Im Freitag erzählt der Verleger JörgSundermeier, dass es auf der Facebook-Seite seines Verlags zu immer mehr antisemitischenKommentaren insbesondere aus der linken Ecke kommt, sobald die Postings auch nur irgendetwas mit jüdischem Leben oder Antisemtismus zu tun haben. Mittlerweile "wird jeder Text, in dem jüdisches Leben für schützenswert erachtet wird, angegriffen, jeden Tag müssen wir Hasskommentare löschen. Die Takes sind dabei erstaunlich. So wurde etwa unter die Nachricht vom Tod der Holocaustüberlebenden Bela Winkens geschrieben, dass dieser Post 'nur vom Genozid ablenken' solle. Kommt das Wort Antisemitismus in einem Buchtitel vor, so wird den Autor*innen oder Herausgeber*innen umgehend unterstellt, sie seien 'Kindermörder'. ... Wem zu allen jüdischen Menschen weltweit nichts anderes mehr als 'Kriegsverbrecher' oder 'Kindermörder' einfällt, der übertreibt oder polemisiert nicht etwa, nein, der bestätigt nur das Satre'sche Diktum, demzufolge der Antisemitismus 'keine Denkweise' sei, sondern 'eine Leidenschaft'."
Weiteres: Statt auf DenisScheck verbal einzuschlagen, "sollte einem eher ein Kritiker leidtun, der so schwingungsfrei auf die Gegenwart und ihre literarischen Entsprechungen reagiert", kommentiert Mara Delius in der Welt. Alexander Kluy führt im Standard in beeindruckendem Umfang und mit vielen Lesetipps durch die Geschichte Buch gewordener TagebüchervonLiteraten und anderen Zeitzeugen. In der FAZ porträtiert Wolfgang Schneider den Hörbuch-Sprecher JulianMehne.
Besprochen werden unter anderem SiriHustvedts "Ghost Stories" (Standard), BenRakidžijas "Briefe aus meinem Garten" (Standard), BenjaminMaacks "Bewerbungen um einen Job als Mensch: Ein Depressionstagebuch" (Standard), PaulChristophGäblers "36 Boys - Wie eine Kreuzberger Gang zur Legende wurde" (taz), die von AgnesMann gelesene Hörbuchfassung von PascaleHugues' "So voller Leben" (FAZ), OisínMcKennas in Großbritannien gefeierter Debütroman "Hitzetage" (SZ) und ElizabethStrouts "Erzähl mir alles" (NZZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Bestellen Sie bei eichendorff21!In der Perlentaucher-Kolumne "Wo wir nicht sind" stellt Benita Berthmann Tete Loepers "Shut up and hide!" vor, Erinnerungen an den Genozid an den Tutsi in Ruanda, den die Autorin als Vierjährige nur knapp überlebte. "Wie die Hutu sie einkreisen, vermittelt Loeper in einer unmittelbar einleuchtenden Bildsprache, die den Blickwinkel des Kindes mit der Dringlichkeit der Erfahrungen verknüpft. Die brandschatzenden Horden, die auf ihre kleine Welt im Lehmhaus zukommen, erlebt sie so: 'Immer wieder stiegen Flammen am Horizont auf, wie brennende Vögel, die über unser Haus hinwegzogen. Die Geräusche wurden lauter, die Schreie verzweifelter, doch Mama betonte immer wieder, es sei nichts Schlimmes.' Die Eltern wollen ihre Kinder abschirmen, doch die Flüchtlinge, die am Dorf vorbeiziehen, bilden eine Prozession des Unbehagens, die bei Tete eine unheimliche, unbestimmte Furcht auslösen. Und gerade weil sie so unbestimmt ist, erfasst sie sie ganz, ist uferlos."
