Bernhard Schulz erinnert auf monopol an den verstorbenen Maler Herbert Brandl. Der spezialisierte sich auf Bergmotive, was schnell in belanglosen Ökokitsch hätte kippen können, aber der Maler verstand es, die Klippen der Klischees zugunsten einer reinen Malerei zu umschiffen, versichert Schulz: "Brandl konnte sehr wohl auch naturalistisch malen, und angesichts stiller Bergseen oder schneeglänzender Gipfel musste das Adjektiv 'romantisch' zwangsläufig fallen. Nur, dass Brandl nichts verklärte. Den Kampf gegen Naturzerstörung, den er politisch betrieb, trug er nicht auf die Leinwand. Und ein Riesenformat wie das Triptychon 'Apokalypse zur Schönen Aussicht' von 2020, knapp vier Meter hoch und drei mal jeweils sechs Meter breit, ist einfach nur die schiere Lust an roten, gelben und grünen Pinselstrichen und -hieben." In Österreich wird Brandl nun posthum honoriert.
Weitere Artikel: In Calbe sorgte die örtliche Denkmalschutzbehörde dafür, dass eine antisemitische Skulptur wieder an einer Kirche installiert wird, berichtet Ingeborg Ruthe in der BlZ. Die römischen Fresken von Sijena müssen das Nationalmuseum von Barcelona verlassen und finden, lesen wir bei Hans-Christian Rößler in der FAZ, nach einem Gerichtsurteil eine neue Heimat in einem Nonnenkloster. Ebenfalls in der FAZ bespricht Peter Kropmanns Robert Jüttes Buch über die Malerin Olga Meerson-Pringsheim. Im Tagesspiegel wiederum rezensiert Birgit Rieger "Die An- und Abwesenheit der Berliner Mauer", einen Fotoband der Fotografin Gesche Würfel. Ein Gemälde des Renaissancemalers Antonio Solario hängt bald wieder im Museum von Belluno, nachdem es eine veritable Raubkunstkarriere hingelegt hat, berichtet Marion Löhndorf in der NZZ. Ebenfalls in der NZZ schreibt Matthias Frehner zum Tod des Schweizer Künstlers James Licini.
Besprochen werden eine der Künstlerin Simin Jalilian gewidmete Ausstellung in der Berliner Galerie 68projects (taz), die Lovis-Corinth-Schau "Im Visier" in der Alten Nationalgalerie (Tagesspiegel, mehr hier), "From the Cosmos to the Commons" im Hamburger Planetarium und Stadtpark (Tagesspiegel), die Ausstellung "Kandinsky, Picasso, Miró et al. zurück in Luzern" im Kunstmuseum Luzern (NZZ) und Francis Offmans Schau "Weaving Stories" im Wiener secession (monopol).
Marlene Dumas, The Origin of Painting (The Double Room), 2018, courtesy Marlene Dumas, Foto: Peter Cox Eine solche Ausstellung wie "From Dawn till Dusk", die sich im Bonner Kunstmuseum dem Schatten in der Kunst der Gegenwart widmet, war lange nicht zu sehen, freut sich Stefan Trinks in der FAZ. Der "treueste Begleiter des Menschen" begegnet ihm hier nicht nur als trügerisches Abbild, sondern auch mit seinen "lichteren Aspekten": "Erst recht schafft das Hans-Peter Feldmann, wenn er dem Betrachter den Blick zugleich auf die Abbilder wie die Inbilder gewährt: Mit dem warm-nostalgischen Reiz eines Kinderkarussells kreisen die Dinge des Alltags vor uns, während ihre stark veränderten Schatten-Abbilder an der Wand einen Hexentanz aufführen, durch Schräglicht so übertrieben vergrößert, dass aus Mücken Elefanten werden. Feldmann bewirkt im abgedunkelten Museumssaal mit seinen ernsten Schattenspielen ein Nachdenken über das Scheinriesentum von Problemen und die Verzwergung von Realitäten, das man wider Erwarten mit einem Schmunzeln verlässt."
Museen, die in Russland nicht schließen mussten, werden zensiert und von fachfremden Managern geleitet, überhaupt herrscht ein "Klima der Angst", weiß Kerstin Holm, die sich für die FAZ unter anderem die erste - natürlich zensierte - Kunstbiennale in Nischni Nowgorod angesehen hat. Wie viele Ausstellungen derzeit in Russland ist sie dem Thema Ökologie gewidmet. Der Ukrainekrieg waren in der Schau tabu, es sei denn Kunstwerke verherrlichten die "militärische Spezialoperation": Unter dem der Johannes-Offenbarung entnommenen Titel 'Und ich sah eine neue Erde und einen neuen Himmel' versammelte sie religiös-realistische Monumentalgemälde von Xenia Tschchu-Galkina, die heroische Soldaten als unterirdische 'Atlanten' des zivilen Alltags darstellen, aber auch ein Porträt von Nationaldichter Puschkin, den der ultrapatriotische Künstler Dmitri Sarwa eine Pistole auf den Betrachter richten lässt. Im Mittelpunkt stand das Projekt 'Russischer Stil ist Stahl' (…), bestehend aus Metallplatten für schusssichere Westen, die Künstler aus vielen Regionen mit religiösen Symbolen dekorierten."
Weitere Artikel: Um den Besucherschwund während und nach der Corona-Pandemie aufzufangen, stampften Museen Kinderprogramme zwecks Inklusion aus dem Boden - nach den Kulturbudgetkürzungen fehlt jetzt schon wieder das Geld dafür, weiß Jonathan Guggenberger, der für die taz Kinderprogramme in Museen in Berlin und Hannover besucht hat. Derweil werden Museen zu "Schutzkammern im Klimawandel", freut sich Gerhard Matzig in der SZ: Der Dauerregen tut den Besucherzahlen gut.
Besprochen werden die Wang Bing-Ausstellung "The Weight of the Invisible" im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen in Düsseldorf (taz) und die Installation "Ein ungedeuteter Traum ist wie ein ungelesener Brief" des Künstlers Olaf Nicolai in der Synagoge Stommeln bei Köln (NZZ)
Für die FAZ verfolgt Andreas Kilb den Weg, den die Gemälde von Lovis Corinth und seiner Frau Charlotte Berend in der Nazizeit gegangen sind, in der Ausstellung "Im Visier!" der Alten Nationalgalerie. Zum hundertsten Todestag des Malers zeigt das Museum auch einige der Gemälde, die in der berüchtigten Schau "Entartete Kunst" zu sehen waren: "Eine ästhetische Logik der Verschonung ist nicht erkennbar: Das 'Trojanische Pferd' trägt stark expressionistische Züge, die 'Donna Gravida', in der sich Corinths schwangere Ehefrau verbirgt, knüpft dagegen an frühe Porträts des Malers an, während Charlotte Berends 'Selbstbildnis mit Modell' eindeutig ein Werk der Neuen Sachlichkeit ist. Berend stammte aus einer jüdischen Familie; 'Toledo', das Selbstbildnis und ein Porträt des Architekten Hans Poelzig blieben dennoch in Berlin. Die Selektion durch die Kunstwarte des Regimes muss hastig und wahllos vonstattengegangen sei, ein kurzer Blick genügte offenbar, um genehme von 'entarteten' Bildern zu trennen."
Der rechte Blogger Curtis Yarvin träumt davon, die Venedig-Biennale zu kapern, schreibt Niklas Maak in der FAZ. Wie das aussehen könnte, zeigt er in dem KI-generierten Film "Venice Biennale Coup", in dem er seinen Vernichtungsfantasien freien Lauf lässt: "In Venedig würde Yarvin gern die aus seiner Sicht viel zu woke, liberale Kunstwelt versenken. Titel seines Pavillons wäre 'The Home Coming of DOGE and the Museum of Dark Enlightenment'. Man könnte den Film als schrillen Unsinn abtun, wenn er nicht ziemlich präzise die seltsame Mischung aus Apokalyptik, Hass auf Liberale, Antidemokratismus, Angst vorm Untergang des Abendlandes und irrer Fantasy auf den Punkt bringen würde, die Teile der amerikanischen Techwelt auszeichnet."
Edges made by finding leaves the same size. Tearing one in two. Spitting underneath and pressing flat on to another. Brough, Cumbria. Cherry patch. 4 November 1984, 1984. Cibachrome photograph. Andy Goldsworthy. Courtesy of the Artist. Das Leben im ländlichen Raum "schlägt einem ins Gesicht wie der Gestank von Kuhdung, sobald man die Royal Scottish Academy betritt", ruft Jonathan Jones im Guardian. Und das ist durchaus positiv gemeint, denn noch kaum jemand hat die Natur in seine Werke einbezogen und ihr gehuldigt, wie der Künstler Andy Goldsworthy, dem die Royal Academy eine Retrospektive widmet: "Es ist unsere Verbindung zur Natur, die er wiedererwecken möchte, nicht auf stille, kontemplative Weise, sondern als Schock. Erde und Blut sind dasselbe, suggeriert er im eindrucksvollsten Raum. Er wird dominiert von einer ganzen Wand aus rissigem rotem Lehm, den er in den Lowther Hills in Dumfriesshire von Hand gesammelt hat. Der gewaltige Umfang und die feurige Farbe wirken eher amerikanisch als schottisch. Goldsworthy zeigt, dass dies auch ein großes Land ist. Das Werk heißt 'Red Wall': Die Röte ist alles. Im selben Raum zeichnet ein Video mit drei Bildschirmen eine alchemistische Performance auf, bei der Goldsworthy einen Stein in einem Fluss in Dumfriesshire reibt, um eine Schicht eisenhaltigen, reinen Rots freizulegen; das Rot erscheint als blutige Wolken im grünen Wasser."
Weitere Artiel: Auf den Bilder und Zeiten-Seiten der FAZ greift Bernd Eilert die Affäre um das ehemalige "Edith-Russ-Haus für Medienkunst" in Oldenburg auf: Stifterin Edith Russ war Mitglied der NSDAP, weshalb ihr Name zu Ostern 2025 aus dem Titel des Museums entfernt wurde. In der FAZ fragt Katja Petrowskaja, was KI-generierte Kriegsbilder mit unserer Wahrnehmung der Realität anstellen. Besprochen wird die Ausstellung "Toyin Ojih Odutola. U22 - Adijatu Straße" im Hamburger Bahnhof (tsp).
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die britische Malerin Rebecca Ackroydist für Beate Scheder (taz) seit der letzten Biennale in Venedig keine Unbekannte mehr, spannender fast findet sie die Künstlerin, die Ackroyd in der Ausstellung "Tage und Nächte" im Zürcher Cabaret Voltaire gegenübergestellt wird: Es handelt sich um die Psychoanalytikerin Emma Jung, Gattin von Carl Gustav Jung, die gerade erst als Künstlerin entdeckt wird: "Im Fokus ihres beruflichen Interesses lag vor allem der Prozess der 'Individuation', der Entwicklung eines Menschen zur eigen- und selbstständigen Persönlichkeit also, was sich aus vielen ihrer Zeichnungen und Malereien herauslesen lässt. ... Einem Kind in blauem Kleid begegnet man da unter anderem, das an eine schwere Holztür klopft oder dunklen Krähen gegenübersteht, einer Schutzmantelmadonna, die jedoch keine Menschen, sondern einen Baum voller Vögel und blühende Blumen unter sich birgt, einem Vulkan unterm Sternenhimmel, aus dem tiefblaue Lava fließt, Mauern und Gitterstäben ... Als Kunst sind diese nicht entstanden, Jung zeichnete, malte, schrieb, um Zugang zu ihrem Unbewussten zu erlangen."
Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Paula Rego. The Personal and the Political" im Essener Folkwang Museum, die aus explizit feministischer Perspektive vor allem auf Regos "differenzierten Blick auf Geschlechter- und Machtverhältnisse" fokussiert, wie Hubert Spiegel in der FAZ schreibt.
taz-Kritiker Ulf Erdmann Ziegler wird ein bisschen verrückt, wenn er in einer Ausstelllung in der Fondation Beyeler die Werke der US-amerikanischen Malerin und Zeichnerin Vija Celmins betrachtet. Die detailgetreuen Bilder "vom Erdboden in der Wüste, von Sternenhimmeln, von fallendem Schnee, von Spinnennetzen, Ozean, Wüste" - findet er sehr faszinierend. Aber sie stellen ihn vor ein "bildtheoretisches Problem". "Wollte man alle Details anschauen, würde man irre; nimmt man das Bild als grafisches Ganzes, hat man es verpasst. Celmins' Nachtbilder sind opake All-overs, die - als Gemälde - mehr über den Gegenstand sagen als die ihnen zugrunde liegenden Fotografien: Emanationen von Licht, aber eben nicht als Empirie, sondern als leibhaftige Erfahrung. Diese sickert tief ein in die irrlichternde Oberfläche. Dabei kippt der Status der Gemälde ins Objekthafte."
Weiteres: Thomas E. Schmidt widmet sich in der ZeitRafaels Werk "Madonna mit den Nelken", das in der Londoner National Gallery hängt und sehr wahrscheinlich eine Kopie ist. Besprochen wird die Ausstellung "Cézanne au Jas de Bouffan" im Musée Granet in Aix-en-Provence (FAZ).
Andreas Kilb staunt in der FAZ über die Ausstellung, die die Berlinische GalerieMarta Astfalck-Vietz, einer außergewöhnlichen Fotografin der Weimarer Republik, widmet. Die allesamt vor 1933 entstandenen ausgestellten Werke sind zu weiten Teilen im Atelier entstanden - und zeigen nicht zuletzt immer wieder die Künstlerin selbst. Eine "Spannung von Seelendurchleuchtung und Ichverlust" macht Kilb in diesen Bildern aus: "Je öfter sie vor die eigene Kamera tritt, desto stärker wird sie selbst zur Spielfigur. Ihr Körper, den sie unter dünnen Seidengeweben verbirgt und zugleich entblößt, reiht sich zwischen die Frauenakte, die Tänzerinnen, die expressiv gekrümmten Hände und blühenden exotischen Pflanzen vor ihrer Kamera als eine von vielen Routinen aus ihrem visuellen Repertoire ein."
Die "berührende Innerlichkeit der Moderne" machtMonopol-Autor Simon Elson wiederum auf der Insel Föhr ausfindig. Dort, genauer im Museum Kunst der Westküste, Alkersum, ist derzeit die Ausstellung "Mittsommer" zu sehen, die sich der nordischen Landschaftsmalerei widmet und eine Reihe von Raritäten präsentiert, die für gewöhnlich in Privatsammlungen verborgen sind. Elson ist begeistert: "Die süße Robbe auf dem fast Cinemascope-breiten 'Seehund auf einem Felsen' (1897) des Schweden Bruno Liljefors war schon vor 150 Jahren vom Aussterben bedroht. Wobei der dramatisch rote Himmel sicher keine Warnung aussprechen, sondern Schönheit zeigen sollte. Auf den meisten Bildern der Ausstellung, deren Zuordnung zur 'Stimmungslandschaft' haargenau passt, gibt es sie nämlich noch. Es gibt sie für immer: die in malerisches Freudenfeuer gebannte Einheit von Kosmos, Natur und Mensch."
Außerdem: Ulrich Schmid bespricht Noemi Smoliks Buch "Malewitschs Ohrfeige dem modernen Geschmack", dessen zentrales Argument, dass die russische Avantgarde weniger westliche als lokale bäuerliche und religiöse Traditionen fortschrieb, den FAZ-Rezensenten nicht überzeugt. Ebenfalls in der FAZ freut sich Gerald Felber über die vielen ehrenamtlichen Helfer, die die Kulturhauptstadt Chemnitz in Schwung halten. Darius Kühner berichtet auf monopol von einer Kunstaktion an der Oder, die sich gegen eine Politik der Abschottung in Stellung bringt. Pia Pilsbacher hat im Standard sechs Tipps für Freunde der Outdoorkunst parat.
Besprochen werden die Stefan Bertalan gewidmete Schau "Ich habe 130 Tage mit einer Sonnenblume gelebt" im Badischen Kunstverein Karlsruhe (taz), Slater Bradleys Ausstellung "Dragon Slayer" in der Berliner Pariochialkirche (taz), die Schau "European Realities. Realismusbewegungen der 1920er und 1930er Jahre in Europa" im Chemnitzer Museum Gunzenhauser (monopol), Mika Rottenbergs Ausstellung "Antimatter Factory" im Kunsthaus Wien (Standard) und "Yoshimoto Nara" in der Londoner Hayward Gallery (NZZ).
Eine Ikone der australischen Kunstszene feiert Guardian-Kritikerin Kelly Burke in der Art Gallery of New South Wales in Sydney. Janet Dawson, Pionierin der abstrakten Kunst in den Sechzigern, bekommt hier ihre erste Retrospektive gewidmet: "Dawsons frühe Beherrschung des tonalen Realismus zeigt sich im allerersten Werk der Ausstellung, einem exquisiten Selbstporträt, das sie im Alter von nur 18 Jahren malte. Unmittelbar rechts daneben ist eine Taube im postkubistischen Stil zu sehen, die ebenfalls etwa zur gleichen Zeit gemalt wurde und einen Vorgeschmack auf den wechselhaften Stil der Künstlerin gibt." Später entdeckte Dawson ihre Vorliebe für Naturphänomene, vor allem den Mond: "Bei einigen Werken malte sie das, was sie sah, mit Hilfe der Technik, wie zum Beispiel bei dem Werk 'Moon at Dawn through a Telescope' aus dem Jahr 2000: 'Dem Mond wohnt ohnehin eine wunderbare Poesie inne, aber Janet macht aus ihm etwas wunderschön Glühendes und Energetisches', sagt die Kuratorin Denise Mimmocchi."
Viel Streit gab es um das Deutsche Fotoinstitut (unsere Resümees): Nun wurde ein 5-Punkte-Plan für den Standort Düsseldorf festgelegt, berichtet Freddy Langer in der FAZ. Einiges ist aber noch unklar: "Noch aber ist nicht einmal die Trägerform geklärt. Und die finanziellen Mittel von jeweils gut vierzig Millionen Euro von Bund und Land stehen nur noch bis 2028 bereit, unter der Bedingung, dass bis dahin ein überprüfungsfähiges Angebot steht. Die Stadt Düsseldorf hingegen kann keine finanziellen Zusicherungen geben, will aber ihren Beitrag leisten, dass das Institut 'gedeihen kann'. Wie überhaupt auch noch nicht geklärt ist, wer für die jährlichen Ausgaben aufkommen wird. Bei den Nachlässen aber, so viel scheint klar, hofft man auf Schenkungen. Für Ankäufe ist kein Etat angedacht."
Weiteres: In der Welt berichtet Tilman Krause von den (sehr) erotischen Briefen, die Gustave Courbet an seine Bekanntschaft Mathilde de Svazzema geschrieben hat (und die diese erwiderte). Besprochen werden die Ausstellung "Fünf Freunde", die sich den New Yorker Künstlern Jasper Johns, Cy Twombly, Robert Rauschenberg, John Cage und Merce Cunningham im Museum Brandhorst in München widmet (SZ), die Ausstellung "Berlin, Paris und anderswo" mit Werken des Fotorafen Mario von Bucovich in der Kunsthalle Mannheim (FR), die Ausstellung "Niki de Saint Phalle, Jean Tinguely, Pontus Hulten" im Grand Palais in Paris (NZZ) und das Kunstprojekt "From the Cosmos to the Commons" mit Ausstellungen an verschiedenen Standorten in Hamburg (taz).
Fast atemlos umkreist Ursula Scheer für die FAZ die Rebecca Horn-Retrospektive "Cutting Through The Past" im Turiner Castello di Rivoli in Turin, die ein ganzes Künstlerinnenleben zeigt, das sich auffallend oft mit dem Zirkelförmigen befasst hat: "Mit belebt, zuweilen fast beseelt wirkenden Maschinen, hat Horn die Grenze zwischen Objekten und Organismen der Anmutung nach schon vor Jahrzehnten verwischt - und vorausgedeutet auf digitale Entwicklungen unserer Tage. Zirkelbewegungen wiederum zeichnen ihr Werk auch dahingehend aus, dass die Künstlerin sich immer wieder im Rückgriff auf zuvor Erarbeitetes schöpferisch voranbewegte. Das vollzieht die Ausstellung nach. Die 1964 gefertigte Zeichnung 'Lippenmaschine' legt eine prothetische Erweiterung des Körpers nahe, wie sie Horn mit Freunden in Performances der Siebziger etwa als 'Einhorn' mit Flügeln unter den Armen oder 'Bleistiftmaske' realisierte."
Weiteres: Jan Kage interviewt für monopol die DDR-Künstler Beate Düber und Jan Kummer.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Gern hätte Andreas Kilb (FAZ) auch etwas vom Spätwerk der deutsch-jüdisch-südafrikanischen Expressionistin Irma Stern gesehen, zudem macht es sich die aktuelle Ausstellung im Berliner Brücke-Museum zu leicht, wenn es um die innere Entwicklung der Künstlerin geht, die zwar einerseits rassistisch verfolgt wurde, anderseits aber "als bürgerliche Weiße im Apartheidregime ihrer Heimat auch in höchstem Maße privilegiert" war, so Kilb. Dennoch, die Ausstellung ist unbedingt sehenswert, zeigen doch schon ihre Porträts die Ambivalenzen der Künstlerin. Sie zeugen "vom Stolz und der Würde ihrer nicht weißen Modelle. Denn Irma Stern hat nicht nur Königinnen wie Rosalie Gicanda gemalt, sondern auch Hausangestellte, Näherinnen, Bananenpflückerinnen, Steinbrucharbeiter, junge Araber in Dakar und malaiische Musiker auf Sansibar. Die Ikone der Berliner Ausstellung ist das 1955 entstandene 'Maid in Uniform'. Es zeigt eine dunkelhäutige Frau mit weißer Schürze und Haube und verschränkten Armen. Das Gesicht ist, wie bei der 'Watussi Queen', expressionistisch gelängt, Mund und Augen übergroß, die Stirn durch einen Lichtfleck aufgehellt. Der Blick aber geht trotzig zur Seite, in eine Welt jenseits des Bildes."
Im Standard ist Stefan Weiss dankbar, dass die Wiener Albertina der 2022 verstorbenen "Lichtpoetin" Brigitte Kowanz eine erste überfällige Retrospektive widmet. Mit ihren Installationen aus Leuchtstoffröhren suchte Kowanz bei aller Technikbegeisterung stets die "Rückkoppelung zum Menschlichen", so Weiss: "Seit den 80er-Jahren war Kowanz von binären Codes aus Nullen und Einsen fasziniert, die allem Digitalen zugrunde liegen. Und vom Morsecode, jener Sprache aus langen und kurzen Zeichen, die akustisch, durch Licht oder als Striche und Punkte wiedergegeben werden kann. In ihren Spätwerken ließ sie die maßgeblichen technologischen Entwicklungen der letzten 30, 40 Jahre Revue passieren, betitelt mit Google, Wikipedia, iPhone oder fast schon antiquiert: Email. Auch das Internet selbst, 1989 erstmals am CERN vorgestellt, verarbeitet sie in einer Arbeit aus Spiegel und Neonröhre, die so gebogen wurde, wie sie es selbst zuvor handschriftlich skizziert hatte."
Budgetkürzungen, Attacken durch die AfD sowie durch eine offen israelfeindliche Kunstszene, nicht zuletzt die Restitutionsdebatte - Museen und Ausstellungshäuser stehen zunehmend unter Druck, schreibt Sophie Jung in einem taz-Zustandsbericht. Überhaupt seien Museen zur "Plattformen gesamtgesellschaftlicher Konflikte" geworden: "Öffentliche Kulturhäuser scheinen noch immer verunsichert zu sein, wie sich Grenzüberschreitungen erkennen und moderieren lassen - und neigen mitunter zu gefährlichen Verrenkungen. Bei der Berlin Biennale soll man gefürchtet haben, einen Text auszulegen, allein weil darin - und losgelöst vom Nahostkonflikt - der Begriff 'Genozid' fällt. (…) Um von einem gereizten Klima so nicht zerquetscht zu werden, haben manche Museen Verhaltenskodizes eingeführt. Der Kunstkritiker Carsten Probst vermutet jedoch in der aktuellen Texte zur Kunst, dass gerade solch softe Kontrollmechanismen die Institution 'erstarren' ließen, sie würden 'gezähmt'."
Weitere Artikel: Da die Porträts von Angela Merkel und Olaf Scholz in der "Ahnengalerie" im Kanzleramt ohnehin noch fehlen, fordert Julia Encke in der FAS, Schluss zu machen mit dieser unzeitgemäßen Tradition. Für die SZ sieht sich Laura Weissmüller im neuen East Storehouse des Victoria and Albert Museum in London um (mehr hier). In der Welt fragt sich Gesine Borcherdt, ob Candice Breitz bei ihrem jüngsten Auftritt in der Neuen Nationalgalerie (unser Resümee) "bei klarem Verstand war". Paul Jandl weist Breitz in der NZZ derweil auf die Komplexität von Schlingensiefs Arbeiten hin.
Besprochen werden Slater Bradleys Installation Dragonslayer in der Berliner Parochialkirche (Tsp), die Ausstellung "Euforia" im Museo Madre in Neapel, die das Werk der italienischen Künstlerin Bianca Menna zeigt, die unter dem männlichen Pseudonym Tomaso Binga Karriere machte (FAS) und die Ausstellung "Elisabeth Schrader. Lieber woanders" in der Berliner Galerie Esther Schipper (Welt).
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