In der FAZwiderruft Andreas Kilb sein Urteil über LouisMalles Holocaustfilm "Auf Wiedersehen, Kinder", den er bei seiner Premiere auf dem Filmfestival Venedig 1987 als naive Annäherung ans Thema in Grund und Boden gestampft hatte. Beim Wiedersehen (der Film steht gerade bei Arte online) zeigt sich: "Von Naivität kann bei Louis Malle keine Rede sein - die konventionelle Erzählweise, die seinerzeit altmodisch und verharmlosend wirkte, ist nur die Maske einer unfassbaren emotionalen Klugheit." Wie die Erzählung schwingt, "ist nicht nur in einem formalen und technischen, sondern auch in einem historischen und menschlichen Sinn meisterlich."
Weiteres: Fabian Tietke wirft in der taz Schlaglichter aufs Programm des Afrikamera-Festivals in Berlin. Wilfried Hippen sichtet für die taz Filme aus dem samischenKino, die das FilmfestBraunschweigzeigt. Daniel Haas gratuliert in der NZZ Leonardo DiCaprio zum 50. Geburtstag. Besprochen wird SteveMcQueens auf AppleTV gezeigter Kriegsfilm "Blitz" mit Saoirse Ronan (FAZ, Welt).
Die Agenturen melden, dass der Arthouse-Streamingdienst Mubi sein viertägiges Filmfestival in Istanbul abgesagt hat, nachdem der von Erdogan einsetzte Bezirksvorsteher im Istanbuler Stadtteil Kadiköy die Vorführung von LucaGuadagninos "Queer" (mehr zu dem Film hier) wegen dessen homosexueller Liebesszenen verboten hatte. In der SZ empfiehlt Susan Vahabzahdeh AlexanderHorwaths zwar in der Tat großartigen Essayfilm "HenryFonda - Präsident der Namenlosen", allerdings ohne zu erwähnen, dass Arte den auf der Berlinale noch dreistündigenFilm bizarrerweise nur als Stummelruine von 56 Minuten Länge zeigt. Katharina Schmitz empfiehlt im Freitag die Apple-Serie "Slow Horses". In der virtuellen Tiefdruckbeilage der FAZ verweist Marc Zitzmann im übrigen auf Geneviève Selliers Buch "Le Culte de l'auteur - Les dérives du cinéma français", das den "Male Gaze" im franzöischen Autorenfilm entlarvt.
Stylishe Bilder: "Der Tod wird kommen" von Christoph Hochhäusler Rüdiger Suchsland freut sich in seiner wöchentlichen Artechock-Kolumne, dass beim FilmfestivalMannheim-Heidelbergheute und an den folgenden TagenChristophHochhäuslers neuer, auf französisch gedrehter Bandenkrieg-Thriller "Der Tod wird kommen" zu sehen ist: "Prachtvolles, poetisch-kluges Kino! Der Film zieht einen im Nu in Bann. ... Neben der ungewöhnlichen Figur einer weiblichen Killerin (eine Entdeckung: SophieVerbeek) inmitten der Männerwelt glänzt dieser ausgezeichnete Film durch magnetischeInszenierung, lakonische 'hard boiled' Dialoge und ReinholdVorschneiders so stylische wie genaue Bildgestaltung. Auf so einen wunderbaren Genrefilm hat man seit Jahren im deutschen Kino gewartet. Und dass die Schauspieler keine Deutschen sind, macht etwas mit dem Film und mit Hochhäuslers Kino, das ich selbst noch nicht ganz fassen kann, und ich werde ihn mir schon deshalb nochmal ansehen: Alles ist sofort glaubwürdiger, körperlicher, erdenschwerer." Spurensuche am Flughafen Orly: Dominque Cabrera (li.) in ihre Film "La Jetéem The Fifth Shot" Robert Zwarg resümiert für die Jungle World das Dok.Fest in Leipzig, bei dem vor allem der mit dem Hauptpreis ausgezeichnete "La Jetée, the Fifth Shot" von DominiqueCabrera eine Entdeckung war. Der Film spielt im Titel aus gutem Grund auf ChrisMarkers Klassiker des Experimentalfilms an: In dessen fünfter Einstellung "ist eine Familie mit dem Rücken zur Kamera an einem Geländer mit Blick auf das Rollfeld des Flughafens Orly zu sehen." Der Cousin der Filmemacherin "glaubt, sich und seine Eltern auf dem Bild wiederzuerkennen. Mit diesem Zufall beginnt für Cabrera eine detektivischeSuche, die sich zart und beharrlich wie eine Spirale durch die Geschichte ihrer Familie und das Werk Chris Markers bewegt und dabei nicht zuletzt ein dichtes Zeitdokument Frankreichs Anfang der Sechzigerjahre entstehen lässt. Dass am Anfang eine unwillkürliche Erinnerung steht, die in die Kindheit führt, bringt Cabrera nicht zufällig mit Marcel Prousts berühmter Kindheitserinnerung an das Feingebäck Madeleine in Verbindung."