Ohne DenisScheck zu verteidigen, ruft Julia Hubernagel in der taz in Erinnerung, dass sich in dieser Causa mit IldikóvonKürthy, ElkeHeidenreich und SophiePassmann bestens situierte Bestsellerinnen zu Wort melden, während der überwältigende Teil der Literaturkritik - von Scheck mal abgesehen - von dieser Arbeit nicht ernsthaft leben kann. Auch daher erklärt sich vielleicht, dass die deutsche Literaturkritik - nochmal, von Scheck mal abgesehen - bei Verrissen üblicherweise zaudert, denn "auch der ein oder andere Kritiker hat bereits einen Buchvertrag unterzeichnet." Doch "wer mit spitzer Feder kritisiert, macht sich im literarischen Betrieb nicht unbedingt Freunde, so die Befürchtung. Dass ausgerechnet dieser Tage die vermeintlich zu scharfe Literaturkritik ins Fadenkreuz gerät, ist schon etwasabsurd."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weiteres: Leonie C. Wagner spricht in der NZZ mit Deborah Levy über GertrudeStein, über die die Schriftstellerin eben ein (in Deutschland für Juli angekündigtes) Buch geschrieben hat. In "Bilder und Zeiten" der FAZ schreibt der SchriftstellerHansChristophBuch einen Nachruf auf seinen KollegenPeterSchneider (weitere Nachrufe hier). Paul Ingendaay erzählt in der FAS von seinem Treffen mit James Prichard, dem Urenkel von AgathaChristie, der heute deren Erbe verwaltet. ShenHaobo erinnert sich in "Bilder und Zeiten" der FAZ ans ChinaderNeunziger, als das Land einerseits ein erhebliches Wirtschaftswachstum zeigte und er andererseits an der Universität zu studieren - und zu dichten - begann. Ebenfalls in "Bilder und Zeiten" erinnert Eckhardt Köhn an die Schauspielerin, Schriftstellerin und frühe Suhrkamp-Lektorin AnnemarieSeidel. Alexander Košenina wiederum erinnert im "Literarischen Leben" der FAZ an den Leipziger Dichter und Pädagogen ChristianFelixWeiße, der im Bereich des psychologischen Romans, der Kinderliteratur und des Singspiels Pionierarbeit leistete.
Besprochen werden unter anderem ChristophPeters' "Entzug" (taz, Presse), JudithSchalanskys "Marmor, Quecksilber, Nebel - Woraus die Welt gemacht ist" (online nachgereicht von der Welt), EliasHirschls "Schleifen" (taz), DieterBongartz' postum veröffentlichter Roman "Vaterland" (FR), ThomasStöltings "Franco muss vergessen werden. Der Spanische Bürgerkrieg und das Erinnern" (taz), DouglasStuarts "John of John" (FAS) und ThomasHettches "Liebe" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
In der Frankfurter Anthologie schreibt Christian Metz über Saids "Die Haustür ist offen":
"Die Haustür ist offen und der Gang ganz dunkel ..."
"Sexismus darf in der Literaturkritik wie anderswo keinen Platz haben", stellt Michael Wurmitzer im Standard zur aktuellen CausaScheck fest, "man sollte mit dem Sexismusvorwurf aber auch bedacht umgehen". Wilhelm von Sternburg erinnert in der FR an den Schriftsteller und Holocaust-Überlebenden SomaMorgenstern, der vor fünfzig Jahren gestorben ist. Die Jury des Tagesspiegel hat entschieden: Das sind die zehn besten Comics des Quartals - mit AlisonBechdels"Kaputt" auf der Spitzenposition. Besprochen wird unter anderem SvenjaLeibers "Nelka" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Auch ohne einen neuen Roman (aber immerhin mit einem Musikalbum und einem Gedichtband) "ist 2026 ein Michel-Houellebecq-Jahr", ist Nils Minkmar in der SZ überzeugt, denn der Schriftsteller "wirkt wie ein Symbol unserer Gegenwart", dessen Bücher unsere polykrisenhafte Gegenwart seit Jahren vorhersagen. Und im französischen Fernsehen "kommt der Houellebecq des Jahres 2026 nicht mehr als Mahner vor wissenschaftlichen Übertreibungen, er wirkt eher als Nachtwächter der europäischen Kultur", der dazu rät in den Archiven der europäischen Geisteskultur zu lesen. "Houellebecq bietet keine Lösungen und verbreitet auch keinen sprühenden Optimismus, er ist ja immer noch Michel Houellebecq - aber in seiner Überzeugung vom unausweichlichenüblenEnde liegt auch eine befreiende Botschaft. Die Zeit kann genutzt werden, nicht, um in einem aussichtslosen Kampf zu ermüden, sondern in der poetischenReflexion, in der Beschäftigung mit Geschichte und Wissenschaft, Kunst und Kultur."
