Es gibt Zeiten, da ist man in der Kneipe "Chez Icke", wie die Ausstellung heißt, die in der Kommunalen Galerie Berlin Kneipenfotos von Anna Lehmann-Brauns, Friederike von Rauch und Stefanie Schweiger zeigt. Gunda Bartels hat sie für den Tagesspiegelbesucht und mit den Fotografinnen gesprochen: "80, 90 Kneipen hätten sie dafür sicher besucht, sagt Stefanie Schweiger, die sich mit ihren Kolleginnen ausgerechnet im Corona-Lockdown, als der soziale Ort Kneipe brach lag, für das Thema zu interessieren begann. Von ihr stammen die Porträts von Wirtsleuten, die laut Schweiger die Identität einer Kneipe vorgeben. ... Die Kneipe als Ort der Verheißung, als ein in die nächtliche Stadt hinausleuchtendes Versprechen ist am ehesten in den farbstarken Nachtbildern von Anna Lehmann-Brauns zu finden." Friederike von Rauch, die gerade einen Band über Klosterbauten publiziert hat, sieht eine Gemeinsamkeit von Kneipe und Kloster: "'die extreme Gemeinschaft'. Und das Bierbrauen hat ja ehedem auch im Klöstern begonnen, fällt einem da gleich als nächste Analogie ein. Beim Betrachten von Rauchs puristischen Tageslicht-Stillleben mit Gilbgardine, Ascher, Mobiliar kann man den Raum förmlich riechen. Keinesfalls jedoch Gemütlichkeit."
Im Tagesspiegelberichtet Nicola Kuhn von einem glamourösen Empfang in der Neuen Nationalgalerie mit Cate Blanchett, Willem Defoe, Wim Wenders, Volker Schlöndorff, Alexander Skarsgård, Maria Schrader, Maren Ade, Detlef Buck, Yael Bartana und Sunnyi Melles, um nur ein paar Namen zu nennen. Anlass war der Idee, dem noch zu bauenden Museum des 20. Jahrhunderts eine Filmabteilung zu spendieren, "im besten Fall wie das Film-Department des MoMA. Larry Kardish, viele Jahre Senior Curator des Departments und selbst eine Filmlegende, nickte am Rande beifällig dazu, bevor Staatsministerin Claudia Roth am Mikrofon die Notwendigkeit aus ihrer Sicht bestätigen konnte. ... Applaus für eine gute Idee, darin waren sich die Anwesenden einig, auch wenn es an Institutionen in der Stadt nicht fehlt, die den Film vertreten."
Weiteres: Die National Gallery hat ein frühes Mädchenporträt von Max Pechstein erworben, meldet in der FAZ Gina Thomas, die sich freut, dass zwischen Matisse, Picasso, Van Gogh, Gauguin und Seurat künftig auch ein Vertreter des deutschen Expressionismus den "ästhetischen Austausch" belebt. Daniel Völzke denkt in monopol darüber nach, wie sich die Bedeutung der Friedenstaube seit 1949 gewandelt hat.
Besprochen werden die Gruppenausstellung "Re: Feb. 24/UKR" im Hamburger Westwerk zum Jahrestag des russischen Angriffs auf die Ukraine (taz), die Ausstellung "Klimt. Inspired by Van Gogh, Rodin, Matisse..." im Wiener Belvedere (Tsp) und die immersive Filminstallation "Dreams Have No Titles" der Künstlerin Zineb Sadira im Hamburger Bahnhof in Berlin (Tsp).
Gioacchino Altobelli (1814-1878), Rom: Fischer am Tiber nahe der Engelsburg, um 1860. Foto: Städel Museum, Frankfurt am Main
Lisa Berins geht für die FR mit wachen Augen durch eine Ausstellung mit frühen Italienfotografien im Frankfurter Städel Museum. Zwei Dinge fallen ihr besonders auf: Italien ist in diesen Bildern schwarzweiß, menschenleer und überhaupt "ungewohnt still", nicht mal das Meer scheint sich zu bewegen, was an den langen Belichtungszeiten damals lag. Und dann ging es vor allem um Kunst, die mittels Fotos einer breiten Öffentlichkeit in ganz Europa zugänglich gemacht werden sollte. Unverfälscht war an den Bildern aber auch damals schon nichts: "Dass es bei den meisten damaligen Italien-Fotografien nicht um das reine Abbilden von Realität ging, sondern um das Reproduzierenidealisierter Sehnsuchtsorte (die wir heute noch so gerne sehen) - darauf stößt die Ausstellung ganz sachte: Es ist unauffällig, aber viel inszeniert in diesen Fotografien, die Natur - romantisch in Szene gesetzt. Statisten, die sehr lange ruhig halten mussten, wurden für das perfekte Bild arrangiert - etwa als Gondoliere, deren Boot für die Zeit der Aufnahme an einem Pfahl festgebunden werden musste. Auch Retuschen waren nicht unüblich; die Reproduktion von Michelangelos Statue des Mose etwa wurde komplett überarbeitet, der Hintergrund geschwärzt und sein Bart stellenweise von Hand mit Farbe ausgebessert."
Mike Nelson: The Asset Stripper, 2019. Foto Hayward Gallery Guardian-Kritiker Adrian Searle verirrt sich freudig in der labyrinthischen Installationskunst des Briten Mike Nelson, die in der Londoner Hayward Gallery gezeigt wird und die er uns als eine Mischung, aus JG Ballard, Jorge Luis Borges und Twin Peaks näherbringt: "In Nelsons Kunst steckt ein gewisses Maß an magischem Denken und verdrehter Logik. Er wirft uns mitten in die Dinge hinein, verkompliziert sie, fügt seine eigenen früheren Werke in neue Arrangements ein, jongliert mit historischen Zeiträumen und bringt unseren Orientierungssinn durcheinander. Er führt uns an ein Lagerfeuer, dessen Flammen aus Plastikwimpeln bestehen, füllt Schlafsäcke mit Schutt, baut alte Industriemaschinen um, und gibt uns viel zu viele Details. Es ist schwer, das Nebensächliche vom Wesentlichen zu unterscheiden. Da ist ein Poster von Bertolt Brecht, ein altes Gewehr als Türgriff, ein Schild von einer Hongkong-Fähre mit der Aufschrift 'Bitte nicht spucken'. Je forensischer man als Zuschauer wird, desto mehr gerät die Geschichte, wenn es denn eine Geschichte ist, außer Kontrolle. Aber man muss nicht in das Arkanum von Nelsons Kunst eintauchen, um von ihr unterhalten und angenehm verstört zu werden."
In der FAZ erinnert Karlheinz Lüdeking daran, wie Marcel Duchamp vor hundert Jahren die Kunst an den Nagel hing: Er brach die Arbeit am "Großen Glas" ab, löste sein New Yorker Atelier auf und verzog sich nach Brüssel, um Schach zu spielen. Ein Scheitern will Lüdeking darin keinesfalls sehen: "Erstens war sein Schweigen kein Schweigen über die Kunst, sondern ein Schweigen der Kunst selbst, und zweitens verdankte es sich auch nicht der resignativen Einsicht, nichts mehr sagen zu können, sondern der Begeisterung darüber, endlich alles sagen zu können."
Weiteres: Alexander Menden berichtet in der SZ von Personalquerelen an der Düsseldorfer Kunstakademie, wo die nordrhein-westfälische Landespolitik offenbar die Wahl der Architektin Donatella Fioretti zur Rektorin zu verhindern scheint. Falk Schreiber empfiehlt in der taz die Ausstellung "The F*Word" zu den Guerilla Girls und feministischer Plakatkunst im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe.
Louisa Clement, Repräsentantin, 2021FAZ-Kritikerin Ursula Scheer begibt sich in der "Reansformers"-Ausstellung im Museum Frieder Burda unter die Roboter und stellt beruhigt fest, dass ein Gespräch über Kunst mit Louisa ClementsMaschinenfrauen schlecht läuft. Spannend findet sie es trotzdem: "Welche Wirkung entfalten künstliche Wesen im Freiraum der Kunst, in dem das Humane verhandelt wird? Die der Kontrolle der Künstlerin entzogenen 'Repräsentantinnen' werfen solche Fragen am ehesten durch ihre schiere Präsenz auf. Im Ausstellungsraum verkörpern sie das Unheimliche romantischer Tradition, als scheinbar lebendige leblose Wesen. Die Androiden sind Nachfahren von E.T.A. Hoffmanns Puppe Olimpia aus seiner Erzählung 'Der Sandmann' und zeitgenössische Schwestern der Roboterfrau Sofia, die als 'Künstlerin' auftritt. Dass Entwickler offenbar bevorzugt humanoide Roboter in weiblicher Gestalt zusammenbauen - andere Modelle am Markt heißen Ameca, Amelia, Geminoid F, Junko Chihira, Vyommitra oder Erica -, sollte zu denken geben."
