Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.05.2026 - Film


Sorgt in Cannes nicht gerade für Begeisterungsstürme: Pierre Salvadoris "La Vénus électrique"


Einmal mehr zaubert Cannes einen großen Namen nach dem nächsten aus dem Hut - umso erstaunter ist Zeit-Kritikerin Katja Nicodemus dann, dass der gestern Abend (wenngleich außer Konkurrenz) gezeigte Eröffnungsfilm eine derartige Pleite ist: Pierre Salvadoris "La Vénus électrique" ist ein "wirklich plumpes Liebesdrama", rund um Jahrmarkt, Schausteller, Illusionen und die Liebe. "Fantastische Schauspieler und Schauspielerinnen (Gilles Lellouche, Anaïs Demoustier) spielen sich zu faden Drehbuchsätzen die Seele aus dem Leib, rumpumpelige Walzer versuchen, die doppelt und dreifach erzählte Geschichte zusammenzuhalten. Das Beste, was man über La Vénus électrique sagen kann, ist, dass ein Festival ja irgendwie anfangen muss, um loszugehen." David Steinitz in der SZ ist gnädiger: Zu sehen war "eine Liebesgeschichte im verrauchten Künstler- und Gauklermilieu der Jahre zwischen den Weltkriegen, kein Mainstreamkitsch, aber auch nicht allzu filmfestivalverkünstelt". Ingesamt "ein Melodram im besten Sinne, komisch, tragisch, rührend, und ein mehr als würdiger Cannes-Opener".

Mehr von der Croisette: Tim Caspar Boehme berichtet in der taz von der Auftaktpressekonferenz mit Festivalleiter Thierry Frémaux. Pamela Jahn spricht in der NZZ mit Volker Schlöndorff, der seinen Film, die gleichnamige Verfilmung von Jenny Erpenbecks Roman "Heimsuchung", in einer Nebenreihe des Festivals zeigt. 

Abseits der Croisette: Thomas Abeltshauser spricht für die taz mit László Nemes über dessen neuen Film "Andor Hirsch", in dem der ungarische Autor die Geschichte seiner Familie erzählt. Kristina Jaspers denkt im Filmdienst über Silke Buhrs ganz bewusst ahistorisch gehaltenes Szenenbild von Hagai Levis Arte-Serie "Etty" nach, die von der 1943 in Auschwitz ermordeten Niederländerin Etty Hillesum erzählt. Critic.de dokumentiert Annette Brauerhochs in der Reinl-Retrospektive des Berliner Zeughauskinos gehaltenen Vortrag zu Harald Reinls Kriegsfilmen der Fünfziger. Andreas Lebert und Stephan Lebert sprechen in der Zeit mit dem deutschen Filmproduzenten Nico Hofmann. David Steinitz plaudert für die SZ mit Pedro Pascal und Sigourney Weaver, die im neuen "Star Wars"-Film "The Mandalorin and Grogu" zu sehen sind.

Besprochen werden David Dietls "Ein Münchner im Himmel" (critic.de) und Annemarie Jacirs "Palästina 36" (Standard, mehr dazu bereits hier).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.05.2026 - Film

Heute beginnen die Filmfestspiele in Cannes - und die Kritiker sind kurz vor Abflug an die Croisette schon mächtig aufgeregt: "Kaum zu glauben, dass Festivalchef Thierry Frémaux in den vergangenen Wochen von seinem 2026er-Jahrgang als 'Übergangsphase' sprach", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "Ein Blick auf die Liste der in den großen Reihen vertretenen Regisseurinnen und Regisseure wirkt jedenfalls, als mache das Cannes-Filmfestival seinem Ruf, die Crème de la Crème des internationalen Autorenkinos zu versammeln - den state of the art der Kinokunst -, erneut alle Ehre. ... Den Begriff der 'Übergangsphase' bezieht Frémaux ausdrücklich auf die amerikanische Filmindustrie, die sich nach Covid, Streiks, Großfeuern, Trump, Studio-Fusionen und zunehmend risikoaversen Großproduktionen erst wieder konsolidieren muss." Tatsächlich stammen rund drei Viertel der Wettbewerbsfilme aus Europa, bemerkt Tim Caspar Boehme in der taz.

Angesichts dessen findet es David Steinitz in der SZ sehr imponierend, dass Frémaux sich weiterhin weigert, Netflix-Filme ins Programm aufzunehmen, solange der Streamer das Kino derart gering schätzt. Denn 2026 läuft auch "kein einziger neuer Film, der von einem der großen Studios stammt, von Disney, Warner, Paramount oder Universal. Steht Cannes also ein ähnlicher Niedergang wie der Berlinale bevor, wo der Glamour schon seit Jahren flöten gegangen ist und stattdessen absurde Nahostkonflikt-Diskussionen den Diskurs mehr bestimmen als die Filme, die gezeigt werden? Die schnelle Antwort: . ... Zum Glück für das Festival gibt es in den USA auch jenseits des Studiosystems eine sehr lebendige Indie-Filmszene, die auch Stars anzieht, die normalerweise zweistellige Millionengagen kassieren."

FR-Kritiker Daniel Kothenschulte ist schon gespannt, wie die Jury wohl Valeska Grisebachs in Bulgarien gedrehten deutschen Wettbewerbsbeitrag "Das geträumte Abenteuer" finden wird, und denkt darüber nach, was nationale Zugehörigkeit im Zeitalter globalisierter und von Exilbewegungen geprägter Filmproduktion noch bedeutet. "Der Pole Pawel Pawlikowski ist mit dem deutschsprachigen Film 'Fatherland' vertreten - Hanns Zischler spielt den Schriftsteller Thomas Mann, Sandra Hüller seine Tochter Erika, und August Diehl ist als Klaus Mann zu sehen. Russische und iranische Filmemacher sind im Wettbewerb mit Werken vertreten, die sie im Ausland drehten: Andrej Zwiaguintsev drehte das Russland des Jahres 1922 für sein Politik- und Wirtschaftsdrama 'Minotaur' in Lettland, Frankreich und Deutschland. Und Asghar Farhadi, der erst spät, während der Kopftuchproteste auf Distanz zum iranischen Regime ging, zeigt mit Histoires parallèles ein französisches Drama um eine Schriftstellerin."

Weiteres: Kathrin Häger resümiert im Filmdienst den deutschen Wettbewerb bei den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen. Johannes Wolters spricht für den Filmdienst mit dem Animationsfilmer Nathan Greno. Rahel Bueb berichtet in der taz von einem Berliner Gedenkabend zu Ehren von Béla Tarr. Besprochen wird Florian Heinzen-Ziobs Dokumentarfilm "Das Gewicht der Welt" über Forscher, die an der Entwicklung des Klimas verzweifeln (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.05.2026 - Film

Szene aus "Palästina 36"

Annemarie Jacirs historisches Drama "Palästina 36" erzählt vom Arabischen Aufstand von 1936 bis 1939, interessiert sich dafür aber nur insofern, da "er ein paar Talking Points illustriert, die in gegenwärtigen Debatten über den Nahostkonflikt immer wieder bemüht werden", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "Die jüdischen Neuankömmlinge sind die 'Fremden', als hätte nie zuvor ein Jude in der Region gelebt", während die antisemitischen Pogrome in den Zwanzigerjahren unerwähnt bleiben, wie auch "dass der Auslöser des Arabischen Aufstands 1936 nicht etwa die Ermordung eines arabischen Bauern (wie im Film), sondern der gewaltsame Tod von zwei Juden gewesen war". Bodenlos wird der Film, wenn er einen "(halb-fiktiven) Muslimrat" zeigt, der zwar ans Arabische Hohe Komitee angelehnt ist, welches gegen die jüdische Einwanderung wetterte, hier aber als "Marionette der Zionist Commission for Palestine" dargestellt wird. "Eine gewagte antisemitische Verschwörungstheorie, die kaum weiter von der Realität entfernt sein könnte."

Matthias Dell fragt für ZeitOnline bei Erin Högerle und Jörg Himstedt nach, die den derzeit sehr gefeierten hessischen "Tatort" redaktionell betreuen, wie es ihnen gelungen ist, mit ihrem neuen Duo Azadi/Kulina Publikum und Kritik gleichermaßen zu begeistern. Die früher ebenfalls migrantisch geprägten hessischen Filme verfingen indessen weit weniger. "Vielleicht war die Zeit noch nicht reif", sagt Himstedt. "Diversity im deutschen Fernsehen hat für mich gefühlt viel mit Abhaklisten zu tun. Mittlerweile gibt es den ketzerischen Begriff des 'Woke-Washings': der eine PoC hinten rechts an der Schreibmaschine etc. Wir wollten das anders machen, also ein migrantisches Ermittlerpaar und nicht einen Bio-Deutschen dazu, damit alle Beteiligten zufrieden sind. Außerdem reden wir da von Leuten, die hier geboren sind. Das mögen manche nicht gerne hören, aber wir reden hier von Bürger:innen dieses Landes."

Weitere Artikel: Jana Weiss spricht für den Tagesspiegel mit dem Schauspieler Tom Keune, der in "Nürnberg" (hier besprochen in der Jungle World, dort unsere Kritik) einen Nazi spielt. Besprochen werden Karim Aïnouz' "Rosebush Pruning" (Standard, unsere Kritik), Charlotte Devillers' und Arnaud Dufeys' Familiendrama "Wir glauben euch" (taz) und eine Neuadaption von Isabel Allendes "Das Geisterhaus" in Form einer Amazon-Serie (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.05.2026 - Film

Lächelnde, weiche Lippen: Valerio Zurlinis Blick auf Alain Delons Blick

Das frisch wiedereröffnete Berliner Kino Arsenal widmet seine erste Retrospektive dem italienischen Regisseur Valerio Zurlini. Der hat "nie einen Film zweimal gedreht" und ja sowieso insgesam nur acht, aber "jeder einzelne ist die Entdeckung wert", schreibt Lukas Foerster auf critic.de: "Den wechselnden Moden der kommerziellen Produktion steht sein Werk fern; zur mit sich selbst identischen Autorenfilmer-Marke ist er allerdings auch nie geworden." Am ehesten ist er ein Regisseur der Blicke, schreibt Foerster: "Lieben heißt" bei ihm oft, "einen Menschen anzublicken. Besonders oft blickt Alain Delon Sonia Petrovna an. ... Es ist ein Blick, der Veränderung negiert, Zeit stillstellt und den Blickenden in einer ewigen Gegenwart einschließt. Fast immer ist es ein männlicher Blick, aber fetischisiert wird nicht das weibliche Blickobjekt, sondern das männliche Blicksubjekt. So makellos schön Sonia Petrovna ist: 'La prima notte di quiete' ist in erster Linie ein Film über die Sehnsucht in Alain Delons Augen, über das offene Lächeln, das seine weichen Lippen umspielt."

Weiteres: Die Schauspielerin Q'orianka Kilcher verklagt James Cameron, dem sie vorwirft, ihre Gesichtszüge als 16-jährige Pocahontas aus Terrence Malicks "The New World" ohne Absprache für seine "Avatar"-Filme verwendet zu haben, meldet Andreas Busche im Tagesspiegel: "Der Vorwurf ist auch deshalb brisant, weil Cameron sich mit seinen 'Avatar'-Filmen als Verteidiger der Rechte indigener Menschen einen Namen gemacht hatte." Susanne Gietl spricht für den Filmdienst mit der Schauspielerin Trine Dyrholm.

Besprochen werden die Ausstellung "Inventing Queer Cinema" in der Deutschen Kinemathek in Berlin (FD, Tsp), Mahnaz Mohammadis iranischer Film "Roya" (FAZ, hier und dort unsere Resümees von Gesprächen mit der Regisseurin), Valery Carnoys Boxer-Jugenddrama "Wild Foxes" (critic.de), Charlie Polingers "The Plague" (critic.de) und David Dietls "Ein Müncher im Himmel" ("Die Geschichte zieht sich zäh von Gag zu Gag", gähnt Manuel Brug in der WamS).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.05.2026 - Film

Szene aus Lana Dahars "Do you love me?"


Sehr beeindruckt ist Rüdiger Suchsland auf Artechock von Lana Dahars Essayfilm "Do You Love Me?", der komplett aus Archiv- und Found-Footage-Material bis zu privaten Super8-Aufnahmen zusammengesetzt ist. Es geht um die Erinnerung an Libanon und Beirut in früheren Zeiten. Es ist "ein Versuch, den Gedächtnisverlust auszugleichen, und eine Art kollektiven Erinnerung zu rekonstruieren, zugleich einen Gegenentwurf zu den dominierenden, von Ideologie und religiöser Identitätspolitik durchtränkten, revanchistischen, oft rassistischen Geschichten zu bieten, die die Welt in allzu einfache Gegensätze, in Gut und Böse, richtig und falsch unterteilen." Darin zeigt sich "auch ein spielerischer Blick, der die Macht der Bilder belegt und Geschichten uminterpretiert, ihnen neue Bedeutungen verleiht - eine Rekonstruktion, die nicht nur historisch, sondern vor allem emotional ist. ... Das Ergebnis ist ein Hohelied auf die Kraft der audiovisuellen Erinnerung. Die Kraft des Kinos."