"Nicht alles ist sexistisch, rassistisch, faschistisch oder sonst irgendwie -istisch, was Anstoß erregt", meint Christine Lemke-Matwey in der Zeit mit Blick auf den langsam wieder abflauenden Aufreger um DenisScheck und IldikóvonKürthy, "manchmal fehlt es einfach an Gelassenheit". Schließlich habe es in den letzten Jahrzehnten doch einiges an Fortschritt gegeben: "Wer wissen will, was Sexismus ist, führe sich auf YouTube den Streit zwischen Marcel Reich-Ranicki und Sigrid Löffler im 'Literarischen Quartett' (ZDF) vom Sommer 2000 zu Gemüte. Wie Löfflers Mundwinkel zittern und das Publikum sich auf die Schenkel schlägt."
Besprochen werden AnnettGröschners "Schwebende Lasten" (Zeit) und neue Sachbücher, darunter MarkusMesslings "Kulturtod und Reparation. Der Fall Champollion" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Christiane Lutz hält in der SZ wenig von der Kritik daran, dass der von einem spanischen Flughafenbetreiber finanzierte Aena-Literaturpreis für auf spanisch verfasste Literatur mit einem Preisgeld von einer Million Euro angeblich dekadent hoch dotiert sei (mehr dazu bereits hier). Eher fände sie generell mal etwas mehr Großzügigkeit angebracht: "Könnte sich nicht in Deutschland das ein oder andere Unternehmen dazu bewegen lassen, ebenfalls in Literatur zu investieren? Da findet sich doch sicher die eine oder andere Millionärin, die gern ein Förderprogramm für Autoren unterstützen würde. ... Hierzulande rühmt man sich, dass Kunst in vielen Bereichen eben nicht vom Geld einzelner Unternehmer oder so etwas Lästigem wie Publikumsvorlieben abhängig ist." Aber "auch in Deutschland sind die rosigen Kulturförderzeiten vorbei. Kulturetats werden gekürzt, das Gerangel um öffentliche Gelder wird wilder." Und "normalerfolgreiche Autoren (geschweige denn Übersetzer) haben in Deutschland ohnehin noch nie wirklich viel Geld verdient. Viele hangeln sich von Stipendium zu Stipendium, ein Bestseller reicht nicht aus, um sich zur Ruhe zu setzen."
Weiteres: Fridtjof Küchemann (FAZ) und Christine Knödler (SZ) melden, dass der KinderbuchillustratorJonKlassen mit dem Astrid Lindgren Memorial Award, dem wichtigsten Kinderbuchpreis der Welt, ausgezeichnet wurde. Besprochen werden unter anderem die Gesamtausgabe von ManfredSommers "Frank Cappa"-Comics (taz), NewshaTavakolians "And They Laughed at Me" (Intellectures), DavidVajdas "Diamanten" (NZZ), SteffenMartus' "Erzählte Welt. Eine Literaturgeschichte der Gegenwart, 1989 bis heute" (FAZ) und ChristianeRösingers "The Joy of Ageing" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Oliver Meiler blickt für die SZ in die französische Debatte um BoualemSansals Verlagswechsel zu Grasset im Verlag Hachette des als Patron rechtsextremer Stimmen geltenden Multimilliardärs VincentBolloré, der den Autor von Gallimard mit einem fürstlichen Honorar und einer fürstlichen Wohnung in sein Portfolio locken konnte - ein "Dolchstoß", wie viele im liberalen bis linken Spektrum in Frankreich meinen. "Sansal erklärte sich darauf in einem Gastbeitrag in Le Monde. Sein neues Buch, schreibt er, sei eine Kampfschrift, er wolle es als Akt des Widerstands verstanden wissen. Das könne er schlecht in einem Verlag publizieren, der sich während seiner Inhaftierung für eine weiche Linie entschieden habe. Er halte es deshalb für ehrlicher, den Text in einem Verlag zu publizieren, der auf seiner Linie sei. Und überhaupt: Ein Verlagswechsel sei doch banal. Für Bolloré jedenfalls ist er ein politischerCoup. Sehr überraschend ist er allerdings nicht", denn "Sansal redet schon seit einer Weile so wie Frankreichs Rechtsextreme - und wie die Meinungsmacher auf Bollorés reaktionären Fernseh- und Radiosendern".
Wörtlich sagt Sansal in Le Monde: "Ein Intellektueller sollte mit allen sprechen. Ich weigere mich, mich im Hinblick auf meine Gesprächspartner selbst zu zensieren, und ich spreche mit allen, von ganz links nach rechts. Ich wurde von der Linken unterstützt. Dann, nach einer Reise nach Israel, verblasste diese Unterstützung. So ist es nun einmal."
Es wird ja gerade über Denis Scheck diskutiert, der gerne Bücher in die Tonne wirft. Aber Bücher-in-die-Tonne-werfen ist keine Leichtigkeit, lernt man auf einer Seite namens book-talk.de. Auf dieser Seite, einer "Marke der Correctiv Recherchen für die Gesellschaft gemeinnützige GmbH", kann man bei Denis Scheck sogar in Workshops lernen, wie man ein Buch so richtig in die Tonne kloppt. Der Workshop hat sieben Kapitel, zum Beispiel "Kapitel 4: Der Henker des Massengeschmacks (08:47 min)" oder "Kapitel 6: Schecks Kanon (10:32 min)". "Wir wollen Leserinnen und Leser auf TikTok und Instagram so ansprechen, dass sie Interesse finden an dieser Plattform, die Leselust und kreatives Schreiben fördert", heißt es in der Selbstdarstellung von book-talk.de. Correctiv hatte laut Transparenzbericht im Jahr 2024 ein Budget von knapp 9,4 Millionen Euro.
Außerdem: Marc Reichwein liest für die Welt in einem kürzlich aufgetauchten Abitur-Aufsatz von MaxFrisch, der sich als Pennäler "im Ton durchaus nassforsch" zeigt. Besprochen werden unter anderem JuliaWebers "Weil ich Ruth bin" (FR), NataljaKljutscharjowas "Woher kommst du? Tagebuch einer Geflüchteten" (NZZ), TupokaOgettes Memoir "Trotzdem zuhause" (SZ) und neue Sachbücher, darunter NiklasWebers "Passagiere. Klasse, Geschlecht und 'Rasse' auf der Eisenbahnreise des 19. Jahrhunderts" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Paul Ingendaay staunt in der FAZ über den neuen spanischen, nach einem Flughafenbetreiber benannten und mit öffentlichen Mitteln bestrittenen Aena-Literaturpreis, der - als Gegengewicht zum rein kommerziell orientierten Planeta-Preis - sage und schreibe auf eine Million Euro dotiert ist. Verliehen wurde er nun an die in Berlin lebende ArgentinierinSamanta Schweblin für ihren Erzählband "Das gute Übel" - für Ingendaay zweifellos "eine würdige Preisträgerin". Trotzdem diskutiert Spanien: "Wirklich eine ganze Million Euro für 190 Seiten? ... Den größten Zweifel säte der Preisstifter Aena, an dem der spanische Staat zu 51 Prozent beteiligt ist. Darf Staatsknete in dieser Größenordnung die Künste alimentieren? Die großen Literaturpreise tun es bescheidener: Der Cervantes-Preis ist mit 125.000 Euro dotiert, der britische Booker-Preis mit umgerechnet 57.000, der französische Goncourt sogar nur mit zehn Euro. ... Wichtig bei dem neuen Literaturpreis ist das Kleingedruckte. Nicht eine, sondern sogar zwei Millionen fließen für die Literatur. Die zweite Tranche geht in den Kauf der Bücher aller fünf Finalisten."
Die Fehde zwischen ElkeHeidenreich und DenisScheck reicht wohl bis in die frühen Nullerjahre zurück, schreibt Sandra Kegel in der FAZ, und ist "ein kultursoziologisches Lehrstück über zwei konfligierende Konzepte von Fernsehöffentlichkeit und Literaturvermittlung". Ein paar ausgesuchte Deftigkeiten des anhaltenden Schlagabtauschs zwischen den beiden hat Kegel auch rausgesucht: "Die beiden haben im innigen Streit aber auch bewiesen, dass sie Witz haben. Er verriss im Jahr 2003 einen Roman, den sie gelobt hatte: 'Sie konterte per Interview, Scheck sei ein 'hysterischesRolltreppendickerchen' und 'Tchibo-Literatur-Vertreter'. Er bestritt dann zwar, mit 'alte Schachtel' Heidenreich gemeint zu haben... Später sagte er, weil Heidenreich niemandem mehr beweisen müsse, wie klug sie sei, habe sie in ihrem neuen Buch gleich ganz darauf verzichtet."
Außerdem: Sabine Scholl spricht für den Standard mit DanaGrigorcea über deren neuen Roman "Tanzende Frau, blauer Hahn". Besprochen werden unter anderem KarlOveKnausgårds Essay- und Reportage-Band "Im Augenblick" (taz), StefanoBottonisOrbán-Biografie (Standard), RichardPrice' "Lazarus Man" (Standard), MatthiasNawrats "Das glückliche Schicksal" (NZZ), John Grishams "Das Vermächtnis" (FR), SlobodanŠnajders "Engel des Verschwindens" (Standard), KlemensRenoldners "Die Wolken von beiden Seiten gesehen" (Standard) und DanaGrigorceas "Tanzende Frau, blauer Hahn" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
"Die Wirklichkeit ist wirklich öde", sagt der ziemlich streitlustig aufgelegte SchriftstellerFeridunZaimoglu im taz-Gespräch mit Amanda Böhm, denn "Realität verengt die Räume. ... Ein Türke hat nur über seine türkischen Belange zu schreiben? Mit den Mitteln der Sprache und der Literatur kann man entweder gut oder schlecht mit seiner Identität auf dem Papier brechen. Und das ist nicht nur zulässig, das sind die Gesetze der Literatur. Nur so geht's." Er wird müde, "wenn ich als Leser wieder ein identitätspolitisches Buch aufschlage und eine langweilige Türkengeschichte lese. So brutal langweilige Geschichten von jungen Menschen, die sich als Rächer und Rächerinnen der ersten Generation aufführen. Völlig privilegiert, hier lebend. Ich werde erst müde und dann wütend, wenn sich diese Leute inszenieren als Supertürken, obwohlsieDeutschesind. Sie sollen sich nicht mit fremden Federn schmücken, den Federn der ersten Generation. Denn wenn diese Supertürken in das Land ihrer Eltern gehen, fallen sie so was von auf."
"Es geht um Stil", hält der SchriftstellerMichaelMaar, in einem großen, in "Bilder und Zeiten" der FAZ veröffentlichten Essay über KI und Literatur fest: Mag die Mimikry der KIs noch so sehr Fortschritte feiern, das in den Details schlummernde Markante großer Literatur wird sie nicht zutage bringen. "Das Detail, um es auf eine Formel zu bringen, ist das nicht Subsumierbare. Man kann es nicht durch einen Oberbegriff ersetzen oder zusammenfassen. Es räkelt sich aus dem Allgemeinen heraus. Details sind die Primzahlen der Prosa. Und sind wie jene Primzahlen nicht auszurechnen - auch KI kann sie nicht vorhersagen oder im algorithmischen Netz einfangen. Es gibt keine große Literatur ohne markante Details, seien sie sprachlicher oder sachlicher Natur. Und ohne diese Details emaniert nicht das, was wir Menschen unter dem Begriff Schönheit fassen."