Weitere Artikel: Marcus Stiglegger widmet sich im Filmdienst der neuen Schnittfassung von TintoBrass' bislang Ruine gebliebenem Monumentalfilm "Caligula" (hier unsere Kritik, dort die von Artechock). Axel Timo Purr berichtet auf Artechock vom Jugenddokumentarfilmfestival DoxsRuhr. Dunja Bialas empfiehlt hier auf Artechock Filme aus dem RumänischenFilmfestival in München und dort welche aus der 30. Ausgabe der Münchner Frauenfilmreihe Bimovie. Martina Knoben schreibt in der SZ einen Nachruf auf den DDR-Dokumentarfilmer WalterHeynowski.
Besprochen werden AndréSchäfers "Bekenntnisse des Hochstaplers Thomas Mann" (Artechock, mehr dazu hier), Pascal Plantes Thriller "Red Rooms" (Artechock, unsere Kritik), Eileen Byrnes "Marianengraben" (online nachgereicht von der FAZ), ThomasNappers "Die Witwe Clicquot" (Artechock), Filip Posivacs "Tony, Shelly und das magische Licht" (Artechock) und MoHarawes "The Village Next to Paradise" (Standard).
Nacht in Teheran: "Critical Zone" von Ali Ahamdzadeh Die Feuilletons feiern AliAhmadzadehs iranischen Thriller "Critical Zone" über einen Drogenkurier in Teheran. Der bei den Filmfestspielen in Locarno ausgezeichnete Film (unser Resümee) dringt tief vor ins Nachtgewebe der Stadt, erkennt Bert Rebhandl in der FAZ. "Der Unterbauch großer Städte hatte schon immer etwas Mythisches", es ist der "Bereich des Unsichtbaren, des Illegitimen, des Nächtlichen, zu dem man Zugang nur gewinnt um einen gewissen Preis. ... Die Diktatur in Iran hat diese Spaltung noch verschärft. Und 'Critical Zone' zieht nun eine radikale Konsequenz aus dem Umstand, dass jegliche Öffentlichkeit in Iran unter Kontrolle des Regimes steht. Ali Ahmadzadeh hat einen Film über das Verdrängte in der iranischen Gesellschaft gemacht. Einen Film über die bösen Träume des Gottesstaats. Die Drogen sind die Pharmaka dieser Gegenwelt."
Für FR-Kritiker Daniel Kothenschulte ist dieser Film ein subversives Hauptwerk eines "Kinowunders", jener "neuen Filmnation", die man als "Gegen-Iran" bezeichnen könnte: Iranische Filme, die am Regime vorbei oder gleich von außerhalb produziert wurden. "Selten hat das Wort vom Underground-Film mehr Wahrheit besessen. Mit Laiendarstellern und -darstellerinnen sowie drei leicht zu versteckenden Minikameras taucht Ahmadzadeh in das Schattenreich einer unsichtbaren Teheraner Jugend. ... Schon in seinen ersten Bildern durch einen Großstadttunnel holt dieses berückende Gesellschaftsporträt tief Luft, um uns anderthalb Stunden in Atem zu halten."
Es ist auch erneut ein iranischer Film, der über weite Strecken im Innern von Fahrzeugen spielt, schreibt Fabian Tietke in der taz: eine Signatur des iranischen Kinos, eine fürs Leben im Iran so typische Zwischenwelt von Innen und Außen, Öffentlichkeit und Privatheit. "Die Kamera verharrt meist im Innern des Fahrzeugs, oft stumm, und Ton tritt erst hinzu, wenn die Protagonist_innen sich der Kamera nähern. In den Innenräumen hingegen bewegt sich die Kamera so frei wie in jedem anderen Film, wechselt ihre Perspektiven und Einstellungen. In diesem Kontrast der Bilder findet 'Critical Zone' ein Ausdrucksmittel für die Unfreiheit des öffentlichen Raums und die beschränkten Freiheiten der Innenräume unter der mörderischen Herrschaft des islamistischen Regimes im Iran."
Weitere Artikel: In der tazresümiert Silvia Hallensleben das Dokfilm-Fest in Leipzig. GeorgStefanTrollererinnert sich (online nachgereicht) in der Welt daran, wie er einst das Rätsel um GrouchoMarx' Schnurrbart löste.
Besprochen werden der "ultimate cut" von Tinto Brass' Monumentalfilm "Caligula" (Perlentaucher), auf RTL gezeigte Serienadaption des populären True-Crime-Podcasts "Zeit Verbrechen" (FAZ), SteveMcQueens "Blitz" (FR), PascalPlantes "Red Rooms" (Perlentaucher), die DVD-Ausgabe von BradAndersons Thriller "The Silent Hour" (taz) und die auf Sky gezeigte Agententhriller-Serie "The Day of the Jackal" (taz). Außerdem informieren SZ und Filmdienst über die Kinostarts der Woche.
Schillernder Bonvivant: Sebastian Schneider in "Die Bekenntnisse des Hochstaplers Thomas Mann" Edo Reents ist sich in der FAZ unsicher, was er von AndréSchäfers "Die Bekenntnisse des Hochstaplers Thomas Mann" halten soll, der mit gespielten und historischen Aufnahmen Manns Roman mit dessen Leben und insbesondere erotischen Begehren kurzschließen will. Das Ergebnis irisiert offenbar, auch weil stellenweise wohl unklar ist, ob SebastianSchneider nun Mann oder Krull spielt. "Man fühlt aber die Absicht des Regisseurs, immerzu eine gewisse erotische Reizbarkeit und Verführungskraft zur Schau stellen zu lassen, und ist irgendwann verstimmt. Denn die aufreizende Freizügigkeit mancher gestellter Szenen erinnert in ihrem demonstrativen Charakter an Heinrich Breloers 'Die Manns' und wirkt so erstrechtverklemmt. Dabei hat Thomas Mann weder sich noch den Lesern etwas über die zumindest seinerzeit gewagte homosexuelle Grundierung des Romans vorgemacht. Trotzdem wird in dem Ineinander von gespielten und historischen Filmaufnahmen ein doppeltes Kontinuum greifbar: eines der sexuellen Sehnsüchte und Notlagen sowie ein werkgeschichtliches, das die Einheitlichkeit des Denkens und Fühlens verbürgt, welche mit dem Werk letztlich auch das Leben dieses Schriftstellers zusammenhält."
Gunda Bartels vom Tagesspiegel indessen lobt diesen "leichtfüßig erzählten Film, den man eher einen Kunstfilm, denn einen Dokumentarfilm nennen möchte. ... Schäfer lässt Thomas Mann in der Figur des Krull als den durch die Welt flanieren, der er hinter der disziplinierten Fassaden wohl auch war: ein selbstverliebter, schillernder Ironiker und Bonvivant, dem Liebschaften eine Inspiration für Kunst und Leben waren. Eine Art glücklicher Oscar Wilde des20. Jahrhunderts, der - selbst aus gehobenen Kreisen stammend - die Borniertheit der bürgerlichen Klasse samt ihren Spielregeln bis ins Mark versteht."
Weitere Artikel: Die Schauspieler, darunter AugustDiehl, eines neuen, in den USA startenden Films über den Theologen und Widerstandskämpfer DietrichBonhoeffer wehren sich gegen die Vereinnahmung des Films durch christliche US-Nationalisten, meldet Carlo Mariani in der NZZ.
Besprochen werden PascalPlantes Gerichtsdrama "Red Rooms" (taz), SeanBakers Cannes-Gewinner "Anora" (NZZ, unsere Kritik hier), AlPacinos Memoiren (NZZ), KatrinSchneiders Bildband "Cinema Provinziale" über Kinos auf dem Land (FD), die BR-Doku "Ausgesetzt in der Wüste · Europas tödliche Flüchtlingspolitik" (taz) und die auf MagentaTV gezeigte Doku "Franz Beckenbauer. Der letzte Kaiser" (FR).
Im Tagesspiegelberichtet Gunda Bartels vom FestivalDok Leipzig, in der FAZ Andreas Platthaus. Besprochen werden die zweite Staffel der Netflixserie "The Diplomat" (NZZ) und Damien Leones Horrorfilm "Terrifier 3" ("Wer Traumata oder sonstige frühkindliche Fehlprägungen zu Themen wie Kettensägen, Hackebeilen und Ratten hat, sollte auf jeden Fall daheimbleiben", rät Joachim Hentschel in der SZ)
Das war uns gestern durchgerutscht: Die BerlinerKinokultur sieht fürs Erste einer trübenZukunft entgegen, schreibt Bert Rebhandl in der FAZ. Denn: Das Filmmuseum hat Ende Oktober seine alten Räumlichkeiten aufgegeben und harrt nun fürs Erste in einem Provisorium. Mit Improvisationen muss auch das Kino Arsenal das kommende Jahr überbrücken, bis es schließlich sein neues Domizil in Wedding beziehen kann. Seit geraumer Zeit in einem unbefriedigendem Ausweichraum befindet sich das Zeughauskino des Deutschen Historischen Museums - wann es in seinen angestammten Saal zurück darf, ist derzeit unklar. Auch für die Berlinale ist das eine Herausforderung. "Da das Arsenal an seiner neuen Adresse deutlich weniger Plätze hat und aus dem Stadtzentrum in einen der Berliner Kieze zieht, bleibt Bedarf für einen alten Traum, den die lokale Politik immer groß gedacht, aber nie konkret in Angriff genommen hat: ein Filmhaus, das all jene Aufgaben bündeln könnte, die nun mehr denn je verstreut sein werden. Dabei zeigt sich nicht nur am Beispiel des Zeughauskinos, dass die filmkulturelleIntelligenz in der Hauptstadt in hohem Maß vorhanden ist. Sie wird nur aktuell mehr denn je in Zwischen- undKompromissnutzungen gedrängt."
Außerdem: Martin Scholz spricht für die WamS mit RidleyScott, der aktuell eine Fortsetzung seines Klassikers "Gladiator" in die Kinos bringt. Lena Karger geht für die WamS mit dem Schauspieler TomSchilling zum Tennistraining. Besprochen werden Sean Bakers "Anora" (Zeit, mehr dazu hier) und AlPacinos Autobiografie (WamS).
Auf Artechockkommt Rüdiger Suchsland nochmal auf AndresVeiels "Riefenstahl" zu sprechen - ihm fehlen die Einordnung und auch Stimmen von Experten. Stattdessen verlässt sich Veiel auf sein Material. Damit ist es ein "Film, der zu viel offenlässt. Diese Methode hat aber Nachteile für unbedarfte und uninformierte Zuschauer, und solche gibt es heute ziemlich viele. Man vertraut darauf, dass die Leute sich selber ihr Urteil bilden können. Ich bin überzeugt, dass das nicht genug ist, um mit den Selbsterklärungen und Selbstbeschreibungen der Leni Riefenstahl umgehen zu können. Insofern ist dieser Film eine Enttäuschung. Es bleibt eine beflisseneFleißarbeit, die dem Thema nicht gerecht wird und die Aktualität des Faschismus in unserer Zeit verfehlt."
Außerdem: Dunja Bialas verabschiedet sich auf Artechock vom Stadtcafé, wo sich sich einst die MünchnerCinephilie nach den Vorstellungen im Filmmuseum zum Diskutieren traf. Für eine Reportage fürs ZeitMagazin hat Andreas Öhler mit viel nostalgischer Melancholie im Gepäck das Autokino in Köln-Porz besucht, das heute - trotz Aufwind in den Coronajahren - endgültig seine Tore schließt. Artechock dokumentiert die Laudatio von Dunja Bialas auf PeterGoedel, der den Filmpreis der Stadt Hof erhalten hat. Valérie Catil erinnert in der taz an QuentinTarantinos "Pulp Fiction", der vor 30 Jahren in die Kinos gekommen ist. Florian Schoop schreibt in der NZZ über den Niedergang von GérardDepardieu.
Besprochen werden SeanBakers Cannes-Gewinner "Anora" (Artechock, Welt, Standard, mehr dazu bereits hier), Ben Knights Dokumentarfilm "Wir werden alle sterben!" über Prepper und andere Apokalyptiker (Freitag), SimonVerhoevens "Alter weißer Mann" (Artechock, unsere Kritik), GritLemkes Dokumentarfilm "Bei uns heißt sie Hanka" über die sorbischeMinderheit (Intellectures), neue Horrorfilme (Standard) und die ZDF-Serie "Love Sucks" (taz).
Eintragung ins High-Energy-Nichts: "Anora" von Sean Baker In Cannes wurde SeanBakers "Anora" mit der Goldenen Palme ausgezeichnet (unser Resümee), nun kommt der Film auch bei uns ins Kino. Der Film ist eine nach New York versetzte Variante von "Pretty Woman", erzählt mit den Mitteln eines filmhistorisch informierten, eher niedrig budgetierten Indiekinos, schreibt Kamil Moll im Perlentaucher. "Ähnlich wie 'Uncut Gems' von Josh und Benny Safdie, ein Film, der seine Verve und Dynamik ebenfalls aus der genauen Kenntnis der Topografie New Yorks zog, ahmt 'Anora' die Intensitätsstrategien des New-Hollywood-Kinos nach, sei es in der Schnittstruktur oder einer Vorliebe für hektische Nahaufnahmen und die ausgestellte Körnung analogen Filmmaterials. ... Als farbenfrohe Liebesschwärmerei, als urbane Nachtodyssee und am Ende geradezu infantil alberne Kriminalgroteske ist 'Anora' ein Film, dessen Impulse in entgegengesetzte Richtungen streben und bisweilen kaum noch zu einem Zentrum zurückzufinden scheinen. Es gilt für ihn möglicherweise dasselbe wie für eine Bahnfahrt durch New York: Das euphorisierende Glück liegt eher darin, eine weite Entfernung hinter sich zu legen, als darin, tatsächlich eine Verbindung zu finden."
SZ-Kritiker Tobias Kniebe hat der Jury von Cannes derweil immer noch nicht verziehen, dass sie diesen Film ausgezeichnet hat: Zwar hat Kniebe für das bisherige Schaffen des Indie-Auteurs Baker nichts als Respekt, doch "dass Sean Baker die Goldene Palme nun genau in dem Moment in die Höhe recken darf, in dem er dieses lustigeHigh-Energy-Nichts in die Kinos bringt, passt irgendwie zur AbsurditätderZeit." Nun "freuen sich natürlich alle, dass die verdammte Altersdifferenz hier mal fehlt, die der feministische Diskurs so erfolgreich in Richtung Schmierigkeit positioniert hat, dass man den angegrauten Richard Gere fast nicht mehr anschauen kann. Womit aber wird er ersetzt? Mit der Figur eines Boygroup-Herzensbrecher-Freiers, so jung und heiß, dass er nie für Sex bezahlen müsste. Was bitte ist das, wenn nicht der Höhepunkt der Verlogenheit? Gegen 'Anora' sieht 'Pretty Woman' plötzlich aus wie ein Werk des beinharten Realismus." Weitere Besprechungen in FR, Freitag und FAZ.
