Im Kino
Ständig dreht die Kamera Pirouetten
Die Filmkolumne. Von Michael Kienzl
04.02.2026. Virtuos inszeniert ist Park Chan-wooks neuer Film schon. Aber leider bleibt die Kapitalismusgroteske "No Other Choice" auf halbem Weg zwischen ernster Dramatik und überzeichneter Farce stecken.
Der glücklichste Tag in Man-sus (Lee Byung-hun) Leben ist sein langjähriges Firmenjubiläum. Im Garten seiner festungsgleichen Villa grillt das Familienoberhaupt mit stolz geschwellter Brust einen Aal, den er von seinem Arbeitgeber, einer international operierenden Papierfabrik, als Treuegeschenk bekommen hat. Die Kinder zeigen sich von den Feierlichkeiten unbeeindruckt, die beiden Hunde sowieso, und Gattin Miri (Son Yejin) freut sich vor allem über die schicken High Heels, die dank des stattlichen Gehalts ihres Mannes für sie herausgesprungen sind.
Der südkoreanische Regisseur Park Chan-wook lässt in der Eröffnungsszene seines neuen Films keinen Zweifel aufkommen, dass sich bereits der paradiesische Urzustand seines Helden ziemlich falsch anfühlt. Das Wohlstandsidyll wirkt sonderbar künstlich, die Freude über den letztlich rein materialistischen Erfolg angestrengt gespielt. Dass sich durch heruntersegelnde Blätter auch noch der nahende Herbst ankündigt, erweist sich als schlechtes Omen: Nur wenig später wird die Papierfabrik von einem US-Unternehmen übernommen und Man-su gnadenlos wegrationalisiert.
Der satirische Thriller "No Other Choice" widmet sich erstmal ausfühlich dem plötzlichen Machtverlust seines Protagonisten. Man-su muss sich von seinem luxuriösen Leben verabschieden, versucht sich in Selbsthilfegruppen vor dem Zusammenbruch zu bewahren und lässt eine Demütigung nach der anderen über sich ergehen. Als er nach langer Durststrecke doch wieder einen ähnlichen Job erhält, wird er schon nach kurzer Zeit erneut entlassen.

Basierend auf Donald E. Westlakes Roman "The Ax" - der 2004 bereits von Costa-Gavras verfilmt wurde - erzählt Park, wie aus der Verzweiflung eine teuflische Idee geboren wird. Mit schwerkrimineller Energie will Man-su seine alte Stelle zurückerobern. Nicht nur seinen, in den sozialen Medien gehörig herumprahlenden Nachfolger will er aus dem Weg räumen, sondern vorsorglich auch noch potenzielle Nachrücker, die durch eine fingierte Stellenanzeige schnell ausgemacht sind. Symbolisch beginnt der Film im Herbst und ebenso bezeichnend endet er ein Jahr später im tiefen Winter. Denn je näher Man-su seinem Ziel kommt, desto verbissener wird er und desto trauriger und leerer fühlen sich auch seine vermeintlichen Errungenschaften an.
"No Other Choice" ist allerdings nicht die eindeutige kapitalismuskritische Parabel, die der Inhalt vorgibt. Tatsächlich ist nicht immer klar, was genau Park an dieser Geschichte interessiert. Virtuos und elegant inszeniert ist sie zweifellos. Ständig dreht die Kamera Pirouetten, während die Bilder mit schrägen Perspektiven, Spiegelungen und Überblendungen neu in Schwingung versetzt werden. Cho Young-wuks wuchtiger Score zieht dazu zwischen dissonanter Kammermusik und filigranem Jazz immer wieder neue stilistische Register. In seinen besten Momenten entwickelt der Film ein eigenwilliges Spannungsverhältnis zwischen der dynamisch verspielten Inszenierung und der gemächlich mäandernden Erzählweise. Für die Zeit und Umwege, die sich "No Other Choice" über seine ausladenden 140 Minuten Laufzeit hinweg gönnt, wirkt die Handlung aber letztlich ein wenig zu schlicht und vorhersehbar.
Holprig erscheint mitunter auch der Wechsel zwischen ernsthafter Dramatik und überzeichneter Farce. Hauptdarsteller Lee Byung-hun gibt sich zwar sichtlich Mühe, mit gummiartig beweglicher Mimik die widerstreitenden Gefühle Man-sus auszudrücken, aber der Blick auf ihn bleibt distanziert - und die Frage, ob es vorrangig um ein persönliches Dilemma oder ein verderbtes System geht, in der Schwebe. Ein unterschwellig lässiger Humor entwickelt sich gelegentlich, wenn Man-sus Versuche seine Widersacher - die letztlich genauso arme Würstchen sind wie er selbst - zu beseitigen, kläglich scheitern. Mit einer Portion Slapstick folgt Park seinem Protagonisten, wie er seinem Opfer in einem Wald auflauert und von jungen Liebhabern wie auch giftigen Schlangen an seinem Vorhaben gehindert wird. Sobald "No Other Choice" aber ins Groteske eskaliert, ist der Film zu bemüht um originelle Regieeinfälle und zu wenig bedacht darauf, die komische Energie am Leben zu halten.
Das Problem liegt vielleicht schon in der Ambivalenz, die im Titel steckt. Denn die Arbeitslosen in "No Other Choice" hätten durchaus eine andere Wahl, etwa die, sich beruflich umzuorientieren, sind aber zu stur und selbstbezogen, um sich auf etwas Neues einzulassen; was vor allem die jeweiligen Familien ausbaden müssen. Man fühlt sich bei Man-sus obessivem Wahn gelegentlich an frühere Filme des Regisseurs wie "Old Boy" oder "Sympathy for Mr. Vengeance" erinnert, in denen der Drang, selbst für Gerechtigkeit zu sorgen, die Protagonisten in eine zerstörerische Abwärtsspirale befördert. Doch diesmal bleibt Park unter seinen Möglichkeiten und verharrt ein wenig ratlos zwischen den Exzessen seines wahnhaften Helden und den Abgründen der modernen Arbeitswelt.
Michael Kienzl
No Other Choice - Südkorea 2025 - OT: Eojjeolsugaeopda - Regie: Park Chan-wook - Darsteller: Lee Byung-hun, Son Ye-jin, Park Hee-soon, Lee Sung-min - Laufzeit: 139 Minuten.
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