Katar ist der einzige Staat, der nach dreißig Jahren wieder einen Länderpavillon auf dem Hauptgelände der Giardini in Venedig bekommt, nun steigt das Emirat als Mitveranstalter der Art Basel ein, gleichzeitig verlagern Galerien, Auktionshäuser und Museen ihre Aktivitäten zunehmend in die kaufkräftige Golfregion. Zu den Verletzungen der Menschenrechte schweigt der Kunstbetrieb hingegen zumeist, kritisiert Gesine Borcherdt in der Welt. Sie verweist auf den Artikel "How Katar bought America" in der Online-Zeitung The Free Press, der die Lobbyarbeit Katars recherchierte: "Laut dem Artikel hat Katar 100 Milliarden Dollar in Politik, Medien und Universitäten investiert und 225 Millionen seit 2017 für Lobbyarbeit und PR in Washington. Noch nie wurde eine demokratische Supermacht so schnell und konsequent unterwandert, zumal von einer absoluten Monarchie, die, wie der Artikel argumentiert, dem radikalen Islamismus offenbar auch aus ideologischen Gründen nicht abgeneigt ist." Aber es ist nicht nur das Geld, das die Kunstwelt und den Golfstaat verbindet, so Borchardt, sondern auch der Antisemitismus: "Genau hier gibt es eine gruselige Überschneidung mit dem Kunstbetrieb. Dessen lauter, linker Teil, bestehend aus propalästinensischen Künstlern, Kritikern und Kuratoren zelebriert den Hamas-Terror als 'Widerstand' und will Israel von der Kunstlandkarte wischen. Mit Kufiyas und Palästinenserflaggen wird links dasselbe gefordert, was Katar mit hyperkapitalistischem Bling-Bling erreichen will."
Geradezu beispielhaft dafür steht die südafrikanische jüdische Künstlerin Candice Breitz. Sie fiel zuletzt nicht nur mit Aktivismus gegen Israel auf, sondern warf Deutschland auch "McCarthyismus" vor und solidarisiert sich mit der antiisraelischen Boykott-Bewegung Strike Germany, erinnert Hannes Hintermeier, der in der FAZ nur den Kopf darüber schütteln kann, dass die Neue Nationalgalerie Breitz kürzlich zur Veranstaltung "Zerreißprobe Talks" lud: "Verkleidet ist sie an diesem Abend als Christoph Schlingensief - so, wie der 1999 in seiner Performance 'Deutschland versenken' aufgetreten ist, als orthodoxer Jude mit Schläfenlocken und Hut, dazu einen Deutschlandschal. Irgendwie, so stellt sich in der Fragerunde am Ende heraus, will Breitz damit das 'Jewfacing', wie sie sagt, also das gewaltsame Aneignen jüdischer Kultursymbole durch den vermeintlichen deutschen Nazitäter-Erben Schlingensief, kritisieren. Sie könnte aber auch als Mitglied der holocaustrelativierenden jüdisch-orthodoxen Messias-Sekte Neturei Karta durchgehen. Deren antizionistische Inhalte teilt Breitz online oft."
Bild: Ausstellungsansicht "Wotruba International", Belvedere 21. Foto: Johannes Stoll Im Standardfreut sich Katharina Rustler, dass das Wiener Belvedere 21 dem österreichischen Bildhauer Fritz Wotruba nach dreißig Jahren endlich wieder eine Ausstellung widmet. Selten ließ sich die stilistische Entwicklung Wotrubas so gut verfolgen: "Beispielsweise wie sich der Bildhauer nach seiner Rückkehr aus dem Schweizer Exil 1945 nach Wien vom klassizistischen Stil verabschiedete und einer kubischen Zerlegung des Körpers zuwandte. Während seine 1946 entstandene Stehende (Weibliche Kathedrale), die er angeblich aus einem Steinblock des schwer beschädigten Stephansdom schlug, noch einer realistischen Formensprache folgt, sind die Körperteile seines Denkers aus dem Jahr 1948 bereits in stereometrische Grundformen gestückelt. Die Abstraktion begann."
