Donald Sutherland. Er konnte sanft sein. Er konnte
Angst machen. Jetzt ist er im Alter von 88 Jahren gestorben
Er "war ein seltsam schöner, hochgewachsener Mann, der die Räume mit seiner
Aura füllte, sobald er sie betrat",
schreibt Andreas Scheiner in der
NZZ. "Er konnte
urkomisch sein, wie in der Rolle des verrückten Hawkeye Pierce in Robert Altmanns 'M*A*S*H' (1970), oder 'die traurigste Figur unter Gottes Sonne' spielen, wie er es für Frederico Fellini in 'Casanova' (1976) tat. ...
Liebe,
Kino,
Politik - das gehörte bei Sutherland immer zusammen. Elegantes Konterkarieren war seine Kunst." Er "entwickelte sich im Kino und Fernsehen über die Jahrzehnte zu einer grauen Eminenz, deren Spezialgebiet
aristokratische alte Löwen waren: Männer, die aus Geld und Verachtung gemacht schienen und die genau wussten,
wie flüchtig Macht sein kann."
SZ-Kritiker David Steinitz erinnert sich an das "Erdbeben", das Sutherland einst mit
Nicolas Roegs Kunst-Horrorfilm "Wenn die Gondeln Trauer tragen" in ihm ausgelöst hat: "Es ist die Geschichte einer
nicht überwindbaren Trauer, die sich in kein Schauspielergesicht davor und danach so eingefräst hat wie in das von Donald Sutherland. Während er zu Beginn des Films das tote Kind in den Armen hält, weiß man bereits durch eine einzige Großaufnahme seines Gesichts, dass dieser Mann in seinem Leben
kein Glück mehr spüren wird." Der einzige Schatten auf Sutherlands annähernd 60 Jahre währender Hollywood-Karriere ist nur der, er "nie für einen
Oscar nominiert gewesen ist", schreibt Andreas Busche im
Tagesspiegel. "Aber eigentlich war Sutherland auch viel zu abgeklärt für die amerikanische Filmindustrie. ...
Das Böse und das Kindliche lagen im Spiel von Sutherland stets dicht beieinander, weswegen er in den Siebzigern wohl auch für die großen Regisseure des europäischen Autorenfilms so interessant war."
Die Regisseurin
Julia von Heinz ärgert sich in einem Gastbeitrag für
Zeit Online, dass Filme über die
Shoah bei Produzenten, Kritikern und dem Publikum angeblich auf immer mehr Skepsis stoßen. Fast noch mehr ärgert sie aber, dass Filme über den Mord der Deutschen an den Juden ganz besonders penibel beurteilt und bewertet werden und dabei ein intellektuell besonders hochstehendes Soll zu erreichen haben: "Es kommt mir
zynisch vor, die Tatsache zu ignorieren, dass man mit Mitteln des Spielfilms Herz und Verstand der Menschen erreichen kann. ... Es geht bei Filmen zum Holocaust nicht um die Frage, ob etwas gut, schlecht, zu unterhaltsam, zu emotional ist. Es geht um
Angemessenheit. Und diese kann sich erst zeigen, wenn man beurteilen kann, ob der Film auch eine angemessene Reaktion hervorruft. Hat er Menschen bewegt, sensibilisiert, einen wichtigen Diskurs eröffnet, das Thema
für eine neue Generation zugänglich gemacht?"
Weitere Artikel: Auf
Artechock empfiehlt Rüdiger Suchsland die Berliner
Ausstellung und Kino-
Retrospektive zu den Filmen von
Thomas Arslan. Paul Jandl
beobachtet in der
NZZ mit Kummer den Niedergang der
Vorabendserien.
Besprochen werden
Eva Trobischs Palliativ-Liebesdrama "Ivo" (
Artechock,
Zeit, unsere
Kritik),
Jeff Nichols' "The Bikeriders" (
Welt,
Artechock, mehr dazu bereits
hier),
Hans Blocks und
Moritz Riesewiecks "Eternal You - Vom Ende der Endlichkeit" über das digitale Weiterleben nach dem Tod (
FAZ),
Kiah Roache-
Turners "Sting" (
Artechock), die
Netflix-Doku "Black Barbie" (
Standard), die im Opernmilieu angesiedelte
ARD-
Miniserie "For the Drama" (
FAZ),
Giacomo Abbruzzeses in Österreich startender "Disco Boy" mit
Franz Rogowski (
Standard) und
David Bellos' Buch über
Jacques Tati (
FAZ).