Das Nürnberger Start-up "Unwritten" befasst sich derweil mit ganz anderen Fragen rund um KI und Literatur. Per Chatbot sollen Romane quasi über ihr Ende hinaus erkundbar sein, berichtet Theresa Hannig im "Literarischen Leben" der FAZ: Wie geht es mit den Figuren weiter? Welche Geheimnisse verbergen sich in unerzählten Passagen? Bislang steckt das Ganze allerdings offenbar noch in den Kinderschuhen: "Nach zehn Minuten erschöpft sich das Gespräch; der Drang, mit der Figur sprechen zu wollen, ist gestillt. Das liegt vor allem daran, dass deren Antworten keine Intrigen oder Geheimnisse bieten. Es sind alles Vermutungen, die in der pantopischen Kulisse bleiben. Stellt man Fragen, die sich weiter weg vom Buch bewegen, gleichen die Aussagen einem Deutschaufsatz aus der Schule."
In der FAZ stöhnt Sandra Kegel über die "Schnatterzone"-Kontroverse um DenisScheck: Nichts weiter als "ein glänzend funktionierendes Aufmerksamkeitskarussell" sei diese Geschichte. Felix Stephan blickt derweil für die SZ nach Frankreich, wo dank Sendungen wie "La Grande Librairie" die Literatur sehr selbstverständlich mitten in der medialen Öffentlichkeit stattfindet, während in Deutschland Literatur im Fernsehen kaum mehr bedeutet als dass Scheck süffisant Bücher in den Müll entsorgt. "Der Druck in den Redaktionen bei ARD und ZDF scheint jedenfalls enorm zu sein, Kulturfernsehen möglichst für Leute zu machen, die sich für den Gegenstand nicht so recht interessieren, und darüber jene kulturell informierten Publikumsteile zu verlieren, die nach den Reformen das Gefühl haben, man rede mit ihnen, als seien sie etwas schwer von Begriff."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weiteres: DanielKehlmanns Roman "Lichtspiel" über den Regisseur G.W. Pabst wurde vom Dlf als vierteiliges Hörspiel adaptiert, meldet Doris Akrap in der taz. Julian Theilen porträtiert in der WamS den SchriftstellerLeifRandt. Besprochen werden HendrikOtrembas "Der Gräber" (taz), KaeTempests "Ein Leben lang gesucht" (taz), PetroRychlos "Regenbogen über der Donau" (FR), MonikaMarons "Immer noch freundlich, aber kaum noch geduldig. Tagebücher 1980-2021" (FAS), JudithSchalanskys "Marmor, Quecksilber, Nebel - Woraus die Welt gemacht ist" (WamS), MarekTorčíks "Was die Zeit nicht nimmt" (FAZ) und AnjaTuckermanns Kinderbuch "Damals in der Rosenstraße" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
In der Frankfurter Anthologie schreibt Matthias Weichelt über AlexanderGelmans "Wenn das Gedicht noch keine Form hat":
"Wenn das Gedicht noch keine Form hat, wenn es sich in deiner Brust zusammenballt wie blauer Dunst ..."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Auf ZeitOnline dankt Florian Illies EdwinFrank, im Hauptberuf Verleger der New York Review of Books, dafür, dass er im Buch "Stranger Than Fiction - Das 20. Jahrhundert in 30 Romanen" das Augenmerk insbesondere der deutschen Leser auf HansErichNossacks "Der Untergang" lenkt. Nossacks unmittelbar unter den Eindrücken der Bombardierung Hamburgs im Zweiten Weltkrieg verfasster "Rechenschaftsbericht" wurde zwar schon 1961, als der Autor den Büchnerpreis erhielt, gelobt. Auch W.G. Sebald kam in den Neunzigern darauf zu sprechen. Gelesen wurde das Buch trotzdem kaum. Aber nun können wir es "endlich in den deutschenKanon aufnehmen. Anders als W.G. Sebald, der noch eine 'fatale Neigung zur philosophischen Überhöhung und falschen Transzendenz' an Nossack bemängelt, erkennt Frank in diesem fantastischen Stil Nossacks eine Qualität: die einzig mögliche Form, das eigene Überleben geschichtsphilosophisch oder auch halluzinatorisch zu befragen, um die Freiheit des Denkens zu bewahren. Der Untergang ist, wie Frank es formuliert, 'Schreiben im freien Fall'. Der Engel der Geschichte stürzt ab - und blickt dennoch weiter nur zurück. Nossack ist sich, fallend, 1943 bereits beim Verfassen völlig im Unklaren, ob sein Bericht im aufsteigenden Jahrhundert, also 1948 oder 1961 oder 1997 wirklich gelesen werden wird: 'Wozu dies alles niederschreiben? Wie wenn spätere es nur läsen, um sich am Unheimlichen zu ergötzen und ihr Lebensgefühl dadurch zu erhöhen?' Wir sollten Hans Erich Nossack endlichLügenstrafen."