Nach dem Besuch der 13. Berlin-Biennale, die sich dieses Jahr "Widerstand, Justizwillkür und Ökozid" widmet, platzt Cornelius Tittel in der Welt der Kragen: "Wann und warum wurden 'politische' Kunstvermeidungs-Ausstellungen wie die 13. Berlin Biennale mit Steuermillionen subventionierte Norm", fragt er angesichts dieses "qualvoll anzusehenden Erstickungstodes der Ästhetik zu Händen der Moral ... Grob gesagt beschäftigt sich die eine Hälfte der mehrheitlich aus dem 'Globalen Süden' stammenden internationalen Künstler damit, Artefakte und Erinnerungen ihrer vergangenen Proteste gegen diverse Unrechtssysteme zu sammeln und auszustellen, während die andere Hälfte in Koch-Tutorials, auf bestickten Küchenhandtüchern oder gleich in trockenen Archiv-Installationen die traumatischen Kolonialgeschichten ihrer Herkunftsländer aufarbeiten." Verantwortlich dafür macht Tittel auch die Bundeskulturstiftung - "Es ist ein offenes Geheimnis, dass auch hier die für jede Sonderausstellung dringend benötigten Zusatzgelder vor allem dann fließen, wenn in Förderanträgen Buzzwords wie Inklusion, Barrierefreiheit, Partizipation und Nachhaltigkeit vorkommen" - und ein akademisches Milieu, das den "intellektuellen Überbau" liefert.
Weitere Artikel: Am Sonntag feiert das C/O Berlin sein 25-jähriges Bestehen. Die Schauspielerin Charlotte Rampling, die als Ehrenmitglied im Kuratorium sitzt, schreibt zu diesem Anlass einen kleinen Gastbeitrag in der SZ über ihre Liebe zur Fotografie - und fordert auf, für das C/0, das als gemeinnützige Organisation eingetragen ist zu spenden. In der FAZ freut sich Andreas Kilb, dass die barocke Galerie Friedrichs des Großen im Neuen Palais in Potsdam, die auch zwei Gemälde von Artemisia Gentileschi zeigt, nach drei Jahrzehnten wieder öffentlich zugänglich ist.
Besprochen wird die große Yoshitomo-Nara-Retrospektive in der Londoner Hayward Gallery (Zeit, mehr hier), die Ausstellung "Berlin Eins - die Neunziger" im Berliner Haus am Kleistpark (taz, mehr hier), die Gruppenausstellung "Moonstruck" des Kunstkollektiv KUNZTEN im Berliner Flutgraben e. V. (taz), die Ausstellung "Overture" von Absolventen und Absolventinnen der Städelschule im Frankfurter Städel (FR) sowie die LeonoraCarrington-Doku "Fantastische Surrealistin" in der Arte-Mediathek und der Film "Leonora im Morgenlicht" von Thor Klein (FR).
Warum ist die Ngonnso, eine Statue, die dem Volk der Nso als Mutter, Göttin und Königin gilt, noch immer in Berlin? Dorthin kam sie durch Kolonisatoren, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hatte 2022 einer Rückgabe nach Kamerun zugestimmt. Das Problem nun, laut Paul Munzingers SZ-Reportage: In Kamerun ist man uneins darüber, wem genau die Ngonnso rückerstattet werden soll. Der Fon, der traditionelle Führer der Nso, erhebt Ansprüche. Deutschland verhandelt jedoch mit der kamerunischen Regierung. Hugues Heumen, der dortige Beauftragte für Beutekunst, erklärt Munzinger, warum sich die Sache in die Länge zieht: "Dass die Ngonnso noch immer in Berlin ist, habe einen einfachen Grund. Keiner der vier Landesteile Kameruns - darauf lege Präsident Biya größten Wert - solle bei den Rückführungen bevorzugt werden. Weder das Grasland im Westen, wo die Nso leben, noch die Küstenregion, das südliche Waldland oder die Sahelregion im Norden. Anders gesagt: Die Ngonnso werde man erst zurückfordern, wenn auch für andere Landesteile Rückgaben vereinbart sind. So weit sei man noch nicht. Aber fast."
Weiteres: Marina Abramovich erhält, wie mehrere Medien melden, den diesjährigen Praemium Imperiale für Kultur. Im Standard sind auch die anderen Preisträger nachzulesen. Besprochen werden die Ausstellung "Dokumentarfotografie. Förderpreis der Wüstenrot Stiftung" im Museum für Photographie, Braunschweig (taz) und "Rochelle Feinstein: The Today Show" im Ludwig Forum, Aachen (monopol).
