"Wenn man verstehen möchte, warum heute israelische Truppen die Existenz Israels und sein Existenzrecht militärisch gegen arabische Terroristen und ihre Helfershelfer verteidigen, muss man diesen Film sehen", schreibt Rüdiger Suchsland auf Artechock über RomanPolanskis "Intrige" über die Dreyfus-Affäre, den derzeit kein Kino, kaum ein Festival und auch kein Streamingdienst auch nur mit der Kneifzange anfasst (hier unser Resümee, dessen Einstieg Suchsland fast wortwörtlich übernimmt).
Außerdem: Nora Moschuering resümiert für Artechock die Duisburger Filmwoche. Die FAZ hat Gerhard Poppenbergs Essay über die Wurzeln des MethodActing à la RobertdeNiro im Barockonline nachgereicht. Holger Gertz schreibt in der SZ über 65 Jahre Ost-Sandmann.
Besprochen werden BrunoDumonts "Das Imperium" (Tsp, Artechock, online nachgereicht von der FAZ, mehr dazu hier), Edward Bergers Vatikanthriller "Konklave" nach dem gleichnamigen Roman von RobertHarris (Welt, Artechock, Standard, mehr dazu bereits hier), SébastienVaničeks Tierhorrorfilm "Spiders" (Zeit Online, unsere Kritik), Mati Diops Essay-Dokumentarfilm "Dahomey" (Standard, unsere Kritik) und die Netflix-Dokuserie "Unsere Ozeane" (FAZ).
Vom Sakralen zum Profanen hinab zum Albernen: "Das Imperium" von Bruno Dumont Mit "Das Imperium" zieht es den französischen Auteur BrunoDumont einmal mehr in die Bauernwelt der französischen Provinz - nur dass er diesmal dort eine "parodistische und bitterernste Weltraumsaga" erzählt, die sich beherzt aus dem Fundus des aktuellen Blockbusterkinos bedient, und also "einen sich an den eigenen Bildern ergötzenden Sci-Fi-Walzer, in dem hinter jedem nordfranzösischen Gesicht ein potenziell extraterrestrisches Wesen lauert", schreibt Patrick Holzapfel im Perlentaucher. Unklar bleibt allerdings, wie ernst oder ironisch der Filmemacher sein Programm auffasst. "'Das Imperium' kommentiert eine visuelle Wirklichkeit, die längst aus den Fugen der Glaubwürdigkeit gefallen ist. Tatsächlich weiß man in diesem Film nicht, wie man sich zu den Bildern verhalten soll oder wie sich der Filmemacher zu ihnen verhält. Daraus entsteht eine Art Kippbild im Kopf der Zuschauer: Entweder Dumont verortet hier intergalaktische Narrationen im Realismus und zeigt so, dass sich der Kampf von Gut gegen Böse im scheinbar Banalen abspielt, die Metaphysik also ganz wirklich wäre. Oder aber er zeigt, dass die Ideologien, die großen Fragen unserer Zeit nur Eskapismen sind, um die machtlosen Menschen von der Leere ihres Daseins zu erretten."
"Hier geht es mit dem Rührbesen zu", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR: "Selten hat man eine so verwegene Achterbahn aus 'high' und 'low' zusammengeschraubt, wäre dieser Film ein Essen, man bekäme vermutlich Magenbeschwerden." Die Raumschiffe sind "zusammengesetzt aus ElementengotischerKathedralen", ist Kothenschulte aufgefallen: "Wenn man nicht gerade ein virtuellesVersailles darin findet, dann wenigstens die Glasfenster und den Mosaik-Fußboden der BerlinerGedächtniskirche. Allein diese wunderbare Ausstattungsidee macht eine Menge von dem Blödsinn wieder wett, den uns Bruno Dumont an anderer Stelle aufbürdet."
"Nicht jede unter den mal sorgfältig ausgearbeiteten visuellen Ideen, mal fahrig in die Landschaft gestellten Albereien mag Beweis für die Produktivität von Dumonts Wechselspiel sein", schreibt Karsten Munt im Filmdienst. "Aber irgendwie schafft er es auf exakt diese absurde Art und Weise doch, das Kleine neben dem Großen hochzuhalten, das Profane im Sakralen zu finden oder auch einfach nur klarzustellen, dass im Menschsein beides hoffnungslos miteinander verschränkt ist - so albern das auch aussehen mag."
Weitere Artikel: Wilfried Hippen spricht für die taz mit Helge Schweckendiek über dessen Programm für das EuropäischeFilmfestivalin Göttingen. Matthias Lerf spricht für den Tages-Anzeiger mit der Schauspielerin SaoirseRonan über deren Rolle im Alkoholismusdrama "The Outrun". Sonka Weiss empfiehlt im Filmdienst das ab Dezember gezeigte Online-Filmfestival mit jungemeuropäischen Kino in der Arte-Mediathek.
Besprochen werden EdwardBergers "Konklave" nach dem gleichnamigen Thriller von Robert Harris (FR, FD, taz, Presse, mehr dazu bereits hier), LuigiToscanos Dokumentarfilm "Schwarzer Zucker, Rotes Blut" über AnnaStrishkowa, die in Kiew lebt, als kleines Kind Auschwitzüberlebte, aber kaum etwas über ihre Herkunft oder ihr wahres Alter weiß (FAZ), Min Bahadur Bhams "Shambala" (SZ, FD), Sébastien Vaničeks Tierhorrorfilm "Spiders" (Perlentaucher, SZ), JacquesAudiards Musicaldrama "Emilia Pérez" (NZZ), DavidLowerys auf Disney+ gezeigter Animations-Kurzfilm "Weihnachten im Anflug" (FD), BenjaminRees auf Netflix gezeigte Doku "The Remarkable Life of Ibelin" über einen todkranken Jungen, der Zuflucht in der "World of Warcraft"-Community findet (TA), die zweite Staffel der Netflix-Serie "Arcane" (taz). Außerdem blicken SZ und Filmdienst auf die Filmstarts der Woche.
Virtuoser Zweifel: Ralph Fiennes als Kardinal Lawrence in "Konklave" "Das gute alte Schauspielerkino, in dem hochkarätige Stars alle Register der Vieldeutigkeit ziehen, hat mit 'Konklave' wieder einmal einen Festtag", schreibt Bert Rebhandl in der FAZ über Edward BergersVerfilmung des gleichnamigen Vatikanthrillers von RobertHarris. "Dem Drama einer zerrissenen Seele, das RalphFiennes wirklich virtuos darbietet und das StanleyTucci elegant auf die Schippe nimmt, entgegnet Edward Berger mit dem ganzen Brimborium, das ein Konklave äußerlich ausmacht. Das beginnt mit den Schauplätzen, den alten Gemäuern im ewigen Rom, hinter jedem Gesicht lauert ein Fresko." Es ist "ein durch und durch katholischerFilm auch insofern, als er gegenüber dem bildskeptischen und insgesamt visuell asketischen Protestantismus das Drama der Orientierungsprobleme einer wankenden Traditionsinstanz eben bewusst in deren alter Prachtentfaltung sucht." Im Filmdienst-Gespräch räumt Berger ein, dass ihn bei dem Projekt vor allem die von Fiennes gespielte Figur des Kardinal Lawrence gereizt hat. Dieser befindet sich auf der "Reise eines Zweifelnden. Damit kann ich mich identifizieren. Diese widerstreitenden Gefühle habe ich auch."
Aktualisiert das "Dritte Kino": "Manas" von Marianna Brennand Auf FAZ.nethofft Bert Rebhandl, dass Marianna Brennands eben auf dem Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg ausgezeichnetes, brasilianisches Drama "Manas" einen Weg ins reguläre Kinoprogramm findet, handelt es sich doch um einen Film, der "einem engagierten Kino wichtigeerzählerischeWege weist. Diese eigentümliche Spannung, dass das Kino es erlaubt, jemand ins Gesicht zu sehen, während wir eigentlich die ganze Zeit auch mit dieser Figur denken, um sie und mit ihr bangen, nennt man üblicherweise Identifikationskino. Wenn ein solches Kino sich mit einer nachgerade systematischen Erschließung von sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen Vorgängen verbindet, kommt etwas heraus, das man als eine Aktualisierungeinesfrüheren 'DrittenKinos' sehen kann. So nannte man während der Systemkonkurrenz viele Versuche, zwischen dem Hollywood-Kommerz und dem kodifizierten kommunistischen Kino einen dritten Weg zu finden, auf Seiten der damaligen 'Dritten Welt'."
Außerdem: Andreas Scheiner spricht für die NZZ mit AndresVeiel und SandraMaischberger über LeniRiefenstahl. Jean-Martin Büttner war für die NZZ bei einer Veranstaltung in London, wo Ex-Monty-Python MichaelPalin aus seinem bewegten Leben erzählte. Besprochen werden BrunoDumonts in der französischen Provinz angesiedelte Blockbuster-Persiflage "Das Imperium" (taz) und die Paramount-Serie "Landman" über die Ölindustrie in Texas (taz).
Kein Kino in der englischsprachigen Welt, schreibtSpectator-Kolumnist Nick Cohen, würde es wagen, Roman Polanskis Film "Intrige" über die Dreyfus-Affäre zu zeigen. In London lief er neulich an einem Tag in einem einsamen Kino in Nord-London. Auch in Amerika wird er nicht gezeigt. An Polanski hängt der #MeToo-Vorwurf. Zwar hat niemand expressis verbis verlangt, dass sein Film nicht gezeigt wird, aber die Kinobetreiber agieren aus "vorauseilender Zensur". Auch bei Amazon Prime oder anderen Diensten kann man den Film nicht auf englisch sehen, so Cohen. Dabei ist der Film so aktuell wie nur möglich: "Dass Dreyfus eindeutig unschuldig ist, spielt für die Armee, den Pöbel auf der Straße oder die rechte Presse keine Rolle. Er ist Jude und der Versuch, seinen Namen reinzuwaschen, ist eine jüdische Verschwörung." Cohens deprimiertes Fazit: "Dave Rich, der große Experte für modernen Antisemitismus, hat festgestellt, wie Juden aus der modernen Kultur herausgeschrieben werden. Er verweist auf 'Lee', Kate Winslets Darstellung des Lebens der Kriegsfotografin Lee Miller. Sie war Zeugin des Holocaust, aber es gibt nur eine einzige 'explizite Erwähnung von Juden in einem Film, der mit der Befreiung von Buchenwald seinen Höhepunkt erreicht', schreibt Rich. Nichts von dieser erbärmlichen Schönfärberei der Geschichte ist in 'Intrige' zu sehen. Polanski konfrontiert Rassismus und Verschwörungstheorien mit einer Direktheit, die Liberale früher bewundert haben." Nick Cohen hat ein Substack-Blog, das man hier abonnieren kann. In den USA läuft demnächst ein Biopic über den NS-Widerstandskämüfer DietrichBonhoeffer an, das wegen seiner reißerischen Vermarktung durch einen radikal-evangelikalen Verleih insbesondere bei den Nachfahren Bonhoeffers, aber auch bei den vielen an der Produktion beteiligten deutschen Darstellern (darunter August Diehl) zu Missmut führt. Dazu muss man wissen, dass Bonhoeffer ausgerechnet bei rechtsextremen US-Nationalisten des religiösen Spektrums mittlerweile eine positive Bezugsfigur darstellt. Der Regisseur des Films, ToddKomarnicki, versichert gegenüber David Steinitz von der SZ, dass sein Film unabgängig vom jetzigen Verleiher produziert wurde und nicht im Dienste einer rechten Vereinnahmung stehe. Die Vermarktung findet er selbst ärgerlich. Steinitz findet das durchaus plausibel: Anders als auf dem Plakat, hat Bonhoeffer im Film "kein einziges Mal eine Pistole in der Hand. Und er wird in keinster Weise als 'Attentäter' dargestellt, wie es das Plakat der Angel Studios behauptet und ein bisschen auch der Trailer suggeriert. ... Man kann über die Qualität seines Films geteilter Meinung sein. Und es gibt gute Gründe, ihn aus historischen oder künstlerischen Gründen zu kritisieren. Aber gerade den Kern von Bonhoeffers Schriften, wie ein christlicher Widerstand gegen Hass und Barbarei aussehen könnte, nimmt der Film vollkommen ernst. Ein Aufruf zur Gewalt für rechte Fundamentalisten ist 'Bonhoeffer' definitiv nicht."
Weitere Artikel: GünterSchwaigererklärt im taz-Gespräch, warum er mit "Wer hat Angst vor Braunau?" einen Dokumentarfilm über die österreichische Stadt gedreht hat, deren Stigma es ist, dass dort Hitler auf die Welt gekommen ist: Die Stadt ist nämlich viel besser als ihr Ruf, sagt er. Reinhard Kleber berichtet im Filmdienst von den 66. Nordischen Filmtagen in Lübeck. Besprochen werden die HBO-Serie "Dune: Prophecy" (Presse) und Nicolai Rohdesim ZDF gezeigter Polizeifilm "Allein zwischen den Fronten" (FAZ).
Es ist "ein spätes Glück", findet Tom Schulz in der NZZ, dass Ferrara, die Geburtsstadt des italienischen Auteurs MichelangeloAntonioni, "ihrem bedeutenden Sohn ein Museum gewidmet hat, das den Namen Spazio Antonioni trägt". Seit dem Sommer kann man es besuchen, dort "befindet sich auf zwei Ebenen eine Retrospektive des Schaffens von Antonioni: Fotos, Zeichnungen und Erinnerungsstücke aus dem Nachlass, Filmstills und Ausschnitte seiner Werke." Für Schulz auch ein Anlass, ein wenig über Antonionis Kino der Entfremdung zu philosophieren. "Was er zeigt, sind Bilder von Bildern: dieLeere, dasNegativ, dasFehlende. Die Leere als Geschichte; das Vergebliche, das bittersüss schmecken kann. Die Langeweile als auf die Zeit verteilter Schmerz. Sieht man sich die 'Rote Wüste' noch einmal an, begreift man, dass die Versuche, das Leben zu ändern, gescheitert sind. Die Sehnsucht nach dem anderen, dem Fremden, bleibt uneingelöst. Das Bild der Frau, die das Gesicht zwischen ihre Hände presst, spricht ohne Worte. Längst ist die rote Wüste eine Metapher geworden für unseren Planeten, der (...) seinem Untergang zentimeterweise unaufhaltsam näher kommt."
In der Weltbangt Hanns-Georg Rodek um die Reform der Filmförderung, um die seit Jahren gerungen wird und die nun noch auf der Zielgeraden durch das Ampel-Aus sabotiert werden könnte. Doch "besteht eine kleine Hoffnung, dass das neue Filmfördergesetz von der alten Koalition doch noch vor Weihnachten in den Bundestag gebracht werden wird und die FDP zustimmt. Wenn nicht, wird die Filmproduktion in Deutschland über Monate gelähmt sein. Das wäre auf absehbare Zeit das letzte Wort."
Weiteres: Esther Buss resümiert in der Jungle World die DuisburgerFilmwoche. In der FAZgratuliert Maria Wiesner (online nachgereicht) DannyDeVito zum 80. Geburtstag.
Besprochen werden BrunoDumonts Science-Fiction-Persiflage "Das Imperium" (JungleWorld), VeronikaFranz' und SeverinFialas Historien-Horrorfilm "Des Teufels Bad" (taz, unsere Kritik), SteveMcQueens auf Mubi gezeigte Doku "Occupied City" über die Besetzung von Amsterdam durch die Nationalsozialisten (ZeitOnline), eine neue Heimmedien-Ausgabe von CarolReeds Klassiker "Der dritte Mann" (FD), die HBO-Serie "Dune: Prophecy" (taz), die zweite Staffel der Netflix-Serie "The Diplomat" (ZeitOnline) und die auf ZDF Neogezeigte Serie "Kidnapped" (FAZ).
"Liliana" von Ruggero Gabbai Das Mailänder Kino Orfei möchte RuggeroGabbais Dokumentarfilm "Liliana" über die Holocaustüberlebende Liliana Segre nicht zeigen - aus Sorge, dass propalästinensische Demonstranten die Spielstätte angreifen könnten. Denn: "In Mailand finden seit Wochen jeden Samstag pro-palästinensische Demonstrationen statt, zuletzt wurden dabei die gewaltsamen Ausschreitungen in Amsterdam als 'DemonstrationderStärke' beklatscht, und ein Foto des im Oktober getöteten Hamas-Chefs Jahia Sinwar hochgehalten", schreibt dazu Carolin Gasteiger in der SZ. "Außerdem wurde ein Wandgemälde beschädigt, auf dem Segre symbolisch noch einmal den von den Nazis im 'Dritten Reich' erzwungenen "Judenstern" trägt. Das Gesicht der Figur und der Stern waren zerkratzt. 'Aber wenn wir, die an Gewaltlosigkeit, Pluralismus und Gesetzestreue glauben, anfangen, Angst zu haben und unsere Prinzipien aufgeben, dann haben sie gewonnen', so Gabbai. Er selbst will sich jedenfalls nicht einschüchtern lassen. Liliana Segre hatte ihm vorausgesagt, dass es nicht einfach werden würde, wenn so ein Film zu diesem Zeitpunkt herauskommt. 'Ich bin überzeugt davon, dass, genau weil es so eine schwierige Zeit ist, dieser Film heute wichtig ist.'" Mehr zu dem Film hier.
Offensichtlich (k)eine Rampensau: Affe im "Unsichtbaren Zoo" von Romuald Karmakar. Lukas Foerster resümiert für critic.de die Duisburger Filmwoche, beziehungsweise genauer: die dort gezeigten Filme aus und über Zürich. So etwa RomualdKarmakars bereits auf der Berlinale gefeierten "Der unsichtbare Zoo" über die aufwändigen ZooanlagenZürichs, die dieser "klug zurückgenommene" Essayfilm genau beobachtet. Zwar "kann der Film gar nicht anders, als sich bis zu einem gewissen Grad mit der Institution, die er porträtiert, gleichzumachen und also zu einer weiteren Apparatur, einem weiteren Diskurs zu werden, die beziehungsweise der die Tiere umstellt. Und doch gelingt es den Bildern, gleichzeitig einen Eindruck tierischer Autonomie zu vermitteln. Wenn Karmakar (lebende) Tiere filmt, bleibt die Kamera stets unbewegt - sie gibt einen Rahmen vor, der dann von den Tieren gewissermaßen nach deren eigenem Gutdünken ausgefüllt werden kann. Tatsächlich erweisen sie sich eher selten als Rampensäue (nicht verschwiegen werden soll freilich eine ziemlich spektakuläre Koalaeinstellung kurz vor Schluss). Die Szenen, die eher um Menschen herum gebaut sind, funktionieren oft anders. Auch hier bleibt der Film grundsätzlich beobachtend. Aber die Bilder sind den Menschen, die sie zeigen, 'auf den Leib' geschrieben, vollziehen die Arbeitsteilung in einem modernen Wirtschaftsbetrieb, wie ein Zoo einer ist, nach."
Weitere Artikel: Anne Küper denkt im Filmdienst über DominiqueCabreras "La Jetée, the Fifth Shot" nach, der beim Dok.Leipzig preisgekrönt wurde (mehr dazu bereits hier). In seiner Filmdienst-Reihe über Heist Movies widmet sich Leo Geisler JacquesAudiards "Lippenbekenntnisse" von 2001. Gerhard Poppenberg verortet in seinem Essay für "Bilder und Zeiten" der FAZ das Method Acting von RobertdeNiro in barocken Traditionen.
Besprochen werden SeverinFialas und VeronikaFranz' Horrordrama "Des Teufels Bad" (ZeitOnline, unsere Kritik), JaneSchoenbruns Horrordrama "I Saw the TV Glow" (Standard), RidleyScotts "Gladiator 2" (critic.de, unsere Kritik) und die Sky-Serie "Turmschatten" (FAZ).
"No Other Land" - ein Streitfall der Filmkritik Die Filmkritiker diskutieren über BaselAdras, HamdanBallals, YuvalAbrahams und RachelSzors kollektiv inszenierten Dokumentar-Essayfilm "No Other Land" über die Auseinandersetzungen im Westjordanland. Wir erinnern uns: Die Ansprachen der Filmemacher auf der Berlinale, wo der Film mehrfach ausgezeichnet wurde, führten im Februar zu einer Antisemitismus-Kontroverse (unsere Resümees hier und hier).
In der Welt ist Hanns-Georg Rodek sehr beeindruckt von diesem "Aktivistenfilm". Dass die Filmemacher mit ihrer "Genozid"-Ansprache, die den Diskurs über den Film seitdem spürbar überlagert, einen Bärendienst erwiesen haben, findet er schade, könne man doch anhand des Films eigentlich "gut die Unterschiede zwischen 'antisemitisch', 'antizionistisch' und 'anti-Regierung Netanyahu' aufzeigen. Es gibt darin nichts von dem plump-rassistischen antisemitischen Hass, wie er auf deutschen Straßen inzwischen allzu alltäglich geworden ist. Es gibt keine antizionistischen Rufe." Über diesen Film "kann man politisch streiten, ohne den Begriff 'Antisemitismus' zu benutzen." Für Bert Rebhandl (online nachgereicht von der FAZ) ist dies "ein engagierter Dokumentarfilm", der "nicht propagandistisch ist. Glaubwürdig wird das dokumentarische Vorhaben nicht zuletzt durch die Freundschaft von Basel und Yuval. Sie deutet eine Möglichkeit an, wie Menschen in Israel/Palästina auch zusammenleben könnten."
Artechock-Kritiker Rüdiger Suchsland sah derweil einen "bewusst unscharfen, ungenauen, diffuse antiisraelischen und antijüdische Ressentiments aufkochenden, spekulativen Film", der sich für historische Kontexte nicht die Bohne interessiert. Die Filmemacher "wissen schon alles und sie kennen die Schuldigen. Die Bösen sind die Israelis, die immer nur Böses tun, drangsalieren, massakrieren, Häuser räumen, vertreiben. Die Guten sind die Araber, denn sie führen immer nur das Beste im Schilde und sie leiden unter den Bösen." Der Film "bedient Vorurteile, verfälscht Fakten und ist kriegstreiberisch. Er will nicht ausgewogen oder gerecht sein, sondern einseitig und ungerecht. Ein Machwerk."
Weitere Artikel: Marc Hairapetian spricht für die FR mit IrisBerben und RobertHofferer über deren Holocaust-Dokumentarfilm "Kreis der Wahrheit". Für Artechock führt Elke Eckert hier durch das Programm der Griechischen Filmwochein München und Dunja Bialas dort durch das des FilmschoolfestMunich. Valerie Dirk sorgt sich im Standard um den Herbstfilm, dem vom Weihnachtsfilm allmählich das Wasser abgegraben wird. Außerdem melden die Agenturen, dass ein Kino in Mailand Ruggero Gabbais Dokumentarfilm über die Holocaustüberlebende LilianaSegre aus Furcht vor propalästinensischenProtesten nicht zeigen will.
Besprochen werden SeverinFialas und VeronikaFranz' österreichischer Horrorfilm "Des Teufels Bad" (Tsp, unsere Kritik), Ali Ahmadzadehs iranischer Thriller "Critical Zone" (Artechock, mehr dazu hier), Karim Aïnouz' Erotikthriller "Motel Destino" (Artechock, mehr dazu hier), Ridley Scotts Monumentalschinken "Gladiator 2" (Artechock, FD, unsere Kritik), die auf Sky gezeigte Serie "The Day of the Jackal" nach dem Roman "Der Schakal" von FrederickForsyth (FAZ, Zeit Online) und die zweite Staffel der Apple-Serie "Silo" (taz).
Die Räume eng und dunkel: Veronika Franz und Severin Fiala begeben sich in "Des Teufels Bad" Perlentaucher Benjamin Moldenhauer findetVeronikaFranz' und SeverinFialas mit den Mitteln des Folk-Horror arbeitendes, im 18. Jahrhundert in Österreich angesiedeltes, Depressionsdrama "Des Teufels Bad" sehr beeindruckend. Der Film "erzwingt einen schmerzhaft empathischen Blick auf seine Protagonistin", gespielt von der Indiemusikerin AnjaPlaschg, die auch die Musik komponiert hat. Das Regieduo "dekliniert die Koordinaten und Maßgaben des Folk-Horror-Genres souverän durch. Eine Welt ohne fließend Wasser und Straßenlaternen, die Räume eng und dunkel, die Wälder und Landschaften zwar wunderschön, aber in ihrer Erhabenheit auch und vor allem abweisend. Die den Film eröffnende Einstellung auf einen Wasserfall, in den eine Mutter ihr Kind wirft, um dann endlich hingerichtet zu werden und all dem zu entkommen, ist eines der erhabenstenLeinwandnaturbilder der letzten Jahre. Offizielle Religiosität vermischt sich im Folk Horror mit lokalem Aberglauben, bei einer Hinrichtung wird dann eben, die Bibel sieht es soweit ich weiß nicht vor, das Blut des Hingerichteten getrunken." Weitere Kritiken in Welt und SZ.
Mann gegen Mann - das ist noch das am wenigsten Spektakukäre in "Gladiator 2" Mit seinem Sequel zu seinem längst als heilige Kuh der Filmgeschichte gehandelten "Gladiator" hat sich RidleyScott im Alter von 86 Jahren nach Ansicht der meisten Filmkritiker (FAZ, Tsp, FR, taz) keinen Gefallen getan. Man kann dem Treiben mit etwas weniger Andachtshaltung auch sehr viel Freude abgewinnen, findet Perlentaucher Kamil Moll: Die Gladiatorenkämpfe etwa produzieren keine Star-Körper mehr, sondern sind "ein indifferent wuselnder Rummel voller Sehenswürdigkeiten: Wilde, durch Pfeile in Erregung gebrachte Paviane stürzen sich mit tödlichen Nackenbissen auf die Kämpfer, ein römischer Legionär reitet auf einem monströs überproportionierten Nashorn durch die Arena, die schließlich mit Wasser geflutet wird, damit darin inmitten von Haien die Schlacht von Salamis nachgespielt werden kann. Spätrömische Dekadenz feiert Ridley Scott in farbsatten Bildern als eine Komödie des Spektakels und der Lächerlichkeit - von niemandem besser verkörpert als von DenzelWashington in der Rolle eines mit Ketten behangenen Sklavenhalters, der als einziger Schauspieler des Films das Prinzip des Durcharbeitens des Originals als Farce verstanden zu haben scheint. Mit 86 Jahren kümmert sich Scott nicht mehr um Ruf und Nachlassverwaltung, er wirft lieber einen seiner respektiertesten Filme den Hühnern zum Fraß vor."
Weitere Artikel: Felix Knorr befasst sich für den Filmdienst mit der Stopmotion-Knetwelt von "Wallace & Gromit". Besprochen werden YuvalAbrahams und BaselAdras palästinensischer Dokumentarfilm "No Other Land" (FR), Christoph Weinerts Dokumentarfilm "I Dance, But My Heart Is Crying" über das jüdische Musikleben im Berlin während des Nationalsozialismus (Welt), Mohammad Rasoulofs "The Seed of the Sacred Fig", der bei uns erst im Dezember startet (NZZ), DirkKummersARD-Film "Ungeschminkt" über eine trans Frau (FAZ) und die zweite Staffel der Apple-Serie "Bad Sisters" (taz). Außerdem geben SZ und Filmdienst einen Überblick über die Kinostarts der Woche.
Begehren im Kino: "Motel Destino" Eigentlich wollte er seinen Erotikthriller "Motel Destino" bereits vor ein paar Jahren drehen, erzählt der in Berlin lebende, brasilianische Regisseur KarimAïnouz Patrick Heidmann im taz-Gespräch, doch dann kam ihm Bolsonaros Wahlerfolg dazwischen, dessentwegen er in seiner Heimat keine Filme mehr drehen wollte. Sein Film ist "durchaus" eine Reaktion darauf, dass das Kino seit Jahren mit dem Sex fremdelt, sagt er. "Natürlich war mein Wunsch, einen sinnlichen und erotischen Film zu drehen, in erster Linie eine Reaktion auf das Ende dieses autoritären Regimes in Brasilien. Aber ich bin auch wirklich frappiert, wie viele Berührungsängste es heutzutage in Sachen Sexszenen gibt, und zwar sowohl bei meinen Kolleginnen und Kollegen als auch beim Publikum. Wann hat diese Entwicklung begonnen? Und warum? Denn das Begehren ist doch eigentlich die Grundlage des Filmemachens. Wo wäre das Kino ohne den Sex und die Liebe?"
Die von Gerard Byrne und Judith Wilkinson kuratierte Ausstellung "Über Fernsehen, Beckett" im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart zeigt, wozu das Fernsehen hierzulande mal in der Lage war, schreibt Verena Harzer in der taz beglückt. Zu sehen sind SamuelBecketts sieben, zwischen 1966 und 1985 für den SDR entstandene Fernseharbeiten. "Die durchweg intimen Kammerspiele sind fast alle in Grautönen gehalten. Zu sehen ist nie mehr als ein kahler, grauer Raum, manchmal nur ein Lichtkreis. Wenn es einmal Fenster oder Türen gibt, führen sie ins Nichts. Die Protagonisten sind vollkommen isoliert - und stehen dabei trotzdem unter ständiger Beobachtung, werden überwacht und angetrieben, von Stimmen, Geräuschen oder auch düsterer Musik ... Obwohl für den Fernsehbildschirm produziert, werden die Fernsehspiele in kinosaalartigen Kuben auf große Leinwände projiziert. Das intensiviert ihre Wirkung: Die Protagonisten treten dem Zuschauer in Lebensgröße entgegen. Die bedrückenden Szenenbilder setzten sich in den dunklen Kinosälen fort."
Weiteres: Marie-Luise Goldmann berichtet in der Welt von einem Berliner Branchentreffen des VerbandsfürFilm- undFernsehdramaturgie, Judith von Sternburg findet es in der FR unangenehm, LeniRiefenstahl zuzuhören.
Besprochen werden RidleyScotts "Gladiator 2" (NZZ, Standard) sowie IxchelDelaportes und RemiBenichousArte-Doku "Die gequälten Kinder von Riaumont" (FAZ).
Liberty schlägt Freedom, Trump schlägt Harris: "Yellowstone" Wer die in den USA immens erfolgreiche Cowboy-Ranch-Serie "Yellowstone" aufmerksam mitverfolgt hat, wundert sich nicht so sehr über den Ausgang der US-Wahl, sondern über die allseitige Überraschung danach, schreibt David Steinitz in der SZ. Die Serie "verhandelt seit Jahren den oft beschriebenen Gegensatz von zweiverschiedenenFreiheitsbegriffen, die Amerika spalten", nämlich Liberty und Freedom, also den Widerspruch zwischen individueller und gesellschaftlicher Freiheit. Erstere ist dabei "ein direkt vom Herrgott an den Cowboy in all seinen Inkarnationen überreichtes Freiheitsideal, das dieser sich von niemandem nehmen oder beschneiden lässt, besonders nicht vom Staat - und das er notfalls mit Gewalt verteidigt", vor "von ans Gemeinwohl denkenden Politikern über rinderzuchtverachtende Umwelt- und Klimaschützer bis zu aufbegehrendenUreinwohner-Nachkommen, deren Vorfahren das Land eigentlich mal gehört hat." Der Erfolg dieser Serie in den USA "ist doch ein deutliches Indiz, dass die Freedom-Vertreter von Kamala Harris bis Beyoncé mindestens einen schweren Stand haben."
Weitere Artikel: "In ihren besten Filmen war die DuisburgerFilmwoche ein Plädoyer für eine neugierige Begegnung mit der Welt", resümiert Fabian Tietke in der taz. Wie geht es nach dem Ampel-Aus und dem damit ungeklärten Haushalt 2025 mit der Reform der Filmförderung weiter? In Claudia Roths Kulturministerium "herrscht selber Unklarheit", schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel. Klar ist nur: "Das aktuelle Filmfördergesetz läuft nach bereits zwei Verlängerungen Ende Dezember definitiv aus. ... Kein Gesetz, keine Filmabgaben: Es wäre eine Katastrophe.
Besprochen werden RidleyScotts "Gladiator 2" (Welt, TA), Steve McQueens "Blitz" mit SaoirseRonan (taz), EileenByrnes Verfilmung von JasminSchreibersRoman "Marianengrab" (Standard), die vierte Staffel der Netflix-Krimicomedy "Only Murders in the Building" (FD) und die ARD-Geschichtsdokuserie "Die Spaltung der Welt" (FAZ).
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