Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.06.2024 - Film

Morgen beginnt das Filmfest München, das zweitgrößte deutsche Filmfestival nach der Berlinale, und David Steinitz staunt in der SZ, welchen Staraufwand die Interimsleitung Christoph Gröner und Julia Weigl anders als ihre Vorgängerin betreiben. Für Steinitz Anlass genug, nochmal daran zu erinnern, dass Markus Söder vor ein paar Jahren mit Blick auf das Festival sehr großspurig tat: "Aber die von ihm gewohnt laut in Aussicht gestellte Budgeterhöhung blieb leider aus. Auch von einem eigenen Youtuber-Festival für München, über das er mal laut in der SZ nachgedacht hat, war nie wieder etwas zu hören. Das Geld wurde wohl an anderer Stelle gebraucht. Für die Verantwortlichen beim Filmfest jedenfalls, die mit dem zusätzlichen Geld vermutlich schon fest gerechnet hatten (Pläne für ein neues Festivalzentrum hatte es in verschiedenen Formen und Stadien gegeben), ein schwerer Schlag. ... Auch eine erneute Diskussion über eine potenzielle Budgeterhöhung sollte sich die Kulturpolitik in Stadt und Land dann dringend noch mal auf die Agenda setzen. Nicht zuletzt, weil das Münchner Filmfest sich neben den internationalen Ambitionen längst als eine der wichtigsten Plattformen fürs deutsche (Nachwuchs-)Kino etabliert hat." Philipp Bovermann bespricht daneben den Eröffnungsfilm, Natja Brunckhorsts "Zwei zu eins" mit Sandra Hüller.

Außerdem: Im Perlentaucher empfiehlt Robert Wagner im Berliner Kino Arsenal gezeigte Essayfilme von Toshio Matsumoto und Deborah Stratman. Wieland Freund verneigt sich in der Welt vor Daniel Brühl: "Ich habe nicht gewusst, wie wahnsinnig sagenhaft fantastisch gut Daniel Brühl ist, bevor ich ihn als Karl Lagerfeld gesehen habe."

Besprochen werden Faouzi Bensaïdis marokkanisches Roadmovie "Déserts" (FR, taz), Michael Samoskis Horrorfilm "A Quiet Place. Tag eins" (FR), eine Netflix-Dokusoap über die Kaulitz-Brüder von Tokio Hotel (NZZ) und eine auf Amazon Prime gezeigte Doku über den Tennisstar Roger Federer (Zeit Online), Außerdem verschaffen SZ, FR, Tagesspiegel und Filmdienst einen Überblick über die Kinostarts der Woche.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.06.2024 - Film

Besprochen werden die Berliner Ausstellung samt Kino-Retrospektive zu den Filmen von Thomas Arslan (taz), Christy Halls "Daddio - Eine Nacht in New York" mit Dakota Johnson (taz), Anna Novions Coming-of-Age-Drama "Die Gleichung ihres Lebens" (Tsp) und Eva Trobischs Palliativdrama "Ivo" (Presse, unsere Kritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.06.2024 - Film

Bert Rebhandl resümiert in der FAZ das Jüdische Filmfestival Berlin-Brandenburg. Der 7. Oktober liegt noch zu sehr in der akuten Gegenwart, um das Programm maßgeblich zu bestimmen, schreibt er. Aber ein dazu passender Fokus im Festivalprogramm zum "Antizionismus und Antisemitismus in der Zeit des real existierenden Sozialismus" liefert "wertvolles Material über die verschlungene Geschichte dieser beiden Begriffe". Und wartet mit "filmhistorischen Entdeckungen" auf, wie etwa Radosław Piwowarskis polnischem Film "Märzmandeln", der aus dem Jahr 1989 auf das Jahr 1968 in der Tschechoslowakei zurückblickt: Der Film verdeutlicht, "wie einfach es sich der Antisemitismus oft macht, wenn er Juden zu Nationalisten und Partikularisten (oder Kolonialisten) erklärt. Der Film ist nicht mehr als ein Splitter in einer höchst komplexen, langen Geschichte (vorgeblich) progressiver Konzeptionen der Überwindung von geschichtlichen Bedingtheiten. In diesem Splitter aber zeigt sich das Ganze."