Weiteres: In der FR blickt Arno Widmann zurück auf siebzig Jahre documenta. Besprochen werden die Camille Pissarro-Ausstellung "Mit offenem Blick" im Museum Barberini in Potsdam (FR) und die Ausstellung "Irène Zurkinden. Die Liebe, das Leben" in der Kulturstiftung Basel H. Geiger (NZZ).
Nicht nur aufgrund der aktuell politisch ziemlich dunklen Lage findet Alexandra Wach für Monopol die Ausstellung "From Dawn Till Dusk - Der Schatten in der Kunst der Gegenwart" im Kunstmuseum Bonn spannend und brisant: So "schlägt die Videoinstallation der 2013 verstorbenen Iranerin Farideh Lashai düstere Töne an und liefert posthum den Kommentar der Stunde. Sie basiert auf Goyas ikonischer Druckserie 'Schrecken des Krieges'. Lashai entfernte die Figuren und ließ nur die Landschaftselemente übrig, um sie in einem abgedunkelten Raum mit animierten Bildern zu präsentieren, die von einem beweglichen Scheinwerfer darauf projiziert werden. Bei Beleuchtung erscheinen Goyas Figuren flüchtig auf den Drucken, dann verhüllt der Schatten wenige Sekunden später die Brutalität ihrer Taten. (…) Metaphysische Ängste des Individuums gilt es dagegen bei Vito Acconci durchzustehen. Wenn sich der Videokunst-Pionier dabei filmt, wie er verzweifelt gegen den eigenen Schatten boxt, scheint sich sein Körper in einem sinnlosen Kampf in der Tradition der Sisyphus-Sage zu verausgaben. Der gelenkige Schatten gewinnt immer."
Weiteres: Die tazbesucht den kubanischen Künstler Michel Mirabal in seinem Atelier.
Besprochen werden: "Stand up! Feministische Avantgarde" im Sprengel Hannover (taz), "Peter Fischli: People Planet Profit" im Luma Arles (NZZ), "Art brut - Dans l'intimité d'une collection" im Grand Palais des Centre Pompidou (FAZ) und "Unbeschreiblich weiblich" im Dieselkraftwerk Cottbus mit Kunstwerken von DDR-Künstlerinnen und Künstlern (FR).
Laura Helena Wurth (FAS) sieht die Zukunft der Kunst auf der "Autostrada Biennale" im kriegsgezeichneten südkosovarischen Prizren: Kein Wanderzirkus von Großkünstlern wird hier geboten, statt dessen geht es um den Ort selbst und die Menschen, die dort leben, so Wurth. "Die Ausstellungsorte liegen mitten in der Stadt, und wenn man von einem zum anderen geht, begegnen einem die Besucher der Biennale, aber auch die Bewohner immer wieder. Genau so ist das wohl gedacht: dass zwei ältere Frauen mit Kopftüchern vor der Arbeit von Doruntina Kastrati stehen, ihre Telefone zücken, sich am Kopf kratzen, ein Bild schießen und sich dann wieder mit großem Interesse den neu eingebauten Steckdosen im alten Hammam zuwenden. ... Kastrati zeigt hier "eine Neuproduktion, die sich so nahtlos in den Hammam einfügt, dass man einen Moment braucht, um zu verstehen, was Kunst ist und was Überbleibsel der Baustelle sind. Kleine, zerbrochene Amphoren und Krüge hat sie auf runden Tischen angeordnet, die auch als Sitzgelegenheiten funktionieren."
Warum nicht ein Ausflug nach Cottbus an diesem Wochenende? Wie gestern Freddy Langer in der FAZ (unser Resümee) ist heute auch taz-Kritikerin Katrin Bettina Müller hin und weg von der Ausstellung "Unbeschreiblich weiblich" im Dieselkraftwerk Cottbus über Frauenbilder in der DDR: "Nicht nur, weil man viele wenig bekannte Künstler kennenlernt, sondern auch durch die Mischung von repräsentativen und metaphorischen Positionen." Flankiert wird die Ausstellung von einer Kabinettausstellung über Punk und jugendliches Rebellentum und einer Schau aus den Plakat- und Grafiksammlungen über Kommunikationsformen, "die unter dem Radar der staatlichen Kontrolle liefen".
Weiteres: Bettina Wohlfarth besucht für die FAZ den Garten des Künstlers Bernar Venets in Le Muy an der Cote d'Azur. Tilman Krause gratuliert in der Welt der Berliner Museumsinsel, die ihren 200. Geburtstag mit der Ausstellung "Grundstein Antike. Berlins erstes Museum" im Alten Museum feiert. Besprochen werden Ausstellungen der Fotografinnen Candida Höfer im Hessischen Landesmuseum Darmstadt (FR) und Petra Gall im Schwulen Museum Berlin (Tsp).
"Fulminant" findet Freddy Langer in der FAZ die Ausstellung "Unbeschreiblich weiblich. Frauenbilder in der DDR" im Dieselkraftwerk Cottbus, die sich in mehr als neunzig Werken auf die Spur der "legendären Ostfrau" begibt: "Bei aller Vielfalt in der Auswahl, die mit prominenten Künstlern von Curt Querner und Max Lachnit über Wolfgang Peuker und Arno Rink bis Clemens Gröszer und Angela Hampel reicht und bedeutende Fotografen wie Tina Bara und Gundula Schulze Eldowy oder Eva Mahn und Günter Rössler mit einschließt, ist Caroline Kühnes (Kuratorin der Schau, Anm. d. Red.) Vorliebe für strenge, kantige, verhärmte Gesichter und Figuren bis an die Grenze der Zerrissenheit nicht zu übersehen. Damit dominiert eine gewisse Kälte, weit entfernt von der staatlich verordneten Glückseligkeit des sozialistischen Menschen. Mag sein, dass sich darin ein Leben in der Mangelwirtschaft und unter den Gängeleien einer Diktatur widerspiegelt. Möglich auch, dass das Bröselnde, Verfallende des Lands gemeint war."
Das Museum sei einer "Restitution gegenüber natürlich offen", sagt im Monopol-GesprächKathleen Reinhardt, Direktorin des Berliner Kolbe-Museums, der erstmals in der FAZ vorgeworfen wurde, sie verschleiere den Raubkunst-Hintergrund des berühmten Tänzerinnen-Brunnens (Unser Resümee). Die Vorwürfe hätten sie überrumpelt, sei sie es doch gewesen, die die Recherchearbeit angestoßen habe: "Seit Anfang dieses Jahres konnten wir direkten Kontakt aufnehmen, seit Mai dieses Jahres wissen wir von einem Anwalt, dass Teile der Nachfahren wahrscheinlich die Verzichtserklärung von 2001 nicht kennen oder ihr nicht zustimmen. Das Kolbe-Museum hat das, was Stahl nicht nur mit seiner faktischen Enteignung angetan wurde, auch immer als das bezeichnet, was es ist: ein unverzeihliches, maßloses Unrecht. Wir haben allerdings den Begriff 'Raubkunst' nicht benutzt. Rückblickend stelle ich fest, dass wir mit der Nutzung des Begriffes Unklarheiten hätten vermeiden können."
Weitere Artikel: Im taz-Gespräch mit Sophie Tiedemann erzählt die bosnische Künstlerin Sejla Kameric die Geschichte hinter ihrer berühmt gewordenen Arbeit "Bosnian Girl". Im Welt-Gespräch mit Martina Meister erzählt Didier Fusillier, Direktor des Verbunds der französischen Staatsmuseen und Schlösser, wie er das wiedereröffnete Grand Palais in Paris mit Tanzaufführungen, After-Partys und DJ-Sets populär machen will. In der FAZ schreibt Oliver Maria Schmitt den Nachruf auf den im Alter von 76 Jahren gestorbenen Maler und Karikaturisten Ernst Kahl. Nachdem die wohl bekannteste Kirchenstatue Spaniens, die María Santísima de la Esperanza Macarena Coronada aus Sevilla bei einer Renovierung verunstaltet wurde, ist sie nun an das Andalusische Institut für Historisches Erbe überstellt worden, um restauriert zu werden, berichtet Rainer Wandler in der taz. In der NZZ verkündet Marion Löhndorf erfreut, dass der 70 Meter lange Teppich von Bayeux, der zum Unesco-Welterbe gehört und in Frankreich aufbewahrt wird, ab kommendem Jahr als Leihgabe im British Museum zu sehen sein wird. Im Guardianschreibt Kim Willsher zum Thema.
Erst im Alter von 80 Jahren begann die australische Aborigines-Künstlerin Emily Kame Kngwarreye zu malen - in nur sechs Jahren schuf sie mehr als 3000 Gemälde, staunt Adrian Searle (Guardian), der ihre Werke in einer Ausstellung der Londoner Tate Modern bewundert, wenn ihm letztlich auch der Zugang fehlt: "Pfeilformen entpuppen sich als die Fußabdrücke von Emus im Sand, die auf ihrem Weg von hier nach dort eine Pause einlegen, um Früchte, Getreide oder Insekten zu fressen. … Manchmal sind die Bilder akribisch geordnet, ein anderes Mal krabbelt eine Linie überall herum, rollt und schwenkt über die große Leinwand. Es gibt Schneestürme von Punkten, durchscheinende weiße Linien, die das Territorium der Leinwand kreuzen und wieder durchkreuzen, und nachdrückliche schwarze Linien, die eine weiße Oberfläche mit Zeichen durchziehen, die fast zusammenhängen - aber zu was?"
In der SZ kommt Jörg Häntzschel - nach Hubertus Butin in der FAZ (unser Resümee) - auf die Geschichte um Georg Kolbes Tänzerinnen-Brunnen für den in Theresienstadt ermordeten Versicherungsdirektor Heinrich Stahl zurück: Kathleen Reinhardt, Museumsdirektorin des Berliner Kolbe Museum, in dessen Garten der Brunnen steht, wollte in diesem Fall von Raubkunst nichts wissen, sondern veröffentlichte eine "ambitionierte 80-seitige Publikation ... Und ja, auch die Geschichte von Heinrich Stahl, seinem Tod im KZ und dem Zwangsverkauf wird detailliert erzählt. Doch so wortreich diese Texte sind, ein paar entscheidende Wörter fehlen, darunter 'geraubt' und 'verfolgungsbedingt entzogen'. Stattdessen heißt es, der Käufer habe die Villa samt Brunnen 'zu einem Spottpreis erworben'." Versäumnisse räumt Reinhardt der SZ gegenüber ein, die Publikation zurückziehen will sie nicht.
Dafür sieht Tobias Timm in der Zeit auch keinen Grund: "Recherchiert man dem vermeintlichen Skandal nach, zerbröseln die krassen Vorwürfe schnell. Das Museum selbst hat die Geschichte des Brunnens in den vergangenen Jahren akribisch aufgearbeitet. Und bereits vor Monaten wurde das Schicksal von Heinrich Stahl, der das KZ Theresienstadt nicht überlebte, in einem Ausstellungsraum thematisiert. Eigens erschien ein Katalogbuch, in dem mehrere Autorinnen alle greifbaren Informationen zum Tänzerinnen-Brunnen zusammengetragen und diskutiert haben."
Weitere Artikel: In der Zeit lässt Jolinde Hüchtker von dem US-amerikanischen Künstler Jordan Wolfson in der Fondation Beyeler einen Ganzkörper-Scan machen und sich die VR-Brille aufsetzen, um sich als Avatar von allen Seiten zu betrachten. In der FAZ hat Karlheinz Lüdeking wenig Freude daran, sich in der Ausstellung "Freischwimmen - Köpper in die Kunst" im Kunstmuseum Wolfsburg von einem "Activity-Guide" zum Haiku schreiben oder Roboter bauen animieren zu lassen.
Peter Richter besucht für die SZ die große Schau in der Hamburger Kunsthalle zu dem vor fünfzig Jahren auf hoher See verschollenen Konzeptkünstler Bas Jan Ader (siehe auch hier). Die Schau präsentiert einen, der heute fehlt, findet Richter, nicht zuletzt, weil sich in vielen Arbeiten Spielerisches und Ernstes miteinander verbinden: "In Hamburg haben sie eine Installation wieder aufgebaut, bei der graue Betonblöcke an dürren Stricken bedrohlich über Blumentöpfen, Eiern, Geburtstagstorten, Porträts lieber Menschen baumeln: 'Light vulnerable objects threatened by eight cement bricks'. Das ist ein Sinnbild wie aus dem Barock, wo zum Beispiel die berühmten holländischen Stillleben ja auch nur deswegen die Daseinsfreude so herausstreichen, um etwas über die Todesnähe zu erzählen."
Weitere Artikel: Elke Linda Buchholz schreibt im Tagesspiegel zum 25. Jubiläum der Berliner Kunstkirche St. Matthäus. Silke Hohmann unterhält sich für monopol mit dem c/o Berlin-Gründer Stephan Erfurt. Harff-Peter Schönherr berichtet in der taz über ein partizipatives Projekt des Kunstorts M.1 in Hohenlockstedt.
Besprochen werden die Stundenbuch-Ausstellung "Les Très Riches Heures du Duc de Berry" im französischen Schloss Chantilly (FAZ), Marius Berceas Schau "New Tenant Sunshine Noir" in der Bukarester Jecza Galerie (monopol), die Ausstellung "European Realities" im Museum Gunzenhauser Chemnitz (taz) und "A Heart Beats - Queere ukrainische Kunst im Fokus" im Berliner Schwulen Museum (taz).
Mehtap Baydu, Mitgift-Çeyiz-Dowry, 2024-25 Migration und Identität, Herkunft und Heimat, Geschlecht und Körper sind die Leitthemen der deutsch-kurdischen Künstlerin Mehtap Baydu - und die bringt sie in eine poetische Form, stellt Ingo Arend (taz) in der Ausstellung "Lass deinen Regen regnen" in der Kunsthalle Baden-Baden fest: "Eines der ersten Beispiele dieser unnachahmlichen Fähigkeit zur poetischen Formgebung ist die von Baydu erfundene Person des Osman. Auf einer Fotografie verkörpert die Künstlerin selbst den fiktiven, Fotografien der 60er Jahre nachempfundenen, 'Gastarbeiter', den sie 2009 erfolgreich einige Jahre in der Westerwald-Gemeinde Hachenburg anmeldete. In einem winterlichen Schneefeld auf einem Stuhl sitzend, gekleidet in einen steifen, dunklen Männeranzug nach Art der frühen Gastarbeiter, repräsentiert die Figur einen sozialen Typus. Zugleich unterläuft sie aber dieses Rollenbild als verwirrender, androgyner Zwitter, dessen Lippen ein feines Lächeln wie das der Mona Lisa umspielt."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Für die Welt spricht Michael Pilz mit dem vor allem für seine Kanzlerporträts von Helmut Kohl berühmt gewordenen Fotografen Daniel Biskup, dessen Bildband "Spuren" mit Aufnahmen von sozialistischen Wandbildern und Industrieruinen der Nachwendejahre gerade erschienen ist, über den Graben zwischen Ost und West: "Seit der Flüchtlingskrise fühlen sich manche sogar als Bürger dritter Klasse. Nach der Wahl 2017 war ich in Dorfchemnitz, dem ersten Ort, wo die AfD schon auf fast 50, auf 48 Prozent kam. Die einzige Politikerin, die dort war und mit den Leuten gesprochen hatte, war Frauke Petry. Dort hat sich auch das Narrativ verfestigt: Für die Flüchtlinge ist Geld da, für uns und unsere Orte nicht. Die AfD spielt solche Themen."
Weitere Artikel: Andreas Kilb betrachtet für die FAZ die Bronzen von San Casciano dei Bagni in der James-Simon-Galerie in Berlin. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "I'm searching" mit Werken des niederländisch-amerikanischen Künstlers Bas Jan Ader, der vor 50 Jahren auf einer Segeltour verschwand, in der Hamburger Kunsthalle (taz).
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Abbas Khider: Der letzte Sommer der Tauben Wie totalitäre Herrschaft in den Alltag dringt. Noah ist vierzehn Jahre alt und Taubenzüchter. Eines Tages flattern seine geliebten Tiere unruhig durch die Lüfte, über der…
Hartmut Berghoff: Trügerischer Wohlstand Vom Musterknaben zum Patienten? Die deutsche Wirtschaft seit der Wiedervereinigung Die Bundesrepublik befindet sich mitten in einer "Zeitenwende" und steht vor tiefgreifenden…
Liz Moore: Der andere Arthur Aus dem Amerikanischen von Cornelius Hartz. Wie in der Fürsorge für andere die eigene Rettung liegen kann Arthur Opp, ehemaliger Literaturprofessor, wiegt 250 Kilo und hat…
Kristof Magnusson: Die Reise ans Ende der Geschichte Ein Doppelagent will in Kasachstan ein letztes großes Ding drehen, ein Dichter hofft auf das Abenteuer seines Lebens und eine Italienischlehrerin versucht, das Schlimmste…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier