Heute beginnen die Filmfestspiele in
Cannes - und die Kritiker sind kurz vor Abflug an die Croisette schon mächtig aufgeregt: "Kaum zu glauben, dass Festivalchef Thierry Frémaux in den vergangenen Wochen von seinem 2026er-Jahrgang als '
Übergangsphase' sprach", schreibt Andreas Busche im
Tagesspiegel. "Ein Blick auf die Liste der in den großen Reihen vertretenen Regisseurinnen und Regisseure wirkt jedenfalls, als mache das Cannes-Filmfestival seinem Ruf,
die Crème de la Crème des internationalen Autorenkinos zu versammeln - den state of the art der Kinokunst -, erneut alle Ehre. ... Den Begriff der 'Übergangsphase' bezieht Frémaux ausdrücklich auf die
amerikanische Filmindustrie, die sich nach Covid, Streiks, Großfeuern, Trump, Studio-Fusionen und zunehmend risikoaversen Großproduktionen erst wieder konsolidieren muss." Tatsächlich stammen rund drei Viertel der Wettbewerbsfilme aus Europa,
bemerkt Tim Caspar Boehme in der
taz.
Angesichts dessen findet es David Steinitz in der
SZ sehr imponierend, dass Frémaux sich weiterhin weigert,
Netflix-Filme ins Programm aufzunehmen, solange der Streamer das Kino derart gering schätzt. Denn 2026 läuft auch "kein einziger neuer Film, der von einem der großen Studios stammt, von Disney, Warner, Paramount oder Universal. Steht Cannes also ein
ähnlicher Niedergang wie der Berlinale bevor, wo der Glamour schon seit Jahren flöten gegangen ist und stattdessen
absurde Nahostkonflikt-
Diskussionen den Diskurs mehr bestimmen als die Filme, die gezeigt werden? Die schnelle Antwort:
Nö. ... Zum Glück für das Festival gibt es in den USA auch jenseits des Studiosystems eine
sehr lebendige Indie-
Filmszene, die auch Stars anzieht, die normalerweise zweistellige Millionengagen kassieren."
FR-Kritiker Daniel Kothenschulte
ist schon gespannt, wie die Jury wohl
Valeska Grisebachs in Bulgarien gedrehten deutschen Wettbewerbsbeitrag "Das geträumte Abenteuer" finden wird, und denkt darüber nach, was nationale Zugehörigkeit im Zeitalter globalisierter und von Exilbewegungen geprägter Filmproduktion noch bedeutet. "Der Pole
Pawel Pawlikowski ist mit dem deutschsprachigen Film 'Fatherland' vertreten -
Hanns Zischler spielt den Schriftsteller Thomas Mann,
Sandra Hüller seine Tochter Erika, und
August Diehl ist als Klaus Mann zu sehen. Russische und iranische Filmemacher sind im Wettbewerb mit Werken vertreten, die sie im Ausland drehten:
Andrej Zwiaguintsev drehte das Russland des Jahres 1922 für sein Politik- und Wirtschaftsdrama 'Minotaur' in Lettland, Frankreich und Deutschland. Und
Asghar Farhadi, der erst spät, während der Kopftuchproteste auf Distanz zum iranischen Regime ging, zeigt mit Histoires parallèles ein französisches Drama um eine Schriftstellerin."
Weiteres: Kathrin Häger
resümiert im
Filmdienst den deutschen Wettbewerb bei den
Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen. Johannes Wolters
spricht für den
Filmdienst mit dem Animationsfilmer
Nathan Greno. Rahel Bueb
berichtet in der
taz von einem Berliner Gedenkabend zu Ehren von
Béla Tarr. Besprochen wird
Florian Heinzen-
Ziobs Dokumentarfilm "Das Gewicht der Welt" über Forscher, die an der Entwicklung des
Klimas verzweifeln (
FAZ).