Wie wollen wir leben? "The Bikeriders" von Jeff Nichols

Daniel Moersener hat sich für die Jungle World mit Jeff Nichols getroffen, dessen 60s-Drama "The Bikeriders" die Filmkritik sehr fasziniert hat (unser Resümee). Seine "Filme kann man auch als Absage an ein Kino verstehen, das sich von der Lebensrealität der Menschen entkoppelt zu haben scheint", schreibt Moersener und Nichols bestätigt: "'Das heutige Kino hat sich vom Leben entfernt. Ich habe einen 13jährigen Sohn und in den Superheldenfilmen, die wir gemeinsam schauen und natürlich auch gerne schauen, ist glasklar, dass Thor und die anderen Protagonisten niemals sterben werden', sagt er. 'Wenn man aber das Problem der Zeit, die Dauer und das Problem der Sterblichkeit, den Tod aus dem Kino verbannt, dann verabschiedet sich man von allem, worauf das Drama fußt. Darum geht es in all meinen Filmen um Zeit und Tod. Plötzlich merkst du, wie sich deine Lungen wieder mit Sauerstoff füllen, und plötzlich gilt es wieder, etwas zu gewinnen. Es geht wieder darum, wie wir leben, oder vielmehr, wie wir leben wollen.'"

Besprochen werden Eva Trobischs Palliativdrama "Ivo" (taz, unsere Kritik), die zweite Staffel des "Game of Thrones"-Prequels "House of the Dragon" (NZZ, Freitag) und die im ZDF gezeigte, niederländische Serie "Bestseller Boy" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.06.2024 - Film

Beim Jüdischen Filmfestival Berlin-Brandenburg wurde am Freitagabend Duki Drors Dokumentarfilm "Supernova - Das Musikfestivalmassaker" gezeigt. Der Film verbindet Eindrücke vom Festivalgelände wenige Tage nach dem Massenmord der Hamas, einschlägiges Videomaterial von Social-Media und Gespräche mit Überlebenden. "Insbesondere der Sound, die erdrückende Geräuschkulisse aus Schreien der Festivalbesucher, Schritten, Maschinengewehrsalven, Explosionen und Schüssen, ist eindringlich", schreibt Anastasia Tikhomirova auf Zeit Online. "Der letzte Teil des Films wird dann ruhiger, erzählt vom Trauma der Überlebenden und gibt ihnen Raum, darüber zu reden, wie sich das Erlebte bis heute auf ihre Psyche auswirkt, wie sie unter Angstzuständen und Flashbacks leiden, wenn sie sich zum Beispiel in Schutzbunkern vor Raketen der Hamas verstecken müssen." Die Berliner Vorführung bliebt ruhig, doch "in New York kam es im Zuge der Vorführung zu antisemitischen Protesten, in London wurden Hassparolen auf die Wände Phoenix Kinos gesprüht, das den Film zeigte. Die zwei Schirmherren des Kinos, die britischen Regisseure Ken Loach und Mike Lee, traten aus Protest zurück - nicht etwa gegen die Schmierereien, sondern den Film selbst, beziehungsweise das Festival, in dessen Rahmen er gezeigt wurde." Dlf Kultur hat mit dem Macher gesprochen.

