Im Kino
Alt, ungeil, immer zu Hause
Die Filmkolumne. Von Kamil Moll
10.02.2026. Sönke Wortmann kann das Social Engineering nicht lassen. In "Die Ältern", seinem neuen Streich, geht es gewohnt bonmotreich um Konflikte zwischen Gen Z und Generation Golf.
Wer von Berufs wegen schreibt, ist latent einsam. Mit Anfang 50 fühlt sich der Autor Hannes Wenger (Sebastian Bezzel) aber darüber hinaus auch noch verlassen: zum einen von seinem Talent, neue Stoffe zu finden, denn sieben Fortsetzungen hat er seinem Beststeller "Im Dunstkreis der Möwe" bereits folgen lassen, und sein Verleger (Thomas Loibl) wirkt längst verspannt bei der Aussicht auf einen weiteren Band. Suhlte sich nicht schon "Im Dunstkreis des Igels", allerspätestens aber "Im Dunstkreis des Maulwurfs" in Redundanzen und Wiederholungen, fand keinen Abschluss, obwohl alles längst auserzählt war? Ein neuer Wenger-Wurf muss her, ein Neuanfang im fortgeschrittenen Alter, zu dem er dann zum anderen auch privat gezwungen wird: 21 Jahre alt geworden, will seine Tochter Carla (Kya-Celina Barucki) aus dem elterlichen Haus ausziehen. Hannes' Frau Sara (Anna Schudt) schließt sich ihr unerwartet an. Denn mit einem Mann, der rund zwei Jahre dafür braucht, sich an neue "Tagesthemen"-Sprecher zu gewöhnen, will sie nicht mehr zusammenleben.
Gleich zu Beginn von "Die Ältern" ist die bewährte Inszenierungsmaschinerie des Regisseurs Sönke Wortmann am routinierten Rattern und reibungslosen Abspulen - jener mühelose Mix aus schnell ausgespielten Wortpointen und umstandslos stromlinienförmigen Handlung, den Wortmann seit seinem frühen Komödienmeisterwerk "Kleine Haie" (1991) beherrscht und der ihn seit nun mehr drei Jahrzehnten noch jede Erfolgswelle im kommerziellen deutschsprachigen Kino als Klassenbester abschließen ließ. Mit der auf einem französischen Theaterstück basierenden Boulevardposse "Der Vorname" fand er zuletzt die seitdem vielfach variierte und belehnte Erzählformel für eine spezifisch deutsche Spielart der Diskurskomödie. Zeitgeistige gesellschaftliche Konflikte und Reizthemen diskutieren diese Filme am Esstisch aus, um sie letztlich aussöhnend zu begradigen: das Kino als produktiver Mediator und Streitschlichter im Dienste einer dadurch gut für die Zukunft aufgestellten bürgerlichen Mitte.
Auch "Die Ältern" ist nicht frei von einem übereifrigen Übermaß an Buzzwords. Dafür bietet der Mikrokosmos Kleinfamilie, bieten all die medial herbeigeredeten Unterschiede zwischen Generation Golf und Gen Z schlichtweg zu viel dankbares Material. "Du musst dich nicht verkleiden. Du gehst als alter weißer Mann, das ist gruselig genug", wird Hannes von seinem Sohn Nick (Philipp Müller), mit dem er nun eine familiäre Zweier-WG bestreiten muss, bei der Wahl für ein Hollywood-Kostüm beraten - außerdem bekommt er erklärt, dass Süßes oder Saures längst in den Varianten laktosefrei und ohne Gluten angeboten werden sollte. Die einzigen Krisen, die der Film kennt, sind die Befindlichkeiten und Demütigungen des Midlife-Lebens: "Alt, ungeil, immer zu Hause? Sagen die!"

Unentwegt generiert "Die Ältern" abgehangene Aphorismen und Bonmots. "Männer sind wie Avocados. Man braucht Glück bei der Auswahl". Geschuldet ist das der Buchvorlage, einer Sammlung von Kolumnen, die der Schriftsteller Jan Weiler jahrelang über sein fortlaufendes Einleben in die Vaterrolle geschrieben hat. Es wundert daher nicht, dass der Film aus locker arrangierten Episoden besteht, die sich kleinteilig an Alltagssituationen abarbeiten und in ihrer mitunter zwanghaften Pointiertheit auf ihren Ursprung als verdichteter Zeitungstext zurückverweisen.
Bereits 2017 hatte Leander Haußmann mit "Das Pubertier" eines der Bücher um Hannes Wenger verfilmt - mit Jan Josef Liefers in der Hauptrolle, der die Figur noch als enervierten Dampfplauderer mit kurzer Lunte spielte. Davon setzt sich Sebastian Bezzel mit gemütvoll oberbayrischem Zungenschlag und jenem dösigen Flair ab, das ihn schon zum beliebten Star der seit Jahren immens erfolgreichen "Eberhoferkrimi"-Kinoreihe von Ed Herzog gemacht hat. Der Weg vom Vater und Schriftsteller, der unliebsame Veränderungen nicht annehmen möchte und schließlich zum mustergültig aufgeklärten Nur-noch-beinahe-Boomer reift, verläuft für ihn über unterschiedliche Grade der Selbstoptimierung und endet schließlich als ultimative Geste der Selbstakzeptanz in der afrikanischen Wüste und mit einem Song des Deutschrock-Grandseigneurs Herbert Grönemeyer: "Es schiebt dich an, ganz leicht". Damit kann auch das emsige Social-Engineering-Kino Sönke Wortmanns selbstzufrieden zur Ruhe kommen.
Kamil Moll
Die Ältern - Deutschland 2026 - Regie: Sönke Wortmann - Darsteller: Sebastian Bezzel, Anna Schudt, Kya-Celina Barucki, Philip Müller - Laufzeit: 104 Minuten.
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