Weitere Artikel: Dunja Bialas spricht für Artechock mit den neuen Leiterinnen des Münchner DOK.Festes. Nora Moschuering hat für Artechock ins Programm des Festivals geschaut. Benedikt Guntentaler resümiert für Artechock die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen. Joachim Heinz spricht für den Filmdienst mit der Schauspielerin Dagmar Manzel, die aktuell in Welf Reinharts "Der verlorene Mann" im Kino zu sehen ist. Im Standard porträtiert Marian Wilhelm Isabelle Huppert. In der FAZ gratuliert Petra Ahne dem Naturfilmer David Attenborough zum hundertsten Geburtstag.
Besprochen werden James Vanderbilts "Nürnberg" mit Russell Crowe als Hermann Göring (Perlentaucher, Standard, Artechock), Charlotte Devillers' und Arnaud Dufeys' "Wir glauben euch" (Artechock) sowie Valéry Carnoys französisches Boxerdrama "Wild Foxes" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.05.2026 - Film

"Nürnberg" von James Vanderbilt

In James Vanderbilts "Nürnberg" mit Russell Crowe und einer gewaltigen Bauchprothese, die gemeinsam Hermann Göring spielen, "hat das Klischee früh ... gewonnen", ärgert sich Daniel Kothenschulte in der FR. Der Film basiert auf Jack El-Hais Sachbuch "Der Nazi und der Psychiater" und handelt von den Gesprächen, die Douglas M. Kelley mit Göring geführt hat. Zu sehen ist im Film vor allem "Kulissenkino", bei dem "nicht viel zum 'Schweigen der Lämmer'" fehle. "Aber ist nicht auch das Weitertragen wohlig-gruseliger Klischees ein Dienst an den Tätern? In einer Reihe sich dramatisch steigernder Wortduelle kommen sich die beiden Protagonisten näher, indem sie versuchen, einander aufs Glatteis zu führen. Psychologie und verbale Manipulation gehen hier in oberflächlicher Verkürzung eine Verwandtschaft ein." Andreas Busche ist im Tagesspiegel entsetzt über diesen "Film, der die Nazis auf einer ganz menschlichen Ebene zu verstehen versucht. Ein infames Stück Erinnerungskultur." 

Arabella Wintermayr sieht es in der taz völlig anders: "Auf erzählerischer Ebene schafft James Vanderbilt etwas Gewichtiges, woran die meisten Mainstream-Produktionen über die Schrecken des Nationalsozialismus scheitern. Während dort die NS-Verbrecher oft zu stilisierten, comicartig überzeichneten Supergegnern werden, die beinahe einem Marvel-Streifen entsprungen sein könnten, wagt sich 'Nürnberg' tatsächlich näher an einen Gedanken heran, wie ihn Hannah Arendt im Kontext des Eichmann-Prozesses formuliert hat: dass das Böse oft erschreckend banal in Erscheinung tritt und eben keinen Monstern, sondern gewöhnlichen Menschen entspringt."

Weitere Artikel: Ipke Cornils stellt in der Jungle World die Kinoarbeit von Samuel Israel vor, der als Programmleiter der Kinemathek Karlsruhe seit dem 7. Oktober 2023 regelmäßig israelische Filme zeigt. Jörg Taszman spricht für den Filmdienst mit Stefanie Schulte Strathaus über die Wiedereröffnung des Kino Arsenals im Berliner Wedding. Die erste Retrospektive dort ist dem italienischen Regisseur Valerio Zurlini gewidmet, über dessen Filme Sara Piazza in der taz schreibt. Jan Küveler durchleuchtet in der Welt den neuen Trailer zu Christopher Nolans "Odyssee". Im Zeit-Gespräch spricht Christian Petzold über seine Leidenschaft fürs Achterbahnfahren. Tobias Sedlmaier (NZZ) sucht aus der Filmgeschichte in der Schweiz gedrehte Filme heraus.

Besprochen werden Zinnini Elkingtons dänisches Krankenhausdrama "Nachbeben" (FR), Welf Reinharts Demenz-Liebesdrama "Der verlorene Mann" (Welt, FD), die Apple-Serie "Only Margo" (Jungle World), die DVD-Ausgabe von Uberto Pasolinis Odyssee-Interpretation "Rückkehr nach Ithaka" (taz), Markus Schleinzers "Rose" mit Sandra Hüller (NZZ, unsere Kritik), die auf Disney+ gezeigte Serie "Die Zeuginnen", die ein Spin-Off von "The Handmaid's Tale" darstellt (FAZ) und die auf Netflix gezeigte Actionthriller-Serie "Man on Fire" (FAZ). Außerdem blicken Tagesspiegel und Filmdienst auf die wichtigsten Kinostarts der Woche.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.05.2026 - Film

Ein Guckkasten, der Geheimnisse preisgibt: Igor Zelićs Kurzfilm "Opera"

Bei den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen wurde Igor Zelićs "Opera" mit mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter der Hauptpreis des Wettbewerbs. FAZ-Kritiker Bert Rebhandl fand den Film sehr faszinierend: "Er präsentiert eine nächtliche Szene, in der man sich erst einmal zurechtfinden muss. Denn sie gibt sich nur in dem Maß zu erkennen, in dem Lichtquellen einen Teil des Bildes erhellen. Bäume, Häuser, ein Kiesweg - alles bleibt geheimnisvoll, zumal der Ton nur Umgebungsgeräusche enthält. Diese 'Geschichte', die im Erzählkino in der Regel mit menschlichen Figuren und mit Natur und Gesellschaft zu tun hat, weitet sich bei Zelić auf eine der Künste insgesamt. Unwillkürlich beginnt man seinen Film anzuschauen wie ein Gemälde. Die klassische Malerei hat die raffiniertesten Sachen mit einem 'Licht' gemacht, das immer Auftrag auf eine Leinwand war. Auf diese Kunst bezieht sich 'Opera', überträgt sie aber auf Lichtsetzung als eine wesentliche Aufgabe beim Filmemachen. Bei Zelić bewegt sich die Kamera nicht, sodass der Effekt eines Guckkastens entsteht, der allmählich Geheimnisse preisgibt." In der FR resümiert Daniel Kothenschulte das Festival.

Im Interview mit der taz spricht Lana Daher über ihren komplett aus Archivmaterial zusammengestellten Porträtfilm "Do You Love Me" zum Libanon und Beirut. Zu ihrer Heimat hat Daher durchaus ein angespanntes Verhältnis: "Ich hatte die Vorstellung, dass wir uns alle lieben. Dass es der Krieg anderer auf unserem Land ist, der den Kampf verursacht. Aber innerlich haben wir so gegensätzliche Ansichten zu allem. Mir ist klar geworden, wie gewalttätig meine Heimat ist und dass viele libanesische Konfessionen einander hassen. Wir streiten immer darum, wie sehr wir das Land lieben, aber es ist nicht so, dass jede Gruppe den Libanon um des Libanon willen liebt, sondern eher für sich selbst." 

Weitere Artikel: Lilly Schröder stellt in der taz das queere Berliner Kollektiv "Cinema of Disobedience" vor, das dem Festival- und Kinobetrieb unter anderem vorwirft, Queerness als "Token" zu benutzen. Marian Wilhelm stimmt im Standard auf das Frühlings-Zwischenspiel des auf Blut und Beuschel spezialisierten Slash-Filmfestivals in Wien ein. Besprochen wird James Vanderbilts "Nürnberg" mit Russell Crowe als Hermann Göring (SZ, FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.05.2026 - Film

"Die Abwehrschlacht des Menschen hat begonnen", schreibt Jürgen Kaube in der FAZ. Nicht um Kampfroboter wie einst bei "Terminator" geht es, sondern um KI in Hollywood: Per KI generierte Schauspieler und Drehbücher sind künftig von Oscarnominierungen ausgeschlossen. Die Academy reagiert damit unter anderem darauf, dass mit Tilly Norwood derzeit tatsächlich eine KI-Schauspielerin lanciert wird und dass für den Film "As Deep As the Grave" der letztes Jahr verstorbene Val Kilmer per KI wiederbelebt wurde. Die Academy entdeckt also ihre Liebe zum Menschen, doch was soll das "heißen? Bildbearbeitung ist im Film seit jeher üblich, es werden Unebenheiten wegretuschiert, Farben ergänzt, Szenen nachträglich neu ausgeleuchtet. Heute ist es für Regisseure ein Leichtes, Hochhäuser einstürzen zu lassen, Zigtausende von Orks aufzubieten oder eine faltenlose Nicole Kidman. ... Der Charme der KI liegt für die Produzenten in Einsparungen. Im Film müssten durchschnittlich die Stellen schrumpfen und die Gagen sinken. Die Aufschreie aus den Elendsquartieren von Beverly Hills und die humanistische Wende der 'Academy of Motion Pictures Arts and Sciences' entspringen vermutlich dieser Furcht." Peter Zellinger liefert im Standard Hintergründe zur Entscheidung der Academy.

Nach dem "Wahrheitsgehalt filmischer Bilder" fragten auch die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen in ihrem Themenprogramm "Based On True Events", berichtet Sven von Reden in der taz. "130 lang Jahre entstanden Filmbilder durch die Reflexion von Licht, das durch eine Linse auf analoges Filmmaterial oder einen digitalen Sensor traf. Mit den neuen Möglichkeiten der Videogeneration mithilfe von KI ist diese Verbindung gekappt, stattdessen können Bilder nun anhand von Textprompts nach statistischen Wahrscheinlichkeiten errechnet werden. Oder wie es die Medienwissenschaftlerin Ariana Dongus im Katalog des Festivals formuliert: 'Das KI-Bild hat keine Herkunft im klassischen Sinne. Keinen Moment, keine Aufnahme, keine Entscheidung eines Menschen an einem bestimmten Ort.' Mithilfe von Rückblicken auf die Filmgeschichte (...) wurde in Oberhausen aber klar gemacht, dass das Kino natürlich nie einfach nur eine Abbildung der Realität war, und zugleich wurde die Virtualität der KI-Bilder mit Blick auf die materiellen Bedingungen ihrer Entstehung relativiert - etwa auf die energiefressenden Datacenter, die überall auf der Welt aus dem Boden schießen." Mehr dazu im Magazinteil des Festivals.

Weitere Artikel: Mia Trautmann berichtet auf critic.de vom European Media Arts Festival in Osnabrück. Für den Filmdienst spricht Joachim Heinz mit dem Schauspieler Harald Krassnitzer, der in "Der verlorene Mann" einen Demenzkranken spielt.

Besprochen werden James Vanderbilts "Nuremberg" mit Russell Crowe als Hermann Göring (Welt, mehr dazu bereits hier), Lutz Pehnerts und Ferdinand Hübners Dokumentarfilm "Scherbenland" über die Geschichte von Berlin-Kreuzberg von den Siebzigern bis heute (taz), Baltasar Kormákurs auf Netflix gezeigter Abenteuerthriller "Apex" mit Charlize Theron (FAZ) und ein ZDF-Porträt über die Dragqueen Olivia Jones (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.05.2026 - Film

"Margot's Got Money Trouble" mit Michelle Pfeiffer und Elle Fanning

Mit ihrem Versprechen an die Performer, das Interesse ihrer Fans ohne zwischengeschalteten Industriebetrieb zu beliefern und zu monetarisieren, hat die Porno-Plattform "Onlyfans" die Branche in den letzten zehn Jahren ziemlich aufgewirbelt - auch weil dadurch immer mehr Amateure auf eigene Faust damit loslegen, sich vor der Kamera zu entkleiden. Bis sich dieses Sujet in der Mainstream-Serienproduktion niederschlägt, war daher nur eine Frage der Zeit - nun liegen erste Versuche vor. "Sexarbeit im Onlinezeitalter ist komplex", stellt dazu Denise Bucher in der NZZ am Sonntag fest. "In Serien davon zu erzählen, auch. Es ist eine Gratwanderung zwischen Normalisierung und Aufklärung einerseits, und Voyeurismus und Machtfragen andererseits." Der dritten Staffel von "Euphoria" etwa wirft Bucher vor, ihre Schauspielerin Sydney Sweeney "exzessiv" zur freien Beschau preiszugeben. In der Serie 'Margo's Got Money Troubles' mit Michelle Pfeiffer und Elle Fanning wiederum "ist die Arbeit für Onlyfans vor allem ein Treiber von schillernd kreativer Energie." Doch "man fragt sich zwangsläufig, ob diese sehr witzige und vergnügliche Serie die Online-Sexarbeit einfach nur als legitime Einkommensmöglichkeit für eine Alleinerziehende darstellt, also ein Tabu entkräftet, oder ob das schon Verharmlosung ist. Denn so vergnüglich, wie in der Serie dargestellt, ist es nicht mit dem Geldverdienen auf Onlyfans."