Holger Kreitling ist für die Welt nach Los Angeles gereist, um sich die nach einer Petition eilig umgestaltete "Hollywoodland"-Ausstellung im Oscar-Museum der Academy anzusehen: Kritiker hatten der Ausstellung Antisemitismus vorgeworfen, da die Ausstellungsmacher ausgerechnet bei den jüdischen Hollywoodgründern auf unsympathische Charaktereigenschaften und schlechtes Verhalten fokussieren, während der Rest der Ausstellung aus nichts als Schönfarberei besteht: "Die dunklen Seiten Hollywoods etwa mit rassistischen Stereotypen und #MeToo werden nicht offen thematisiert. Vielmehr sind Diversität und Wiedergutmachung zu beobachten. ... Der Produzent Lawrence Bender ('Pulp Fiction') gehört zu den Unterzeichnern der Petition. Er beklagt sich über die - recht bekannte - Aussage in der Schau, Harry Cohn habe sein riesiges Büro nach dem von Mussolini gestaltet, um Besucher zu beeindrucken und einzuschüchtern. ... Bei so wenig Text auf einer Tafel musste ausgerechnet die negativen Seiten seines Lebens beschrieben werden. Bender kritisiert zudem die dunkle Atmosphäre der Schau, 'wie ein jüdisches Ghetto'. Die Leute in der Filmbranche wüssten eigentlich, wie man kreativ ist. 'Das hier ist so furchtbar gemacht. Das ist nicht unbewusst.'"

Außerdem: In der taz porträtiert Martin Seng den genossenschaftlich geführten Filmverleih Drop Out Cinema, der sich auf randständige und politische Filme spezialisiert hat. Karsten Essen schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf Donald Sutherland (unser Resümee zu dessen Tod hier). Dirk Peitz erinnert auf Zeit Online an Roman Polanskis "Chinatown", der vor 50 Jahren in die Kinos kam. Leo Geisler wirft derweil für den Filmdienst einen frischen Blick auf John Flynns auf einem Roman von Donald E. Westlake basierenden Kriminalfilm "Revolte in der Unterwelt" von 1973. Besprochen wird Eva Trobischs Palliativdrama "Ivo" (Standard, unsere Kritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.06.2024 - Film

Sebastian Seidler ist der Podiums- und Panelkultur, die so gut wie jedes Filmfestival flankiert, ziemlich überdrüssig: Dröge Diskussionen unter Eingeweihten, kunstreligiöser Gestus und filmpädagogische Arbeit haben das Kino nicht gerettet und werden es auch künftig nicht tun, schreibt er im Filmdienst-Essay. Wo bleibt im Elfenbeinturm die Sorge ums Publikum? Man müsste wieder mehr Menschen mit der "Liebe zum Film infizieren. Das heißt: Die Menschen müssen nichts ins Kino; das Kino muss vielmehr zu ihnen, auf die Straße, hinein ins Leben. ... Man könnte so viel ausprobieren und spielerischer sein. Reißt die Stühle aus dem Kinosaal und legt Turnmatten für Kinder aus, damit sie Film auf ihre Weise schauen können, statt sie zur Ruhe zu ermahnen.  ... Man könnte sich viel offensiver mit der Clubkultur oder den Konzertveranstaltern zusammentun und mit Beamern betanzbare Filmräume erschaffen. ... Statt Stummfilmen mit Klavierbegleitung braucht es ein Tanzen in Tanzszenen, ein Knutschen in Filmküssen oder eine Stadtführung durch die Filmbilder einer Stadt. Am Horizont droht dabei natürlich das Urheberrecht. ... Um einen derartig freien und revoltierenden Umgang mit dem unerschöpflichen Archiv an Bildern zu verwirklichen, eine DJ-Kultur als filmischer Eroberung der Lebensräume, müssen Reformen her."

Weitere Artikel: Patrick Holzapfel verneigt sich in der NZZ vor Meryl Streep. Daniel Moersener (Zeit Online), Katrin Nussmayr (Presse), Daniel Kothenschulte (FR), Andreas Kilb (FAZ), Hanns-Georg Rodek (Welt) und Jenni Zylka (taz) schreiben weitere Nachrufe auf Donald Sutherland (mehr zu dessen Tod bereits hier). In der FAZ gratuliert Jan Brachmann dem Filmemacher Volker Koepp zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Eva Trobischs "Ivo" (online nachgereicht von der FAZ, unsere Kritik) und Brigitte Weichs Dokumentarfilm "Ned, tassot, yossot" über Frauenfußball in Nordkorea (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.06.2024 - Film

Donald Sutherland. Er konnte sanft sein. Er konnte Angst machen. Jetzt ist er im Alter von 88 Jahren gestorben


Er "war ein seltsam schöner, hochgewachsener Mann, der die Räume mit seiner Aura füllte, sobald er sie betrat", schreibt Andreas Scheiner in der NZZ. "Er konnte urkomisch sein, wie in der Rolle des verrückten Hawkeye Pierce in Robert Altmanns 'M*A*S*H' (1970), oder 'die traurigste Figur unter Gottes Sonne' spielen, wie er es für Frederico Fellini in 'Casanova' (1976) tat. ... Liebe, Kino, Politik - das gehörte bei Sutherland immer zusammen. Elegantes Konterkarieren war seine Kunst." Er "entwickelte sich im Kino und Fernsehen über die Jahrzehnte zu einer grauen Eminenz, deren Spezialgebiet aristokratische alte Löwen waren: Männer, die aus Geld und Verachtung gemacht schienen und die genau wussten, wie flüchtig Macht sein kann."

SZ-Kritiker David Steinitz erinnert sich an das "Erdbeben", das Sutherland einst mit Nicolas Roegs Kunst-Horrorfilm "Wenn die Gondeln Trauer tragen" in ihm ausgelöst hat: "Es ist die Geschichte einer nicht überwindbaren Trauer, die sich in kein Schauspielergesicht davor und danach so eingefräst hat wie in das von Donald Sutherland. Während er zu Beginn des Films das tote Kind in den Armen hält, weiß man bereits durch eine einzige Großaufnahme seines Gesichts, dass dieser Mann in seinem Leben kein Glück mehr spüren wird." Der einzige Schatten auf Sutherlands annähernd 60 Jahre währender Hollywood-Karriere ist nur der, er "nie für einen Oscar nominiert gewesen ist", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "Aber eigentlich war Sutherland auch viel zu abgeklärt für die amerikanische Filmindustrie. ... Das Böse und das Kindliche lagen im Spiel von Sutherland stets dicht beieinander, weswegen er in den Siebzigern wohl auch für die großen Regisseure des europäischen Autorenfilms so interessant war."

Die Regisseurin Julia von Heinz ärgert sich in einem Gastbeitrag für Zeit Online, dass Filme über die Shoah bei Produzenten, Kritikern und dem Publikum angeblich auf immer mehr Skepsis stoßen. Fast noch mehr ärgert sie aber, dass Filme über den Mord der Deutschen an den Juden ganz besonders penibel beurteilt und bewertet werden und dabei ein intellektuell besonders hochstehendes Soll zu erreichen haben: "Es kommt mir zynisch vor, die Tatsache zu ignorieren, dass man mit Mitteln des Spielfilms Herz und Verstand der Menschen erreichen kann. ... Es geht bei Filmen zum Holocaust nicht um die Frage, ob etwas gut, schlecht, zu unterhaltsam, zu emotional ist. Es geht um Angemessenheit. Und diese kann sich erst zeigen, wenn man beurteilen kann, ob der Film auch eine angemessene Reaktion hervorruft. Hat er Menschen bewegt, sensibilisiert, einen wichtigen Diskurs eröffnet, das Thema für eine neue Generation zugänglich gemacht?"

Weitere Artikel: Auf Artechock empfiehlt Rüdiger Suchsland die Berliner Ausstellung und Kino-Retrospektive zu den Filmen von Thomas Arslan. Paul Jandl beobachtet in der NZZ mit Kummer den Niedergang der Vorabendserien.

Besprochen werden Eva Trobischs Palliativ-Liebesdrama "Ivo" (Artechock, Zeit, unsere Kritik), Jeff Nichols' "The Bikeriders" (Welt, Artechock, mehr dazu bereits hier), Hans Blocks und Moritz Riesewiecks "Eternal You - Vom Ende der Endlichkeit" über das digitale Weiterleben nach dem Tod (FAZ), Kiah Roache-Turners "Sting" (Artechock), die Netflix-Doku "Black Barbie" (Standard), die im Opernmilieu angesiedelte ARD-Miniserie "For the Drama" (FAZ), Giacomo Abbruzzeses in Österreich startender "Disco Boy" mit Franz Rogowski (Standard) und David Bellos' Buch über Jacques Tati (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.06.2024 - Film

Blickt durch die Augen einer jungen Frau auf schöne Männer: "The Bikeriders"

Mit "The Bikeriders" erweckt der US-Regisseur Jeff Nichols Danny Lyons legendären, gleichnamigen Bildband aus den Sechzigern über die damals im Entstehen begriffene Bikerkultur zum Leben. "Nichols hat alte Maschinen für den Film genommen", schreibt Fritz Göttler in der SZ über die wichtigsten Darsteller des Films."Aber der Mythos wird schnell schäbig, der Traum ist kontaminiert", der Film handelt vom Niedergang einer Subkultur in die Gewalt. Und trotzdem: "Schöne Männer schöne Sachen machen lassen, das ist eine bewährte Kino-Formel." Buchstäblich einen Kostümfilm sah NZZ-Kritiker Andreas Scheiner: "Dieser Film trägt Jeans" und "natürlich Leder". Im Mittelpunkt stehen "zwei starke Kerle, starke Zweiräder und als Stützrad die Frau. Auf den ersten Blick wirkt das eher gestrig. Auf den zweiten auch. Aber gerade das macht die Sache spannend: Jeff Nichols gibt sich ganz unbeeindruckt von zeitgemäßen Erwägungen."

Maria Wiesner macht in der FAZ auf einen entscheidenden Perspektivwechsel aufmerksam: All das Bikergehabe, all die virilen Markierungen - "all das sehen wir mit den Augen der jungen Frau. So wie die Linse hier Bennys durchtrainierte Oberarme unter der geöffneten Lederweste abtastet, schauen Filme sonst auf weibliche Körper. 'The Bikeriders' aber erzählt von einer Männerwelt aus der Perspektive von Kathy." Tazlerin Arabella Wintermayer hat nach dem Film auch weiterhin nicht ganz verstanden, warum Biker tun was Biker tun - aber das ist gerade das Gute daran: Nichols macht "das besondere Flair einer Welt spürbar, die es so nicht mehr gibt, und eine Faszination erfahrbar, die doch bis heute überdauert - ohne sie in ein rationales Schema zu pressen. Denn wie das mit Faszinationen nun einmal ist: Man darf sie nicht bis zur Reizlosigkeit ergründen, möchte man sie sich erhalten."

Der Film "liefert nostalgische Pferdestärken", hält Marian Wilhelm im Standard fest, "doch wie immer bei der Sehnsucht nach früheren Zeiten ist Vorsicht geboten", zumal diese "popkulturelle Spritztour durch die Mythologie der amerikanischen Gegenkultur" Leute und deren Freiheitsdrang zeigt, die "heute vielleicht Trump-Wähler wären". Ein trotz vieler Raufereien "überraschend vielschichtiges Drama" sah Freitag-Kritikerin Dobrila Kontic. Und Daniel Kothenschulte hat für die FR mit dem Regisseur gesprochen.

Weitere Artikel: Thomas Abeltshauser spricht für den Freitag mit der Cutterin Thelma Schoonmaker über deren langjährige Zusammenarbeit mit Martin Scorsese, dessen gemeinsam mit David Hinton entstandener (und in FR und FD besprochener) Essayfilm "Made in England" über die Filme von Powell & Pressburger heute in die Kinos kommt. Kevin Gensheimer spricht für die Berliner Zeitung mit Dominik Graf über den Osten, den Westen und den erstarkenden Faschismus. Hanns-Georg Rodek (FD) und André Boße (Zeit Online) schreiben zum Tod von Anouk Aimée (weitere Nachrufe bereits hier).

Besprochen werden Eva Trobischs Palliativ-Drama "Ivo" (Perlentaucher, FD), die deutsche Erstaufführung von Kinji Fukasakus Yakuza-Klassiker "Battles Without Honor and Humanity" von 1973 (online nachgereicht von der FAS, FD), Sahra Manis auf Apple gezeigter Film "Bread & Roses" über ins Ausland geschmuggelte Aufnahmen von afghanischen Frauen im Hausarrest (SZ), Hans Blocks und Moritz Riesewiecks "Eternal You - Vom Ende der Endlichkeit" über das digitale Weiterleben nach dem Tod (SZ, FD), Jim Taihuttus "Hardcore Never Dies" (Perlentaucher), die DVD-Ausgabe von Andrew Legges experimentellem SF-Film "Lola" (taz, mehr dazu bereits hier), die Serie "Poker Face" (FAZ). Außerdem informiert das Filmteam der SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht. Hier zudem der Überblick beim Filmdienst über die aktuellen Kinostarts.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.06.2024 - Film

Anouk Aimée, "die Geliebte", 1952 (Studio Harcourt, Public Domain)

Die Filmkritiker trauern um die große Anouk Aimée, die im Alter von 92 Jahren gestorben ist. "Ihre Karriere gehorchte einem faszinierenden Wechselspiel von Verweigerung und Hingabe", hält Gerhard Midding in der Welt fest. Aimée "brillierte im Rollenfach der modernen Frau, die das Glück zu suchen versteht, aber auch ihren Geliebten immer ein Rätsel bleibt. ... Die Liebeserklärung, die sie Marcello Mastroianni in 'Das süße Leben' machte, wirkte glaubhaft selbst noch in dem Moment, wo sie sich schon der Umarmung eines Anderen hingab. Diese Garbo aus dem Geist der Nouvelle Vague hielt in der Schwebe, ob ihre Figuren die selbstzerstörerische Kraft der Gefühle fürchteten oder ob sie deren Überschwang misstrauten. Ein Zauber der Unergründlichkeit lag über ihren besten Rollen; keine andere Schauspielerin trug in ihren Filmen so häufig Sonnenbrillen wie sie."



"Zu den Wundern des Kinos gehört, dass es seine Darsteller in immer neue Figuren schlüpfen und dabei doch immer sie selbst sein lässt", schwärmt Andreas Kilb in der FAZ. "Die Aura souveräner Verletzlichkeit, die sie umgab, hat die Regisseure ihrer Zeit davon abgehalten, an ihr herumzuexperimentieren. So wirken die Frauen, die sie für George Cukor ('Justine'), Sidney Lumet ('The Appointment'), Bernardo Bertolucci ('Tragödie eines lächerlichen Mannes') und immer wieder für Claude Lelouch ('Ein Hauch von Zärtlichkeit') verkörpert hat, wie Puzzlestücke eines Porträts, das erst jetzt, mit ihrem Tod, vollendet ist."

Es "waren die Außenseiter der Nouvelle Vague, die sie im französischen Kino verewigten: in Rollen, die nicht mit den Klischees der Kindfrau spielten", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. So gab sie etwa die Lola für Jacques Demy: Es "war die bis dato modernste Frauenfigur in diesem Umfeld, das sich auf seine Modernität viel einbildete." Valerie Dirk würdigt im Standard Aimées "geheimnisvolle Eleganz". Bei Fellini gelang ihr damit der Durchbruch: "Bei ihm war sie immer die eine Frau, die dem gern in den Fetisch gleitenden Blick des Regisseurs standhielt."

"Made in England": Michael Powell und Emeric Pressburger

Michael Meyns hat in der taz sehr viel Freude an David Hintons Dokumentarfilm "Made in England" über die Filme von Powell und Pressburger. Erzählt und inhaltlich getragen wird der Film von Martin Scorsese, der dabei auch immer wieder den Einfluss der beiden Briten auf seine eigenen Arbeiten aufdeckt, was "Made in England" in seinen "besten Momenten zu einer Lehrstunde im Filmemachen werden lässt. Vor allem die in strahlendem Technicolor gedrehten Melodramen 'Irrtum im Jenseits', 'Schwarze Narzisse' und 'Die roten Schuhe' beschreibt Scorsese mit fast kindlichem Enthusiasmus, der inzwischen aber vom Wissen um die eigene Sterblichkeit durchzogen ist."

Weitere Artikel: Lena Karger spricht für die Welt mit der Festivalleiterin Lea Wohl von Haselberg über das Jüdische Filmfestival Berlin-Brandenburg, das gestern begonnen hat (mehr dazu bereits hier). Arne Koltermann erinnert in der Jungle World an den armenischen Filmemacher Sergej Paradschanow, der vor 100 Jahren geboren wurde. Wolfgang Hamdorf spricht für den Filmdienst mit Hans Block und Moritz Riesewieck über deren Dokumentarfilm "Eternal You - Vom Ende der Endlichkeit". In der FAZ gratuliert Maria Wiesner Kathleen Turner zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Dror Morehs Dokumentarfilm "Kulissen der Macht" über die US-Politik der letzten zwanzig Jahre (online nachgereicht von der FAZ) und die Frankfurter Ausstellung "Neue Stimmen" über das deutsche Kino im 21. Jahrhundert (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.06.2024 - Film

Szene aus "Matrix", 1999

Titus Blome blickt für Zeit Online auf den SF-Actionfilm "Matrix" der Wachowskis zurück, der vor 25 Jahren in die Kinos gekommmen ist, die Filmwelt ordentlich umgekrempelt und nebenei noch die Geschichte des Internets des letzten Vierteljahrhunderts vorhergesagt hat: Die techno-euphorischen Heilsversprechen, die in den späten Neunzigern mit dem Internet verknüpft waren, fühlen sich heute "naiv an. Unternehmen und Regierungen haben das Internet erschlossen und unter sich aufgeteilt, fast alle ursprünglich weißen Flecken auf der digitalen Karte sind eingefärbt, die Nischen rebellischer Freiheit geschrumpft. 'Matrix' sah diese Gefahr schon vor der Jahrtausendwende. In dem Film ist Technologie nicht nur Werkzeug der Revolution, sondern auch Mittel autoritärer Kontrolle. Mit der Matrix versetzen die Maschinen die gesamte Menschheit in einen passiven Zustand, überwachen sie und ernten ihre Energie. Wäre der Film nicht 25 Jahre alt, wäre er wohl eine arg platte Metapher für das datenhungrige Geschäftsmodell heutiger Plattformunternehmen."

Besprochen werden die zweite Staffel von "House of the Dragon" (online nachgereicht von der Welt, Presse) und Olmo Cerris in der Schweiz startender Dokumentarfilm über den Schweizer Terroristen Bruno Bréguet (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.06.2024 - Film

Für die Welt spricht Lena Karger mit Maya Lasker-Wallfisch über ihre Begegnung mit Hans Jürgen Höss, dem Sohn des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß, im Rahmen des Dokumentarfilms "Der Schatten des Kommandanten" (mehr zu dem Film bereits hier).

Besprochen werden Julio Torres' Komödie "Problemista" (SZ, unsere Kritik), Henning Beckhoffs Dokumentarfilm "Fossil" über den Tagebau und den Kohleausstieg (online nachgereicht von der FAZ), der auf Disney+ gezeigte Dokumentarfilm "Das Sekten-Massaker: Ein Tag in Jonestown" (FAZ), die zweite Staffel des "Game of Thrones"-Prequels "House of the Dragon" (taz, Tsp, Presse) und die Serie "Maxton Hall" (FAZ).