Im großen Zeit-Gespräch sorgt sich der frühere Filmproduzent GünterRohrbach sehr angesichts des erstarkenden Antisemitismus. Als WDR-Redakteur hatte er seinerzeit gegen den Unwillen anderer ARD-Anstalten und trotz Anschläge rechtsextremer Gruppen auf Sendemasten die US-Serie "Holocaust" nach Deutschland gebracht. Wenn Juden heute wieder Angst auf der Straße haben, dann "muss das gerade auch uns Filmemachern zu denken geben. Wir haben in unseren Filmen aus guten Gründen die Juden immer wieder als Opfer gezeigt. Steckt in dieser ständigen Wiederholung der von uns verübten Verbrechen auch ein Teil des Problems? Hatte MartinWalser in seiner berüchtigten Friedenspreisrede vielleicht doch ein richtiges Gespür? Der israelische Psychoanalytiker ZwiRix hat das in eine paradoxe Formulierung gekleidet: 'Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen.' Was er offensichtlich damit meint, ist, dass die Juden für uns Deutsche eine Bedrohung darstellen, weil ihre bloße Existenz ein Gefühl der Schuld aufruft. Dieses Gefühl mobilisiert Abwehrmechanismen, die sich gegen die Juden richten. Der israelische Historiker DanDiner geht noch einen Schritt weiter, indem er im Holocaust eine negative Erwähltheit des jüdischen Volkes sieht, die es auf andere Weise zum Hassobjekt der Völker mache. Produzieren wir also fortlaufend die falschenFilme? Sicher nicht. Dennoch sollte man darüber nachdenken, in Zukunft mehr Filme zu drehen, in denen die Juden nicht als Opfer gezeigt werden, sondern als lebendigeMenschen, die essen, trinken, lieben, arbeiten, einen Alltag haben."
Weitere Artikel: In der tazresümiert Silvia Hallensleben die Viennale. Patrick Holzapfel empfiehlt in der NZZ die Retrospektive MiaHansen-Løvein Bern. David Steinitz plaudert für die SZ mit JanJosefLiefers, der aktuell in SimonVerhoevens (bei uns besprochener) Komödie "Alter weißer Mann" zu sehen ist. Jakob Thaller spricht für den Standard ebenfalls mit Liefers und obendrein noch mit dem Regisseur sowie dem Schauspieler MichaelMaertens. Jakob Maurer erinnert in der FR an TobeHoopers "Texas Chain Saw Massacre", das vor 50 Jahren in die Kinos kam, in Deutschland lange Zeit verboten war und nun als Klassiker seines Genres vollständig rehabilitiert ist. Andreas Kilb schreibt in der FAZ einen Nachruf auf die Schauspielerin TeriGarr.
Besprochen werden AndresVeiels "Riefenstahl" (FR, mehr dazu bereits hier), die Netflix-Serie "Achtsam morden" (taz) und die Apple-Serie "You Would Do It Too" (FAZ). Außerdem informieren SZ und Filmdienst über die aktuellen Kinostarts der Woche.
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Amos Oz, Fania Oz-Salzberger: Worte Herausgegeben von Fania Oz-Salzberger und Gafnit Lasri Kokia. Mit einem Vorwort bon Fania Oz-Salzberger. Aus dem Hebräischen von Jan Eike Dunkhase. "Die Rechnung ist noch…
Glenn Dixon: Die unendliche Sehnsucht der Haushaltsgeräte Aus dem Englischen von Bernhard Robben. In einem Smarthome in nicht allzu weit entfernter Zukunft geht ein kleines Gerät seiner liebsten Tätigkeit nach: Scout, ein Staubsaugerroboter,…
Karine Tuil: Die Liebeshungrigen Aus dem Französischen von Maja Ueberle-Pfaff und Alexandra Baisch. Ein Jahr nachdem er den Élysée-Palast verlassen hat, ist der ehemalige Präsident Dan Lehman ein Schatten…
Elisa Hoven: Feine Risse Eva Herbergen, engagierte Strafverteidigerin, will sich langsam aus ihrer Arbeit zurückziehen und mit Ehemann Peter das Alter genießen. Doch die düsteren Schatten ihrer Fälle…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier