Auf der Suche nach den letzten verbliebenen guten Männern in Afghanistan: "No Good Men" von Shahrbanoo Sadat (auch rechts im Bild) Die Berlinale wurde mit ShahrbanooSadats kurz vor der erneuten Machtübernahme der Taliban in Afghanistan spielender Romantic Comedy "No Good Men" eröffnet. Der Titel ist Programm: Eine TV-Reporterin, gespielt von der Regisseurin selbst, fängt auf den Straßen Kabuls Stimmen von Frauen ein, die allesamt gut ohne die Männer auskommen könnten - weil es im Land einfach keine guten Männer gibt. Bis die Reporterin schließlich selbst auf einen Mann trifft, der sie allmählich vom Gegenteil überzeugt. "In der Theorie ist 'No Good Men' der perfekte Berlinale-Film, eine Feelgood-Komödie vor dem Hintergrund eines politischen Konflikts", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. Festivalleiterin Tuttle "geht mit diesem Statement, das bewusst die Erwartungen an einen Eröffnungsfilm unterläuft (Stars!), allerdings auch ein Wagnis ein. Hohe Anforderungen an die Filmkunst stellen sich zu diesem Zeitpunkt aber ohnehin noch nicht, es geht vielmehr darum, ein positives Zeichen für die nächsten zehn Tage zu setzen." Und so "lässt sich zumindest schon mal konstatieren, dass diese Berlinale sich etwas anders präsentiert als die früheren Ausgaben".
Wie die Regisseurin ihren schweren Stoff humoristisch unterfüttert, "soll den Film womöglich davor bewahren, lediglich plattes Betroffenheitsdrama zu bieten", schreibt Tim Caspar Boehme in der taz, aber das glücke nicht so richtig: "Wenn die Lage ernst wird, gibt es für Witz nur noch wenig Raum, und nach und nach schleichen sich auch Töne in den Film, die an eine triefige Seifenoper denken lassen. Das wirkt besonders dort deplatziert, wo die realen Geschehnisse an völlig andere Bilder denken lassen, insbesondere an die verzweifelter Menschen, die am Flughafen von Kabul im August 2021 über das Rollfeld rannten, in der Hoffnung, irgendwie noch mit einer der startenden Militärmaschinen fliehen zu können."
Der Film "ist ein Musterbeispiel für die Stärken der Berlinale - und ihre Schwächen", hält Andreas Kilb in der FAZ fest. Den politischen Anspruch des Festivals erfüllt die Regisseurin glänzend, doch "die Dialoge wirken aufgesagt, die Wendungen des Geschehens erzwungen, die Bilder fließen nicht, sondern stolpern von Ort zu Ort". Es werden "wohl viele Filme dieser Berlinale ähnliche Probleme haben", vermutet Kilb vorab. "Das liegt nicht an handwerklichen Unsicherheiten von diesem und jener oder am fehlenden Geschmack der Auswahlkomitees, sondern an der prekären Lage des Festivals insgesamt", denn dessen internationale Konkurrenz "hat die Berlinale seit Jahren immer deutlicher abgehängt". Ja, "es gab Zeiten, da wurde die Berlinale von den Coen-Brüdern eröffnet (mit 'Hail Caesar', 2016) oder von Wes Anderson (mit 'Grand Budapest Hotel' 2014 und 'Isle of Dogs' 2018)", mosert David Steinitz im Dauerloop zum x-ten Mal in der SZ.
Mehr zum Festival: Claudia Lenssen (taz), Christiane Peitz (Tsp) und Olaf Möller (critic.de) werfen Blicke in die Berlinale-Retrospektive, die dem Kino der Neunziger gewidmet ist. Besprochen wird RafaelManuels im Debüt-Wettbewerb "Perspectives" gezeigtes Drama "Filipiñana" (taz). Und unverzichtbar für den schnellen Überblick: der sich rasant füllende Kritikerspiegel von critic.de.
Abseits der Berlinale: Christian Schachinger gratuliert im Standard den Muppets zum Fünfzigsten. Besprochen werden SönkeWortmanns "Die Ältern" (Perlentaucher) und Alina Cyraneks Dokumentarfilm "Fassaden" über häusliche Gewalt (SZ).
Eine romantische Komödie in Kabul: "No Good Men" von Shahrbanoo Sadat eröffnet die Berlinale Heute Abend beginnt die Berlinale. Als Eröffnungsfilm läuft ShahrbanooSadats zwar in Deutschland gedrehter, aber im Kabul am Vorabend der erneuten Machtübernahme der Taliban spielender "No Good Men". Der autobiografisch grundierte Film der 2021 aus Afghanistan nach Deutschland geflohenen Regisseurin erzählt von einer TV-Kamerafrau, die zusehends an den Männern im Land und deren schäbigen Verhalten gegenüber Frauen verzweifelt.
"Als afghanische Filmemacherin bin ich von verschieden Erwartungen umgeben", erzählt Sadat im großen ND-Interview: "Die Afghanen erwarten von mir, dass ich ein positives Bild des Landes zeige. In Europa erwartet man wiederum, dass ich politische oder feministische Filme mache. ... Als ich diese Idee hatte, eine romantische Komödie zu machen, dachte ich, dass alle die Idee toll finden und sie begrüßen. Interessanterweise haben viele europäische Filmförderungen mir zurückgeschrieben, dass es für sie unangemessen sei, eine Romcom zu fördern, während die politische Lage Afghanistans so problematisch sei. Diese Briefe habe ich an meinen Kühlschrank geklebt." Der Film sollte zunächst in Jordanien und Griechenland gedreht werden, was aber an der Finanzierung scheiterte, verrät Sadat im Tagesspiegel-Gespräch. "Also mussten wir kreativ werden: Wir drehen in Deutschland", in einem ehemaligen Stasigebäude in Berlin-Hoppegarten, um genau zu sein.
Und das Festival im Allgemeinen? Der "endgültigeBerlinale-Blues" befällt SZ-Kritiker David Steinitz gleich zu Beginn, weil Tricia Tuttle in ihrem zweiten Jahr als Festivalleiterin schon wieder kaum Stars und funkelnde Weltpremieren (und wenn, dann "eher aus den äußeren Grenzbereichen des Indie-Kinos") an die Spree bringt. Dabei hatte man sich doch gerade das von ihr erhofft, nachdem man Carlo Chatrian als Leiter aus dem Amt gemobbt hatte. Dies "verstärkt den Effekt, dass die begehrten Filmemacher lieber woanders hingehen. Für die Zukunft ist das eine gefährliche Dynamik. Denn ein Festival, das vor allem Hardcore-Cineasten bedient, wird in Zeiten klammer Kassen und politischer Kampfparolen aus allen Lagern immer mehr in Rechtfertigungsnot kommen." Tim Caspar Boehme sieht in der taz auch den Potsdamer Platz zunehmend als Hypothek: Nicht nur ist die Architektur hier "freudlos", auch ist von der einstmals hohen Kinodichte an diesem Ort kaum mehr etwas geblieben.
Dass es der Berlinale vielleicht ja gar nicht mehr sooo sehr um die "großen Namen" geht, kann man dem SZ-Interview mit Leiterin Tricia Tuttle entnehmen, denn mit Namen, die die Augen alteingesessener Filmkritiker zum Leuchten bringen, holt man sich eher kein Nachwuchs-Publikum heran. "Wir arbeiten viel mit Tiktok und auch mit dem Team von Letterboxd zusammen. Sie unterstützen uns dabei zu verstehen, was auf ihren Plattformen funktioniert, um Interesse an der Berlinale zu wecken. Oft geht es darum, Teil eines Gesprächs zu sein, statt einfach nur unsere Sichtweisen zu verbreiten. Wir haben als Festival die Aufgabe, die jungen Erwachsenen auch dazu zu bringen, zum Festival zu kommen."
Die Retrospektive ist in diesem Jahr dem Kino der Neunziger gewidmet. Mehr als ein "Kuddelmuddel", in dem "recht viel Ungleiches zusammenkommt", ist daraus aber nicht geworden, schreibt Rüdiger Suchsland auf Artechock. Die Retro tue "so, als gäbe es kein Skandinavien. Keinen Lars von Trier, kein Dogma 95 - lost in the Nineties ist diese Retrospektive. Als gäbe es kein Afrika und als würde der ganze asiatische Kontinent nicht existieren - die 90er Jahre waren aber nicht zuletzt, und das auch in Berlin auf der Berlinale, die Entdeckung Asiens, also des asiatischen Kinos." Auch Ralf Krämer vom Freitag vermisst so gut wie alles, was in den Neunzigern für Furore gesorgt hat. Aber vielleicht spricht aus dieser Zusammenstellung ja gerade "jenegewisseOrientierungslosigkeit", die für das Jahrzehnt typisch waren. Im NDwirft Christof Meueler Schlaglichter auf einzelne Filme der Retro.
Sandra Hüller im Wettbewerbsfilm "Rose" Mehr von der Berlinale: "Jetzt verstehe ich, warum Männer so gehen, wie sie gehen", sagt SandraHüller im Zeit-Gespräch, da sie für den Berlinale-Wettbewerbsfilm "Rose" als Frau, die sich als Mann ausgeben muss, fortlaufend eine Penisattrappe in der Hose tragen musste. Andreas Busche (Tsp) und David Steinitz (SZ) schreiben über MichelleYeoh, die in diesem Jahr den Goldenen Ehrenbären erhält. Robert Ide und Christiane Peitz sprechen im Tagesspiegel mit WimWenders, der in diesem Jahr die Jury leitet. Nadine Lange gibt im Tagesspiegel einen Überblick über die queeren Filme im Programm. Ralph Trommer empfiehlt in der tazGeorgWilhelmPabsts Stummfilm "Geheimnisse einer Seele", der als restaurierte Fassung in den Berlinale Classics zu sehen ist. Michael Meyns wirft für die taz einen Blick ins Programm der "Woche der Kritik", die die Berlinale als von Filmkritikern organisierte Alternativveranstaltung flankiert.
Abseits der Berlinale: Dunja Bialas berichtet für Artechockhier und dort vom InternationalenFilmfestivalRotterdam. In seiner "Cinema Moralia"-Kolumne auf Artechockärgert sich Rüdiger Suchland unter anderem darüber, wie die deutschenFilmförderanstalten ihre beschönigten Zahlen als Erfolgsgeschichte verkaufen. Die Agenturen melden, dass der Schauspieler JamesVanDerBeek im Alter von 48 Jahren seiner Krebserkrankung erlegen ist.
Besprochen werden Arab und Tarzan Nassers "Once Upon A Time in Gaza" (Perlentaucher, Artechock, FAZ), EmeraldFennells "Wuthering Heights" (Standard, FR, NZZ, Artechock), ScandarCoptis "Happy Holidays" (Artechock), BartLaytons "Crime 101" (Artechock), SönkeWortmanns "Die Ältern" (Welt), die spanische Netflix-Serie "Salvador" (taz), eine Amazon-Doku über KönigCharles (NZZ) und MartinWalders Buch über die Filme des Schweizer Regisseurs RichardDindo (NZZ).
Viola Schenz erinnert in der NZZ an den Komiker LeslieNieslen, der heute hundert Jahre alt geworden wäre. Besprochen werden EmeraldFennells "Wuthering Heights" mit MargotRobbie und JacobElordi (Welt, Tsp, taz, FAZ) und Sönke Wortmanns "Die Ältern" (SZ).
Den Putinisten ein Graus: Tscheburaschka bei der Morgenhygiene Ausgerechnet Tscheburaschka sorgt in Russland für schlechte Stimmung in der Obrigkeit: Mit den Animationsfilmen des niedlich unbeholfenen Affenbärchens sind viele Kindergenerationen in der Sowjetunion und in Russland aufgewachsen, auch der neueste Streich hat die Kinokassen zum Klingeln gebracht - für Putin und Co. wird die Figur aber zunehmend zum Ärgernis, berichtet Anna Narinskaya in der FAZ. Als Konkurrenzprodukt zu den chinesischen Labubu-Püppchen etwa hat die Duma Tscheburaschka abgelehnt, mit der Begründung, "er sei wahrscheinlich Jude." Im ersten Film kam Tscheburaschka nämlich noch in einer Orangenkiste in die Sowjetunion, was damals mit Israel assoziiert wurde. Und "tatsächlich spiegelt die Figur die Erfahrungen der jüdischen Intelligenz in der späten Sowjetunion". Deshalb nennt "AlexanderDugin, der Chefideologe des Putinismus, ... Tscheburaschka einen 'wurzellosenKosmopoliten' (er verwendet denselben Ausdruck, der während Stalins antisemitischer Kampagnen verwandt wurde)." Und "der Schauspieler Dmitri Pewzow erklärte, Tscheburaschka verderbe die Kinder. Als Kinder verderbend soll wohl gelten, dass der neue Erfolgsfilm frei von Militarismus ist."
Außerdem: Theresa Hannig berichtet in der FAZ, dass viele deutscheSynchronsprecher seit Anfang des Jahres Netflix boykottieren, nachdem ihnen der Streamer Knebelvorträge vorgelegt hatte, nach denen sie es ihm gestatten müssten, dass anhand ihrer Stimmen eine KI trainiert wird. Anastasia Zejneli hat für die taz in Berlin-Kreuzberg eine Release-Party zur Veröffentlichung der HBO-Serie "HeatedRivalry" besucht.
Besprochen werden HasanHadis irakischer Film "Ein Kuchen für den Präsidenten" (taz, Standard), MartinNguyens Porträtfilm "Renate" über die Schriftstellerin RenateWelsh (Standard), die Amazon-Serie "Wake" über eine Virus-Pandemie in Schweden (Welt) und EmeraldFennells "Wuthering Heights" ("Es gibt sehrvieleSexszenen", verspricht David Steinitz in der SZ).
Marian Wilhelm porträtiert im StandardWillemDafoe, der in "The Souffleur" den Manager des Wiener Hotels Intercontinental spielt. Für das CrimeMagräumt Alf Mayer einen großen Stapel Filmbücher vom Nachttisch. In der SZ bespricht Carolin Gasteiger NanniMorettis "Das Beste liegt noch vor uns", in dem der italienische Regisseur, der hier einen italienischen Regisseur spielt, "seine Liebe zum Kino auslebt".
Viel Aufsehen gab es kürzlich, als MattDamonim Podcast von Joe Rogan erzählt hat, dass Netflix die Vorgabe aufstellt, bei Filmen möglichst zu Beginn große Actionszenen zu platzieren (damit die Leute nicht gleich wieder wegzappen) und den Plot möglichst oft und einfach verständlich im Dialog zu erklären (weil die Leute beim Filmschauen lieber auf dem Handy daddeln, als den Film zu sehen). Werden Filme also immer dümmer? Philipp Bovermann hat sich für die SZ mal in der Branche umgehört. Deutsche Produzenten berichten ihm tatsächlich von einem Treffen mit "Frontalunterricht", bei dem ihnen von Netflix die besten Strategien vorgebetet wurden: Bei einer Serie "müsse sofort klar sein, um welches Genre es sich handelt, welche Tonalität, wer die Figuren sind, was sie wollen. Die Erzählung solle 'auf der Spur bleiben'. 'Wow-Effekte' bieten. 'Spice'. Keine Genre-Mixes. Keine 'ungewöhnlichen' Erzählstrukturen. Alles solle möglichst deutlich und zugleich einfach aussehen, sagt ein Produzent, weshalb ihnen bis in die Farben von Haaren und Pullovern reingeredet worden sei - in einem Maß, das sie so noch nie erlebt hätten. ... Seit ein, zwei Jahren, heißt es aus der Branche, gebe es vereinzelt sogar die Vorgabe, 'blockartig' zu erzählen, in je für sich abgeschlossenen Handlungssequenzen. An Filmhochschulen wird so das Schreiben von Kinderstoffen gelehrt."
Angesichts dessen ist es vielleicht gar nicht so erstrebenswert, dass die Streamer in Deutschland mit der nun beschlossenen Reform der Filmförderung künftig per Zwang in den deutschen Filmmarkt investieren müssen (hier unser Resümee)? Thomas E. Schmidt ist auf ZeitOnline von dem Beschluss allerdings aus ganz anderen Gründen nicht überzeugt: Die gerade mal achtProzent, die die Streamer von ihrem Netto-Umsatz in Deutschland in deutsche Produktionen packen müssen, entsprächen ohnehin in etwa dem, was sie eh schon investieren. "Deutsche Produzenten hatten wenigstens zwölf bis fünfzehn Prozent gefordert, damit sich eine spürbareMarktbelebung einstellt. Das wird nun nicht der Fall sein. ... Die Alternative dazu, ein Steueranreiz-Modell, das Investitionen in den Film wirklich finanziell attraktiv machen würde und das in Frankreich oder Großbritannien erfolgreich angewendet wird, kommt nicht. Man wird darüber sicher bald wieder reden."
Jan Küveler (Welt) ist mit der Gesamtsituation unzufrieden: Hollywood geht gerade wirtschaftlich und kreativ völlig vor die Hunde. Und Europa? Dreht zwar einen beachtlichen Arthouse-Film nach dem anderen - die dann aber überall laufen, nur nicht auf der Berlinale. "Den Wettbewerb dominieren schwere Stoffe leidlich bekannter Autorenfilmer", die dann auch noch alle ähnlichen Mustern folgen und humorlos zu Werke gehen. Alternativen gäbe es reichlich, meint Küveler und nennt Josh Safdies "Marty Supreme" mit Timothée Chalamet, Maggy Gyllenhalls Horrormusical "The Bride" und "Project Hail Mary" mit Ryan Gosling und Sandra Hüller. Diese "laufen in den kommenden Wochen in Deutschland an, man hätte sie ohne Probleme zeigen können. Oder wollten die Produzenten nicht? Ist ihnen die Berlinale nicht wichtig genug, weder im Festivalreigen noch in Zeiten, in denen Social Media mehr Rummel macht als eine Wettbewerbsprogrammierung?"
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: In der FAS porträtiert Bert Rebhandl den deutschen Regisseur İlkerÇatak, der auf der Berlinale seinen neuen Film "Gelbe Briefe" im Wettbewerb vorstellt und nach seinem insbesondere auch internationalen Erfolg mit "Das Lehrerzimmer" (unsere Kritik) aktuell an einer Adaption von DavidSzalays mit dem BookerPrize ausgezeichnetem Roman "Was nicht gesagt werden kann" arbeitet. Seit Anfang des Jahres boykottieren deutscheSynchronsprecher die Zusammenarbeit mit Netflix, da der Streamer Knebelverträge vorgelegt hat, die vorsehen, dass Netflix anhand der Tonaufnahmen eine KItrainieren darf, meldet Theresa Hannig in der FAZ. Jens Balzer spricht für ZeitOnline mit dem Schauspieler NoahWyle über dessen Hit-Serie "The Pitt". Besprochen wird ParkChan-wooks "No Other Choice" (Standard, Jungle World, unsere Kritik).
"DerFilm-Boosterkommt", verkündet Kulturstaatsminister WolframWeimer im FAZ-Gespräch. Und tatsächlich: Auf einmal ist sich Schwarz-Rot in der seit Monaten zermürbenden Debatte um Investitionen von Streamingdiensten nun doch einig - und wählt den Weg der Zwangsinvestitionen, wenn auch mitKompromissen. Es soll laut Pressemitteilung eine "Investitionsverpflichtung mit Öffnungsklausel" geben. "Demnach sollen Streamer und Sender zu einer 'Basis-Quote' in Höhe von acht Prozent der Netto-Vorjahresumsätze verpflichtet werden", erklärt David Steinitz in der SZ diesen "kleinen Coup" kurz vor der Berlinale. "Die Basis-Quote sei der Sockel für 'freiwillige Selbstverpflichtungen derjenigen Streamer und Sender, die bereit sind, sich stärker zu engagieren'. Denn wer sich freiwillig dazu verpflichte, mindestens zwölf Prozent des Umsatzes zu reinvestieren, dürfe von 'den detaillierten gesetzlichen Vorgaben', wie diese Mittel anzulegen sein, abweichen." Kulturstaatsminister Weimer hatte zuvor das Modell einer "freiwilligen Selbstverpflichtung" präferiert, das Finanzministerium unter Lars Klingbeil - auch aufgrund von Staatssekretär BjörnBöhning sehr produzentennah - hatte sich für Pflichtinvestitionen ausgesprochen.
Es ist eine nur "auf den ersten Blick salomonische Lösung", kommentiert Andreas Busche im Tagesspiegel. Doch kann er sich kaum vorstellen, dass damit große Produktionen nach Deutschland zu holen sind. "Ohne das von ihm selbst adactagelegteSteueranreizmodell (etwas anderes als die nun implementierte Anreizförderung), das unter seiner Vorgängerin Claudia Roth noch als tragende dritte Säule der Filmförderreform ausgearbeitet worden war, werden sich die großen Hollywoodstudios nicht so leicht locken lassen. Länder wie Tschechien, Ungarn und Großbritannien mit ihren inzwischen teuer ausgebautenProduktions-Infrastrukturen bieten immer noch deutlich bessere steuerliche Konditionen."
"Ein ganz entscheidendes Element des Gesetzesentwurfs ist die Frage der Rechte", schreibt Hanns-Georg Rodek in der Welt. "Bisher mussten die Produzenten alle Rechte an den von ihnen hergestellten Filmen an den Auftraggeber abtreten, ob der Netflix oder ZDF hieß." Der vorliegende Entwurf "sieht nun den Rechterückfall als Normalzustand an. Auch diese Regelung ist gestaffelt. Wenn der Produzent mehr als 50 Prozent des Budgets selbst einbringt (Filmförderung inbegriffen), fallen die gesamten Rechte nach drei Jahren an ihn zurück; bei 30 bis 50 Prozent nach fünf Jahren und bei unter 30 Prozent nach sieben Jahren. Die Rechtefrage ist von ungeheurer Bedeutung für die Produzenten, die nicht nur in der Lage sein müssen, einen Film zu drehen und abzuliefern, sondern die eine Eigenkapitalbasis brauchen (was bisher den wenigsten gelungen ist)."
Besprochen werden ParkChanWooks "No Other Choice" (NZZ, Zeit Online, mehr dazu hier), FrancisMeletzkys Adaption von TheodorStorms "Schimmelreiter", an der FAZ-Kritiker Tilman Spreckelsen ziemlich verzweifelt, die in Berlin angesiedelte und auf Netflix gezeigte Agentenserie "Unfamiliar" (Welt), das auf Disney+ gezeigte Special der Muppet Show (SZ, mehr dazu bereits hier), die HBO-Serie "Heated Rivalry" (SZ) und die auf Amazon gezeigte Krimikomödie "Fabian und die mörderische Hochzeit" mit BastianPastewka (FAZ).
Ihm ist jedes Mittel recht, denn er hat "No Other Choice"
2004 hat bereits Costa-GavrasDonaldE. Westlakes Roman "The Ax" verfilmt, nun verlegt der koreanische Genrefilm-Auteur Park Chan-wook den Stoff nach Südkorea und kleidet ihn ins Gewand eines satirischen Thrillers: In "No Other Choice" setzt sich ein Mann mit allen teils drastischen Mitteln dagegen zur Wehr, von seinem Arbeitgeber in den sozialen Abstieg wegrationalisiert zu werden. "Die eindeutige kapitalismuskritische Parabel, die der Inhalt vorgibt", ist dabei allerdings nicht entstanden, stellt Michael Kienzl im Perlentaucher fest. "Tatsächlich ist nicht immer klar, was genau Park an dieser Geschichte interessiert. Virtuos und elegant inszeniert ist sie zweifellos. Ständig dreht die Kamera Pirouetten, während die Bilder mit schrägen Perspektiven, Spiegelungen und Überblendungen neu in Schwingung versetzt werden." Aber "für die Zeit und Umwege, die sich 'No Other Choice' über seine ausladenden 140 Minuten Laufzeit hinweg gönnt, wirkt die Handlung aber letztlich ein wenig zu schlicht und vorhersehbar. Holprig erscheint mitunter auch der Wechsel zwischen ernsthafter Dramatik und überzeichneter Farce."
"Nirgends ist der Klassenkampf so treffend und trotzdem unterhaltsam wie im südkoreanischen Kino", freut sich derweil Sofia Glasl in der SZ. Auf critic.debescheinigt Anton Schroeder dem Film, "in seinem strengen narrativen Korsett luftdicht, fast klinisch" zu sein, was aber "doch zum Sujet" passe, nämlich dem "Tunnelblick seiner Figur". FR-Kritiker Daniel Kothenschulte erinnert der "makabreFatalismus", in den diese Abwärtsspirale führt, an "französischeThriller" von einst, "von Chabrols böser Bourgeoisie bis zu Jeanne Moreaus Rächerin in Truffaus 'Die Braut trug schwarz'." Für epdFilmblickt Marcus Stiglegger auf die Filmografie von Park Chan-wook. Die Welt hat ihr Gespräch mit dem Regisseur online nachgereicht. Narzissmus statt Selbstironie: Die "Muppet Show" im ursprünglichen Format Sehr bekümmert reagiert Georg Seeßlen (Zeit Online) auf das Muppet-Revival auf DisneyPlus, bei dem für ein Special, das womöglich noch in eine Wiederaufnahme des Formats münden könnte, das alte Vaudeville-Setting der ursprünglichen Show aus den Siebzigern wieder aufgegriffen wurde. Aber, ach, der alte Charme ist dahin: "Dass es statt der Show-Schicksalsgemeinschaft mehr um sozialenSadismus, statt der Selbstironie mehr um Narzissmus, statt der muppet-menschlichen Komödie mehr um aus derberen Kontexten bekannte Zoten geht - dafür können die Muppets nichts, vielleicht nicht einmal ihre Autoren und Produzenten. Die Zeiten haben sich geändert, und diesmal wollen sich die Muppets ihnen, wenigstens ein bisschen, anpassen, ... aber auch irgendwie die Alten bleiben. ... Dass es dazwischen keinen harmonischen Kompromiss gibt, zeigt vielleicht ein wenig von der kulturellen Bruchlinie, die von den Medien in den Alltag reicht. Nicht einmal mithilfe der Muppets können wir so tun, als ginge irgendetwas immer weiter."
Weitere Artikel: Irene Genhart resümiert im Filmdienst die SolothurnerFilmtage. Karl Gedlicka empfiehlt im Standard die Jarmusch-Retro im Wiener Metro-Kino. Christian Schröder (Tsp) und Andreas Kilb (FAZ) gratulieren CharlotteRampling zum 80. Geburtstag.
Besprochen werden KoyaKamuras gleichnamige Verfilmung von ElisaShuaDusapinsRoman "Ein Winter in Sokcho" (FR, taz), HasanHadis irakischer Film "Ein Kuchen für den Präsidenten" (FAZ, Artechock, mehr dazu bereits hier), die DVD-Ausgabe von LarryYangs Actionthriller "Shadow Chase" mit Jackie Chan (taz), Francis Meletzkys "Der Schimmelreiter" (Artechock), LauroCress' "Ungeduld des Herzens" (Artechock), StefanJungs "Lydia - Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus" über die Tochter von AlfredEscher (NZZ), Lauro Cress' "Ungeduld des Herzens" (critic.de), BrettRatners "Melania" (critic.de), Katarina Schicklings3sat-Doku "Das Kentler-Experiment - staatlich finanzierter Kindesmissbrauch" (taz) und die Netflix-Serie "Unfamiliar", in der deutsche und russische Agenten in Berlin aufeinander prallen (FAZ).
Düster und doch voller Licht: "Ein Kuchen für den Präsidenten" "Ein Kuchen für den Präsidenten" ist der in Cannes preisgekrönte Debütfilm des irakischen Regisseurs HasanHadi und erzählt von einem jungen Mädchen in der irakischen Provinz der frühen Neunziger, das inmitten der Kriegs- und Sanktionswirren dazu verdonnert wird, eben einen Kuchen für Saddam Hussein backen zu müssen. Der Stoff taugt zu Arthaus-Schmalz, doch der Film ist "gleichzeitig düster und voller Licht, unheimlich wie ein Märchen und hochaktuell, eine bildgewaltige Erzählung über die Flüchtigkeit des Lebens in der Diktatur und über den totalen Zugriff einer Herrschaft, die nicht rechtzeitig aufgehalten wurde", schwärmt Sonja Zekri in der SZ. "Die bizarre Grausamkeit des Films geht auf" die Kindheit des Regisseurs zurück: "Ein Junge in Hadis Schule hatte keinen Kuchen zustande gebracht, daraufhin sei er nicht nur von der Schule geworfen, sondern in Saddams 'Kinder-Armee' gesteckt worden, erinnert sich der Regisseur. 'Ich wollte keinen Film über meine Erinnerungen machen, sondern über meine Fragen an diese Zeit: Was bedeutet Schweigen im Angesicht einer solchen Ungerechtigkeit? Darf man in einer so aussichtslosen Situation lügen?Gibt es überhaupt noch moralische Grenzen?'"
Von einer spektakulären Premiere im MoMA berichtet Frauke Steffens in der FAZ. Gezeigt wurden Filme von Andy Warhol, die der Künstler selbst nie in Augenschein nehmen konnte, da die betreffenden "45Rollen16-Millimeter-Film" erst jetzt gefunden und entwickelt wurden. "Zu sehen ist Rohmaterial aus Filmen wie 'Sleep', 'Kiss' und 'Couch', außerdem gibt es Szenen von Partys in Warhols 'Factory' und verwackelte Aufnahmen einer Fahrt mit den Bandmitgliedern von Velvet Underground nach Ann Arbor zu sehen." Manche Filme setzen zwar sehr auf Warhols künstlerisches Konzept der zerdehnenden Langeweile. "Hellwach sind die meisten Zuschauer im MoMA dagegen, als die Outtakes aus den diversen expliziten Filmen, die Warhol machte, dran sind. Da onaniert ein muskulöser junger Mann, während er ab und an in einen Apfel beißt, einmal herausfordernd in die Kamera schaut. Hier wird nichts der Vorstellung überlassen. Das vermeintlich Obszöne, das Geschlechtsteil in der einen Hand, der Apfel in der anderen, die freundliche Ruhe des Mannes gegenüber sich selbst, alles wird gewöhnlich."
Weitere Artikel: Arno Widmann erinnert in der FR an CharlieChaplins Klassiker "Moderne Zeiten", der morgen vor neunzig Jahren Premiere feierte. Besprochen wird ParkChan-wooks "No Other Choice" (taz, FAZ).
Dierk Saathoff ist in der Jungle World eher ein bisschen genervt von MorganNevilles auf Netflix gezeigtem Doku-Essay "Breakdown 1975", der vorgibt, das US-Krisenjahr1975 mit der Filmproduktion von 1975, dem Höhe- und Scheitelpunkt von New Hollywood, abzugleichen - und dabei doch an mehreren Stellen schummelt (das Jahr 1975 umfasst offenbar einen Zeitraum mehrerer Jahre) oder sich gleich nostalgisch selber in die Tasche lügt. "So arbeitet das Material selbst immer wieder gegen die talking heads, zum Beispiel auch gegen den Filmkritiker Wesley Morris, der pathetisch sagt, die Filme Mitte der Siebziger seien 'wirklich bereit gewesen, uns mit uns selbst zu konfrontieren'. Doch wer erkennt sich schon in einem Psychopathen wie Travis Bickle wieder, dem von Robert De Niro gespielten Protagonisten in Martin Scorseses 'Taxi Driver'? ... Dem Eindruck, dass damals jeder Film irgendwie progressiv, aufklärerischodergesellschaftskritisch war (der stellt sich nämlich irgendwann ein), stellt sich die Doku zum Glück in den Weg: 'Death Wish', der auf die exorbitante Kriminalität reagierte und die Geschichte eines Mannes (gespielt von Charles Bronson) erzählt, der in New York City Kriminelle erschießt (die meisten von ihnen sind Afroamerikaner), ist ein absolut reaktionärer Film - ein in der Doku eingespieltes Interview mit Bronson, der darin erklärt, in 'Death Wish' habe es nur 'saubere Gewalt' gegeben, und dann dazu übergeht, sich über Cartoons zu beschweren, ist die wohl bizarrste Szene im Film."
Die Filmkritiker werden von "Melania" in Beschlag genommen: In der NZZstaunt Andreas Scheiner darüber, dass Amazons fürs Weiße Haus produzierter PR-Film über Trumps Ehefrau trotz Unkenrufen über schleppende Ticketvorverkäufe den bestenUS-KinostarteinesDokumentarfilmsseitzehnJahren hingelegt hat. Regisseur BrettRatner ist bei ihm noch "wegen #MeToo-Vorwürfen in Hollywood in Ungnade gefallen", unerwähnt bleibt, dass am Wochenende Bilder von Ratner in den Epstein-Filesaufgetaucht sind, die ihn gemeinsam mit Epstein beim Kuscheln mit mutmaßlich Minderjährigen zeigen. Nicht nur wegen dieser Personalie wollen zwei Drittel der an dieser Produktion beteiligten Belegschaft im Abspann nicht genannt werden, schreibt Krsto Lazarević in der taz. Philipp Bovermann liest in der SZ mit nicht wenig Amüsement die Kritiken seiner Kollegen zu diesem Film.
Besprochen wird außerdem Marie-ElsaSgualdos Historiendrama "À bras-le-corps", das für den Schweizer Filmpreis nominiert ist (NZZ).
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