Leute es dennoch? "Weil es hier nicht um das bessere Wissen geht, sondern um Ästhetik. In der heutigen Ökonomie zählt weniger das alte Gespann von Gebrauchs- und Tauschwert als vielmehr der distinktive 'Inszenierungswert' (Adorno). Nicht das, was ein Ding kann, sondern das, was es ausstrahlt. Genau hier erkennt Apple seine Rolle: Man kombiniert die allgefälligen Diskurse um Gesundheit und Fitness mit dem eigenen Nimbus des innovativen Trendsetters und macht das Wearable, mit dem sich auch ganz praktisch telefonieren lässt, zum schmucken - Hermès und Nike sind selbstverständlich Kooperationspartner - Statussymbol des zeitgemäßen Wellbeing." (Gilt das nicht für diese Art der Kritik inzwischen genauso?)
Weiteres: In Domusweist Marta Milasi auf eine große Ausstellung zu 100 Jahren dänischer Keramik im Maison du Danemark in Paris hin. Besprochen wird eine Ausstellung über dänischenSchmuck im Bröhan-Museum in Berlin (Tagesspiegel).
Tillmann Prüfer porträtiert im Zeit-Magazin das Designerpaar Lucie und Luke Meier, das jetzt hinter der Marke Jil Sander steht: "Mode als Dialog: Widerspricht das nicht dem Bild des kompromisslosen Designers? Der nur seine Vision durchdrückt? Das Ergebnis ihres Dialogs sei niemals ein modischer Kompromiss, sagt Luke. Aber es sei eine Illusion, dass es Genies gebe, die alles allein entschieden."
Der Hausvogteiplatz in Berlin war einst ein Zentrum für jüdische Modehändler, schreibt Brigitte Werneburg in der taz. Dann kamen die Novemberpogrome und deutsche Vandalen zerstörten die Geschäfte und rissen sie an sich. Eine Ausstellung in der Humboldt-Universität erinnert nun an diese Geschichte: "Als die jüdische Bevölkerung 1812 Gewerbefreiheit erhielt, kam es zu einer großen Migration unfreier Juden nach Berlin, wo sie sich ein besseres Leben erhofften. Die Schneider und Kleiderhändler unter ihnen gruppierten sich sternförmig um den Hausvogteiplatz, der schnell zum Zentrum der Konfektionsmode wurde, von der es 1904 in der Presse hieß, sie habe sich zu einer Großmacht entwickelt und sei 'in gewissen Zweigen der Bekleidung ausschlaggebend für den Weltmarkt geworden'."
In der tazporträtiert Marina Razumovskaya die Berliner ModedesignerinIsabel Vollrath, die sich auf Einzelstücke spezialisiert hat. Zu ihren bevorzugten Gestaltungselementen zählen unter anderem "Schlaufen und Schleifen. In allen Variationen und Größen tauchen sie auf, ordnen sich gern in Reihen an, wiederholen sich oben und unten am Kleid. Viele ihrer Sachen haben auch etwas Skulpturales. Es sind geschlossene Volumen, die den zerbrechlichen Körper bergen und ihn manchmal wie in einer Muschel schützen. Eine Bluse aus feinster Seide, zusammengefaltet aus einem einzigen Stück, die Ärmel ausgeschnitten, und dann in Falten um den Körper herum gelegt, wie das nur mit den edelsten Stoffen geht - am Ende steht ein Volumen mit erstaunlicher, geschlossenerSilhouette." (Bild: Isabel Vollrath, Frühjahrskollektion 2019)
"Es ist vorbei mit dem Sanitärgrau und dem Rentnerbeige", verkündet Paul Jandl in der NZZ: "Die Alten, die ihr erstes Geld in den Wirtschaftswunderjahren verdient haben, haben's gern mollig und machen mit frohen Farben auf ihren schönen Lebensabend aufmerksam."
Gar nicht erst viel schreiben, sondern bloß staunen würde tazlerin Brigitte Werneburg am liebsten, wenn es um die Ausstellung "Bijoux! Bijoux! Modeschmuck von Chanel bis Dior" im Berliner Kunstgewerbemuseum geht: "All die Information ist nichts, sehen ist alles", schreibt sie. Und: "Wer ernsthaft wissen will, was Fantasie bedeutet, muss in diese Ausstellung gehen" und etwa "die Brosche anschauen, die GianfrancoFerré 1990 für Christian Dior entworfen hat. Sie stellt einen orientalischen Krummdolch dar, und wurde der Knauf noch ganz einfach mit Strasssteinen besetzt, dann erweist sich die ebenfalls aus Kristallsteinen gearbeitete Klinge als ein aberwitzigesÜber- undAneinandervonSternen, Mondsicheln, Blütenformen und einer Schleife an der Spitze."
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