Besprochen werden unter anderem ChristophPeters' "Entzug" (Standard) und AndrewWelsh-Huggins' Thriller "The Mailman" (FR). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Marc Zitzmann blickt für die FAZ auf die Debatten in Frankreich um Boualem SansalsVerlagswechsel von Gallimard ins Haus des rechtsextremenMilliardärsVincentBolloré (unser erstes Resümee). Übel genommen hatte der Autor seinem angestammten Verlag angeblich, dass dieser ihn in Algerien aus dem Gefängnis geholt habe, während er eigentlich auf einen Prozess und Freispruch gedrängt habe. Womöglich ist das aber nicht die ganze Geschichte: "Für Sansals nächsten Roman versprach der Verlag 100.000 Euro Vorschuss sowie erhöhte Tantiemen und monatliche Zahlungen. Bolloré indes bot das Zehnfache: eine satte Million! Wer ein solches Angebot ausschlagen würde, werfe dem alten Exilanten den ersten Stein. Doch Sansal wollte mehr: das Geld und die Aura des Märtyrers. Dabei hatte er sich im Gefängnis laut Vertrauten nie gegen Gallimards Befreiungsstrategie verwahrt - 'er wollte so schnell wie möglich raus', so ein naher Freund." Was hier "rechts" ist, und was der Wunsch der Linken, Religionskritik der "Rechten" zuzuordnen, müsste noch en détail geklärt werden. Auch Salman Rushdie wurde seinerzeit vorgeworfen, dass er gut Geld verdiente. Viele von Zitzmanns Informationen dürften auf einen Artikel in Le Monde zurückgehen.
In der Zeit steht ElkeHeidenreich, deren Buch über das Altern DenisScheck einst auch schon schwer verrissen hatte, der AutorinIldikóvonKürthy bei, deren Buch über das Altern aktuell sehr respektlos im Fernsehen von Scheck verrissen wurde: "Dass die ARD so was seit Jahren finanziert, ist so sinn- wiestillos." Hier steht "die Schnatterzone des Hochkulturfernsehens offenbar gegen die Schnatterzone der Marktgängigkeit", schreibt Paul Jandl in der NZZ mit eher distanziertem Amüsement, wundert sich dann aber doch über Schecks Beharrlichkeit in all den Fernsehjahren: "Das Problem von Formaten wie Druckfrisch ist die fehlendeGelassenheit angesichts der Fallhöhe zwischen ernster und unterhaltender Literatur. Dass auf den in die Mangel genommenen Bestsellerlisten vorzugsweise Bücher landen, für die man kein Studium der Philosophie braucht, ist eine Binsenweisheit, die kulturmusterschülerhaft mit aller Kraft ignoriert wird. Aber warum? Offenbar, um Schecks übelmeinende Bonmots unterzubringen, die irgendwie alle ähnlich klingen."
Außerdem: Rico Bandle führt in der NZZ ein großes Gespräch mit dem Schweizer SchriftstellerCharlesLewinsky. Timo Posselt plauscht in der Zeit mit MartinSuter, der eben einen neuen Band mit Kolumnen veröffentlicht hat. Besprochen werden unter anderem Frankétiennes "Eine Aufforderung zum Kampf" (FR), HonorCargill-Martins Biografie über die römische Kaiserin Messalina (NZZ), die Neuübersetzung von AndrejPlatonows "Der Staatsbewohner" (NZZ), StigDagermans "Unser nächtlicher Badeort" (Zeit) und ToveDitlevsens Gedichtband "Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben will" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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