Weiteres: In der NZZ am Sonntag spricht Denise Bucher mit Sandra Hüller über ihre Rolle in "Rose" (unsere Kritik). Besprochen werden Ulrich Köhlers "Gavagai" (taz, unsere Kritik), James Vanderbilts "Nuremberg" mit Russell Crowe als Hermann Göring (NZZ am Sonntag, mehr dazu bereits hier) und die auf AppleTV+ gezeigte Serie "Widow's Bay" (Welt).

Außerdem: In "Kurzschluss", dem Kurzfilm-Magazin von Arte, spricht unser Filmkritiker Lukas Foerster über das von ihm kuratierte Omnibus-Programm bei den Kurzfilmtagen in Oberhausen.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.05.2026 - Film

"Nürnberg" von James Vanderbilt.


Dass das Böse der Nazis gerade deshalb so gruselig ist, weil es prinzipiell in allen Menschen steckt, ist inzwischen schon oft erzählt worden. Nichts Neues hier also, meint in der Wams Jan Küveler über James Vanderbilts Film "Nürnberg". Toll findet er allerdings Russell Crowe als Hermann Göring: "Dramaturgisch klappert es gehörig. Eine Weile sehen wir Rami Malek, bekannt als Freddie Mercury, dabei zu, wie er zwischen Göring und dessen Frau und Tochter beflissen den Postboten gibt. (…) Am Ende weiß sich Vanderbilt nicht anders zu helfen, als auf das gleiche Stilmittel zu setzen, das schon Stanley Kramer bemühte: echte Bilder aus den Konzentrationslagern. Sie werden während des Prozesses eingespielt und verfehlen ihre Wirkung nicht - weder auf die Figuren noch auf die Zuschauer. Und doch beweisen sie in ihrer nüchternen Drastik nicht zuletzt die relative Harmlosigkeit des Films. So bleibt 'Nürnberg' vor allem als schauspielerische Meisterklasse Russell Crowes in Erinnerung, der dafür sogar ein paar Sätze Deutsch gelernt hat."

Wenn man die Welt draußen ausblendet und sich ganz auf die Schönheit der Mode und das amüsante Spiel von Meryl Streep und Anne Hathaway einlässt, dann lässt sich David Frankels "Der Teufel trägt Prada 2" wirklich ganz gut sehen, findet Axel Timo Purr bei Artechock: "Man möchte diesen Film deshalb eigentlich immer wieder in Zeitlupe sehen, ihn gezielt anhalten, um die Momente 'stofflicher' Ekstase voll auszukosten. Das ist natürlich purer Eskapismus, aber einer, der sich seiner selbst bewusst ist. Dazu gehört dann auch nicht nur einfach ein Happy End, sondern ein Märchen-End, in dem nicht einmal die Bösen ganz ganz und gar abgestraft werden. Und vielleicht liegt ja dann darin die eigentliche Modernität dieses Films, ist er doch nicht so ganz aus der Zeit gefallen: in seinem Mut zur totalen, ja fast schon grotesken Unwahrscheinlichkeit. In einer Gegenwart, die von Unsicherheit und Fragmentierung geprägt ist, bietet er eine klare, fast altmodische Antwort: Wir brauchen diese Geschichten. Wir brauchen ihre Überhöhungen, ihre Schönheit, ihre Versprechen". Weitere Besprechungen in FAZ und der BlZ.
 
Weitere Artikel: Fritz Göttler erinnert in der SZ an "Die Abenteuer des Prinzen Achmed" von Lotte Reiniger, den ersten Animationsfilm der Kinogeschichte, der vor hundert Jahren erschienen ist. Der Standard fasst die Kritiker am Michael-Jackson-Biopic "Michael" zusammen. Dunja Bialas ist für Artechock auf den Kurzfilmtagen Oberhausen unterwegs.

Besprochen werden die Apple-Serie "Widow's Bay" (Wams), die Netflix-Serie "Should I Marry a Murderer" (taz), die Amazon-Prime-Serie "Das Geisterhaus", basierend auf dem Roman von Isabel Allende (FAZ), der Zürich-Tatort "Könige der Nacht" (FAZ, SZ, FR, NZZ), "Tom und Jerry: Der verlorene Kompass" (SZ), die Thrillerserie "Secret Service" auf Magenta TV (SZ) und die HBO-Serie "Half Man"  (NZZ).