Weiteres: Kroatien tut sich schwer, seine faschistische Vergangenheit aufzuarbeiten, berichtet Martin Sander in der NZZ, um eine Restituierung geraubter Kunst etwa kümmern sich die Behörden höchst schleppend: "75 bis 80 Prozent aller kroatischen Juden fanden im Holocaust den Tod. Die Museen des Landes sind bis heute voll von Kunstwerken, die der Ustascha-Staat einst jüdischen Sammlern geraubt hat." In der NZZresümiert Philipp Meier ausführlich Rose-Maria Gropps Buch über Picassos Lebensgefährtinnen "Göttinnen und Fußabstreifer".
Birgit Rieger unterhält sich im Tagesspiegel mit der Kuratorinnen Meg Onli über den heute 77-jährigen afroamerikanischen Videopionier Ulysses Jenkins, dessen von Onli und Erin Christovale kuratierte Retrospektive "Without Your Interpretation" in der Julia Stoschek Collection in Berlin zu sehen ist. Zum neunzigsten Geburtstag von Yoko Ono gratulieren Katja Kullmann in der taz, Harry Nutt in der Berliner Zeitung, Saskia Trebing in monopol, Willi Winkler in der SZ Und Wolfgang Sandner in der FAZ.
Die japanische Künstlerin Yayoi Kusama ist mit ihren Tüpfelmustern, die auch die Handtaschen von Louis Vuitton schmücken, der "größte Kunststar der Gegenwart", informiert uns in der SZ Andrian Kreye, der sich in Paris in die Schlange vor Vuitton gestellt hat: "Eine halbe Stunde dauert das. Die Zielgruppe ist an diesem Freitagnachmittag fast ausschließlich aus jenem Spitzensegment der Kauflust, das Jon M. Chu mit seinem Filmtitel 'Crazy Rich Asians' und die Netflix-Reality-Serie 'Bling Empire' zum Klischee stempelten. Drinnen ist der Laden eine Mischung aus Kusama-Museum und Marken-Overkill. Am Eingang warten schon Personal Shopper in Tüpfeljacken, die einen durchs Sortiment führen. Halbe Stockwerke sind durchgepunktet, Spiegelkugeln stehen herum und natürlich Mannequins und Vitrinen voller Kusama-Stücke. Bei jedem einzelnen Gegenstand scheinen ein bis zwei Extranullen am Preis zu hängen. Es gibt Taschen (7750 Euro), T-Shirts (1650 Euro) und Turnschuhe (tausend aufwärts) sowie ein Kofferset für 51 500 Euro. ... Die Kundschaft an den Champs-Élysées verlässt den Laden jedenfalls mit Armen voller Tüten."
Weitere Artikel: David Signer stellt in der NZZ den ukrainischen Künstler Ruslan Kurt vor, der vor einem Jahr mit seiner Frau von der Krim nach Kanada ausgewandert ist und jetzt in Toronto "Doors" ausstellt, "aufgebrochene, zerschossene und verkohlte Türen aus seiner Heimat. Sie erzählen Geschichten von Bombenangriffen, Überfällen und Plündereien. Aber er selbst strotzt vor Energie und Zuversicht. Auf seinem Hemd steht 'Positive State of Mind'. Wie schafft er es, nicht in lähmende Verzweiflung zu verfallen? 'Es wäre doch seltsam, wenn ich hier jammern würde, während meine Landsleute um ihr Leben fürchten müssen, oder?', sagt er." Im Tagesspiegelversteht Bernhard Schulz nicht, warum die Cooper-Union in New York ausgerechnet eine Ausstellung zum WChutemas, eine Art sowjetisches Bauhaus der dreißiger Jahre, abgesagt hat. "WChutemas behauptete einen Freiraum für die künstlerische Avantgarde in Moskau, bis der zum Diktator aufgestiegene Stalin die Schule 1930 schließen ließ. Die meisten Lehrkräfte wurden ihrer Arbeitsmöglichkeiten beraubt, manche endeten im Gulag. Dass WChutemas nicht in New York gezeigt werden kann, ist widersinnig. Nichts könnte dem reaktionären Putin-Regime ferner stehen als die weltoffene Lehranstalt WChutemas."
Das zu dieser Bildunterschrift gehörende Bild mussten wir wegen einer Abmahnung einer Rechtsanwaltskanzlei löschen. D.Red.
Nele Aulbert unterhält sich für die taz mit Julia Meer, Leiterin der Sammlung Grafik und Plakat im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe über die von ihr kuratierte Ausstellung "The F*Word - Guerilla Girls und feministisches Grafikdesign", die morgen eröffnet. "Die Idee entstand 2021, als Meer das hundert Arbeiten umfassende Gesamtwerk des feministischen Künstler*innen-Kollektivs Guerilla Girls ankaufte und die New Yorker Gruppe kontaktierte. Die hatte sich 1985 gegründet - als Aufschrei gegen die Unterrepräsentanz von weiblichen und BIPoC, also Schwarzen, Indigenen sowie Künstler*innen of Color, im Kunstbetrieb." Wie es mit deren Repräsentanz im MKG aussieht, wollte nun Julia Meer wissen. "Zusammen mit ihrem Team durchforstete sie die Gesamtwerksammlung, machte alle Schubladen auf, schrieb Namenslisten der Gestalterinnen und wertete diese aus. Das Ergebnis: 6.000 Werke konnten Frauen zugeordnet werden. Das entspricht 1,5 Prozent der Sammlung. 'Ich dachte, wir haben uns verzählt', so Meer. 'Ich hatte in unserer Sammlung mit vielleicht zehn Prozent gerechnet.' Die Resultate dienten auch als Grundlage weiterer Statistiken. Sammlungsmanagerin Katharina Müller wertete unter anderem auch die Herkunft der Gestalterinnen aus. All diese Erkenntnisse wurden in einem Raum der Ausstellung zusammengefasst. Er dient der Selbstreflexion und Faktensammlung und bildet zusammen mit einer Auswahl der 6.000 Arbeiten von Gestalterinnen eines von drei Kapiteln der Ausstellung."
Der Kunsthistoriker Konstantin Akinscha berichtet in der FAZ von den Umwälzungen im russischen Kunstbetrieb, wo bereits die Direktorin der Moskauer Tretjakow-Galerie und der Direktor des Staatlichen Russischen Museums in Petersburg abgesetzt wurden. Auch die Direktorin des Puschkin-Museum muss jetzt um ihren Posten bangen: "Es scheint, dass die Forderungen von Reaktionären des Kulturlebens wie Nikolai Burljajew, dem Vorsitzenden der 'Kulturfront Russlands', die eine strenge Säuberung der Museumsleiter forderte, nicht auf taube Ohren gestoßen sind. Putins Regierung beschloss, Russlands Museen unter strenge ideologische Kontrolle zu stellen und starke Persönlichkeiten durch gesichtslose Bürokraten zu ersetzen."
Besprochen wird die Ausstellung zu Ruth Wolf-Rehfeldts Schreibmaschinen-Kunst im Potsdamer Minsk Kunsthaus (FAZ).
Nhu Xuan Hua: Schwäne auf dem Genfer See. Aus der Serie Tropism, Consequences of a displaced Memory, 2016-2021. Bild: Fotografie Forum Frankfurt Gern begibt sichtaz-Kritikerin Katharina J. Cichosch in den symbolisch aufgeladenen Kosmos der französisch-vietnamesischen Künstlerin Nhu Xuan Hua, der das Frankfurter Fotografie Forum eine Schau ihrer Mode- und Kunstfotografie widmet: "Damit steht Nhu Xuan Hua stellvertretend für eine Generation, der die gestrengen Grenzen künstlerischen Ernsts herzlich egal sind. Ihre Bilder zieren Kampagnen für Luxushäuser ebenso wie für Editorials: Auf ein Geschwisterpaar lässt sie Krawatten wie Konfetti über bronzefarbenen Grund regnen, eine andere Protagonistin wässert die Geranien oder cremt sich das Gesicht, die Bluse mit dem ikonischen Gucci-Doppel-G verrät den Auftraggeber. Zu den messerscharf Abgelichteten gesellen sich gespenstisch verschwommene Figuren: Es sind die gesichts- und nahezu körperlosen Figuren aus Huas 'Tropism'-Serie, die auf gefundenen Bildern aus dem Familienfundus basieren... Von den Personen, die Hua digital bearbeitet, bleiben nurmehr Silhouetten, die ihre Umgebung durchschimmern lassen. Als ob sie zwischen den Dimensionen von Zeit und Raum hin- und herswitchen, ohne sich je ganz zu materialisieren. Tragisches Manko oder vielmehr Superpower?"
Besprochen werden Fotografien des Abenteurers Gregor Sailer von der Polaren Seidenstraße in der Alfred-Erhardt-Stiftung in Berlin (FR)
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